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Amazonen: Wie Männer mordend waren die legendären Kriegerinnen?

Angeblich praktizierten die Amazonen der Antike freie Liebe. Oder durften nur heiraten, nachdem sie einen Mann im Kampf getötet hatten. Doch was ist dran an den vielen Legenden um die Kriegerinnen?
06.02.2022, 17:0506.02.2022, 17:09
Angelika Franz / t-online
Ein Artikel von
t-online

Gerade erst hatte Achilles im Kampf um Troja Hektor, den Sohn des trojanischen Königs, getötet, als schon die nächste Bedrohung den Griechen das Leben schwer machte. Penthesilea, Tochter des Kriegsgottes Mars und Königin der Amazonen, eilte mit einem Trupp Kriegerinnen den Trojanern zur Hilfe.

Tapfer nahm sich Achilles auch dieses Problems an und erschlug die Amazone – doch als er der Sterbenden den Helm vom Kopf zog und ihr in die Augen schaute, war es um ihn geschehen. Während der letzte Lebensfunke in ihr erlosch, verliebte der griechische Held sich unsterblich in die Göttertochter.

Antike griechische Keramik: Der Kampf zwischen Achill und der Amazonin Penthesilea war der Legende nach episch.
Antike griechische Keramik: Der Kampf zwischen Achill und der Amazonin Penthesilea war der Legende nach episch.Bild: getty

«Make Love, Not War»

Wer waren diese mythischen Kriegerinnen, deren Königin das Herz des kriegserprobten Helden brach? Sind sie Figuren der Literatur, Kunstgeschöpfe der griechischen Fantasie? Oder kämpften sie tatsächlich ebenbürtig an der Seite der gefürchtetsten Kämpfer ihrer Zeit?

Homer, der als Autor der Geschichte vom Trojanischen Krieg gilt, lebte im 7. oder 8. Jahrhundert vor Christus. Während jedoch die Helden der homerischen Epen teils göttlicher Natur oder anderweitig frei erfunden sind, beschrieb zwei bis drei Jahrhunderte später der griechische Geschichtsschreiber Herodot die Amazonen als durchaus real. Ihre Hauptstadt, Themiskyra, läge am Fluss Thermodon an der Küste des Schwarzen Meeres.

Doch auch weiter westlich hätten sie so bedeutende Städte wie Smyrna – das heutige Izmir –, Ephesos, Sinope oder Paphos gegründet. Gegen die Skythen, in deren Gebiet sie eingewandert wären, hätten sie zunächst erbitterte Kriege geführt, berichtet Herodot. Doch dann hätten die Amazonen und die Skythen ihre Waffe niedergelegt und – frei nach dem Motto «Make Love, Not War» – untereinander geheiratet.

So wäre das Volk der Sauromaten, auch Sarmaten genannt, entstanden. Bis in seine Gegenwart, behauptete Herodot, würden die sauromatischen Frauen an den alten Bräuchen festhalten und Seite an Seite mit ihren Männern jagen und kämpfen. «Ihre Ehegesetze legen fest, dass kein Mädchen heiraten darf, bevor sie nicht einen Mann im Kampf getötet hat», schrieb er.

Amazone zu Pferd kämpft gegen einen Löwen, Illustration von 1884.
Amazone zu Pferd kämpft gegen einen Löwen, Illustration von 1884.Bild: imago

Grab einer Kriegerin

Ob die Ehe tatsächlich mit Blut erkauft werden musste, lässt sich archäologisch nicht nachweisen. Wohl aber eine auffällige Gleichstellung von Männern und Frauen: Nicht nur wurden beide Geschlechter mit Waffen bestattet, sondern die Knochen der Frauen weisen ebenso Spuren von Kampfverletzungen auf wie die der Männer. Erstmals stiessen Ausgräber im Jahr 1927 auf ein solches Grab.

In Semo-Awtschala, nahe der georgischen Hauptstadt Tiflis , nicht allzu weit von der bei Herodot beschriebenen Heimat der Amazonen, fanden sie im Grab einer etwa 30 bis 40 Jahre alten Frau neben einem Pferdegebiss auch ein Schwert aus Bronze sowie eine Speerspitze aus Eisen. Am Schädel der Frau entdeckten sie die tiefe Scharte eines Schwerthiebes.

Der Knochen hatte bereits mit der Heilung begonnen, sie überlebte die Verletzung also eine Weile. Die Kriegerin starb zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus – lange bevor Homer das Licht der Welt erblickten sollte – und gilt bis heute als älteste bekannte Amazone der Welt.

In den frühen 1990er Jahren machte dann ein amerikanisch-russisches Team eine weitere spektakuläre Entdeckung. In Grabhügeln aus der Zeit zwischen 600 und 300 vor Christus nahe der Ortschaft Pokrovka im südlichen Ural an der russisch-kasachischen Grenze fanden sie über 150 Bestattungen von Sauromaten und ihren Nachfolgern, den Skythen.

Kein Leben am Herd

Einige der Frauengräber waren reicher mit Waffen bestückt als diejenigen der Männer. Auch an den Knochen konnten die Forschenden sehen, dass diese Frauen ihr Leben nicht am Herd verbracht hatten, sondern im Sattel. Ihre Verletzungen sprachen für eine ausgesprochene Risikobereitschaft auf dem Schlachtfeld.

Was die Ausgräber und Ausgräberinnen jedoch am meisten überraschte, war die Grösse der Skelette. Im Durchschnitt brachten es diese bewaffneten Frauen auf eine Körpergrösse von 1.67 Metern. Damit waren sie weitaus grösser als die meisten ihrer Zeitgenossinnen.

