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Analyse

Corona hat uns dünnhäutig gemacht. Doch weder Aggressionen noch Emojis bringen uns weiter

Die Nerven liegen blank, die Fronten verhärten sich. Ein Rückblick auf eine Zeit, die hoffentlich keine Zukunft hat.
19.05.2021, 20:0420.05.2021, 06:50

Kennt ihr dieses Gefühl, dass es zwischen euren Nerven und der Aussenwelt keinen Schutz mehr gibt? Dass sich eure Kleider anfühlen, als wären sie aus Brennnesseln gefertigt? Dass ihr allzu dünnhäutig geworden seid und keine Barrieren mehr habt zu den Weltproblemen, den andern, dem Wetter, jedem zweiten Zeitungsartikel, der nicht nur irgendwen, sondern ganz direkt euch anzugreifen scheint?

Plötzlich seht ihr Zusammenhänge zwischen den Dingen aufleuchten, als wären sie die beleuchteten Strassen einer Grossstadt bei Nacht. Und während ihr euch beim Betrachten der Zusammenhänge zuschaut, kommt euch das Wort VERSCHWÖRUNGSTHEORIE in den Sinn. Ihr denkt, okay, jetzt ist es passiert, jetzt bin ich gar nicht mehr so weit von den Coronaleugner-Vögeln entfernt mit ihren Federn auf dem Kopf und ihren Plakaten, die sie wie Kreuze gegen Vampire vor sich hertragen.

Auf diesem Bild soll Sauerteig zu sehen sein, sagt die Agentur. Was es damit auf sich hat, lest ihr gleich.
Auf diesem Bild soll Sauerteig zu sehen sein, sagt die Agentur. Was es damit auf sich hat, lest ihr gleich.Bild: shutterstock

Wenn das so ist, dann seid ihr nicht allein. Schuld daran ist Corona. Die globale Geduldsprobe. Das Stillstellen, Verlangsamen, Verkomplizieren einer früher ganz banalen Alltagsbeweglichkeit, zu der auch die Kommunikation gehört. Also das Miteinander-Reden. Nicht das Miteinander-Zoomen. Jetzt, in den für uns hoffentlich letzten einschränkenden Wochen oder Monaten der Pandemie, greift niemand mehr zu Verklärungsversuchen wie im Frühjahr 2020, als man mit schon fast religiöser Hingabe Sauerteigkulturen anlegte, einen besseren Beamer und neue Sofakissen bestellte und Gedichte über die Entschleunigung schrieb.

Was dann geschah, war die ganz normale Radikalisierung.

Je dünner die Häute der Leute wurden, desto rabiater betrieben sie den Mauerbau. Igelten sich ein in Meinungen und Statistiken und Gegenmeinungen und Gegenstatistiken. Der Mensch, der sich nicht rund um die Uhr irgendwie im Recht glaubte, schien ausgestorben. Schliesslich wurde man bedroht und musste sich irgendwie zur Wehr setzen.

Was will der kleine Genderstern? Die Sprache verschandeln und Gesellschaftsordnung stürzen oder Perspektiven öffnen und für mehr Inklusion sorgen? Fest steht, dass noch nie derart gegen eine Veränderung der deutschen Sprache geschossen wurde wie gegen diese (und es waren schon einige).
Was will der kleine Genderstern? Die Sprache verschandeln und Gesellschaftsordnung stürzen oder Perspektiven öffnen und für mehr Inklusion sorgen? Fest steht, dass noch nie derart gegen eine Veränderung der deutschen Sprache geschossen wurde wie gegen diese (und es waren schon einige).bild: watson

Komiker sagten lauthals an Coronagegnerdemos, dass sie nichts mehr sagen dürfen, und waren dabei nicht lustig. Etablierte deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler versuchten, lustig zu sagen, dass man trotz Corona der Regierung nicht trauen dürfe, was niemand lustig fand, schon gar nicht diejenigen, die unter Einsatz ihrer Gesundheit an der Corona-Front kämpften. Andere deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler wagten endlich zu sagen, dass sie nicht (nur) heterosexuell seien, was mit Corona direkt nichts zu tun hatte, aber unter das allgemeine Bedürfnis aller fiel, ihre Haut gleichzeitig zu retten und unter erschwerten Arbeitsbedingungen zu Markte zu tragen.

