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Die grössten Klimasünder

Historischer Klimavertrag: Zehn Gründe für das Wunder von Paris – vor allem Nr. 10 macht Hoffnung

Erdölstaaten ohne Erdöl, Schwellenländer ohne Kohle, kleine Inseln machen Weltpolitik: Es scheint schwer erklärlich, warum alle 196 Staaten dem Weltklimavertrag zugestimmt haben. Zehn Gründe, warum das Wunder wahr wurde.

13.12.15, 11:31 13.12.15, 12:03

Axel Bojanowski, Paris

Ein Artikel von

Alle Staaten waren sich am Ende einig, ihre Vertreter lagen sich in den Armen. Die Welt hat einen Vertrag geschlossen, um die Erwärmung des Klimas zu bremsen, die Energieversorgung soll radikal umgestellt werden.

Wie ist der Erfolg zu erklären, wo doch zahlreiche Länder betonen, auf Kohle, Öl und Gas nicht verzichten zu können? Es gibt zehn Gründe, warum die Klimaverhandlungen von Paris als ein historischer diplomatischer Erfolg in die Geschichte eingehen werden:

Verhandlungsleiter Laurent Fabius

Bild: EPA/REUTERS POOL

Die Teilnehmer in Paris waren beeindruckt von der Verhandlungsleitung der Franzosen. Sie hätten bestätigt, dass sie die besten Diplomaten der Welt wären, hiess es aus der deutschen Delegation.

Frankreichs Aussenminister Fabius und seine Kollegin Laurence Tubiana führten seit Monaten intelligent. «Er hat die Knackpunkte der Verhandlungen frühzeitig erkannt», sagt Martin Kaiser von Greenpeace, ein erfahrener Beobachter von Klimaverhandlungen.

Flankiert wurde Fabius von Frankreichs Staatschef Hollande, der frühzeitig in China und Indien gemeinsame Linien auslotete. Schon im Frühjahr sorgte Fabius dafür, dass auf Ministerebene zwischen Staaten verhandelt wurde, sofern es Schwierigkeiten gab.

Die grösste Stärke von Fabius war es, so berichten es Delegierte, alle Staaten regelmässig anzuhören. Staaten, die sich übergangen fühlen, waren auf Klimaverhandlungen stets die grösste Gefahr für eine Einigung. Die erstaunlich geringe Zahl von taktischen Einsprüchen zur Verzögerung der Verhandlungen in Paris scheint zu bestätigen, dass die meisten Staatenvertreter keinen Anlass für Blockaden sahen, weil sie stets Kontakt zur Verhandlungsführung hatten.

Wie gewieft Fabius agierte, zeigte er in der grössten Krise der Pariser Verhandlungen Mitte der Woche: Um die grössten Streitfragen zu klären, gründete er zehn Arbeitsgruppen – und machte ausgerechnet jene Staaten zu Gruppenleitern, die das jeweilige Thema am meisten blockierten. In der Verantwortung suchten sie dann eine Lösung.

Der grösste Coup der Franzosen aber war der Staatschef-Trick.

Der Schatten der Staatschefs

Bild: EPA/REUTERS POOL

Die Klimatagung in Paris begann mit einem grossen Coup: Die Staatschefs der meisten Länder machten den Auftakt, forderten energisch einen Klimavertrag. Das Mandat ihrer Chefs setzte die Verhandler unter Druck.

Als die Staatschefs auf früheren Tagungen erst zum Ende kamen, war es oft andersrum: Die Verhandler konnten den zu erwartenden Showdown als Druckmittel gegeneinander einsetzen – und die Staatschefs mussten am Ende die Niederlage einfahren.

So war es auch beim grössten Desaster der Klimaverhandler in Kopenhagen 2009.

Die Mahnung von Kopenhagen

«Die wichtigste Konferenz der Geschichte», so nannten viele Medien, Politiker und Wissenschaftler auch die UNO-Klimakonferenz im Dezember 2009. Nach zwei Wochen hatten sich sämtliche führende Akteure blamiert. Vieles war schlecht organisiert.

