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Beauty-Filter-Apps ändern das Schönheitsideal – wer nicht konform ist, verliert

Tech-Firmen wie Samsung oder Snapchat prägen mit ihren standardisierten Beauty-Filtern das Bild von Schönheit. Weil so viele Menschen sie benutzen, erhöht sich der Druck auf den Einzelnen, mitzuhalten.

Publiziert: 04.10.16, 18:54

Teresa Sickert

Ein Artikel von

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder wird von Samsung bewertet: Der Smartphone-Hersteller hat in seiner Kamera-App einen Beauty-Face-Modus integriert, der die Selfies der Nutzer verschönern soll.

Samsung gibt seinen Kunden die Möglichkeit, ihre Augen zu vergrössern, das Gesicht zu verschlanken und die Haut weichzuzeichnen. Was früher Prominenten vorbehalten war, kann heute jeder. Einen professionellen Grafiker, der einem die Pausbacken und den dicken Pickel am Kinn wegretouchiert, braucht heute niemand mehr anzuheuern.

Foto-Apps erledigen den Job automatisch. Weil sie nach den immer gleichen Vorgaben optimieren, produzieren sie ein standardisiertes Bild von Schönheit – Nutzer kann das unter Druck setzen.

Links das unbearbeitete Foto der Autorin und rechts die optimierte Version. bild: spon

Mit der richtigen App können alle schön sein

Auch Snapchat bietet seinen Nutzern einen Beauty-Filter mit vorgefertigten Schönheitsvorstellungen an – ähnlich denen von Samsung. Das geschönte Selfie kann so weit gehen, dass manche Frauen mit den veränderten Gesichtern kaum noch wiederzuerkennen sind.

Im Falle der amerikanischen Serienschauspielerin Laverne Cox dachten andere Nutzer sogar, sie habe sich operieren lassen. Cox' schmale Nase liess sich aber mit Snapchats Beauty-Filter erklären.

Das führt vor Augen, wie stark Technologiefirmen in das Online-Aussehen ihrer Nutzer eingreifen können. Nach welchen Regeln die Beauty-Funktionen Gesichter optimieren sollen, bestimmen die Hersteller. Das Schönheitsideal stammt dabei in der Regel aus der westlichen Welt: schlank, schmales Gesicht, schmale Nase, grosse Augen. Eben wie ein Snapchat-Filter.

Technologien manifestieren Schönheitsideale

Erst kürzlich sorgte ein Online-Schönheitswettbewerb für Aufsehen, bei dem ein Algorithmus die Gesichter von Menschen beurteilte: Unter den Gewinnerinnen und Gewinnern fanden sich fast ausschliesslich Weisse – obwohl sich eine bunte Mischung an Menschen angemeldet hatte.

Die Wissenschaftler, die den «AI Beauty Contest» ausgerichtet hatten, gaben zu, dass die Gründe dafür auch bei der Personalauswahl zu finden seien, als es noch ums Programmieren ging: Eine sehr homogene Gruppe von weissen Menschen hatte den Algorithmus entwickelt.

Frauen-Porträts aus aller Welt – weil Vielfalt wahre Schönheit ist

So erklärt auch der Psychologe und Attraktivitätsforscher Martin Gründl, dass die künstliche Intelligenz sich bei dem Wettbewerb an weissen Schönheitsvorstellungen orientiert hat. «Weisse bevorzugen eher weisse Gesichter, Schwarze bevorzugen eher schwarze und Asiaten eher asiatische Gesichter. Es ist einfach so, dass man die eigene ethnische Gruppe bevorzugt.»

Selbstoptimierung durch Filter und Beauty-Modes

Doch auch nichtweisse Frauen benutzen die westlich geprägten Beauty-Filter und legen damit über ihre Gesichter eine dicke Schicht stereotyper Schönheitsvorstellungen.

Dass das westliche Schönheitsideal vielerorts auf dem Vormarsch ist, liegt vermutlich daran, dass es durch die Medien verbreitet wird – das Internet eingeschlossen. Schon lange dominieren amerikanische Serien und Blockbuster, die sehr schlanke Menschen zeigen, den internationalen Markt.

Die Schönheitsfilter der Apps und Smartphones erleichtern es, mitzuhalten. Sie verändern aber laut Attraktivitätsforscher Gründl nicht die Schönheitsvorstellungen als solche. Makellose Haut etwa galt auch schon früher als attraktiv.

«Underneath We Are Women»

Technik macht es nur leichter, sich anzupassen. Die Filter und die allgegenwärtigen aufgehübschten Fotos könnten Menschen aber auch unzufriedener machen, mit sich oder dem Partner, glaubt Gründl. Die Anwendungen könnten unter Umständen auch Essstörungen begünstigen.

