Interview
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epa04373999 US economist and 2013 Nobel Economy Prize winner Robert J. Shiller, speaks at the European Finance Association (EFA) Annual Meeting in Lugano, Switzerland, 29 August 2014. The 41st annual meeting takes place from August 27 - 30.  EPA/SAMUEL GOLAY

Der US-Ökonom Robert Shiller bei einem früheren Auftritt in Lugano. archivBild: EPA/KEYSTONE

Ob Gold oder Bitcoin – was bringt Blasen zum Platzen, Herr Shiller?

Robert Shiller hat den Ausbruch der globalen Finanzkrise 2007 vorhergesehen. Im Gespräch erklärt der US-Ökonom und Nobelpreisträger, warum der Bitcoin ein Spekulationshype ist – der vielleicht nie endet.

Benjamin Bidder / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online
«Es ist ein trunken machender Gedanke, wenn man davon überzeugt ist, etwas besser zu wissen als die herrschende Meinung.»

Robert Shiller

Er hat ein besseres Gespür für Spekulationsblasen als viele andere. Auch deshalb wurde Robert Shiller 2013 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Der Yale-Professor war einer der wenigen Ökonomen, die den Kollaps des US-Immobilienmarkts 2007 korrekt vorhersahen. Im Jahr 2000 nahm er den Absturz des US-Aktienmarkts im Jahr darauf vorweg. Und heute? Hat der Bitcoin-Crash begonnen, mit Kursverlusten von bis zu 25 Prozent in der vergangenen Woche – oder doch nicht?

Herr Shiller, Sie haben gesagt: Der Bitcoin könnte vollständig kollabieren – oder aber auch in hundert Jahren noch existieren. Wovon hängt das ab?
Robert Shiller: Die Wirtschaft wird in erheblichem Ausmass getrieben durch eine Ansteckung mit Geschichten, die Menschen fesseln. Der Bitcoin ist in dieser Hinsicht nicht einzigartig und es ist nicht ausgemacht, dass diese Blase platzen muss. Es gibt Blasen, die Tausende Jahre existieren können.

Welche meinen Sie?
Gold zum Beispiel. Warum ist das wertvoll? Es ist doch nur ein merkwürdig aussehendes Metall. Was macht es grossartig? Die Story, die wir damit verbinden! Sie ist fast religiös. Ich habe mal gezählt, wie oft Gold in der Bibel vorkommt. Ich kam auf ungefähr 400 Erwähnungen.

Was ist der Kern des Bitcoin-Hypes?
Es ist eine Kombination von unterschiedlichen Faktoren. Das ist wie bei einem Kinohit: Wenn da einiges passt, kann es ansteckend werden. Die Leute fangen an, darüber zu reden. Es geht viral.

Was fasziniert am Bitcoin?
Es ist ein schlaues Konstrukt. Es braucht einiges an Aufwand, um zu verstehen, wie Bitcoin funktioniert. Er ist komplex und beeindruckend. Hinzu kommt, dass Bitcoin in eine bestimmte politische Sicht passt: Er kann nicht von Regierungen und Banken kontrolliert werden. Das reizt viele und hebt ihn fast schon auf eine religiöse Ebene. Das Misstrauen in Regierungen wächst ja in Teilen der Welt gerade. Und dann ist da noch dieses Mysterium, das die Entstehung von Bitcoin umgibt. Wir wissen bis heute nicht, wer sich hinter dem Namen des Gründers Satoshi Nakamoto verbirgt. Niemand findet seine Spur. Was für eine verblüffende Geschichte!

Wie würden Sie den Wert eines Bitcoin beschreiben?
Wenn man dieser Frage nachgeht, kommt man schnell zu dem Schluss, dass er keinen Wert hat. Er hat nur den Wert, von dem die Leute glauben, dass er ihn besitzt. Womit wir wieder beim Gold wären: Auch da ist der Tauschwert viel höher als der tatsächliche intrinsische. Gold besteht wie der Bitcoin dank einer Story fort. Es ist unmöglich zu sagen, wie lange das geht.

Vollzieht der Bitcoin nicht geradezu idealtypisch die klassischen Phasen einer Spekulationsblase?
Das Wort Blase hat ja noch nicht einmal eine wissenschaftliche Definition. Was wir Blase nennen, ist kein so eindeutiges Phänomen. Tatsächlich hat der Bitcoin diesen Zyklus schon mehrfach durchlaufen. Im Jahr 2013 ereignete sich ein Crash. Bitcoin schien erledigt.

Gleich gehts weiter mit dem Interview, doch zunächst noch das ...

Warum das Platzen einer Blase so schwer vorherzusagen ist.