Der zu verhandelnde Vertragstext war nicht abgestimmt und mehr als 300 Seiten lang – in Paris waren es zu Beginn nur ein Sechstel, und auf den Entwurf hatten sich alle einigen können. Kopenhagen misslang gerade wegen ungenügender Vorbereitung. Die Delegierten waren ohne Kompromisslinie nach Dänemark gereist; die Staaten hatten sich sogar auf Extrempositionen versteift.

Eine kenntnisarme, arrogante Verhandlungsleitung – zunächst EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard, nach ihrem Rücktritt am 16. Dezember übernahm Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen – verprellte in Kopenhagen die Teilnehmer. Bald verlagerten sich die Verhandlungen in andere Hauptstädte Europas, wo Regierungschefs zusammenkamen, um Kompromisse auszuhandeln – die Delegierten in Kopenhagen waren faktisch entmachtet.

Zum Schluss der Konferenz reisten 120 Staatschefs zum denkwürdigen Showdown nach Kopenhagen, sie produzierten ein wohl einzigartiges Verhandlungsfiasko.

Und die ganze Zeit hatte der Streit zwischen China und den USA die Konferenz gelähmt – im Gegenteil zur Pariser Konferenz.

Obama

Bild: Jacquelyn Martin/AP/KEYSTONE

Der Weltklimavertrag sollte das aussenpolitische Vermächtnis von US-Präsident Barack Obama werden. In Kopenhagen 2009 schwer gescheitert, hat Obama seit Langem ein strenges Regiment geführt in Sachen Klimaverhandlungen.

Er entfaltete eine «Rollout Strategie»: So bezeichnen es Ökonomen, wenn ein Akteur viele Verbündete gewinnen will, indem er sich zunächst gezielt kleine Gruppen sichert – die er später miteinander verbindet.

US-Aussenminister Kerry und Chefverhandler Stern waren monatelang in Sachen Klimavertrag in der Welt unterwegs. Der Einfluss der USA sorgte dafür, dass Gegner eines Klimavertrags wie Erdölstaaten überhaupt in ernstzunehmende Verhandlungen einstiegen.

Smog in China

Anschauungsunterricht: Der Klimagipfel sollte eigentlich in Peking und nicht in Paris stattfinden

Die extreme Luftverschmutzung durch Abgase in chinesischen Grossstädten hat eigentlich wenig mit der Klimaerwärmung zu tun. Das Treibhausgas CO2 ist durchsichtig und ungiftig, es sind eigentlich Russpartikel und Schwefelgase, die für Chinas Metropolen zum Problem werden. Und doch hat erst die Luftverschmutzung Umweltpolitik in China populär gemacht.

Die Chinesen haben zudem erkannt, dass sie über die Klimadiplomatie grossen Einfluss haben, vor allem auf Entwicklungsländer. Sie haben sich deshalb freiwillig den milliardenschweren Klima-Hilfszahlungen der alten Industriestaaten an afrikanische Staaten angeschlossen.

Der Klimavertrag lässt China zudem weiterhin Sonderrechte beim Treibhausgasausstoss, weil dem Land weniger historische Verantwortung für den Klimawandel zukommt. Die eigenen Klimaziele aber sind zurückhaltend kalkuliert. Insgesamt also sprach für China alles für die Zustimmung zum Vertrag.

China machte deshalb wie die USA Druck auf seine Verbündeten. Die diplomatische Zange der beiden Grossmächte brachte viele Staaten auf Linie.

Extremdiplomatie 2015

Klimaverhandlungen liefen dieses Jahr täglich. Ständig trafen sich Delegierte der Staaten in den Hauptstädten zu Konsultationen in kleiner Runde, um Bündnisse zu schmieden. Die zwischenstaatliche Diplomatie bildete das Gerüst der Klimaverhandlungen.

Vor allem ging es dabei um technologische Partnerschaften. Deutschland und Indien etwa schlossen Kooperationsverträge, ebenso die USA und China oder die EU und Afrika. Erst diese Abkommen überzeugten Entwicklungsländer, Klauseln im Klimavertrag zuzustimmen, die den Umschwung zu erneuerbaren Energien vorsehen.

Der Dreiklang-Effekt

Die Verhandlungen in Paris liefen wie durch in Verbindung stehende Röhren. Alle wichtigen Punkte wurden im Austausch verhandelt, vor allem die drei Hauptziele Temperaturziel, Abgasziel und Hilfsmassnahmen gegen den Klimawandel, sie bildeten einen Dreiklang.