Grosse Zeitungen sahen im kleinen Gendersternchen einen pandemischen Angriff auf die deutsche Muttersprache. In ihren vor Angst bebenden Erzählungen stählte sich das Gendersternchen und verwandelte sich in einen Wurfstern.

Eine 23-jährige amerikanische Lyrikerin gesellte sich in der Gunst der frischfleischlüsternen Medien und in der Suche der Jungen nach neuen Identifkationsfiguren über Nacht an die Seite einer 18-jährigen schwedischen Klimaaktivistin.

Amanda Gorman trug anlässlich von Bidens Inauguration ein Gedicht vor, das im Kontext völlig okay war. Erst in den Übersetzungen offenbarte es seine dann doch nicht so grosse Genialität. Doch zuvor entbrannte ein heftiger und unfruchtbarer Streit darüber, ob nicht-schwarze Übersetzerinnen das Gedicht einer schwarzen Autorin überhaupt angemessen übersetzen können.
Amanda Gorman trug anlässlich von Bidens Inauguration ein Gedicht vor, das im Kontext völlig okay war. Erst in den Übersetzungen offenbarte es seine dann doch nicht so grosse Genialität. Doch zuvor entbrannte ein heftiger und unfruchtbarer Streit darüber, ob nicht-schwarze Übersetzerinnen das Gedicht einer schwarzen Autorin überhaupt angemessen übersetzen können.Bild: keystone

Viele weisse Männer (und ein paar Frauen) schrieben sehr viele Artikel darüber, dass sie selbst nichts mehr sagen dürfen oder dass eins ihrer Idole gecancelt worden sei. An sich gelassene Zeitungen wetterten in jeder Nummer mehrfach gegen die Cancel Culture, allerdings kamen ihnen dabei nie mehr als die üblichen Beispiele in den Sinn. Andere hielten dagegen. Beide Seiten hielten sich für vernünftig und im Recht. Nüchtern betrachtet, befanden sie sich in einem missionarischen Furor.

Die einen wollten stur das Alte behalten, die andern wollten Zukunft, und zwar sofort. Denn die Gegenwart war gelähmt. Lag unter Eis. Zusammen mit der Objektivität.

Je lahmer unser Alltag wurde, desto höher gingen die Emotionen. In Deutschland gesellten sich Neonazis zu den Coronagegnern. Eine Freundin berichtete aus Berlin, dass sich in ihrer Nachbarschaft unzählige Leute wohlig an die Stasi-Vergangenheit im Osten erinnerten und alle bei der Polizei anschwärzten, die nicht vor der Sperrstunde um 21 Uhr in ihren Wohnungen waren.

Coronagegner-Demo in Berlin, Ende April.
Coronagegner-Demo in Berlin, Ende April. Bild: keystone

Auf den sozialen Medien herrschen derweil zwei Kriege: ein harter und ein kuschliger. Auf der einen Seite wird gebellt, beleidigt, geschossen, blockiert. Auf der andern Seite bilden sich Echokammern von geradezu unterwürfiger Liebenswürdigkeit. Das eine ist reine Triebabfuhr, die bloss leider nicht psychohygienisch wirkt, sondern aggressionsfördernd. Das andere ist Zuflucht. Im April 2020 fand sie auf Facebook Verstärkung durch das herzige Umarmungs-Emoji. Zuerst nervten mich beide. Dann sah ich mich in beiden gefangen. Die Bedürftigkeit war zu gross.

Ich fühlte mich weichgekocht im säuerlichen Wasser eigenbrötlerischer Homeoffice-Monate.

Kennt ihr diesen Zustand? Nun, mit etwas letzter Geduld und Glück sind wir bald alle wieder in der Lage, einander direkt zu begegnen. In Gesprächen und an Tischen, nicht in Nischen, die der Computerscreen oder das Handydisplay irgendwo für uns bereit hält. Und hoffentlich gelingt es uns dann endlich, all die aufgekratzten und emojionalisierten Debatten in ihnen angemessene Bahnen zu lenken und die Spannungen und Kompromisse, ohne die eine demokratische Gesellschaft nun mal einfach nicht zu haben ist, auszuhalten. Mit Gelassenheit, mit Ironie – und einer vom Rahm des ganz normalen Lebens wieder dicker gewordenen Haut.

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten
quelle: keystone / peter klaunzer
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