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Ein undatiertes Foto von Alois Brunner. Bild: EPA AFP

Das Rätsel um den letzten grossen Nazi-Verbrecher ist geklärt

Publiziert: 11.01.17, 14:10 Aktualisiert: 12.01.17, 01:57

Er war der letzte bedeutende Nazi-Kriegsverbrecher, dessen Schicksal nie ganz geklärt wurde. Der Österreicher Alois Brunner galt als «rechte Hand» seines Landsmannes Adolf Eichmann. Gemeinsam organisierten sie die «Endlösung» der Judenfrage. Als Leiter von SS-Sonderkommandos in mehreren Ländern soll Brunner die Deportation von mehr als 100'000 Juden in die Vernichtungslager angeordnet haben.

Bekannt war, dass Alois Brunner während Jahrzehnten in der syrischen Hauptstadt Damaskus lebte, beschützt vom ehemaligen Diktator Hafis Assad, dem Vater des heutigen Regenten Baschar Assad. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Wien behauptete vor rund zwei Jahren, der Altnazi sei 2009 im Alter von 98 Jahren verstorben.

Für Nazi-Jäger Serge Klarsfeld sind die Informationen «sehr glaubwürdig». Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Das stimmt vermutlich nicht. Recherchen des französischen Magazins «XXI» ergaben, dass Brunner bereits 2001 mit 89 Jahren in einem verborgenen Keller in Damaskus starb. Die Informationen stammen demnach von drei ehemaligen Mitgliedern des syrischen Geheimdienstes. Der französische Nazi-Jäger Serge Klarsfeld, dessen Vater auf Anweisung Brunners nach Auschwitz deportiert worden war, bezeichnete sie als «sehr glaubwürdig».

«Widerliches Zeugs»

Die letzten Jahre des Kriegsverbrechers sollen elend gewesen sein, behauptet einer der Informanten, der als Omar bezeichnet wird. Brunner habe «gelitten und viel geweint, jeder hat ihn gehört». Er habe sich nicht einmal waschen können. Zu essen habe er nur Armeerationen erhalten – «widerliches Zeugs» – sowie eine Kartoffel oder ein Ei. Er habe jeweils eines von beiden auswählen müssen.

Alois Brunner hatte nach dem Krieg während einiger Jahre unter einem falschen Namen in Essen im Ruhrgebiet gelebt. 1953 reiste er unter dem Namen Georg Fischer nach Ägypten und schliesslich weiter nach Syrien, wo er sich dem Regime andiente, in dem er den Geheimdiensten unter anderem die Foltermethoden der Nazis beibrachte.

Israelische Paketbomben

Die Israelis waren ihm mehrfach auf der Spur. Zweimal konnten sie ihm eine Paketbombe zustellen, 1961 und 1981. Brunner verlor dabei ein Auge und vier Finger, wirklich erwischt werden aber konnte er nie. Reue hat er nie gezeigt, im Gegenteil. 1985 konnte die deutsche Illustrierte «Bunte» ihn in Damaskus interviewen. Brunner äusserte sich dabei derart hasserfüllt, dass das Interview nur stark zensiert publiziert wurde.

Das wurde aus der Führungsriege des «Dritten Reiches»

Zwei Jahre später besuchte ihn Kurt Seinitz, ein Journalist der österreichischen «Kronen Zeitung». Alois Brunner sagte ihm: «Junger Freund, lassen Sie mir das schöne Wien grüssen und seien Sie froh, dass ich es für Sie judenfrei gemacht habe.» Gegenüber der US-Zeitung «Chicago Sun-Times» bezeichnete er die Juden in einem Telefongespräch als «Agenten des Teufels» und «menschlichen Abfall».

Seit 1989 unter Hausarrest

In seinen letzten Jahren scheint er die Gunst des Assad-Regimes verloren zu haben, schreibt «XXI». Ab 1989 sei er in seiner Wohnung im Diplomatenviertel von Damaskus faktisch unter Hausarrest gestanden. Ende der 1990er Jahre sei er aus «Sicherheitsgründen» in den Keller gebracht worden, in dem er starb. «Als er dort war, wurde die Türe geschlossen und nie wieder geöffnet», sagte Wärter Omar.