Denn neu ist, dass man es sich online kaum noch erlauben kann, ein ganz natürliches Bild zu posten. «Das ist wie bei Passfotos: Wenn es Standard ist, dass jeder sein eigenes Aussehen bei Fotografen schon optimieren lässt und jeder makellose Haut hat, dann setzte einen das unter Zugzwang», sagt Gründl.

Der Wunsch nach Schönheit bringt den Firmen Umsatz

Und die Möglichkeiten der digitalen Optimierung sind noch nicht ausgereizt: In den USA bietet Snapchat in Kooperation mit Loréal einen gesponsorten Filter an, der einem den perfekten Lidstrich übers Auge setzt.

Eine Firma macht Geld mit Augmented-Reality-Spiegeln, mit denen Frauen das beste Make-up testen können. Der Markt ist riesig: Allein die US-Kosmetikindustrie wird in diesem Jahr schätzungsweise 62 Milliarden Dollar einnehmen – von einer überwiegend weissen Zielgruppe.

#TheNuProject: Nacktfotos von «normalen» Frauen 

Doch mit dieser Vereinheitlichung gemäss westlicher Vorstellungen hinken die Technologiefirmen dem aktuellen Schönheitsverständnis hinterher, glaubt Teresa Bücker, Redaktionsleiterin des Online-Frauenmagazins «Edition F». Als Beispiel nennt sie das Video zur Herbstkampagne von H&M:

Werbung für H&M Video: YouTube/H&M

Das Video des Bekleidungsherstellers zeigt Frauen aller Couleur: schwarze und weisse, manche davon mit Bauchspeck, manche mit Glatze, andere mit Achselhaar.

Eine Stimme singt dazu «She's a Winner». Im Internet war das Video sehr erfolgreich und wurde viel geklickt. Bücker glaubt daran zu erkennen, dass die Normierung auf ein ideales Schönheitsbild keinen Sinn macht: «Sie wird von den Nutzern so auch nicht nachgefragt.»

Den gleichen Konstruktionsfehler hätten auch viele Apps, ärgert sich Feministin Bücker. «Das ist zum einen rassistisch, aber es ist auch ein Fehler in der Vermarktung, weil hier gar nicht das Marktpotenzial erkannt wird.»

Dabei wäre das doch ein gutes Argument für die Tech-Branche, auch die Vorstellungen von Nichtweissen in Betracht zu ziehen. Die Vorstellungen von Schönheit in der Tech-Branche müssen also wirklich sehr verhärtet sein.

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User-Review:
schlitteln - 18.4.2016
Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
21 Kommentare anzeigen
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  • DianaVrdrm 05.10.2016 16:24
    Highlight Wer sich von einem Filter suggerieren lässt man sei hässlich ohne Filter, hat doch einfach grundlegend ein Problem mit sich selbst, oder? Ich nutze die Filter auch, aber ich finde nicht, dass ich ohne Filter hässlich aussehe. Die Filter nutzte ich meistens weil mir langweilig ist oder weil ich es süss finde. :)
    6 0 Melden
    • deleted_344616862 06.10.2016 13:02
      Highlight #pugfiltersnapchat :D

      Kann dir nur zu stimmen, jedoch ist es leider so das die Unsicherheit einer Selbst, gerne Unsicherheiten bei anderen auslöst.. Darum Lächle ich Frauen welche einen von Oben bis Unten Mustern, an :)
      1 0 Melden
    • DianaVrdrm 06.10.2016 14:29
      Highlight Der Pug Filter ist der BESTE :D
      1 0 Melden
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  • MiezMiez 05.10.2016 14:19
    Highlight Die Dame oben (die Autorin) sieht links, also auf dem unbearbeiteten Bild, um einiges besser aus als rechts...
    4 2 Melden
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  • Fumo 05.10.2016 09:53
    Highlight Nur dumm dass es Asiaten sind die das programmieren. Genau so gelten in Asien Europäische Gesichtszüge und Hautfarbe als schön.
    Die Dame hier irrt sich also gewaltig mit der Aussage es seine weisse Idealen denen gefolgt wird.
    Ausserdem ist es einfach nur billig den Menschen die Mündigkeit zu nehmen selbst zu entscheiden wie man sich präsentiert. Weder Snapchat noch Samsung zwingen einen dazu es zu verwenden und wer es nur macht damit er/sie "so schön" wie andere ist hat einen subjektiven Problem.
    16 4 Melden
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  • Matrixx 05.10.2016 06:22
    Highlight Ist eine tolle technische Errungenschaft. Habs mal ausprobiert. Ist quasi Photoshop in Echtzeit. Aber das wars. Ich schiesse eh selten Selfies von mir. Und wenn, dann zeig ich mein wahres Gesicht. Die einzige Funktion, die ich nutze, sind Kontraste.
    Ich mag meine markanten Wangenknochen so fest, dass ich mein Gesicht nicht schmalern muss. Und meine eisblauen Huskyaugen müssen nicht vergrössert werden, damit sie hervorstechen.

