Wirtschaft
A customer reaches for the magazine "NEON" at display at a kiosk in Zurich, Switzerland, pictured on May 14, 2008. With over 1000 stores, the k kiosk-chain runs the majority of kiosks in Switzerland. The chain belongs to the Valora Holding Inc. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Ein Kunde greift am 14. Mai 2008 nach dem Magazin NEON, das in der Auslage des Kiosks in der Muenstergasse in Zuerich, Schweiz, liegt. Die k kiosk-Kette, welche mit ueber 1000 Filialen die Mehrheit der Kioske in der Schweiz betreibt, ist Teil der Valora Holding AG. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Vor fünf Jahren liess Valora noch keine einzige Kiosk-Filiale von einem selbstständigen Unternehmer führen, Ende 2013 waren es 350. Bild: KEYSTONE

Wenn jeder Kaugummi zählt

Im Detailhandel boomen Franchisesysteme – Ausbeutung oder Win-win-Situation? 

Immer mehr Detailhändler lassen ihre Filialen von selbstständigen Unternehmern führen. Gewerkschaften kritisieren den Trend.

24.04.14, 04:00 24.04.14, 08:17

Thomas Schlittler / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Sie laufen um 20.05 Uhr an einen Kiosk, um Bier und Chips für einen gemütlichen Fernsehabend zu kaufen. Dumm nur, dass um 20.00 Uhr offizieller Ladenschluss war und die Kiosk-Verkäuferin gerade dabei ist, die Rollläden herunterzulassen. Sie versuchen ihr Glück trotzdem und fragen scheu: «Darf ich noch schnell ...?» 

Die Chance, dass die Antwort positiv ausfällt, ist heute grösser als vor einigen Jahren. Nicht, weil Kiosk-Verkäuferinnen barmherziger geworden wären, sondern weil immer mehr von ihnen auf eigene Rechnung wirtschaften. Sie sind direkt am Umsatz beteiligt und verdienen an jedem verkauften Bier, jeder Packung Chips – und jedem Kaugummi. 

Rasantes Wachstum

Geschäftsmodelle, bei denen selbstständige Unternehmer auf eigene Rechnung ein Markenformat wie K Kiosk führen, werden unter dem Begriff Franchising zusammengefasst (siehe Box). Franchisingkonzepte sind nichts Neues, erleben im Schweizer Detailhandel aber einen Boom. Vor fünf Jahren liess Kiosk-Betreiberin Valora noch keine einzige Kiosk-Filiale von einem selbstständigen Unternehmer führen, Ende 2013 waren es 350. 

Auch bei Brezelkönig, Avec und Press&Books (P&B) setzt Valora auf selbstständige Unternehmer. Das lohnt sich: «Der Mehrumsatz beim Franchisingkonzept liegt durchschnittlich bei etwa drei bis fünf Prozent», teilt das Unternehmen mit. Die Anzahl Franchisingbetriebe soll deshalb weiter erhöht werden. 

Für Coop und Migros hat Franchising ebenfalls an Bedeutung gewonnen. Die Tankstellenshops Coop Pronto und Migrolino, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, werden alle von Franchisenehmern geführt. Auch bei den neuen Voi-Läden der Migros wird das Konzept eingesetzt. 

Professor Thierry Volery, Experte für Unternehmertum an der Universität St. Gallen, erklärt: «Das Franchisingsystem erlaubt dem Franchisegeber schnelles Wachstum – und das erst noch mit wenig Kapital.» Denn die Franchisenehmer müssten Geld einbringen und finanzierten das Wachstum dadurch mit. 

Klage: Coop Pronto wehrt sich

Das Wichtigste bei Franchisesystemen sind die vertraglichen Details . Sie entscheiden darüber, wie viele unternehmerische Freiheiten der Franchisenehmer geniesst. Die Franchiseverträge der Coop Mineralöl AG, welche die Coop-Pronto-Shops verpachtet, sind ein Thema vor Gericht. Vorwurf: Coop-Pronto-Geschäftsführer seien keine selbstständigen Unternehmer, die Pachtverträge seien verkappte Arbeitsverträge. Unter anderem wird bemängelt, dass die Tätigkeit und der zeitliche Rahmen bis ins letzte Detail vorgegeben seien und die Geschäftsführer lediglich eine Kollektivunterschrift hätten, zwei von drei Geschäftsführern stelle Coop Mineralöl. Das Unternehmen wehrt sich: Die selbstständigen Unternehmer seien bei der Übernahme des Konzepts frei. Es stehe ihnen offen, eigene, von ihnen für besser befundene Umsetzungsvarianten zu wählen. Zudem seien sie geschäftsführende Gesellschafter der GmbH. Um die Handlungsfähigkeit im Falle von Krankheit, Unfall oder sonstigen Abwesenheiten aufrechtzuerhalten, empfehle man aber, jeweils 2 bis 3 Personen mit Kollektivunterschrift ins Handelsregister einzutragen. (TSC/AZ)