Ende vergangenen Jahres veröffentlichte die «Financial Times» eine beeindruckende Grafik. Sie zeigt den Kurvenverlauf einer klassischen Spekulationsblase, wie sie die Theorie des New Yorker Forschers Jean-David Rodrigue von der Hofstra University beschreibt: Auf langsame Kursgewinne folgen immer schnellere. Die gewachsene Medienaufmerksamkeit befeuert den Hype – bis zum ersten massiven Absturz. Davon scheinen sich die Kurse zunächst schnell zu erholen, Investoren wiegen sich in Sicherheit. Dann folgt der eigentliche Crash. Die «Financial Times» («FT») legte die Rodrigue-Kurve über den bisherigen Kursverlauf des Bitcoin. Das Ergebnis ist verblüffend.

Aufstieg und Absturz des Bitcoin

Image

quelle: bitcoinity.org; Modell einer Spekulationsblase nach Rodrigue

Tatsächlich scheint der Kursverlauf des Bitcoin dem einer typischen Spekulationsblase zu ähneln. Allerdings ist das Bild trügerisch. Die FT ist nicht die einzige Redaktion, die Parallelen zwischen Rodrigues Modell und dem Bitcoin erkannt zu haben glaubt. «Bitcoin könnte dieser klassischen Blasen-Phasen-Grafik folgen» schrieb etwa das US-Magazin Forbes – allerdings bereits im Dezember 2013. Der Bitcoin war damals von rund 1200 auf weniger als 600 Dollar gestürzt, prozentual ein ähnlich dramatischer Absturz wie in den vergangenen Wochen. Auch damals schien der Kurs die Blasenkurve fast perfekt nachzuvollziehen. Trotz des damaligen Crashs notiert der Bitcoin heute bei mehr als 10'000 Dollar.

Der Vergleich mit früheren Spekulationsblasen erlaubt bei genauerem Hinsehen wenig Rückschlüsse darauf, ob und wann der Kryptoboom endgültig kippen könnte. Der Bitcoin-Kurs hat sich zwar innerhalb der vergangenen drei Jahr mehr als verfünfzigtfacht. Historisch gesehen ist das aber noch nicht einmal ein besonders drastischer Anstieg: Als Ende der 60er-Jahre in Australien grosse Nickellagerstätten entdeckt wurden, kletterte der Wert der Aktien der betroffenen Firmen sogar um das 350-fache, bevor die Blase platzte.

Damit zurück zum Interview ...

Was bringt Blasen zum Platzen?
Obwohl ich mich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftige, kann ich keine exakte Antwort darauf geben. Es muss etwas mit der Spanne menschlicher Aufmerksamkeit in bestimmten Phasen zu tun haben. 1987 stürzte der US-Aktienmarkt an einem einzigen Tag um 20 Prozent ab. Ich habe damals mehr als 3000 Fragebögen an Investoren und Wertpapierhändler geschickt. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Es gab keinen konkreten Auslöser für den Absturz. Es war mehr so, dass die Ansteckung mit einer neuen Idee einen bestimmten Punkt überschritten hatte: Eine grosse Wertkorrektur erschien den Händlern damals plausibel, weil sie schrittweise zu der Überzeugung gelangt waren, dass der Markt überbewertet war.

Wann oder warum genau ein Markt kippt, lässt sich also nicht vorhersagen?
Wenn die Leute denken, der Markt ist zu teuer – dann macht ihn das verwundbar. Ein Beispiel: Kurz vor dem Crash 1987 konnte man einen Wandel des Narrativs erkennen. In den beiden Wochen davor veröffentlichten das «Wall Street Journal» und die «New York Times» grosse Artikel, die einen Absturz für möglich hielten. Eine Grafik verglich sogar die Kursverläufe 1987 mit 1929. Tatsächlich können wir aber auch heute noch immer nicht sagen, was konkret den Schwarzen Freitag 1929 ausgelöst hat, den folgenreichsten Crash der Geschichte.

ZUM 30. JAHRESTAG DES BOERSENCRASHS

Der Schwarze Montag am 19. Oktober 1987 war der erste Börsen-Crash nach dem Zweiten Weltkrieg. Bild: AP

Welche Rolle spielen Medienberichte?
Unsere Forschungen zeigen, dass Investoren einen Crash nicht nur dann wahrscheinlicher halten, wenn Unternehmen Verluste einfahren, sondern auch dann, wenn Medien über diese Entwicklung prominent berichten. Die negativen Schlagzeilen im Kopf verstärken den Effekt der negativen Rückkopplung.

Befeuern Medien nicht auch die Hypes? Die Nachfrage nach Bitcoins und der Kurs scheinen just in dem Moment stark gestiegen zu sein, als die Massenmedien begonnen haben, fast täglich über das Phänomen zu berichten.
Ich glaube, der Effekt von Mund-zu-Mund-Propaganda ist wichtiger. Klar, Zeitungen veröffentlichen Artikel. Aber man weiss nie, ob einer der Texte tatsächlich viral wirkt. Auch das zeigt der Börsencrash 1987: Ich wollte von den Investoren wissen, wann und wie sie von dem Absturz erfahren haben. Damals war das Fernsehen eigentlich die wichtigste Informationsquelle, vor allem die Info-Sendungen am Morgen und am Abend. Die meisten erfuhren aber gegen Mittag davon, weil Kollegen es ihnen erzählten, persönlich oder am Telefon. So verbreiten sich die entscheidenden Storys.

