Interview
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ZUR PRAESENTATION DER JAMES-STUDIE 2016 UEBER DIE MEDIENNUTZUNG BEI JUGENDLICHEN STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH, DEM 9. NOVEMBER 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - [Gestellte Aufnahme, Symbolbild, Model Released] Geschwister benutzen ihre Smartphones waehrend sie im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzend fersehen, aufgenommen am 13. Dezember 2015 in Luzern. (KEYSTONE/Christof Schuerpf)

Besonders wenn Eltern die Hausaufgaben als Begründung für ein Verbot ins Feld führen, kann sich dies als kontraproduktiv erweisen. Bild: KEYSTONE

Interview

Schlechtere Noten wegen Handyregeln: «Wenn Papa Snapchat verbietet, trötzeln die Kinder» 

Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt: Kinder, die ihr Smartphone uneingeschränkt nutzen dürfen, sind später an der Uni schlauer als die anderen. Was Trotzreaktionen und Recherchetools damit zu tun haben, sagt die Co-Studienautorin im Interview. 



Eltern sprechen ein Handy- oder Fernsehverbot oft mit besten Absichten aus. Doch nun liefert eine Studie der Universität Zürich überraschende Befunde: Kinder, die klaren Medienkonsumregeln folgen müssen, schneiden später im Studium nicht besser ab als andere, sondern sogar schlechter. 

Frau Hargittai, sollten Eltern ihren Kindern nun erlauben, so viel Zeit auf Snapchat und Co. zu verbringen, wie sie möchten? 
Eszter Hargittai: Nicht unbedingt. Aber wichtig ist es, nicht einfach Regeln aufzustellen sondern mit den Kindern darüber zu diskutieren. Empfehlenswert kann auch sein, die verschiedenen Apps zusammen zu nutzen und dabei auch die Besonderheiten der Anwendungen zu berücksichtigen. Denn bestimmte Spiele zum Beispiel können hilfreich sein, um das strategische Denken und analytische Fähigkeiten zu entwickeln. 

Bild

Eszter Hargittai ist Co-Autorin der Studie und Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. bild: zvg

Besonders wenn die Eltern den Kindern das Handy mit der Begründung wegnehmen, dass sie sich auf die Schule und auf die Hausaufgaben konzentrieren sollen, kann sich das rächen. Wie erklären Sie sich das? 
Das ist eine schwierige Frage. Eltern stellen diese Regeln im Normalfall auf, um ihre Kinder zu fördern und sicherzustellen, dass sie genügend Zeit in die Schule investieren. Doch von früheren Studien weiss man, dass restriktive Regeln in Bezug auf Technologien allgemein gesehen negative Auswirkungen haben können. Wenn ihnen Mama oder Papa Snapchat verbietet, trötzeln die Kinder eventuell und machen die Hausaufgaben nur patzig. Eine andere mögliche Erklärung ist, dass gewisse Technologien bei den Hausaufgaben hilfreich sein können. Das Smartphone zum Beispiel ist bei Recherchen natürlich eine grosse Unterstützung. 

Ist der Zusammenhang nicht umgekehrt: Wer Schulprobleme hat, dem werden strengere Handy-Regeln auferlegt? 
Wir haben die schulischen Fähigkeiten in der statistischen Analyse berücksichtigt. Der negative Einfluss von Technologieregeln auf die späteren Schulnoten zeigte sich unabhängig davon.

Wenn Eltern an Stelle der Hausaufgaben gesundheitliche Gründe für ihre Regeln anführen, zum Beispiel Bewegungsmangel, überanstrengte Augen oder eine schlechte Haltung vor dem Computer, hat das keinen schlechten Einfluss ...
Genau. Diese Kinder zeigten später an der Universität vergleichsweise bessere schulische Leistungen. Vermutlich regeln Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen, nicht nur deren Medienkonsum, sondern fördern zugleich andere Aktivitäten, von denen die Kinder langfristig profitieren. Interessant sind aber auch besonders die Unterschiede je nach Geschlecht der Kinder. 

«Mädchen mit den neuen Medien Angst einzuflössen, ist schlecht für die Gleichberechtigung.»

Wie meinen Sie das? 
Eltern argumentieren Mädchen gegenüber eher mit Sicherheits- oder Datenschutzbedenken, während sie Knaben gegenüber eher gesundheitliche Gründe oder das Argument der Zeitverschwendung nennen. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Aspekt, nicht konkret in Bezug auf die schulischen Leistungen, aber gesamtgesellschaftlich gesehen.

Warum? 
Wissen Sie, die Eltern fürchten sich vor Pädophilen oder Perverslingen und wollen nicht, dass man ihre Töchter auf dem Internet finden und kontaktieren kann – das ist auch verständlich. Aber Mädchen mit den neuen Medien Angst einzuflössen, ist schlecht für die Gleichberechtigung. Denn die neuen Medien bieten viel Innovationspotenzial – von diesem werden die Mädchen so ausgeschlossen.

Sie stiessen auch auf Unterschiede je nach Ethnizität der Eltern.  
Auffällig ist, dass afroamerikanische Eltern weniger auf strikte Regeln setzen als asiatisch-amerikanische. Letztere verhängen eher Regeln und dies in mehreren Bereichen. 

