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Clärenore Stinnes' Weltreise in den 20ern: «Die Motoren entführten uns unseren Verfolgern»

Mit drei Revolvern und 128 Eiern gen China: Vor 90 Jahren umrundete Clärenore Stinnes als erster Mensch im Auto die Erde. Die zähe Industriellentochter bezwang Räuber, Wölfe, Stürme – bis zum Drama in den Anden.

25.12.16, 18:23 26.12.16, 09:06

Katja Iken

Ein Artikel von

Am 13. August 1928 haben die Abenteurer keine Kraft mehr, den dunkelgrünen Sechszylinder weiter per Handflaschenzug die steilen Schotterwände hinaufzuhieven.

Zumal das Wasser im Kühler leer ist: Clärenore Stinnes und ihr letzter verbliebener Begleiter, Kameramann Carl-Axel Söderström, haben es getrunken, um nicht zu verdursten. Zu Fuss stolpern sie völlig entkräftet durch die peruanischen Anden. Vier Tage lang, ohne Essen, ohne Orientierung. Söderström schrieb später in sein Tagebuch:

«Wir weinten wie die Kinder. Unsere Schuhe waren von Steinen zerschnitten, jeder Schritt brannte wie Feuer. Streckenweise krochen wir auf allen vieren. Schaum trat uns vor den Mund, überall glaubten wir, Wasser zu sehen – eine Täuschung unserer entzündeten Augen.»

Als die beiden nach rund 50 Kilometern Fussmarsch endlich eine Hacienda erreichen, erkrankt der Kameramann, sein Fieber schnellt auf 41 Grad. Stinnes päppelt ihn mit einem Tee aus Kokablättern auf, 20 Peruaner schleppen den Wagen ab. Die Fahrt kann weitergehen.

Zehn Monate später sind sie am Ziel: 46'758 Fahrtkilometer zeigt der Tacho an, als Söderström und Stinnes am 24. Juni 1929 in Berlin einrollen. Sie sind die ersten, die per Auto um die Erde gefahren sind, durch 23 Länder. Von Frankfurt aus gen Osten: durch den Balkan über den Kaukasus nach Sibirien, durch die Wüste Gobi nach China und Japan, über die Anden, durch die USA. Und per Schiff zurück nach Europa.

Zierlich, aber zäh

25 Monate dauerte die Tour de Force durch Eis und Hitze, Schlamm und Geröll, oft gab es weder Strassen noch Karten, Tankstellen oder Werkstätten. Dass sie die lebensgefährliche Expedition meisterten, lag an der Starrköpfigkeit einer Frau, für die Umkehren keine Option war. «Sie muss aus Stahl gemacht sein, so wie sie alles aushält, ohne zu klagen», notierte Carl-Axel Söderström während der Fahrt über Clärenore Stinnes.

Ausschnitte aus dem Originalfilm «Im Auto durch zwei Welten» (Söderström/Stinnes, 1931).  Video: Vimeo/taglicht media

Was trieb die Tochter des mächtigen Industriellen Hugo Stinnes an? Diese zierliche Draufgängerin aus bestem Hause, die Kette rauchte, Hosen und Krawatte trug, gern und viel lachte? «Ach Gott, ich will die Welt aus eigener Anschauung kennenlernen, das ist alles», sagte sie einem Reporter der Wiener Zeitung «Die Stunde».

Die Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt indes beseelte Stinnes schon als kleines Mädchen: 

«Soweit ich in meine Kindertage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. In mir lag das Drängen nach dem grossen Unbekannten, dem man in den unendlichen Steppen, in den schneeverwehten Urwäldern und in der hehren Einsamkeit der Berge näher zu sein glaubt.»

Doch davon wollte ihre Familie nichts wissen und Clärenore nicht sponsern. Also sammelte «Europas erfolgreichste Autofahrerin», so die «Leipziger Neuen Nachrichten», die nötigen 100'000 Reichsmark eben anderswo ein: Bosch, Continental und die spätere Firma Aral unterstützten ihre Fahrt, die schliesslich für die Qualität deutscher Industrieprodukte werben sollte.

Sie spielte mit Zündkerzen statt Puppen

Lebe lieber ungewöhnlich: 1901 in Mülheim an der Ruhr geboren, spielt Clärchen schon als Mädchen lieber mit Zündkerzen als mit Puppen, mit 13 kennt sie alle Auto- und Motortypen auswendig.