Gewerkschafter haben keine Freude 

Den Gewerkschaften ist die «deutliche Erhöhung» der Franchiseunternehmen ein Dorn im Auge. «Die Franchisemodelle haben gemäss unseren Erfahrungen meistens einen schlechten Einfluss auf die Arbeitsbedingungen», sagt die Unia. Mit den Franchisesystemen würden geregelte Arbeitsbedingungen teilweise unterlaufen. Denn wer als selbstständiger Unternehmer einen Coop Pronto oder Migrolino führt, ist nicht an die Gesamtarbeitsverträge (GAV) von Coop oder Migros gebunden – und kann seinen Angestellten tiefere Löhne bezahlen. 

Die Migros meint dazu: «Es stimmt, dass Franchisenehmer keinem GAV unterstellt sind. Das ist ja aber auch nicht zwingend nötig, denn sie sind nach arbeitsrechtlichen Kriterien angestellt, also so, wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben.» Coop und Valora äussern sich ähnlich. 

Ein weiterer Kritikpunkt der Unia ist, dass in den Franchiseverträgen viele Verpflichtungen gegenüber den Franchisenehmern definiert würden – bei geringem unternehmerischen Spielraum (siehe Kontext). «Das Unternehmensrisiko wird auf den Franchisenehmer abgewälzt, obwohl die Mutterfirma viel mehr Ressourcen hat, um dieses zu tragen.» 

Dass für die Franchisenehmer ein unternehmerisches Risiko besteht, bestreitet Christoph Wildhaber, Geschäftsführer des Schweizer Franchise Verbands, nicht. Er findet das aber in Ordnung, solange dieses Risiko entsprechend honoriert werde: «Ein Franchisenehmer muss die Chance haben, mehr zu verdienen, als wenn er beim Franchisenehmer als einfacher Mitarbeiter tätig wäre.» 

Verträge sind entscheidend

Betreffend unternehmerischem Freiraum für den Franchisenehmer hält Wildhaber fest: «Ist vom Franchisegeber alles bis ins letzte Detail vorgeschrieben, wird das Franchisekonzept ad absurdum geführt. Dann verliert es seine Legitimität.» Ein Franchisenehmer müsse zum Beispiel lokal Werbung machen dürfen, die Löhne seiner Angestellten selbst festlegen und einen Teil des Sortiments selbst bestimmen können. 

Dass es «schwarze Schafe» gibt, die diese Bedingungen nicht erfüllen, schliesst Wildhaber nicht aus: «Die gibt es überall.» Deshalb das ganze System zu verteufeln, sei aber falsch: «Setzt man Franchising richtig um, profitieren alle Beteiligten», ist er überzeugt. 

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  • papparazzi 24.04.2014 17:06
    Highlight Ausbeutung. ut (dp)
    1 0 Melden
  • Justin Kognito 24.04.2014 10:48
    Highlight naja coop ist besonders schlimm kaum steigt der umsatz wollen sie mehr vom kuche so das ich immer weniger hab trotz deutlich mehr umsatz
    2 0 Melden
  • Stepan 24.04.2014 09:08
    Highlight Auf diesen Aspekt der "Selbständigkeit" dürften die Arbeitsinspektorate gerne mal eine Auge werfen, wie bei den "selbständigen" Subunternehmern im Baugewerbe zwecks Umgehung des entsprechenden GAV.
    Immerhin weiss ich jetzt, warum mir der Kioskmann und die Kioskfrau immernoch ein Kaugummi oder anderes Schleckzeugs aufschwatzen wollen.
    4 0 Melden
  • Lulu 24.04.2014 08:34
    Highlight Wieso ist eigentlich wieder von Anfang an klar, dass im Kiosk eine Frau arbeiten? Immer diese Klischees...;-)
    4 1 Melden
  • myview 24.04.2014 07:51
    Highlight Das Franchissystem diente in diesem Fall zur Abschiebung des unternehmerischen Risiko. Mit dem aufgezwungenen fixen Verkaufspreisen die nur für Eigenbetriebe legal sind wider dem Franchisenehmer jeder unternehmerische Freiheit entzogen, was bleibt ist das Risiko. Diese Praxis ist höchst fragwürdig und verzieht den Wettbewerb. Für ein unternehmen wie zB die valora (Kiosk) mit den bestmöglichen Standorte, ein riesen armutzeugniss. Mit diesem system gibt es nur zwei Gewinner die valora und die immobilien inhaber.
    6 0 Melden
    • myview 24.04.2014 08:14
      Highlight na ja mann/frau kanns lesen. ;)
      1 0 Melden

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