Seit in der Archäologie klar geworden ist, dass nicht jeder Tote mit Waffen als Grabbeigaben unbedingt ein Mann sein muss, tauchen mehr und mehr Amazonen in den Gräbern der Steppen auf. Über 300 bewaffnete Kriegerinnen sind mittlerweile bekannt. Die jüngste wurde gerade einmal zehn Jahre alt, die älteste war mit 45 Jahren nach damaligen Massstäben bereits eine betagte Seniorin.

Im Leben der Amazonen drehte sich jedoch nicht alles um den Krieg. Dass sie auch wussten, wie man das Leben geniesst, berichtete ebenfalls der griechische Geschichtsschreiber Herodot. Die Skythen, führte er aus, sammelten eine Pflanze namens Cannabis. «Von dieser nun nehmen sie die Körner, kriechen unter ihre Filzzelte und werfen die Körner auf glühende Steine», schreibt Herodot. «Wenn die Körner auf diese Steine fallen, so rauchen sie und verbreiten einen solchen Dampf, wie er sich in keinem hellenischen Dampfbad findet. Die Skythen aber heulen vor Freude über den Dampf. Er gilt ihnen als Bad, denn im Wasser baden sie niemals.»

«Die Amazonenschlacht», Gemälde des deutschen Malers Anselm Feuerbach.
«Die Amazonenschlacht», Gemälde des deutschen Malers Anselm Feuerbach.Bild: imago

Antike Tätowierungen haben immer noch Konjunktur

Die Archäologie kann diese Beschreibung bestätigen: Nicht nur die von Herodot beschriebenen Filzzelte legten die Skythen ihren Toten oft mit ins Grab – sondern auch kleine Räucherschälchen für Holzkohle, in denen Cannabis verbrannt wurde.

Eine der berühmtesten Skythinnen ist die sogenannte Sibirische Eisprinzessin von Ukok, die 1993 in einem Grabhügel der Pazyryk-Kultur in der russischen Republik Altai gefunden wurde. Der so genannte Kurgan diente nicht nur ihr als letzte Ruhestätte, sondern auch zwölf ihrer Pferde, die mit ihr bestattet lagen. Neben einem reich gedeckten Tisch durfte auch der Cannabis-Vorat fürs Jenseits nicht fehlen.

Berühmt aber wurde sie vor allem für ihre Tätowierungen. Zwar trugen viele Skythen Bilder auf der Haut, doch nur selten sind sie so gut erhalten wie die vom sibirischen Permafrost konservierten Tätowierungen der Prinzessin von Ukok. Auf ihrer linken Schulter galoppiert ein Hirsch mit einem spiralförmigen Geweihende, darunter schlägt ein Panther einen Hirsch oder ein Schaf.

hre Tätowierungen werden mittlerweile in modernen Tattoo-Studios oft nachgestochen: Die kiffende, tätowierte Prinzessin aus dem ewigen Eis wirkt auf uns heute ebenso faszinierend wie schon damals ihre Zeitgenossinnen auf die alten Griechen.

Mumie der sogenannten Prinzessin von Ukok: Ihr Fund war eine Sensation.
Mumie der sogenannten Prinzessin von Ukok: Ihr Fund war eine Sensation. Bild: imago

Reiten war Pflichtübung

Nur eine Behauptung der griechischen Autoren lässt sich mit archäologischen Mitteln nicht belegen: dass die Amazonen unter sich lebten und nur zu Fortpflanzungszwecken die Gesellschaft von Männern suchten. Die Töchter aus diesen Zusammenkünften, behaupten mehrere antike Schreiber, würden sie behalten und ausbilden – die Söhne aber töten oder den Vätern überlassen.

In der Archäologie jedoch tauchen Amazonen nie alleine auf, sondern immer Seite an Seite mit den Männern. Die Zeit der starken Frauen währte in den Steppen Eurasiens rund ein Jahrtausend lang. Die Nomadenvölker zwischen den Schwarzen Meer und der Mongolei lebten auf dem Pferderücken. In kleinen Gruppen zogen sie mit ihren Tieren durch die Landschaft und legten oft in kurzer Zeit weite Strecken zurück.

Wer mit wollte, musste reiten können. Wer sich sicher fühlen wollte, musste kämpfen können. Eine Unterscheidung nach Geschlechtern wäre unter diesen Lebensbedingungen ein Luxus gewesen, den sich die skythischen Stämme wohl nicht leisten konnten und wollten. Für die sesshaften Griechen aber wirkte dieses Leben befremdlich, bedrohlich und faszinierend zugleich.

Gal Gadot als «Wonder Women »
Gal Gadot als «Wonder Women »Bild: imago

Und auch uns heute lassen die Amazonen nicht los. So spielen die Kriegerinnen eine gewichtige Rolle in Hollywood. Im bildgewaltigen Streifen «Wonder Woman» von 2017 ist die Hauptfigur eine Amazone. Den Zuschauern gefiel es, 2020 erschien gleich ein weiteres Abenteuer der starken Frau.

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ZEUS aKal-El
06.02.2022 19:33registriert März 2021
Ich mag es die wahren Hintergründe von Mythologie zu erforschen; danke für den Artikel!

Interessant finde ich das die "Amazonen" doch nie ohne Männer waren, darauf begründet ja der Mythos.

PS: Ein "Leben am Herd" wäre auch schwierig gewesen um diese Zeit😆
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Markus Käppeli (2)
07.02.2022 01:34registriert März 2020
Der griechische Kriegsgott hiess Ares, nicht Mars. Weder ein römisch-griechischer Mash-Up noch ein Schokoriegel scheinen mir sehr wahrscheinlich ;-)
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