Je grösser der Druck beispielsweise auf ein strenges Temperaturziel wurde, desto luftiger wurde das Abgasziel. Nur so ist es zu erklären, dass das Ziel, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, tatsächlich in den Vertrag kam – die vollständige Abkehr von Kohle, Öl und Gas wurde dagegen eingetauscht.

Stattdessen heisst es nun, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Gleichgewicht erreicht werden soll zwischen dem Ausstoss von Treibhausgasen und deren Absorption. Eine Hintertür für fossile Energien bleibt also offen – sofern sie wieder aus der Luft entfernt würden.

Und Indien, schwer abhängig von Kohlestrom, hat sich die Zustimmung zum Vertrag mit Hilfsverträgen mit erneuerbaren Energien belohnen lassen.

Erneuerbare Energien

Auch die Serienreife und der Preisverfall mancher Energietechnologie sorgte dafür, dass Staaten an eine Energiewende glauben. Noch ist der Anteil der alternativen Energien gering und vieles Spekulation. Aber gerade hier könnte die Kraft des Weltklimavertrags liegen: Er schafft die politischen Voraussetzungen – und so vielleicht das Vertrauen bei Investoren, in neue Energietechnologie zu investieren.

Steigende Temperaturen

Bild: BENOIT TESSIER/REUTERS

Nicht zuletzt haben aber wohl auch die steigenden globalen Temperaturen und die Prognosen der Wissenschaft Politiker bewegt. Der langfristige Erwärmungstrend ist ungebrochen, viele Umweltfolgen ungewiss – doch manche lassen sich beobachten, zum Beispiel der stetig steigende Meeresspiegel. Ein Fanal für die kleinen Inselstaaten.

Die Wucht der kleinen Inselstaaten

Aussenminister der Marshall-Inseln, Tony de Brum, isst ein Glacé in Paris.
Bild: JACKY NAEGELEN/REUTERS

Die kleinen Inselstaaten in der Südsee und der Karibik haben normalerweise kaum politische Macht. Angesichts der ansteigenden Meere aber wurden ihre Proteste immer lauter. Auf den Pariser Verhandlungen gelang es ihnen sogar, die Mehrheit der Staaten für eine Allianz zu gewinnen, die eine maximale Erwärmung von 1,5 Grad fordert. Diese Allianz brachte in den letzten Tagen der Verhandlungen so viel Gewicht, dass es gelang, das für Inselstaaten überlebenswichtige Temperaturziel von 1,5 Grad im Vertrag zu verankern.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • Gelöschter Benutzer 13.12.2015 19:15
    Highlight Vermutlich wird der Klimavertrag den Bau von Atomkraftwerken befeuern. Der Energiehunger nimmt stetig zu und China baut gerade 40 Stück davon.
    10 1 Melden
    • Yes. 14.12.2015 15:59
      Highlight Was m.M.n. im Vergleich zu Kohle auch gut ist!
      3 1 Melden
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  • simiimi 13.12.2015 17:22
    Highlight China und Indien als mit Abstand grösste CO2 Emittenten konnten nicht verbindlich verpflichtet werden, wie kann man da von einem Durchbruch sprechen? Dieser Vetrag wird eine grosse Transferflut von Geld aus den Industriestaaten in die Entwicklungsländer auslösen, wo das Geld dann wirkungslos verpufft
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  • oskar 13.12.2015 14:24
    Highlight an die pessimistischen kommentarschreiber: freut euch mal, zum donner! dieser vertrag ist ein extrem wichtiger schritt. zum ersten mal anerkennen alle staaten den zusammenhang von wohlstand, entwicklung, armutsbekämpfung und umweltschutz. damit sind wir deutlich weiter als jemals zuvor. euer pessimistisches gejammer bringt uns hingegen definitiv nicht voran
    45 13 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.12.2015 15:04
      Highlight Ich kann dich verstehen. Aber seit wie vielen Jahrzehnten gibts jetzt die Klimagipfel? ah ... 1992 Berlin. Und was genau wurde erreicht? Genau. Darum die allgemeine Ungläubigkeit.

      Ausserdem hat man sich schon dran gewöhnt, dass ...
      (abgesehen von der Umverteilung des Reichtums von Unten nach Oben)
      .. von Oben v.a. nichtssagendes Blabla kommt. Da wirken eben erst Beweise überzeugend.

