Wissen

Porphyrie kann zu schweren Gewebeschäden führen. Das Krankheitsbild erinnert an die Beschreibung von Vampiren.  Bild: amh.dz.free.fr

Dracula-Syndrom: Ist das die Krankheit, aus der die Vampirlegende entstand?

20.09.17, 17:24

König George III. (1738–1820), «the Mad King», litt daran. Der dem Wahnsinn verfallene britische Monarch, der laut den Berichten seiner Ärzte gelegentlich mit Toten sprach, hatte eine seltene Stoffwechselkrankheit: Porphyrie. Bei diesem unheilbaren Leiden – eigentlich ein Bündel von mehreren ähnlichen Krankheiten – ist die Produktion des roten Blutfarbstoffes Häm gestört, entweder aufgrund eines ererbten Gendefekts oder einer Vergiftung, beispielsweise durch Blei. 

George III., «the Mad King».  Bild: Wikimedia

Die schwierig zu diagnostizierende, sich oft stossweise verschlimmernde Krankheit hat ihre Ursache in der mangelhaften Verwertung bestimmter Blutfarbstoffe, der Porphyrine. Fehlen dem Körper ein oder mehrere Enzyme, die deren Umwandlung steuern, überschwemmen diese Farbstoffe den Organismus und entwickeln eine toxische Wirkung

Neben der geistigen Umnachtung, die wohl eine Folge der Porphyrie war, zeigte George mehrere Symptome der Krankheit. Dazu zählen eine starke Lichtempfindlichkeit, Blässe (Anämie), rötlich verfärbter Urin und rötlich-bräunliche Verfärbungen der Zähne. In schweren Fällen verkrüppeln die Finger und auch Lippen und Zahnfleisch können schwinden, sodass die Zahnhälse sichtbar werden. Zudem kann es zu entstellenden Haut- und Gewebeschäden kommen. Viele Patienten meiden Knoblauch, weil das darin enthaltene Dialkylsulfid die Symptome angeblich verstärkt. 

«Brothers suffer from rare condition similar to vampirism». Video: YouTube/Barcroft TV

Vorbild für Vampire?

Das gesamte Krankheitsbild erinnert an die Beschreibung von Vampiren – daher ist manchmal auch salopp vom «Dracula-Syndrom» die Rede. Möglicherweise versuchten Patienten früher zudem, akute Schübe der Krankheit dadurch zu lindern, dass sie Blut zu sich nahmen – was allerdings aus medizinischer Warte keinen Sinn macht. Das Hämoglobin kann nicht aus dem Verdauungstrakt in die Blutbahn gelangen; therapeutische Wirkung haben allein Infusionen.  

Kein Wunder, dass manche Wissenschaftler die Porphyrie – besonders den Morbus Günther, eine spezielle, seltene Form der Krankheit – für die Entstehung der Vampir-Legende verantwortlich machen. Zu diesen Forschern zählt der Biochemiker David Dolphin von der Universität in British Columbia, der schon in den Achtzigerjahren postulierte, Porphyrie-Patienten seien quasi das Vorbild für die Legenden über blutsaugende Untote. 

Dolphins Theorie ist nicht unumstritten. So gab es vermutlich schlicht zu wenige Porphyrie-Fälle, als dass sich überhaupt eine Legende daraus entwickeln konnte. Zudem variiert das Bild des «typischen Vampirs»: Während Vampire in der literarischen und später cineastischen Fiktion in aller Regel bleich sind und das Tageslicht scheuen – also dem erwähnten Krankheitsbild entsprechen –, trieben sie in den volkstümlichen Berichten auch am Tag ihr Unwesen, waren eher wohlgenährt und hatten rosige Gesichter. 

