DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Analyse

Liam füdliblutt – wieso Eltern denken müssen, bevor sie ihre Kinder zu Insta-Stars machen

Kinder, ob lustig oder süss, sind ein Hit auf Social-Media. Aber ethisch könnte da was faul dran sein – eine Analyse.
20.11.2017, 09:2420.11.2017, 20:01

Es tut weh. Das Bild von Liam*; wie die Speckröllchen über seinen aufgeblähten Bauch rugeln, währenddem er das Wasser in der nicht mal halb gefüllten Badewanne zu schlagen versucht. Seine Mutter, die das Bild auf Facebook geladen hat, hat sein «Schnäbeli» mit lasziv anmutendem Emoji verdeckt. Es ist einfach niedlich.

bild: instagram

Auch der Insta-Post, der die einjährige Muriel* beim familiären Ausflug ins Fastfood-Restaurant zeigt, klaubt ein Wonnegefühl aus jeder noch so finsteren Magengrube heraus. Wie mit aller Not und Mühe diesen Burger, fast so gross wie ihr Kopf, packen will: 😍 😍 😍

bild: instagram

Kinderbilder in den Social Media sind ein Herzchen-Hit. Sie sind lustig, süss und verleiten sogar manch bewusst kinderlosen Mingle zu «ah bububu»-Konversationen mit ihrem Smartphonebildschirmen. Doch was Erwachsenen zum Schreien komisch oder zum Schmelzen süss vorkommt, ist der Kinder bitteren Ernst.

Kinder schlagen nun mal Wasser, wenn sie baden und wollen alles anfassen, das ihnen vor der Nase sitzt.

Aber Kinder lachen fieser

Kinderrechtler*innen wollen diesem Ernst nun Achtung zollen. Wieso? Weil Kinder, sobald sie eigenständig denken können, nicht aus denselben Gründen lachen wie Erwachsene. Vielleicht mag Liam seine Badewannen-Nudes mal recht lustig finden. Doch vermutlich erst post-pubertär und erst nachdem seine Primarschulgschpöndli das Instagram-Profil seiner Mutter entdeckt und sein ehemaliges, medial festgehaltenes Waschprozedere zum Anlass eines Klassengelächters gemacht haben.

Beim Anblick des Instagram- und Facebook-Auftritts gewisser Generation-Y-People, die gerade ihre Genpools in einem neuen Menschen versammelt haben, schütteln so manche Medienethiker den Kopf: Ein Kinderlachen mutiert in letzter Zeit zum Synonym für digitalen Fame. Ohne Rücksicht und meistens auch ohne nachzudenken. Das Internet ist voll von Beispielen.

Etwa dieser Baumann-Bub hier, der gerade zu faul war, seine Hausaufgaben zu machen. «Ich will doch nur Bagger-Fahren!», protestiert der kleine Junge gegen seine Hausaufgaben und wurde prompt zum jüngsten viralen Hit der deutschsprachigen Social Media. Als Baggerfahrer müsse er doch nicht schreiben und lesen können, argumentiert der Knirps mit Kinderlogik. Das Video ist lustig und wurde von allen grossen Klick-Mich-Facebook-Seiten übernommen und vermarktet.

Video: streamable

Erst am Schluss des Videos realisiert der Kleine, dass sein Vater komischerweise die ganze Zeit sein Handy auf ihn gerichtet hatte. Seine Meinung zum paternalen Voyeurismus bleibt im Off verborgen.

Scripted Childhood – Kinder als Junior-Influencer

Was bei den amerikanischen Windel-YouTube-Stars Mila, 2 Jahre und Ava, 6 Jahre Off-Camera alles so abgeht, kann man nur vermuten. Klar ist, die beiden generieren gehörig Klicks, indem sie mit piepsiger Kleinkindstimme die Attitude einer angehenden und etwas sehr quirkyigen Kim Kardashian nachäffen. 

Ava hat ihrer Mutter so zu 765'000 Instagram-Followern verholfen …

… 

Bei Milas Mutter sind es inzwischen 3 Millionen!

Die beiden Mädchen haben zusammen also in etwa ein Publikum, das knapp der Grösse der Deutschschweiz entspricht. Ihr Entwicklungsstand und ihr affektiertes Gequassel – das, Hand auf's Herz, wohl oft aus mässig gut geschriebenen Skripts ihrer Mütter, die sich nun Manager nennen, entspringt – rollt also tagtäglich durch die Newsfeeds wildfremder Menschen rund um den Globus. 

Kinderhilfswerk prangert Eltern an

Sich mit den tapsigen Missgeschicken und der Affektierheit seiner Nachkommenschaft selbst medial zu profilieren sei für viele Eltern wichtiger, als die Intimität ihrer eigenen Kinder zu bewahren. Dies stellt das Deutsche Kinderhilfswerk jüngst in einer Medienmitteiliung fest und beruft sich dabei auf eine Studie des Forschungsinstituts Kantar Public.

