mint

Inspiration ist etwas für Amateure! Wie du trotzdem kreativ bleibst

bild: unsplash

Wenn du schon so lange darüber nachdenkst, ob du etwas willst, willst du es dann wirklich?

18.09.17, 09:38

Es gibt viele Annahmen, die mich in Rage bringen, folgende ist seit meiner Selbstständigkeit unangefochten auf Platz 1: «Weisst du, Bianca, ich habe auch schon mal überlegt, zu schreiben. Ist bestimmt cool! Habe leider bislang weder Zeit noch die richtige Motivation gefunden ...» WOW, danke für dein Feedback, Wolfgang. Vielleicht solltest du nicht hundert Stunden darüber nachdenken, ob du schreiben möchtest – sondern es einfach tun?

Hätte ich bei jedem Wort, das aus meinem Hirn über die Tastatur hinein in Word und später hinaus in dieses Internet geflossen ist, gerätselt, ob ich wirklich Lust darauf habe – genau in diesem Moment, wo ich doch auch Kuchen essen und fernschauen könnte – ich könnte ganze zwei Artikel verbuchen.  

Oder, andere Frage: Wenn du schon so lange darüber nachdenkst, ob du etwas willst, willst du es dann wirklich?

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich hauptberuflich Musik machen wollte, Gesangsunterricht nahm und in einer ziemlich schlechten Band (nein, ihr werdet sie nicht bei Google finden) spielte. Alle fünfzig Tage schrieb ich zur Qual aller halbherzige Lyrics – irgendjemand musste es ja machen. Statt mich auf Gigs zu freuen, wünschte ich mir insgeheim eine leichte Lungenentzündung herbei. Was ich damals nicht wusste: Ich wollte es einfach nicht genug. Ich wollte nicht unbedingt eine Band haben.  

Natürlich, nur weil man etwas unbedingt will, heisst das nicht, dass man damit Erfolg hat. Genauso wenig wie Erfolg etwas über die Qualität eines Werkes aussagt. Es ist lediglich ein Gradmesser von vielen. Und doch gibt es Tätigkeiten, die man sich schönredet. Einredet, weil sie nach einem leidenschaftlichen Plan für später klingen.

bild: unsplash

Du willst malen – und hast es nie versucht? Aus Gründen. Du möchtest Klavierkonzerte geben, aber noch nicht einmal ein Keyboard gekauft? Du willst endlich Auflegen lernen? 

Du tust es nicht? Du willst es nicht.

Lass dir noch etwas sagen, Wolfgang. Selbst, wenn du wirklich schreiben möchtest, wird es nicht reichen, auf «die Muse zu warten», die dich küsst. Inspiration ist etwas für Amateure.  

«If you want to write you have to read and read, but more importantly you need to write and write and write and write. Try different genres, stretch in new ways.»

Constance Hale

Auf die Inspiration zu warten ist etwas für Menschen, die einmal in drei Monaten Tagebuch schreiben, weil sie einen deepen Gedanken haben und danach befriedigt ins Bett fallen. Alle anderen; alle, die von der kreativen Arbeit oder ihrem Hobby leben möchten, müssen sich Wege suchen, um Inspiration zu generieren. Wege, die ihnen den notwendigen Impuls wie eine Knarre an den Kopf setzen, der letztlich zu stringenten Gedanken und Thesen führt, die es auszuformulieren lohnt.  

Beruflich Schreibende, Konzipierende, Illustrierende haben mit demselben leeren Blatt und derselben Lust nach Prokrastination zu leben wie Studierende vor Seminararbeiten. «Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Ein Grossteil meiner Arbeit besteht immer noch darin, auf Papier zu starren», sagt der deutsche Illustrator Christoph Niemann in der Netflix-Doku «Abstrakt». Er muss es wissen. «Ich hätte am liebsten ein Patentrezept für meine Kunst, aber das gibt es nicht.»  

bild: shutterstock

Niemand sollte auf seine Inspiration vertrauen müssen, wenn er sich morgens an den Schreibtisch setzt. Die Inspiration, sie versteckt sich ziemlich hartnäckig zwischen sexuellen Bedürfnissen und bevorstehenden Partys, sie möchte in den Urlaub fahren, drei Wochen Ibiza, und lässt dich hängen wie eine unzuverlässige Schulfreundin, mit der du dich um 15 Uhr auf einen Kaffee verabredet hast. Eigentlich.       

Und deshalb musst du auf die Inspiration verzichten können.

