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Mythos oder Medizin: Schadet es, die Nase hochzuziehen? Bild: shutterstock

Nase hochziehen oder schnäuzen – was ist eigentlich gesünder?

Die Nase läuft, ein Taschentuch ist nicht zur Hand: Also zieht man den Schleim schnell und kräftig nach oben. Ist das eigentlich schädlich?

16.04.15, 19:20

Irene Berres / spiegel online

Ein Artikel von

Der Schleim muss weg, und dafür hat der Körper zwei Wege gefunden. Beginnt die Nase bei einem Schnupfen zu laufen, verschwindet ein Teil des Sekrets diskret in der Körpermitte. Zu sehen bekommen wir es nur, wenn wir den Mund weit aufreissen. Dann lässt sich erkennen, wie der Schleim aus der Nase über den Rachen Richtung Magen fliesst, verborgen vor der Aussenwelt.

Der andere Teil des Sekrets bildet das weit grössere Übel. Statt unauffällig im Rachen zu verschwinden, rinnt es über die Nasenlöcher ans Tageslicht. Dort kitzelt es zunächst die Nasenspitze und hinterlässt dann Spuren auf Oberlippe, Tuch und Hemdkragen. Wer so herumläuft, erntet von seinen Mitmenschen meist ein angeekeltes Naserümpfen.

Um dem zu entrinnen, gibt es drei Möglichkeiten. Die feinste Variante empfiehlt der Knigge: Statt sein Umfeld mit lautem Schnäuzen zu belästigen, solle man seine Nase hin und wieder vornehm abtupfen. Klingt nett, der Natur des Menschen aber entspricht es nicht.

Der Dreck muss weg

«Der Mensch hat ein Reinigungsbedürfnis», sagt Werner Hosemann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Schnupfenkranke sind froh, wenn sie schnell etwas bewirken können. Statt vornehm zu tupfen, versuchen wir deshalb – zumindest in unbeobachteten Momenten – den Schleim mit allen Mitteln aus der Nase zu befördern.

Dabei tun wir nichts anderes, als ihn auf seinen beiden dafür sowieso vorgesehenen Wegen zu beschleunigen. Ein kräftiges Einatmen durch die Nase treibt das Sekret in den Rachenraum und damit Richtung Magen. Ein kräftiges Ausatmen durch die Nase schleudert den Schleim ans Tageslicht.

Während das Naseputzen jedoch schon kleinen Kindern anerzogen wird, gilt das Hochziehen oft als Keim weiterer Infektionen und somit als unhygienisch. Viele können sich mit der Vorstellung, dass der Schleim in den Körper statt aus dem Körper wandert, nicht anfreunden. Zu Unrecht. Das Bad in der Magensäure eliminiert Keime, aus diesem Grund hat der Körper auch selbst diese Art der Entsorgung entwickelt.

Merkwürdige bis lebensgefährliche Folgen

Das Problem mit der Schleimbekämpfung ist ein anderes, und das betrifft sowohl das Hochziehen als auch das Schnäuzen: Man sollte es nicht übertreiben. Vor allem wer mit maximaler Kraft prustet und prustet, um auch das letzte bisschen Sekret aus der Nase zu befördern, riskiert, dass der Druck in den oberen Luftwegen kurzzeitig gefährlich ansteigt. «Dadurch kann es in Ausnahmefällen zu allerhand merkwürdigen Dingen, im Extremfall auch zu lebensgefährlichen Zuständen kommen», sagt Hosemann.

Problematisch wird es etwa, wenn sich eine angeborene oder später bei einem Unfall entstandene Schwachstelle in der Grenzschicht zwischen Nasenhaupthöhle und Augenhöhle befindet. Dann kann es passieren, dass beim unnatürlich gewaltvollen Schnäuzen Luft in die Augenhöhle gedrückt wird und die Augen hervorquellen.

Ein weiteres Beispiel betrifft die oft nur Millimeter dicke gewebliche Grenzschicht zwischen Nasenhaupthöhle und Hirninnenraum. «Durch maximales Ausschnäuzen kann im seltenen Einzelfall auch dort Luft an Stellen gelangen, an die sie nicht gehört», sagt Hosemann.

Andere Theorien sprechen für eine nicht ganz so fatale, dafür aber wahrscheinlich häufigere Nebenwirkung. Demnach könnte es sein, dass der Druck beim heftigen Schnäuzen oder Hochziehen Schleim aus dem Nasenrachenraum in die angrenzenden Nebenhöhlen schiebt und einen harmlosen Schnupfen in eine unangenehme Entzündung der Nasennebenhöhlen verwandelt.

Gewalt bringt nichts

Um der Gefahr auf den Grund zu gehen, brachten US-Forscher Kontrastmittel in den Nasenrachenraum von vier gesunden, seit einem Monat schnupfenfreien Menschen. Anschliessend musste jeder dreimal kräftig seine Nase schnäuzen, dann ging es ins CT. Tatsächlich entdeckten die Forscher bei allen Teilnehmern das Kontrastmittel nach dem Schnäuzen auch in den Nebenhöhlen. Ob diese Irrläufer wirklich Entzündungen auslösen, ist allerdings noch unklar.

So oder so: Es lohnt sich nicht, auch nur irgendein Risiko durch heftiges Hochziehen oder Schnäuzen einzugehen – denn die Gewalt bringt rein gar nichts. Dass wir bei einer Erkältung nicht durch die Nase atmen können, liegt nämlich nicht am Sekret, sondern an geschwollenen Schleimhäuten. Und daran kann weder Schnäuzen noch Hochziehen etwas ändern, auch nicht mit aller Kraft.

Fazit: Hochziehen schadet eigentlich nicht, genauso wenig wie das Schnauben in ein Taschentuch. Problematisch kann es nur werden, wenn jemand all zu eifrig schnieft und schnäuzt – dann baut sich im Kopf ein gefährlicher Druck auf. Und frei wird die Nase dadurch auch nicht.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • droelfmalbumst 17.04.2015 14:50
    Highlight laufen lassen das zeug
    0 0 Melden
  • rogerflieger 17.04.2015 09:12
    Highlight Hallo, das Fazit ist falsch! Beim Hochziehen entsteht eben KEIN Überdruck sondern Unterdruck im Nasenraum, deshalb ist Hochziehen gesünder!
    3 1 Melden

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