Krankheitsbild Porphyrie: Gewebeschäden und verkrüppelte Finger (A), verfärbte Zähne (B), verfärbter Urin (C).  Bild: Bloodjournal.org

Faulgase und Schmatzgeräusche

Eine andere, einigermassen makabere Herleitung könnte das Phänomen allenfalls besser erklären: Bei der Öffnung von Gräbern stiess man mitunter auf kaum verweste Leichen, die manchmal schmatzende Geräusche von sich gaben und Blutreste an Mund und Nase aufwiesen. Allesamt Indizien, die dafür sprachen, dass hier ein Untoter begraben lag, der sich von Blut ernährte. 

Diese Phänomene, die einst als Beweis für Vampirismus galten, sind heute allerdings wissenschaftlich erklärbar: Unter Luftabschluss verwesen Leichen nur sehr langsam. Bei der Verwesung entstehende Gase blähen den Körper auf; entweichen sie, entsteht ein stöhnendes, schmatzendes Geräusch. Auch die rötliche Flüssigkeit, die aus Mund und Nase austritt, ist auf Faulprozesse zurückzuführen. 

Ob nun die wenigen Porphyrie-Fälle tatsächlich das Bild des Vampirs prägten oder nicht, sicher ist, dass Dolphin mit seiner These den Menschen, die an dieser Krankheit leiden, einen Bärendienst erwiesen hat. Nicht genug damit, dass sie an der Krankheit leiden – nun müssen sie auch noch betonen, dass sie kein Blut trinken. 

Doku: «Porphyria The Movie» (engl.). Video: YouTube/Cheryl Hopewell

Mehr zum Thema Gesundheit und Ernährung

Schlimme Grippe-Welle aus Australien nimmt Kurs auf die Schweiz

Krank? Ich doch nicht! – die verzerrte Wahrnehmung der Raucher

Mit Gesundheitsapps auf dem Weg zum gläsernen Patienten

Burnout im Kinderzimmer: Warum immer mehr 11-Jährige unter Stress leiden

Wenn Krebspatienten nach der Chemo Kinder wollen, bezahlt die Krankenkasse nichts

Zürcher Forscher entdecken: High Heels sind besser als ihr Ruf 

Das Gesicht der Chemo: Ein ehrliches – und gerade dadurch berührendes Foto-Projekt 

«Boreout» – Unterforderung im Job kann krank machen

Hunger-Schalter im Gehirn: Warum Kiffen Fress-Attacken auslöst

Ärzte zu bewerten liegt im Trend: Warum du den Ratings nicht vertrauen solltest

Dracula-Syndrom: Ist das die Krankheit, aus der die Vampirlegende entstand?

Nicole war eigentlich schon tot – jetzt erzählt sie, wie sie die Magersucht besiegt hat

Methadon – weshalb es plötzlich einen riesigen Ansturm auf den Drogenersatz gibt

Alle Artikel anzeigen

Apropos Blut: Jede dritte Blutvergiftung bei Kindern entsteht im Spital

1m 0s

Jede dritte Blutvergiftung bei Kindern entsteht im Spital

Video: srf

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5Alle Kommentare anzeigen
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Wehrli 20.09.2017 20:22
    Highlight Vampirismus entstand mit der Tollwut.
    2 15 Melden
  • Unserious_CH 20.09.2017 18:45
    Highlight Und was hat das Anzeigebild des Beitrages mit dem Artikel zu tun?
    Heute mal kein Clickbaittitel sondern ein Clickbaitbild?
    45 11 Melden
    • Daniel Huber 21.09.2017 10:08
      Highlight Es handelt sich um ein Bild einer Frau, die an Porphyrie leidet. Hat also sehr wohl mit dem Artikel zu tun.
      13 0 Melden
  • Mnemonic 20.09.2017 18:42
    Highlight Diese Erkrankung ist mehr als schlimm...
    38 0 Melden
  • De Hans-Ueli vom Pragel 20.09.2017 18:19
    Highlight was für eine tragödie! wünsche allen betroffenen alles gute!
    29 1 Melden

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Manchester 2017.

Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu …

Artikel lesen