In gewisser Weise scheint Nazi-Verbrecher Alois Brunner am Ende seines Lebens doch noch im Gefängnis gelandet zu sein. Was durchaus im Sinne von Serge Klarsfeld ist, wie er der Nachrichtenagentur AFP erklärte: «Es ist befriedigend, dass er nicht gut, sondern schlecht lebte.» (pbl)

Das Schweizer Magazin «Reportagen» hat den Text aus «XXI» übersetzt und in seiner neusten Ausgabe publiziert.

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37 Kommentare anzeigen
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  • Luis Cypher 11.01.2017 20:55
    Highlight Schade haben die Paketbomben nicht funktioniert.
    18 11 Melden
    • Duweisches 12.01.2017 14:24
      Highlight Das "Leben", dass er danach hatte, war wohl auch nicht besser als der Tod.
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    600
  • SemperFi 11.01.2017 18:29
    Highlight Ah so und dieser Brunner hat also den Menschenfreund Assad beim Aufbau seines Regimes unterstützt. Und dann wundert man sich, dass gewisse Syrer sich nach Jahrzehnten der Folter und Unterdrückung erheben? Ah nein, die Amerikaner waren Schuld wegen eine Pipeline... Das werden gewisse Kommentatoren wieder gar nicht gerne lesen.
    46 29 Melden
    • bokl 11.01.2017 21:37
      Highlight Natürlich ist es nur ein Zufall, dass das Volk die Unterdrückung genau dann satt hatte, als die Pipeline geplant wurde.
      20 13 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 22:15
      Highlight Vorallem weil die Pipeline ja auch direkt durch Damaskus führt, dort wo Assad den Knaben gefoltert hat und es daher zu Demos gekommen ist, die Assad mit Maschinengewehren bekämpft hat und es dadurch zum eigentlicgen Aufstand kam.

      Versuchs mal ohne Verschwörungstheorie🙄
      12 10 Melden
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  • Kristjan Markaj 11.01.2017 15:11
    Highlight Die ach so ethischen Amerikaner haben einige der grössten Nazis selbst versteckt. Ohne diese wären sie niemals als erste auf dem Mond gewesen. Oder hätten andere technische Errungenheiten erst viele Jahrzehnte später erreicht. Das Dritte Reich war ohne Frage eine Dikatur, aber technologisch waren sie weit voraus. Noch vor Ende des Krieges hatte man bereits funktionstüchtige Düsenjets entwickelt.
    103 104 Melden
    • Sapere Aude 11.01.2017 16:14
      Highlight Da muss man aber nicht nur mit dem Finger auf die Amerikaner zeigen. Der grösste Fluchthelfer war der Vatikan, die Sowjets haben ebenso Nazi Know How abgegriffen und viele fanden auch bei arabischen Diktatoren Unterschlupf.
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    • Rendel 11.01.2017 16:20
      Highlight Da schwingt ja schon fast Bewunderung in ihren Zeilen für das Dritte Reich mit.
      34 85 Melden
    • neewa 11.01.2017 16:38
      Highlight Beweise?
      6 41 Melden
    • Kristjan Markaj 11.01.2017 16:58
      Highlight @Rendel Genau abends stehen wir alle im Garten in Reih und Glied und rufen dreimal Sieg Heil. Völlig daneben dein Kommentar. Mütterlicherseits habe ich wenige Familienmitglieder, da viele im albanischen Wiederstand gegen die Nazis involviert waren. Ich hege lediglich Begeisterung für deutsche Igenieurskunst. Im übrigen Nationalsozialist und Patriot ist ein riesen Unterschied. Zudem bin ich gläubiger Katholik und die Nazis hätten die Katholische Kirche in ihren Gebieten beinahe vernichtet. Tausende Priester kamen ins KZ. Jemanden als Nazi zu bezeichnen ist eine Beleidigung ohne gleichen.
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    • Rendel 11.01.2017 17:09
      Highlight Ich habe nicht behauptet sie seinen ein Nazi. Bewunderung bzw. Begeisterung war dabei, deutsche Ingenieurskunst haben sie nicht gesagt, sondern 3. Reich. Drücken sie sich galt präziser aus, dann lass ich so einen Kommentar auch.
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    • Intellektueller 11.01.2017 17:11
      Highlight @Kristjan: Es ist eine Beleidung jemanden als Nazi zu vergleichen, das stimmt.
      Aber viel schlimmer in meinen Augen ist, dass diese Beleidigung, d.h. dieser Vergleich eines unbescholten, friedfertigen Bürgers mit den echten Nazis von damals, im Grunde genommen die unermesslich grausamen Verbrechen an der Menschheit, die die echten Nazis von damals verübten, auf das Unerträgliste verharmlost.