Wer wird am Ende vom Bitcoin profitieren, wer steht auf der Verliererseite?
Leute wie Sie und ich haben eher kein Geld da reingesteckt. Was wir aber sehen ist, dass viele Leute bedauern, nicht investiert zu haben. Das ist es, was Märkte treibt: Bedauern und Neid. Die Leute neigen zu glauben: Wenn etwas heute eine Erfolgsgeschichte ist, hätte man das vorher wissen können. Das ist natürlich ein Irrtum.

Spekulationswellen ereignen sich immer wieder. Wieso scheint die Menschheit so wenig daraus zu lernen?
Vermutlich, weil bei der Entstehung von Blasen so etwas wie das Gefühl der eigenen Überlegenheit eine Rolle spielt. Es ist ein trunken machender Gedanke, wenn man davon überzeugt ist, etwas besser zu wissen als die herrschende Meinung. Das ist eine starke emotionale Basis. Nicht immer ist das ein Irrglaube: Mitunter haben Abweichler in der Geschichte ja durchaus schon Recht gehabt, manchmal erweist sich die herrschende Meinung später als falsch.

Die grössten Spekulationsblasen

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • omII31 24.01.2018 18:04
    Highlight Highlight Vor allem beim BTC wurde oft beobachtet dass er genau im Januar stark fällt. Ich finde man sollte sich da nicht in die Hose machen und die Chance nutzen und dementsprechend einkaufen.
    Quelle: https://krypto-welt.com/
    1 3 Melden
  • G. Schmidt 24.01.2018 05:49
    Highlight Highlight Inzwischen ein Klassiker
    Play Icon
    10 1 Melden
  • Tilman Fliegel 23.01.2018 22:04
    Highlight Highlight Bezüglich Gold bin ich ganz seiner Meinung, das Beispiel brachte ich kürzlich bei einer Kaffeepausendiskussion über Kryptos auch zur Sprache.
    19 0 Melden
  • René engels (THE player) 23.01.2018 21:04
    Highlight Highlight Nicht so schnell! es gibt zwar einen hype, aber BTC hatte schon ein paar viele "OMG WIR WERDEN ALLE STERBEN"
    Momente, nur kleine aber... und der BTC wird stetig steigen, bis wir 2140 keine mehr haben... dann... ja...
    11 3 Melden
  • Sir-Smack-A-Lot 23.01.2018 20:14
    Highlight Highlight Wo wird der BTC Preis wohl sein,wenn es noch Jahre, ja sogar Dekaden weitergeht.
    Bezahlen wir den Kaffee bald mit Satoshis?
    Bitcoin ist bald 10 Jahre alt, scheint mir trotz Hype und Bubble eine Sache die gekommen ist um zu bleiben.
    25 7 Melden
    • Hallo1234 23.01.2018 22:34
      Highlight Highlight Kaffee mit Bitcoins oder Satoshi zu bezahlen, wird sich nicht lohnen.
      Die Blockchain von Bitcoins ist so aufgebaut, dass es max. 4200 Transaktionen in 10 Minuten (7 pro Sekunde) gibt. Wenn jetzt jeder, alles mit Satoshi bezahlen würde, wäre das Netzwerk völlig überlastet. Die Transaktionen würden sich stauen und die Miner würden der Blockchain nur die Transaktionen hinzufügen, die ihnen am meisten Geld bringt (durch Transaktionsgebühren).
      8 4 Melden
    • ast1 23.01.2018 23:28
      Highlight Highlight Nandooo: Es gibt Lösungen zur Skalierung von Bitcoin, Lightning Network ist da die naheliegendste. Damit müssen nicht alle Transaktionen auf der Blockchain abgelegt werden, oder können auch auf einer anderen Blockchain (z.B. Litecoin) abgewickelt werden. Das ermöglicht dann tiefere Gebühren und schnellere Transaktionen.
      4 1 Melden
  • djangobits 23.01.2018 18:57
    Highlight Highlight Danke Watson für den differenzierten Artikel. Bis auf den Titel, der sugerriert, dass das bereits eine Blase ist, wo doch Shiller genau sagt, dass es dafür eigentlich keine Definition gibt.
    51 4 Melden
  • Donald 23.01.2018 18:25
    Highlight Highlight Ja, diese Kurvenanalysen... Da kann man auch in der Glaskugel lesen. Bringt gleich viel.
    36 2 Melden

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