    Wer das braucht hat schlicht ein Problem mit seinem Selbstvertrauen.
    8 5 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 05.10.2016 10:22
      Highlight Oder ne Hackfresse, um es mal auf gut deutsch zu sagen ;-)
      12 1 Melden
    • DianaVrdrm 05.10.2016 16:22
      Highlight Oder man findets einfach toll und fühlt sich aber trotzdem nicht hässlich ohne Filter? :D
      2 0 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 05.10.2016 16:35
      Highlight Und ohne Make-Up? ;-)
      1 0 Melden
    • Matrixx 05.10.2016 21:29
      Highlight Louie, nein, definitiv das Selbstvertrauen.
      Ich habe schon Leute gesehen, die das pure Gegenteil vom Schönheitsideal waren und vor Selbstvertrauen nur so gestrotzt haben.
      2 0 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 06.10.2016 08:23
      Highlight Ja, das ist mir doch auch klar ;-) War ja nur ein Scherz. Ich weiss, was du meinst. Solche Menschen habe ich ebenfalls schon getroffen und sie sind beeindruckend :-) Und das Gegenteil ebenfalls, Menschen, die dem Schönheitsideal relativ nah kommen, aber kein Selbstvertrauen haben.
      0 0 Melden
    • DianaVrdrm 06.10.2016 08:36
      Highlight Ich finde mich auch ohne Make Up noch ganz akzeptabel :D
      1 0 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 06.10.2016 09:14
      Highlight @DianaVrdrm: DU bist es! :-D #dichfiiri
      1 0 Melden
    • deleted_344616862 06.10.2016 13:04
      Highlight Du hattest mich bei Huskyblaue Augen :D
      2 0 Melden
    • The Return of The King, Louie the Gscheidhaferl I. 06.10.2016 14:23
      Highlight @DianaVrdrm: Habe noch was vergessen. Pic or it didn't happen ;-)
      0 0 Melden
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  • Madison Pierce 04.10.2016 22:58
    Highlight Alles eine Frage der Erziehung. Die Eltern sollten ihren Kindern auf den Weg geben, dass jeder Mensch einzigartig ist und man sich nicht nach den anderen richten sollte.

    Der Spruch meiner Eltern, wenn ich was "cooles" wollte, war jeweils: "Und wenn alle anderen von einer Brücke springen, springst Du dann auch?" :)
    14 2 Melden
    • DianaVrdrm 05.10.2016 16:22
      Highlight Ich hab den Spruch gehasst! Wenn alle gute Noten hatten, aber ich nicht, war es dann wieder okay wie die anderen sein zu wollen :D
      4 0 Melden
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  • Matthias Studer 04.10.2016 21:11
    Highlight Was für eine langweilige Zukunft erwartet uns? Alle sehen auf den Fotos grundlegend gleich aus. Es gibt nichts mehr zu entdecken. Die Einzigartigkeit wird abgeschafft.
    Nein, nicht jede technische Machbarkeit ist eine Errungenschaft.
    32 4 Melden
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  • mortiferus 04.10.2016 20:42
    Highlight Die Frauen "betrügen" doch schon immer. Sagt man im italienischen nicht auch truccare, was schminken aber auch manipulieren, betrügen bedeutet? Was ist mit den Bildern in watson? Habe mal bei sfdrs eine Reportage von der 20min Redaktion resp, Büros gesehen. Dort hatten sie einen Angestellten dessen Job ist es Bilder zu verschönern. So habe ich das verstanden.
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  • Cube 04.10.2016 20:37
    Highlight Jetzt kann ich mir endlich auch ein Tinder-profil anlegen.....

    Moll, findi guet, würklich (würglich)!
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  • lilie 04.10.2016 20:11
    Highlight Cox sieht sieht 10x so toll aus ohne den Filter!!!
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Lehn' dich zurück und lass dich einfach fallen: Der PICDUMP ist da

Wie wir erfahren durften, können einige von euch ja nicht mal bis Mittwoch warten. Andrea und ihre Freundin Hyldegard <3 zum Beispiel drehen schon am Abend vorher durch ...

Bevor wir weiterfahren: Bestaunen wir nochmals alle kurz das Hintergrundbild der WhatsApp-Konversation.

...

So und jetzt schnell weiter zum nächsten User-Input, der unter die Kategorie «Moll, super, bravo» fällt.

Und an alle anderen, die uns auch immer schöne, tolle, lustige Bilder schicken: Nächsten Mittwoch gibt's dann …

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