Trailer des Dokumentarspielfilm «Fräulein Stinnes fährt um die Welt». Video: Vimeo/taglicht media

Da ihr nach dem Tod des Vaters eine leitende Funktion im Stinnes-Imperium versagt bleibt, zieht sie nach Berlin. Die Mutter wünscht eine standesgemässe Heirat. Doch Stinnes wird Rennfahrerin: 1924 gewinnt sie unter dem Namen «Fräulein Lehmann» ihr erstes Rennen, bis 1927 sind es 17.

Statt im Rennwagen bestreitet sie die Fahrt um die Erde jedoch mit einer gängigen Serienlimousine: Die Firma Adler schenkt ihr einen Standard 6 mit Drei-Gang-Getriebe und 50 PS, den sie «Kleiner» taufen wird. Einziger Umbau: Liegesitze zum Übernachten im Auto.

Drei Männer nimmt die alleinstehende Frau mit, zwei Techniker nebst Begleit-Lastwagen sowie einen Kameramann: Carl-Axel Söderström soll fotografieren und filmen. Die Wahl fällt auf ihn, weil er verheiratet und «als Schwede vielleicht auch etwas kühler in der Natur» ist, sagte Stinnes im Jahr 1986 rückblickend. So cool wie sie ist Söderström allerdings nicht – bald soll er seine Entscheidung bitter bereuen.

Mittagspause? Iss ein Ei

Am 27. Mai 1927 starten die Abenteurer von Frankfurt aus – schon am zweiten Tag eine Reifenpanne, kurz hinter Prag streikt die Kupplung. In Belgrad notiert Söderström: «Ich gäbe alles darum, wieder zu Hause zu sein. Und doch ist erst eine Woche vergangen von dieser entsetzlich langen Zeit.»

In Moskau gibt der erste Techniker auf: Hans Grunow kehrt mit Blinddarmentzündung um. Stinnes aber rast weiter Richtung Osten.

Aus Angst vor einem frühzeitigen Wintereinbruch treibt sie ihre Begleiter unnachgiebig an. Kein Stopp, nicht mal zur Mittagszeit: Neben drei Pistolen und drei Abendkleidern hat Stinnes 128 hartgekochte Eier eingepackt, um sie am Steuer mit einem Butterbrot zu verzehren.

grafik: spon

Söderström im Tagebuch: «Ich werde mit jedem Tag saurer und wünschte, ich hätte mich auf diese verdammte Reise nie eingelassen. Ob ich bis zum Ende durchhalte, weiss ich nicht.» Doch nichts kann Fräulein Stinnes zur Umkehr bewegen, weder Telegramme ihrer deutschen Freunde noch eine Depesche von Aussenminister Gustav Stresemann.

Rückblickend schreibt sie in ihrem Buch «Im Auto durch zwei Welten»:

«Wäre ich damals vom ersten Tage an nicht blind gewesen für alle Tücken des Materials in der Zerreissprobe, die uns bevorstand, dann hätte ich aufgegeben. Aber diese Vokabel fehlte in meinem Wortschatz.»

Die Abenteurer trotzen Sandstürmen und Schlamm, hungrigen Wölfen und betrunkenen Russen, die mit Brotmessern auf sie losgehen. In Novosibirk geht ihnen auch der zweite Techniker, Viktor Heidtlinger, von der Fahne.

Boxkämpfe gegen die Angst

Ab sofort sind der hochgewachsene Schwede und die schmächtige Stinnes allein – und kommen sich näher. Wie nah, lässt die 26-Jährige offen. Die «schweren Gedanken» des Tages, notiert sie nur, vertreibe man sich mit abendlichen Boxkämpfen.

Im russischen Irkutsk muss das Duo zehn Wochen pausieren, bis der Baikalsee zugefroren ist. Dann wagen sie die Überfahrt. Immer wieder bricht das Eis auf, vor ihren Augen versinkt ein Schlitten samt Pferd im See. Eine Spalte öffnet sich unter dem Auto, Stinnes gibt Vollgas. Als sie am Ufer ankommen, bietet sie ihrem Begleiter das «Du» an – und betrinkt sich bis zum Filmriss mit Madeira und Wodka.