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    • Hierundjetzt 11.01.2017 17:13
      Highlight Ich muss Rendel vollumfänglich recht geben, so wie Du Deinen ersten Post verfasst hast, kamen auch bei mir ernsthafte Bedenken auf.
      28 43 Melden
    • Alnothur 11.01.2017 17:56
      Highlight Also weil man Fakten feststellt, dass es im Dritten Reich herausragende Wissenschaftler und Techniker gab, glorifiziert man es? Sonst noch Probleme?
      56 10 Melden
    • Pokus 11.01.2017 18:30
      Highlight Kaum einer hat freiwillig für die Nazis geforscht.
      Eigentlich forscht niemand freiwillig an so Quatsch für solche hirnrissige Zwecke. Auch nicht an Agent Orange.
      Diese Leute wurden getäuscht, bedroht, misshandelt und missbraucht.
      23 19 Melden
    • allesklar 11.01.2017 20:35
      Highlight @pokus: leider ist die welt der wissenschaft voll von forschern, welche freiwillig quatsch entwickeln weil sie selbst davon überzeugt sind. ist jetzt zwar kein wissenschaftler; aber schau dir mal interviews auf youtube mit dem erfinder der kalaschninkow an: bis zum letzten atemzug von der technik und funktion begeistert...
      16 5 Melden
    • Pokus 12.01.2017 06:40
      Highlight Schon mal von einem Albert Einstein gehört? 😛
      8 2 Melden
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  • Jay_Jay 11.01.2017 14:36
    Highlight Schreibt doch mal über die Nazis welche in den USA Unterschlupf fanden und für die dortige Regierung arbeiteten und alle wussten wer und was sie waren
    115 40 Melden
    • roterriese 11.01.2017 14:54
      Highlight Wernher von Braun? Direktor der Nasa
      105 5 Melden
    • Awesome-O 11.01.2017 14:54
      Highlight wer zum Beispiel?
      8 56 Melden
    • Lowend 11.01.2017 15:13
      Highlight Es geht bei den gesuchten Nazis aber um Leute, die direkt für den Holocaust verantwortlich waren und nicht um alle jene, die ihr Wissen und Können dem damaligen Regime zur Verfügung stellten. Ihre Vereinfachung ist daher wenig zielführend, um nicht zu sagen bewusst diffamierend, lieber Jay_Jay.
      114 17 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 15:16
      Highlight Die Saturn-Rakete (Mondlandung) war eine reine Weiterentwicklung der V2-Raketen die London zerstört haben. Konstrukteur der beiden: Braun

      In Mittelbau Dora hat Braun 10'000ende von KZ-Häftlingen für seine Arbeit sterben lassen.

      Auch in seinem letzten TV Interview triefte immer noch braunes widerwärtiges aus seinem Mund.
      63 7 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 15:19
      Highlight Russland war keinen Deut besser mit dem Anstellen von Nazis. Darum hatten Sie auch so rasch die Atombombe.