      Sieh dir mal die Chronologie an!
      Bla bla bla ... auf Kosten der Steuerzahler:

      https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Klimakonferenz#Chronologie
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    • Gelöschter Benutzer 13.12.2015 15:07
      Highlight Korrektur:
      1992 Rio. Berlin war 1995.
      3 1 Melden
    • qumquatsch 14.12.2015 04:23
      Highlight Rhabarber, ich muss Dich leider hier trotzdem korrigieren. Diese Klimagipfel helfen sehr wohl. Nur nicht soviel wie es nötig wäre.

      Dies wird einem insbesondere dann bewusst, wenn man etwas reist und realisiert wie hoch das Umweltbewusstsein an einigen Orten ist und wie tief an anderen. Diese Klimagipfel sind aber der beste Beweis, dass sich etwas tut und wir wenigstens Schritte in die richtige Richtung machen.

      Zum Thema Umverteilung: Dies ist schlicht falsch in dieser Absolutheit, welche Du beschreibst. Genau eine Umverteilung von "Oben" nach "Unten" ist vorgeschrieben in diesem neuen Vetrag
      2 2 Melden
    • qumquatsch 14.12.2015 04:25
      Highlight Um aber hier nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin gleicher Meinung, dass noch zu wenig getan wird, die Ziele zu schwammig sind und auch 1.5 Grad zu viel sind - (wir hatten in Montreal vorgestern +13°, rechneten jedoch mit -10 zu dieser Zeit...)

      Ich finde einfach man darf auch mal jubeln und Morgen dann den nächsten Schritt anvisieren (dies hingegen ist umso zwingender, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen)
      8 1 Melden
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  • Rendel 13.12.2015 14:03
    Highlight Ein richtiges Wunder ist es dann, wenn das Ziel erreicht ist. Ich freue mich aber über diesen Anfang, er gibt Hoffnung. Das Ziel ist klar.
    Es fehlen die Vorgaben, wer bis wann seinen CO2 Ausstoss um wieviel reduzieren muss, um das Ziel zu erreichen. Das ist ein grosses Manko.

    Es ist ein erster sehr wichtiger Schritt, sich auf das Ziel zu einigen. Viele Schritte müssen möglichst rasch folgen.
    Es eilt. Ob alle die Eile alle verstanden haben, die Vonnöten ist, weiss ich nicht. Verstanden haben einige, dass etwas zu tun ist. Ob es tief im Innern auch angekommen ist? Ich wünsch es der Welt.

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  • glüngi 13.12.2015 13:32
    Highlight Ich will ja nicht pessimistisch sein aber... es istr nurt ein Vertrag...
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  • John Smith 13.12.2015 12:46
    Highlight Kann watson bitte diese clickbait buzzfeed-style Titel weglassen? Es gibt 10 atemberaubende Gründe wieso ich die hasse. Nummer 8 wird euch den Glauben and die Menschheit zurück geben!
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  • justatrollolol 13.12.2015 12:27
    Highlight Ich werde es als Wunder bezeichnen, wenn 196 Staaten den Vertrag ratifiziert haben und sich alle daran halten. Alles andere sind Vorschusslorbeeren.
    34 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.12.2015 13:10
      Highlight Seh ich eigentlich auch so. Man sollte aber auch bedenken, dass viele Menschen besser positiv motiviert werden können als nur mit Druck. Aber eben ... on verra.
      9 2 Melden
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  • Martin4127 13.12.2015 12:16
    Highlight Ist ja mal ein Anfang...
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  • atomschlaf 13.12.2015 11:40
    Highlight Welches Wunder? Schon nachgelesen, wie unverbindlich dieser sogenannte "Vertrag" ist?
    Die EU mit der rückgratlosen Schweiz im Schlepptau wird weiterhin mit immer mehr Regulierung und neuen Steuern Wohlstand, Lebensqualität und Konkurrenzfähigkeit in Grund und Boden reiten und der Rest der Welt tut was er will.
    20 36 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.12.2015 23:08
      Highlight Naive Frage: Was wäre, wenn es immer kälter würde?
      Wie würden dann die Schlagzeilen aussehen?
      2 2 Melden
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