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Eispickel, Regenschirm und Polonium: 9 ungewöhnliche Geheimdienst-Attentate

16.02.17, 17:57 17.02.17, 07:34

Sie stachen ihr Opfer mit einer vergifteten Nadel und flohen dann: Zwei Frauen, angeblich Agentinnen aus Nordkorea, sollen am vergangenen Montag den in Ungnade gefallenen Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Kuala Lumpur getötet haben. Kim Jong Nam starb auf dem Weg ins Krankenhaus. 

Der Anschlag, so er sich tatsächlich auf diese Weise abgespielt hat, erinnert an andere mörderische Aktionen von Geheimdiensten. Deren morbide Fantasie scheint kaum Grenzen zu kennen, wenn es darum geht, missliebige Personen auszuschalten. Wie in diesen neun Fällen: 

Alexander Litwinenko: Strahlentod durch Polonium

Mit radioaktivem Polonium vergiftet: Litwinenko im Krankenhaus.  Bild: AP

Das Bild des todkranken Alexander Litwinenko mit dem kahlen Schädel in einem Londoner Krankenhausbett ging im November 2006 um die Welt. Seine Agonie dauerte mehrere Wochen. Der ehemalige Offizier des russischen Geheimdienstes FSB war ein überzeugter Putin-Gegner und arbeitete nach seiner Flucht in den Westen für den britischen Dienst MI6. 

Analyse von Urinproben im Toxikologischen Labor des Forschungszentrums Karlsruhe am 8. Dezember 2006. Bild: AP

Erst kurz vor Litwinenkos Tod fanden die Ärzte die Ursache für sein qualvolles Siechtum: Im Urin des Todkranken stellten sie eine hohe Dosis des Isotops Polonium-210 fest. Das chemische Element ist radioaktiv; bei seinem Zerfall gibt es Alphastrahlung ab, die aus Heliumkernen besteht. 

Wer immer Litwinenko vergiftete – die britische Polizei, und nicht nur sie, glaubt an einen Mord im Auftrag des Kremls –, musste sich nicht vor dem Polonium-210 fürchten. Alphastrahlung durchdringt die Haut nicht. Erst wenn das Isotop in den Körper gelangt, zum Beispiel über das Essen, zerstört die Strahlung Körperzellen. 0,1 Mikrogramm – ein Staubkorn ist so gross – reichen: Der Vergiftete stirbt an der Strahlenkrankheit. 

«Alexander Litvinenko's murder: The inside story». Video: YouTube/BBC Newsnight

Georgi Markow: Attentat per Regenschirm

Markow war ein Kritiker des Regimes in Bulgarien.  Bild: AP BBC

Das Attentat auf ihn war vielleicht eine Art Geburtstagsgeschenk für seinen mächtigen Feind: Der bulgarische Regimekritiker Georgi Markow wurde am 7. September 1978 in London vergiftet, an dem Tag, als der bulgarische Staatschef Todor Schiwkow 67 Jahre alt wurde.

Markow starb vier Tage später. Bei der Obduktion wurde ein 1,5 Millimeter grosses Metall-Kügelchen gefunden, das zwei Bohrlöcher aufwies. Darin hatten sich die rund 200 Mikrogramm Rizin befunden, die Markow töteten. Subkutan verabreicht wirkt das hochtoxische Pflanzengift schon ab winzigen Dosierungen tödlich. 

Schema des präparierten Regenschirms.  Bild: Wikimedia/David W.

Das Kügelchen mit dem Gift war Markow auf höchst ungewöhnliche Weise verabreicht worden. Der Attentäter, wahrscheinlich ein bulgarischer Agent, hatte Markow an einer Bushaltestelle mit einem Regenschirm gestochen. Dessen Spitze war – vermutlich vom sowjetischen Geheimdienst KGB – präpariert worden und injizierte das tödliche Gift in Markows Unterschenkel. 

Doku: «Zum Schweigen gebracht – Georgi Markow und der Regenschirm-Mord». Video: YouTube/Charles Long

Leo Trotzki: Tatwaffe Eispickel

Trotzki am 9. August 1940, wenige Tage vor seiner Ermordung.  Bild: AP

Bis nach Mexiko war Leo Trotzki geflüchtet, doch der lange Arm seines Widersachers Stalin holte ihn auch dort ein. Am 20. August 1940 zertrümmerte Ramon Mercader, ein Agent im Dienste des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, dem russischen Revolutionär den Schädel. Tatwaffe: ein Eispickel. 

Der Eispickel, mit dem Trotzki umgebracht wurde. Bild: Pinterest

Trotzki, der einst die Rote Armee gegründet hatte, war von Stalin aus der Macht und aus dem Land gedrängt worden. Er wusste, wie gefährlich Stalins paranoide Rachsucht war; sein Haus in Coyoacán glich einer Festung. Doch sein Mörder hatte sich unter falschem Namen an eine junge Trotzkistin herangemacht, die als Sekretärin für Trotzki arbeitete. Als deren Verlobter erhielt er Zugang zum Anwesen – was er für sein Attentat ausnutzte. 