«Wenn wir uns in 15 Jahren zuhause das Fotoalbum gemeinsam anschauen, dann kann ich bestimmt herzlich mit euch darüber lachen.»
Aus der Sensibilisierungskampagne des Deutschen Kinderhilfswerk 

34 Prozent der befragten Eltern sagen darin, dass sie ihre Kinder überhaupt nicht einbeziehen, wenn sie Bilder und Videos von ihnen auf Facebook und Instagram stellen oder via WhatsApp verbreiten. Immerhin behaupten 30 Prozent der Befragten, dass sie ihre Kinder darüber informieren, wenn sie Inhalte von ihnen ins Internet stellen, wobei 31 Prozent beteuern, ihre Brut ausdrücklich um Erlaubnis zu bitten, bevor sie posten.

bild: deutsches Kiinderhilfswerk

Rein rechtlich gesehen ist dieses Mehrheitsverhalten verwerflich. Eltern sind verpflichtet, ihre Kinder darüber zu informieren, wenn sie ihre Bilder verwenden. Sobald Kinder 14 Jahre alt sind – davon geht auch das Schweizer Recht aus – ist die Urteilsfähigkeit soweit gegeben, dass das Kind bei jeder Form von visuellen und auditiven Inhalten um Erlaubnis gebeten werden muss. 

Denn auch wenn man bei Bilderposts auf Facebook Urheber des Bildes bleibt, behält das Netzwerk gemäss seinen allgemeinen Geschäftsbedingungen volles Nutzungsrecht. Will heissen, dass Facebook unsere Bilder frei an Werbepartner weitergeben darf und die damit ihre Algorithmen frisch fröhlich frisieren dürfen.

«… habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass ich mir selbst aussuchen möchte, wen ich mit ins Fotoalbum schauen lasse?»
Aus der Sensibilisierungskampagne des Deutschen Kinderhilfswerk

Aber nicht nur Werbepartner verfügen über die digital festgehaltenen und Kinderalben auf sozialen Netzwerken. Solange ein Profil öffentlich gehalten wird, hat im Grunde jede und jeder freien Zugang auf das Bildmaterial, das beispielsweise den kleinen Liam füdliblutt in der Badewanne zeigt.

Die Facebook-Seite «Little Miss & Mister» machte Anfang dieses Jahres schon mal auf diesen Misstand aufmerksam. Sie kopierte Kinderbilder von öffentlichen Facebook- und Instagram-Seiten und bat die Urherber darum, die Bilder wenn, dann nur auf «für Freunde sichtbar» zu stellen.

Ein Bild der Polizei Hagen zum selben Thema wurde über 300'000 Mal geteilt. 
Ein Bild der Polizei Hagen zum selben Thema wurde über 300'000 Mal geteilt. 

Liebe Mama, lieber Papa … 

Via Facebook will nun auch das Deutsche Kinderhilfswerk Sensibilisierungsarbeit leisten. Während drei Wochen werden einer ausgewählten Zielgruppe Schmollmünder mit verpixelten Augen gezeigt. Einmal niedlich im Giraffen-Kostüm, ein anderes Mal neckisch das Toilettenpapier vor der WC-Schüssel abrollend und ein drittes Mal dramatisch einen Teller Spaghetti verwüstend. Jeweils begleitet von einem Warnzusatz:

… denkt nach, bevor ihr postet!

Vorschriften sind kontraproduktiv

Auch Schweizer Kinderrechtler begrüssen das Vorgehen der Deutschen. Auf Anfrage von watson sagt Unicef-Mediensprecherin Charlotte Schweizer: «Kinder sollten in die Prozesse des Alltags einbezogen werden. Das gilt auch für das Aufnehmen von Bildern und das Aktivsein in sozialen Netzwerken. Partizipation steigert das Verantwortungsbewusstsein und kann das Kind zu einer eigenen Entscheidung bemächtigen.»

Vorschriften, so Schweizer, würden diesen Prozess verunmöglichen, aber die Haltung «oh, mein Kind ist süss, dass muss ich gleich dem Internet zeigen» zeuge auf jeden Fall nicht von einer wertschätzenden und gesunden Kind-Eltern-Beziehung.

Und jetzt noch ein bisschen Schalk mit Knackeboul: «Isch mir egal, was die andere Chinder dörfed»

Video: watson

Wenn Erwachsene ein Kinder-Malbuch in die Finger kriegen

1 / 48
Wenn Erwachsene ein Kinder-Malbuch in die Finger kriegen
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Mehr zum Thema Leben gibt's hier:

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Nach Facebook-Hetze gegen Merkel: 40-jähriger Corona-Schwurbler verurteilt

Der gelernte Gärtner war Mitglied einer geschlossenen, etwa 5000 Mitglieder umfassenden Facebook-Gruppe, in der auch zu Gewalt gegen «Asylanten und Migranten» aufgerufen wurde.

Ein Berliner Facebook-Nutzer ist nach Hetze gegen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Der 40-Jährige habe sich der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten, der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten sowie der Volksverhetzung schuldig gemacht, begründete das Amtsgericht Berlin-Tiergarten am Donnerstag. Der Angeklagte hatte zuvor gestanden und erklärt, er habe sich «übelst über die Corona-Massnahmen …

Artikel lesen
Link zum Artikel