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Neandertaler-Frau 
Madrid, Spain - November 11, 2017: Life-sized sculpture of Neanderthal female at National Archeological Museum of Madrid

Rekonstruktion einer Neandertaler-Frau. Neandertaler verfügten über einen kräftigen Griff. Gegenstände zwischen Daumen und Zeigefingern festhalten konnten sie hingegen nicht ganz so leicht wie moderne Menschen. Bild: Shutterstock

Die Neandertaler hatten andere Daumen als wir – und das hatte Folgen



Neandertaler sind nahe verwandt mit uns; heute ist nachgewiesen, dass Gene dieses Cousins des Homo sapiens im Erbgut von nahezu allen Menschen ausserhalb Afrikas enthalten ist. In unserer Vorstellung sind Neandertaler meist kräftige Gestalten, die mit dem Speer in der Hand grosse Beutetiere erlegen. Eine neue, im Fachblatt «Scientific Reports» veröffentlichte Studie zeigt nun, dass die Daumen dieser urzeitlichen Menschen tatsächlich besonders daran angepasst waren, Werkzeuge oder Waffen mit viel Kraft zu halten – Wissenschaftler bezeichnen diese Art des Zupackens als Kraftgriff.

Im Gegensatz dazu steht der sogenannte Filigran- oder Präzisionsgriff, bei dem ein Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger festgehalten wird. Diese Art Griff muss Neandertalern wiederum nicht ganz so leicht gefallen sein wie dem anatomisch modernen Menschen. Zu diesem Schluss kommen die Anthropologen unter der Leitung von Ameline Bardo von der University of Kent, die in einer 3-D-Analyse die Gelenkknochen von Daumen und Zeigefingern von fünf Neandertalern aus dem heutigen Europa und Israel untersuchten. Sie verglichen diese mit jenen von Homo sapiens, und zwar mit fünf Fingergelenken von frühneuzeitlichen Menschen und 50 Gelenken von heutigen Erwachsenen.

Die geringe Anzahl von geeigneten Fossilien ist zwar problematisch, wie Bardo einräumt. Doch ihr Team habe sämtliche verfügbaren Neandertalerhände, bei denen sowohl die Handwurzel- wie die Mittelhandknochen vollumfänglich erhalten geblieben seien, untersucht.

Im Vordergrund stand dabei der Trapeziometacarpal-Komplex, also die Gelenke zwischen den Knochen, die für die Beweglichkeit des Daumens verantwortlich sind. Ihre Morphologie und besonders die relative Ausrichtung von Zeigefinger und Daumen zeigt laut den Wissenschaftlern, ob das entsprechende Individuum besser Gegenstände zwischen Daumen und Zeigefinger halten und bewegen konnte oder besser kräftig mit allen Fingern mitsamt dem Daumen zupacken konnte.

Die Knochen, die Teil dieses Trapeziometacarpal-Komplexes sind, seien schon früher eingehend auf Unterschiede zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen untersucht worden, betonen die Forscher. Doch dabei seien sie jeweils losgelöst voneinander betrachtet worden. Der neue Ansatz der vorliegenden Studie liege darin, das Zusammenspiel von Knochen und Gelenken miteinzubeziehen.

Illustration of potential TMc joint motion in the recent modern human (first column) and for the Neanderthal sample.

Potentielle Bewegung des Daumengelenks beim modernen Menschen (1. Spalte) und den fünf Neandertaler-Fossilien. Bild: Nature/Bardo e.a.

Resultat der Untersuchung: Trotz aller individuellen Eigenheiten wiesen die Daumen der Neandertaler gemeinsame Besonderheiten auf, die sie tatsächlich von denen des Homo sapiens unterscheiden. «Unsere Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass die bevorzugte Daumenstellung des modernen Menschen anders ist als jene des Neandertalers», so Bardo. Insbesondere zeigte sich dies beim Daumensattelgelenk, das den Mittelhandknochen des Daumens mit der Handwurzel verbindet.

Es ist beim anatomisch modernen Menschen im Allgemeinen grösser und gebogener als beim Neandertaler, bei dem der Gelenkkomplex insgesamt flacher ist. Daumen und Zeigefinger des Neandertalers weisen an der Basis zudem eine durchschnittlich kleinere Kontaktfläche auf. Dies spricht laut den Anthropologen für einen längeren und gestreckteren Daumen, der im Vergleich zum modernen Menschen eher seitlich an der Hand anlag.

Daumensattelgelenk
https://www.kenhub.com/en/library/anatomy/trapeziometacarpal-joint

Daumensattelgelenk. Bild: Kenhub.com

Die Stellungen, die der Daumen dadurch am einfachsten einnehmen kann, ist anders als beim modernen Menschen. Die Neandertalerhand eignete sich besser dazu, einen Gegenstand kräftig anzupacken – beispielsweise einen Stiel mit den Fingern zu umgreifen und mit dem gestreckten Daumen zusätzlich die Kraft zu lenken. Dafür fiel ihr der Filigrangriff weniger leicht.

Dies will nicht etwa heissen, dass die Neandertaler grobschlächtige und ungeschickte Menschen waren – es bedeutet lediglich, dass komplexe, präzise Griffe, etwa einen Gegenstand zwischen den Kuppen von Daumen und Zeigefinger festzuhalten, für sie etwas mühseliger gewesen sein dürften als für Homo sapiens, stellt Bardo fest. Tatsächlich legen auch archäologische Fundstücke aus von Neandertalern bewohnten Höhlen nahe, dass unsere frühen Cousins handwerklich durchaus geschickt waren.

(dhr)

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