«Leon Trotsky, The savage death of a Russian revolutionary». Video: YouTube/USA Network News

Stepan Bandera: Tödlicher Säuredampf

Blausäuregas wurde am 15. Oktober 1959 dem ukrainischen Nationalisten und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera zum Verhängnis: Der sowjetische Agent Bogdan Staschinski lauerte Bandera im Eingang seines Hauses in München auf und sprühte ihm das giftige Gas ins Gesicht. Der KGB-Killer verwendete dazu eine spezielle doppelrohrige Sprühpistole mit zwei Glasampullen, in denen sich die Blausäure befand. 

Die Ermordung Banderas.  Bild: historiamniejznanaizapomniana.wordpress.com

Das Gift führte schnell zu einem Herzstillstand, der wie ein Herzversagen erschien. Zunächst ging man tatsächlich von dieser Todesursache aus – bis Staschinski 1961 in den Westen überlief und sich den westlichen Geheimdiensten offenbarte. Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt und dann mit einer neuen Identität ausgestattet. 

Fidel Castro: Vergiftete Zigarren

Der kubanische Maximo Líder starb im November 2016 im Alter von 90 Jahren. Ein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Anschläge auf ihn verübt wurden – der ehemalige kubanische Abwehrchef Fabián Escalante behauptet, es seien nicht weniger als 638 gewesen. Die CIA gab immerhin acht davon zu. Castro soll dies mit der Bemerkung kommentiert haben: 

«Wenn das Überleben von Mordanschlägen eine olympische Disziplin wäre, würde ich die Goldmedaille gewinnen.»

Mehr als einmal versuchte die CIA, die Schwäche des kubanischen Machthabers für Zigarren – Castro rauchte am liebsten Cohiba – auszunutzen. Doch weder die Exemplare, die beim Anzünden explodieren sollten, noch jene, die mit Botox oder anderen Giften präpariert waren, schafften es, Castro zu beseitigen.   

Passionierter Raucher: Fidel Castro. Diese Zigarre war offenbar nicht präpariert.  Bild: AP

Neben diesen Plänen gab es noch zahllose weitere Versuche, die alle ebenfalls fehlschlugen, wie wir heute wissen. Einer der skurrilsten war, den leidenschaftlichen Taucher Castro in die Nähe einer mit Sprengstoff gefüllten Muschel zu locken. Nachdem Attentatspläne 1973 bekannt geworden waren, verbot der damalige CIA-Chef William Colby solche Aktionen.

Jahja Ajasch: Bei Anruf Mord

Jahja Ajasch, der «Ingenieur».  Bild: qassam.ps

Der Bombenbauer der Hamas war leichtsinnig geworden. Schon sechs Monate wohnte Jahja Ajasch im gleichen Haus in Bait Lahiya im Gazastreifen. Und sein Freund Osama Hamad, bei dem er sich einquartiert hatte, hatte einen Onkel, der nicht vertrauenswürdig war. 

Mit den Bomben, die Ajasch gebaut hatte, tötete die Hamas zwischen 1993 und 1995 über 50 Menschen. Der «Ingenieur», wie der Bombenbauer genannt wurde, war ein Ziel höchster Priorität des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Die Israeli wählten eine neue Methode: ein mit Sprengstoff präpariertes Handy. 

Militante Palästinenser verbrennen zwei Jahre nach Ajaschs Tod symbolisch einen israelischen Bus der Linie 18 – eine von Ajaschs Bomben hatte einen solchen Bus zerfetzt. Im Hintergrund Ajaschs Familie.  Bild: AP

Osama Hamads Onkel Kamal schenkte das Mobiltelefon seinem Neffen. Am 5. Januar 1996 um 9 Uhr klingelte es – das Gespräch war für Ajasch. Osama gab ihm das Handy und ging nach draussen. Als er nach fünf Minuten wieder hereinkam, lag Ajasch am Boden. Sein Kopf war weg. Weg war auch Kamal. Es wird spekuliert, dass er für seinen Verrat eine Million Dollar, einen gefälschten Pass und ein Visum für die USA erhielt. 

Das Begräbnis von Ajasch. Video: YouTube/AP Archive

Mahmud al-Mabhuh: Tod im Hotelzimmer

Die Killer kamen aus verschiedenen Ländern und sie waren schon wieder weg, als ihr Opfer am 20. Januar 2010 gefunden wurde. Mahmud al-Mabhuh, genannt der «Fuchs», lag tot in einem Hotelzimmer in Dubai. Der hochrangige Waffenschmuggler der Hamas war zuerst betäubt und danach vermutlich mit einem Kissen erstickt worden. 

