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Sensationsfund: Eine Studentin entdeckt eines der ältesten Textfragmente des Korans – ganz zufällig

Historische Textfragmente des Koran schlummerten jahrelang unbeachtet in der Bibliothek einer britischen Universität. Eine Studentin hat die Seiten nun genauer untersucht.

22.07.15, 19:46 23.07.15, 08:33

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Forscher der britischen University of Birmingham melden eine kleine Sensation: Eine Handschrift des Koran, die in der Bibliothek der Hochschule archiviert ist, könnte eine der ältesten sein, die es weltweit gibt. Eine Radiokarbonmessung habe ergeben, dass das Textfragment in der Zeit zwischen 568 und 645 nach Christus entstanden ist, damit wäre die Handschrift weniger als zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten Mohammed (570-632) entstanden.

Die Universität weist in einer Pressemitteilung darauf hin, dass die Radiokarbondatierung stets nur eine grobe Einschätzung des Alters zulasse und es noch eine ganze Reihe anderer Handschriften in privaten Sammlungen gebe. Daher sei es unmöglich zu bestimmen, ob es sich tatsächlich um das älteste Textfragment des Koran handele.

Fragment per Zufall entdeckt

Die nun analysierten Seiten des heiligen muslimischen Textes wurden bereits seit einigen Jahren in der Universitätsbibliothek archiviert. Sie stammen aus einer grösseren Sammlung anderer Dokumente aus dem Nahen Osten. Die Blätter waren bislang irrtümlich mit anderen zusammengebunden, die aus dem späten 7. Jahrhundert stammen, berichtet Bibliotheksleiterin Susan Worrall. «Wir hätten nicht gedacht, hier ein derart bedeutendes Dokument zu finden.»

Bild: EPA/BIRMINGHAM UNIVERSITY

Alba Fedeli, die in Birmingham gerade an ihren Doktorarbeit schreibt, hat jetzt das Alter der irrtümlich verlegten Handschrift näher bestimmt. Alle neun Seiten des Koranfragments bestehen aus Pergament, zwei der Blätter enthalten Teile der Kapitel 18 bis 20 des Koran, erzählt sie. Die Blätter sind mit Tinte in einer frühen Form der arabischen Schrift, der Hijazi, geschrieben.

«Die Seiten stammen aus dem gleichen Kodex, der heute in der Bibliothèque Nationale de France in Paris aufbewahrt wird», berichtet Fedeli. Die anderen sieben Seiten gehörten zu einer Handschrift, die in der Bibliothek von Petersburg zu finden ist.

Handschriften aus der frühen islamischen Zeit sind von besonderem Wert, weil sie wichtige materielle Zeugen der Textgeschichte des Koran darstellen, sagt Michael Josef Marx Spiegel Online. Er ist Leiter des Corpus-Coranicum-Projekts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das die Textgeschichte des Koran systematisch erforscht.

Koranfragmente neu zusammengefügt

Aktuell seien rund 80 historische Fragmente des Koran bekannt, manchmal seien es nur wenige Seiten, manche Fragmente seien 100 Blatt stark. Insgesamt gelten derzeit mindestens 2000 Seiten aus dem ersten islamischen Jahrhundert, also vor 750 n. Chr., als Textzeugen des Koran. Sie sind meist in grossen Universitätsbibliotheken archiviert.

«Viele westliche Forscher halten die Geschichte der heiligen Schrift der Muslime immer noch für umstritten.»

Nach islamischer Tradition verkündete Prophet Mohammed die Offenbarungen, die im Koran verzeichnet sind, zwischen den Jahren 610 und 632 n. Chr., dem Jahr seines Todes. Zu diesem Zeitpunkt existierte die göttliche Botschaft nach islamischer Überlieferung aber noch nicht in der Buchform, in der es sie heute gibt. Stattdessen waren die Offenbarungen in «den Erinnerungen der Menschen» erhalten, also vor allem mündlich festgehalten, sagt Marx. Teile davon wurden auch auf Pergament, Stein oder Palmblättern verzeichnet.

Die Sammlung des Textes in Form eines Buches fand unter den ersten Kalifen statt, berichten islamische Quellen. Wann genau, bleibt noch unklar.

«Viele westliche Forscher halten die Geschichte der heiligen Schrift der Muslime immer noch für umstritten», sagt Marx. Sie gehen davon aus, dass der Islam erst nach 700 n. Chr. als Religion entstand. Ergebnisse von Radiokarbondatierungen wie nun aus Birmingham machten diese Hypothesen nun unwahrscheinlich.

Detaillierteres Wissen könnte das deutsch-französische Forschungsprojekt Paleocoran liefern, das im Juni gestartet ist. Darin sollen alle heute in westlichen Bibliotheken aufbewahrten Koranfragmente wie bei einem Puzzle digital wieder zusammengeführt werden. Langfristiges Ziel ist es, zu einer kritischen Edition des Korantextes zu gelangen, sagt Marx. Die Fragmente aus Birmingham sind ebenfalls dabei.

nik

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Petrarca 22.07.2015 21:34
    Highlight Na was denn nun: Studentin oder Doktorandin? Immerhin nicht dasselbe!
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    • aye 23.07.2015 00:31
      Highlight Dochdoch, stimmt schon so. Auf Englisch würde sie sich PhD student nennen... Was dann eben als Doktorandin übersetzt wird. Der Begriff wird auch in der Schweiz so verwendet, Doktoranden werden also in gewissen Bereichen immer noch als Studenten bezeichnet.
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    • Petrarca 23.07.2015 09:42
      Highlight Phd Student bedeutet im Englischen nicht dasselbe wie bei uns Student. Das zeigt sich schon daran, dass das Phd vor Student obligat ist, weil sonst eine völlig andere Bedeutung! In der CH dasselbe, auch hier spricht man von "Phd Studenten" und nicht von "Studenten". An der Uni würde es rein gar niemanden in den Sinn kommen, Doktoranden als Studis zu bezeichnen. Dazu gibt es eine einfache Erklärung: StudentInnen befinden sich in der "Ausbildung", während Doktoranden publizieren und als Wissenschaftler aktiv und selbständig etwas zur Forschung (und somit auch zur "Ausbildung") beitragen.
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