      Beide USA und Russland zeigten ekelhaftes Vorgehen mit diesen Schwerstverbrechern
      87 4 Melden
    • Peter 11.01.2017 15:20
      Highlight Haben wir gemacht:

      http://www.watson.ch/!673394231
      57 5 Melden
    • undduso 11.01.2017 15:52
      Highlight @ hierundjetzt
      Die Russen (Sowjets) hatten die Atombombe so schnell, weil sie einen Spion im Manhattenprojekt hatten.
      35 2 Melden
    • SemperFi 11.01.2017 17:13
      Highlight @undduso: Sowohl als auch. Neben dem Einsatz von Spionen waren es aber ganz wesentlich deutsche Wissenschaftler und erbeutetes Material, das den Sowjets den schnellen Nachbau der Bombe ermöglicht hat.
      21 1 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 17:14
      Highlight Das ist korrekt. Nur ein Papier alleine reicht nicht aus.
      11 0 Melden
    • Alnothur 11.01.2017 18:00
      Highlight @SemperFi: die deutschen Wissenschaftler um Bohr waren mit der Bombe nirgends. Sie hatten noch nicht mal eine funktionierende Kernspaltung (sie arbeiteten befehlswidrig nicht an der eigentlichen Bombe, sondern an einem zivilen Reaktor), hauptsächlich, weil ihr Budget mehr und mehr zusammengestrichen wurde.
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    600
  • Calvin WatsOn 11.01.2017 14:32
    Highlight Interessanter Artikel. Unbegreiflich , wie einer bis zuletzt glauben kann, alles oder das Richtige getan zu haben. Warum nur, wurde so einer bis zuletzt geschützt?
    55 7 Melden
    600
  • Aron777 11.01.2017 14:20
    Highlight Ein Rattenloch wäre zu gut für diesen Menschenfeind!
    56 17 Melden
    • Froggr 11.01.2017 15:27
      Highlight Rechtsstaat. Bittesehr.
      27 51 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 15:49
      Highlight Er hatte die Wahl zu den Nürnberger Prozessen zu erscheinen.

      Er zog es vor Mithilfe von Rotem Kreuz Kollegen die ihm einen gefälschten ausstellten zu verschwinden.

      Und wieder haben wir mein Land irgendwo bei einer sauerei drin 😑


      33 8 Melden
    • Aron777 11.01.2017 15:50
      Highlight Froggr den hätte er auch bekommen, wenn er sich nicht feige wie eine Ratte bis zum bitteren Ende versteckt hätte. Angst vor dem Rechtsstaat etwa?
      38 1 Melden
    • Jindujun 11.01.2017 16:34
      Highlight Stimmt, Ratten haben mehr Würde als diese Menchenverachter.
      19 0 Melden
    • Sauäschnörrli 11.01.2017 16:54
      Highlight @Hierundjetzt, Quelle? Er ist doch unter dem Namen Georg Fischer ausgereist, mit dessem Pass und mit Hilfe von Gehlen, dessen Geheimdienstexperte für die Region Naher Osten er dann wurde. Wielange konnt ich nicht in Erfahrung bringen, aber schätze mal mindestens bis 1968 (Rücktritt Gehlens als Präsident des BND).

      https://de.m.wikipedia.org/wiki/Alois_Brunner#T.C3.A4tigkeit_nach_1945
      5 1 Melden
    • Froggr 11.01.2017 17:52
      Highlight Aron777: Ja aber du hast doch geschrieben, dass ein Rattenloch nicht genügen würde. Das widerspricht doch ganz klar den Menschenrechten. Das ist unwürdig für jeden Menschen. Ich bin schockiert.
      Jetzt im Ernst: Wenn ihr etwas wollt, dann zieht es durch. Und nicht mal ein bischen so und mal ein bischen so.
      10 6 Melden
    • Hierundjetzt 11.01.2017 18:41
      Highlight Schnörli, du sprichst Odessa an, nehme ich an.

      Ich gebe zu bedenken, dass man im '45 beim Roten Kreuz nur seinen Namen (echt / unecht) angeben musste um einen Überbrückungspass zB für eine Schiffspassage zu erhalten.

      Viele hatten ja alles verloren, von daher war es im Kern eine sehr gute Idee.

      Wie die Forschung hingegen zeigte, konnten mit aktiver Hilfe des RK und des Vatikans 1000ende Nazis nach Südamerika und Afrika fliehen und sich der Strafverfolgung enziehen

      Einige wenige haben alles kaputt gemacht :( und ja man wusste bereits damals, was Sache ist. Ein Brunner stand nicht Schlange
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