Vermeintliche Touristen im Tennis-Outfit verlassen hinter al-Mabhuh den Lift.  Bild: Youtube

Die Tat erregte Aufsehen, weil erstmals eine geheimdienstliche Aktion von Überwachungskameras festgehalten worden war. Die als Touristen verkleideten Mossad-Agenten – zehn Männer und eine Frau – arbeiteten hochprofessionell. Sie reisten mit verschiedenen Pässen ein, beschatteten den Hamas-Mann beim Einchecken und buchten ein Zimmer auf derselben Etage.

Palästinenser tragen im Januar 2010 ein Porträt von al-Mabhuh durch die Strassen des Flüchtlingslagers Jarmuk bei Damaskus.  Bild: AP

Als al-Mabhuh sein Zimmer verliess, drangen vier Männer dort ein und warteten auf ihn. Nach seiner Rückkehr dauerte es 22 Minuten, bis sie das Zimmer verliessen – in dieser Zeit geschah der Mord. Die Aktion hatte ein diplomatisches Nachspiel, weil der Mossad gefälschte Pässe westlicher Länder verwendet hatte. 

«Mahmoud Al Mabhouh's Assassination». Video: YouTube/Ese Blese

Mordechai Vanunu: Die Honigfalle schnappt zu

Mordechai Vanunu outete Israel 1986 als Atommacht – und bezahlte teuer dafür. Der Sohn jüdisch-marokkanischer Einwanderer hatte zuvor einige Jahre als Techniker im geheimen israelischen Atomkomplex Dimona gearbeitet. Seinen Scoop machte er in London, wo er Fotos und Informationen an Zeitungen weitergab. 

Vanunus Entführung wurde erst bekannt, als es ihm gelang, Journalisten mit einer auf die Handfläche gekritzelten Nachricht  darauf aufmerksam zu machen. Er presste die Hand an das Fenster des Wagens, das ihn zum Gericht brachte.  Bild: AP

Noch bevor die «Sunday Times» Vanunus Bombe platzen liess, tappte der Atomtechniker in eine Honigfalle, die ihm der Mossad gestellt hatte. Die Agentin Cheryl Ben Tov machte sich als «Cindy» an Vanunu heran und lockte ihn für einen Kurztrip nach Rom. Aus dem Kurztrip wurden 18 Jahre Haft in einem israelischen Gefängnis: Vanunu wurde in Rom von Mossad-Agenten entführt und nach Israel verschleppt, wo er vor Gericht landete. 

Vanunu, von den einen als Friedensheld gefeiert und von den anderen als Landesverräter geschmäht, wurde nach seiner Freilassung noch mehrere Male verhaftet, weil er gegen die extrem strengen Bedingungen verstossen hatte, die ihm auferlegt wurden. Auch nach seiner Haftzeit sagte er noch, er könne nicht glauben, dass «Cindy» eine Mossad-Agentin war. 

BBC-Dok: «Israel, Vanunu and the Bomb». Video: YouTube/ltroonster1

Chalid Maschal: Nervengift im Ohr

Die Aktion war ein Desaster: Als kanadische Touristen getarnte Mossad-Agenten verübten am 25. September 1997 einen Anschlag auf den Chef des jordanischen Zweigs der Hamas, Chalid Maschal. Der wollte gerade sein Büro betreten, als ihn ein Mann ansprach; als Maschal sich ihm zuwandte, spritzte ihm ein zweiter Mann von hinten mit einem kleinen Gerät ein langsam wirkendes Nervengift ins Ohr. 

Nach dem Anschlag: Maschal (r.) mit dem aus israelischer Haft freigelassenen Scheich Jassin im Oktober 1997.  Bild: AP

Mossad-Chef Yatom (l.) mit Premierminister Netanjahu im Oktober 1997. Yatom musste einige Monate später zurücktreten.  Bild: AP

Während Maschal ins Krankenhaus gebracht wurde, verfolgte sein Leibwächter die Agenten, die wenig später gefasst wurden. Der jordanische König Hussein verlangte vom israelischen Premierminister – der hiess damals auch Benjamin Netanjahu – die Herausgabe eines Gegengifts. Netanjahu, der die Geheimdienstaktion angeordnet hatte, weigerte sich – erst auf Druck von US-Präsident Clinton bequemte er sich zähneknirschend dazu, das Gegengift zu schicken.

Maschal überlebte in letzter Minute. Die israelischen Agenten kamen frei, im Gegenzug entliess Israel den Hamas-Gründer Scheich Jassin aus der Haft. Doch die Beziehung zwischen Israel und Jordanien, die erst kurz zuvor Frieden geschlossen hatten, war schwer beeinträchtigt. 

«Assassination attempt on Hamas leader Khaled Meshaal». Video: YouTube/Orlando Wilson

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