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Deutsche Oma kämpft mit Kirchenaustritt für ihre schwulen Enkel – und wird auf Social Media gefeiert

Ein deutscher Pastor wettert öffentlich gegen Homosexuelle. Das darf nicht wahr sein, denkt sich Oma Marie, zwei ihrer Enkel sind schwul. Sie tritt aus der Kirche aus, ihr Begründungsschreiben sorgt für Aufsehen. Hier erklärt ein Enkel, wie es dazu kam.

16.04.15, 11:01 04.05.15, 11:52

Anna-Lena Roth / Spiegel online

Ein Artikel von

«Sehr geehrte Damen und Herren, ich schreibe Ihnen heute, aus einem mir sehr persönlichen Grund, denn mit dem heutigen Tage bin ich aus der evangelisch-lutherischen Kirche ausgetreten.» So beginnt der Brief einer 84-jährigen Frau, der im Internet gerade tausendfach geteilt wird. Der Grund für ihren Schritt waren Äusserungen eines Pastors aus ihrer Nachbargemeinde: Praktizierte, ausgelebte Homosexualität entspreche nicht dem Willen Gottes, es sei richtig, hier von Sünde zu sprechen.

In so manchem Kirchenhaupt geht es noch zu wie vor 100 Jahren. bild: gemeinfrei

Die 84-Jährige geht in ihrem Brief auf die Worte des Pastors ein. «Homosexuelle als Sünder zu bezeichnen und ‹Heilung› anzubieten, ist unverantwortlich», schreibt sie. Gerade junge, unsichere Menschen würden durch solche Aussagen auf einen «brandgefährlichen Weg» gebracht. Dass sich die 84-Jährige so aufregt, hat vor allem mit ihrer persönlichen Erfahrung zu tun: Zwei ihrer Enkel sind schwul. Einer von ihnen, der 37-jährige Kim Röhrbein, hat den Brief für sie bei Facebook veröffentlicht. Hier erklärt er, wie es so weit kam.

«Der Brief war Omas Idee. Sie hat den Bericht mit dem Pastor gesehen und sich sehr aufgeregt. Wir wohnen gemeinsam mit meiner Mutter in einem Haus, ich war noch am Abend bei Oma. Man müsste sofort aus der Kirche austreten, hat sie gesagt. Die ganze Nacht konnte sie nicht schlafen, so wütend war sie. Also hat sie sich hingesetzt und per Hand den Brief geschrieben, ich habe ihn dann später abgetippt. Damit ist sie am Dienstag zum Rathaus gefahren und ist offiziell aus der Kirche ausgetreten.

Meine Oma ist eine weltoffene, starke Frau. Sie hat ihr halbes Leben lang in einem Kurhaus gearbeitet, sie fährt immer noch Auto, macht die Wäsche, putzt das Treppenhaus und kocht für uns Mittagessen – am liebsten Apfel-Kartoffel-Eintopf. Dass sie aus der Kirche austreten wollte, hat mich verwundert. In ihrer Generation hat Kirche ja noch einen ganz anderen Stellenwert. Und natürlich hat sie sich auch gefragt, was die Leute wohl sagen werden.

Es ist zwar nicht das erste Mal, dass jemand öffentlich gegen Homosexuelle hetzt. Aber wenn es vor der eigenen Haustür passiert, in der fünf Kilometer entfernten Nachbargemeinde, ist das was ganz anderes. Man reagiert, wenn man betroffen ist. Oma wollte, dass diese Äusserungen öffentlich werden. Es sollte nicht still hingenommen werden, was dieser Pastor gesagt hat.

Innenansicht der St.-Joseph-Kirche in Hamburg Altona, die mit dem vorliegenden Fall aber nicht in Verbindung gebracht werden kann: Es handelt sich um eine Katholische Gemeinde. bild: gemeinfrei

Dass ihr Brief so grosse Wellen schlagen würde, hat niemand erwartet. Ich habe ihr einige der Facebook-Kommentare vorgelesen und sie war begeistert. Aber auch ein bisschen aufgeregt. Als die ersten Reporter bei ihr geklingelt haben, hat sie sie durchs Fenster abgewimmelt, so hatten wir das besprochen. Heute Abend kommt ein Journalist von der Lokalzeitung vorbei, meine Mutter wird dabei sein, sie kennt ihn gut. Das ist okay.

Ich war 20, als ich das erste Mal mit ihr über meine Homosexualität gesprochen habe. Im ersten Moment war sie nicht begeistert. Das war vor 17 Jahren und wir leben auf dem Land. Sie hat sich aber sehr schnell daran gewöhnt und sich gedacht: ‹So ist das, man kann es nicht ändern, er ist noch der Alte.› Inzwischen bin ich seit 14 Jahren mit Robert zusammen, auch er hat ein gutes Verhältnis zu Oma. Wir sind sehr stolz auf sie.»

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  • Citation Needed 17.04.2015 15:43
    Highlight Bravo Madame! Da sie aber einen guten Draht zu ihrem inneren moralischen Kompass bewiesen (und ein Rückgrat aus Stahl dazu). Chapeau!
    11 0 Melden

25 Katzen, die einen Pokal für ihre Schlafpositionen verdient hätten

Katzen sind ja in vielen Dingen unbesiegbar: Beispielsweise im sich Irgendwohin-Setzen. Oder besser: -Quetschen.

Aber worin ihnen wirklich niemand etwas vormachen kann, ist im Schlafen. Egal in welcher Position. Sie sind die Meister! 

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