Du musst eine gesunde Distanz schaffen zwischen dir und ihr, wie bei einer lauwarmen Affäre, die sich immer ein paar Tage zu spät meldet, um relevant zu bleiben.

Du musst ohne sie leben, ohne sie arbeiten können. Du musst dein Handwerk um sie herum bauen, dir Bücher holen oder Filme, YouTube schauen und auch mal rausgehen, ins Leben. Musik hören. Ein Muster für den Arbeitsprozess entwickeln, das dich in Stimmung bringt, wenn es sein muss. Und glaube mir, das wird öfters nötig sein, als du es dir jetzt vorstellen kannst. Charles Dickens war beispielsweise berühmt für seine dreistündigen Spaziergänge, die er jeden Nachmittag unternahm.  

bild: unsplash

Schreibe auf, was hilft. Mache eine Liste von Dingen, die du erledigen musst, um arbeiten zu können. Ist der Tisch sauber? Hast du dein Lieblingsgetränk neben dir stehen? Hast du dir einen Tag Zeit genommen, um einen Überblick über das neue Projekt zu gewinnen, an dem du die ganze Woche sitzen wirst? Eine Struktur festgelegt, die dich die Tage sinnvoll nutzen lässt? Schon besser. Auch Jane Austen erschien es unmöglich, etwas zu verfassen, wenn sie «den Kopf voller Hammelkeulen und Rhabarber» hatte.

Auch kreative Denkarbeit kann gestückelt, getrieben und kontrolliert werden, bis der Flow kommt, der automatisch zu mehr Zeilen und Wörtern und dem Einhalten von Deadlines führt.

Ernest Hemingway notierte täglich die Zahl der geschriebenen Wörter in einer Tabelle, um sich «nicht selbst zu betrügen». Anthony Trollope schrieb immer nur drei Stunden pro Tag und nie mehr als 250 Wörter pro Minute.  

Ein Blick in die Biografie berühmter Schriftsteller, Maler, Philosophen und Wissenschaftler zeigt: Niemand lässt es «einfach nur fliessen». Denn in Wahrheit heisst es: hinsetzen, nachdenken, Moodboards gestalten, reinkommen – und nicht 80 Prozent der Zeit darüber nachdenken, wann die grandiose Idee vom Himmel fällt.  

Sie ist bereits in dir. Du musst nur lernen, an sie ranzukommen. Viel Erfolg dabei, Wolferl! 

Das ist Kunst: Die Biennale in Venedig

Für mehr Flair und Fair in deinem Leben:

Instagram, was hast du bloss aus diesen Männern gemacht?

Wenn Abfall zu neuem Leben erwacht: 27 Upcycling-Ideen

Inspiration ist etwas für Amateure! Wie du trotzdem kreativ bleibst

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst: 10 Filme nach wahren Begebenheiten

Und zack ist deine Lieblingsserie abgesetzt! Oft aus den absurdesten Gründen

Wenn du genug von der Herbstsonne hast: 10 Kino- und Serientipps

Diese Stephen-King-Filme sind so schlecht, die musst du gesehen haben!

Vom Krimi bis zur Komödie: Diese Hörbücher halten dich die ganze Nacht wach!

9 Serien «von früher», die du wieder mal gucken solltest! (Nein, nicht «Friends»)

Wieso du Elisabeth Moss spätestens nach den Emmys kennen musst

Hier ruht der Krieg in Frieden: Erschreckend schöne Bilder vom Schrottplatz

Die liebsten Animationsfilme der watson-User, die du sehen musst!

Ich war «Mother!» gucken und nach zwei Stunden mit den Nerven am Ende

Wer braucht schon das neue iPhone? So knipst du schöne Porträts ohne Topkamera

«Herr Kawaguchi, warum vakuumieren Sie Pärchen in Ihrer Küche?»

Disneys Sexbotschaften oder Killer-Aliens – das sind die irrsten Verschwörungstheorien

Bibliothek watson: Das sind die Lieblingsbücher der Redaktion

Beef don't kill my vibe! So schmeckt der Burger beim fleischlosen Metzger

11 wundervolle Animationsfilme, die du unbedingt (wieder mal) sehen musst

Sag mir, wie du deinen Tag verbringst und ich sag dir, wer du bist!