Bald schon lauern neue Gefahren: In der Wüste Gobi werden sie von kriegerischen Hunghutzen, chinesischen Warlords, verfolgt. Stinnes:

«Schwer bewaffnet, zogen sie in Rotten von zweitausend bis dreitausend Mann umher und raubten, wo sie etwas fanden, hohe Lösegelder für Transporte und Gefangene fordernd. Fiel man in ihre Hände und zeigte sich nicht sogleich willfährig, so wandten sie sich an die Verwandten oder bei Ausländern an deren diplomatische Vertretung. Hatte dies keinen Erfolg, so schnitten sie einem in ‹zuvorkommender› Weise zunächst nur ein Ohr ab, um dieses den Angehörigen (...) einzusenden. Der nächste Schritt, den sie unternahmen, war die abgehackte Hand im Postpaket und dann als letztes der Mord.»

Der Lastwagen geht in Flammen auf, kaum ist das Feuer gelöscht, bricht eine Feder. Stinnes:

Gabriele Habinger, Carl-Axel Söderström: «Eine Frau fährt um die Welt - 1927–1929» (Frederking & Thaler Verlag)

«Wir arbeiteten fieberhaft, mehr mit dem Hammer als mit Geduld. Unsere Hände waren wundgerissen und blutig. (...) Die Eile wurde unsere Rettung, denn auf den Hügeln tauchten schon die nachfolgenden Hunghutzen auf. Wir sprangen in die Wagen, die Motoren zogen an und entführten uns unseren Verfolgern.»

«Tagesleistung 150 Meter!»

Am 28. April 1928 erreicht das Duo Japan und fährt mit dem Schiff weiter, über Hawaii und Nordamerika bis nach Lima. In den Anden müssen sie sich den Weg mit Dynamit frei sprengen, Steigungen von 60 Prozent überwinden, kriechen nur noch voran. Söderströms Eintrag vom 12. August 1928: «Tagesleistung 150 Meter! Es sieht traurig aus.»

Mit viel Glück überleben sie auch diese wohl brenzligste Situation. Ihre letzte grosse Etappe heisst Nordamerika. Die Abenteurer werden gefeiert wie Filmstars: Überall lauern Reporter, Henry Ford führt sie durch seine Firma in Detroit, US-Präsident Herbert Hoover lädt sie ins Weisse Haus ein.

Scheidung nach der Rückkehr

Nach der Atlantik-Überfahrt steigt Martha Söderström in Le Havre ins Auto, um die letzten Kilometer gemeinsam mit ihrem Ehemann zu reisen. Die Fahrt verläuft einsilbig. Bald nach ihrem triumphalen Empfang in Berlin lässt sich Söderström scheiden – und heiratet seine Reisegefährtin.

Über ihre Ehe sagte Clärenore rückblickend: 

«Uns hätte man in der Südsee aussetzen können oder in Grönland. Wir haben uns überall verstanden. In den 46 Jahren unserer Ehe gab es keine Meinungsverschiedenheit.»

Von Abenteuern haben die beiden vorerst genug: Sie gehen nach Südschweden, bewirtschaften einen Bauernhof, bekommen drei Kinder. Völlig abgeneigt ist Stinnes dem Nervenkitzel noch in hohem Alter nicht, wie sie 1986 in einem Interview erzählt:

«Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweissen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde.»

Zu einer erneuten Weltumrundung ist es nicht mehr gekommen: Die Frau aus Stahl, die einmal um den Erdball fuhr und die Liebe ihres Lebens fand, starb am 7. September 1990.

Zum Weiterlesen
Clärenore Stinnes: Im Auto durch zwei Welten. Photos von Carl Axel Söderström, Berlin 1929 (Neuauflage: Wien 1996).
Michael Kuball/Clärenore Söderström: Söderströms Photo-Tagebuch 1927-1929. Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt, Frankfurt 1981.

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User-Review:
Catloveeer, 19.12.2016
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  • Homes8 26.12.2016 13:28
    Highlight Unglaublich! Ohne Bilder hätte ich das nicht für möglich gehalten.
    Es gab auch viele andere, die Verrücktes gewagt haben, unbekannt blieben weil sie scheiterten
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  • stamm 25.12.2016 22:02
    Highlight Das waren wirkliche Helden! Wirklich sehr mutig, was sie damals gemacht haben. Ob sie es ein 2. mal versucht hätten, weiss man halt auch nicht so genau...
    12 0 Melden
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