Und jetzt heisst es ein Jahr warten: Eine Liebeserklärung an den Sommerabend

«Es» kehrt zurück 🤡 – diese 18 Kinofilme starten im September

«Game of Thrones» ist vorbei. Mit diesen Serien überlebst du bis zur nächsten Staffel

Darum schauen wir lieber Katzenbilder an, als zu arbeiten

13 «andere» Bilder und ihre Geschichte dahinter

Danke, aber ich will gar kein Internet im Ausland

Als das Internet noch 529 Seiten dick war: Liebeserklärung an den Katalog

Diese 8 Doku-Filme machen dich schlauer, bedachter und entspannter

Du kannst sie hassen, aber diese Aufnahmen wirst du lieben: 34 grossartige Drohnen-Bilder

Sitzplätze mit Suchtfaktor: 17 Schweizer Cafés, die du unbedingt besuchen musst

Das lange Warten auf die Bullen: Eine Hausbesetzung im Kaff vor 25 Jahren

13 Orte für einen perfekten Sonnenuntergang

Ich war an einem Schlafkonzert und es war viel zu laut (und schön), um wegzupennen

Die neuen Helden der Stockfotografie – das sind die 100 schönsten Agenturbilder

Die Intimität der Grossstadt – wenn  Hochhäuser Geschichten erzählen

Bitte like mich! Wie ein Instagrammer die Ästhetikdiktatur auf die Schippe nimmt

«Mein Gedächtnis ist meine Kamera» – Tim ter Wal zeichnet alles aus dem Kopf

Der Trick der Profis – so werden atemberaubende Stimmungen kreiert

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5Alle Kommentare anzeigen
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Gohts? 18.09.2017 22:49
    Highlight Die wahre Kunst liegt darin, einen ganzen Artikel zu schreiben, welcher die selbe bescheidene Aussage der drei Wörter "liefern, statt lafern" beinhaltet.
    15 2 Melden
  • bcZcity 18.09.2017 17:12
    Highlight Und wenn man schlicht faul und ohne Disziplin ist? Ich liefere auch nur ab wenn ich muss. Wenn ich muss und mir die Arbeit noch Spass macht, dann läuft es wie von alleine.

    Dumm nur dass mir jede Stunde wieder etwas anderes Spass macht, also bin ich sogar und inkonstant. Dazu kommt eine gewisse Ungeduld, ich will doch nicht so viel Zeit in etwas investieren. Dann wäre da noch die Selbstüberschätzung, sprich: "Wenn ich nur richtig würde, könnte ich dieses oder jenes besser als dieser oder jener".

    Ich denke ich bin ein hoffnungsloser Fall......aber irgendwann setze ich meine Träume um. Oder?
    9 1 Melden
  • phreko 18.09.2017 15:22
    Highlight 250 Wörter pro Minute. Das würde ich auch gerne können. Das sind mehr als 4 Worte pro Sekunde.
    (Hätte damit weit weniger Sorgen an Jus Prüfungen!)
    11 0 Melden
  • Zeit_Genosse 18.09.2017 13:22
    Highlight Einverstanden. Um zu produzieren und Deadlines einzuhalten. Man geht einfach los, schafft Hindernisse aus dem Weg und liefert ab. Evtl. mit kreativem Handwerk auch noch etwas mit kreativem Charme. Doch Inspiration heisst für mich nicht auf die Eingebung warten, sondern on Track offen zu sein, damit die guten Ideen kommen können. Was aus Inspiration entsteht hat meist eine eigene Note, ist nicht bloss Handwerk. Es ist das Quäntchen um über sich hinauszuwachsen. Nicht in der Effizienz, sondern der Effektivität. Deshalb denke ich, dass wir eher überkreativ und gleichzeitig unterinspiriert sind.
    10 1 Melden
  • reamiado 18.09.2017 11:13
    Highlight "inspirierender" Text
    10 1 Melden

Guck mal, wie schön Neuseeland ist! Fast ein bisschen wie die Schweiz ... fast

Guckt man sich Bilder von Neuseeland an, geht einem ein Gedanke sofort durch den Kopf: Sieht irgendwie aus wie die Schweiz. Ein bisschen unterscheidet sich das Land der Kiwis dann aber doch von unserem Alpenstaat.

Zwei grosse Hauptinseln, eine mittelgrosse und einige kleine Inseln – das ist Neuseeland. Obwohl in der Schweiz fast doppelt so viele Leute leben, ist Neuseeland sechs Mal so gross wie unser Binnenstaat.

Dabei gehört die Landschaft Neuseelands zu der wohl vielfältigsten der Welt. Kaum …

Artikel lesen