Eltern und Kinderpsychologen befürchten gemeinhin, dass die ständige Verfügbarkeit von elektronischen Kommunikationsmitteln den Kindern schadet, dass es ihre Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Wie kamen Sie darauf, dieses Thema genau unter die Lupe zu nehmen? 
In Bezug auf Medienkonsum vermuten wir viel, wissen hingegen tun wir wenig. Um Fehlschlüsse zu vermeiden, ist es wichtig, dass die Wissenschaft solchen Fragen systematisch nachgeht. Zu oft sehen die Leute die neuen Medien als etwas schlechtes für die Kinder und wollen sie regulieren. Und gewiss gibt es Aspekte, die heikel sein können. Doch einfach restriktiv damit umzugehen, ist meiner Meinung nach falsch. Die Diskussion ist wichtig. 

Wie kamen Sie an die Daten für die Studie?
Wir befragten über 1100 Erstjahres-Absolventinnen und -Absolventen der University of Illinois at Chicago. Diese Universität ist für ihre grosse soziodemografische Vielfalt bekannt. Die Studenten sind im Schnitt 18 Jahre alt. Wir befragten sie nach ihren Noten, nach ihrem sozialen Hintergrund und dazu, wie sie sich an die früheren Handyregeln erinnern und wie sie diese nachträglich einschätzen.

Die Studie wurde in den USA durchgeführt – wie würde das Resultat in Europa aussehen?
Ich denke, die Verhältnisse in Bezug auf Handykonsum und -regeln sind in europäischen Ländern ähnlich. Die Eltern sind sich allgemein zu wenig bewusst, welche Auswirkungen ihre Kommunikation haben kann. Dass es eine Rolle spielt, mit welchen Argumenten sie den Handykonsum ihrer Kinder einschränken.

«Kinder in den sozialen Medien? Das geht nicht!»

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Video: watson/Emily Engkent

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • jive 06.06.2018 14:09
    Highlight Highlight Und was ist mit den jungen Menschen, welche es nicht an die University schaffen (aus welche Gründen auch immer)? Ich denke, darunter wären einige, welche zu Hause keine Verbote, aber auch sonst wenig Zuwendung hatten. Dadurch hat diese Studie für mich sehr wenig Aussagekraft!
  • T0815 06.06.2018 12:48
    Highlight Highlight Wichtiger ist es, sich mit den Kindern zu beschäftigen, etwas mit ihnen Spielen, zusammen etwas erleben, dann ist auch das Smartphone nicht mehr so interessant.

    Wenn die Kinder aber schon als Kleinkind mit dem Smartphone ruhig gestellt werden wirk sich das meiner Meinung negativer aus als fixe Regeln zum Medienkonsum.

    Auch bin ich immer noch der Meinung, dass Eltern einfach auch mal nein sagen dürfen. Bei dem Wetter sollte man draussen etwas machen, bedeutet aber, dass man aktiv als Vorbild voraus gehen muss.
  • Shin Kami 06.06.2018 10:29
    Highlight Highlight Naja verbotenes ist immer interessanter, daher sind verbote meistens kontraproduktiv. Ausserdem kann man mit verboten keinen vernünftigen Konsum lernen. Eine einfache unbeschriftete Tür ist völlig uninteressant, aber eine auf der gross "Privat" oder "Zutritt verboten" steht ist um einiges interessanter...
  • Bruno S.1988 06.06.2018 10:00
    Highlight Highlight Nach all den gestrigen negativen Reaktionen auf meine Kommentare, bin ich nun ziemlich froh über dieses Interview. Hier wird mein Standpunkt nochmals mittels Studie durch eine Fachperson bestätigt.
    Benutzer Bild
    • Raffaele Merminod 06.06.2018 14:17
      Highlight Highlight Ging mir auch so. War darüber auch sehr erstaunt.
      Interessanterweise wird nun hier nicht mehr gross kommentiert. Woran liegt das?
  • kupus@kombajn 06.06.2018 08:34
    Highlight Highlight Verbote sind meistens sowieso der falsche Weg, nicht nur in der Kindererziehung sondern überhaupt. Nicht verbieten soll man, sondern die Problematik verständlich aufzeigen und darüber diskutieren. Das habe ich als Vater auch lernen müssen. Es fiel mir allerdings relativ leicht, weil ich meine Kindheit und Jungend noch ziemlich präsent in der Erinnerung habe.
    • Madison Pierce 06.06.2018 10:54
      Highlight Highlight Das stimmt grundsätzlich schon, "ist so, weil ist so"-Verbote sind nicht sinnvoll.

      Aber wenn ich an meine IT-Erfahrungen als Jugendlicher zurückdenke, hat es Verbote gebraucht. Einfach, weil bei Kindern und Jugendlichen die Vernunft noch nicht voll entwickelt ist. Schon normale Spiele ("nur noch ein Level!") hatten ein so grosses Suchtpotential, dass ich alles andere vernachlässigt habe (Hausaufgaben nicht gemacht, zu wenig Schlaf etc.). Bis mir das PC-Stromkabel konfisziert wurde.

      Ich denke heute ist das Suchtpotential dank Chats und Likes noch grösser als früher bei den Offline-Games.
    • Panna cotta 06.06.2018 11:09
      Highlight Highlight Kinder interessieren sich nicht für "verständlich aufgezeigte Problematiken", solange sie nicht verstehen können, dass sie nicht das Zentrum des Universums sind. Eltern sollen ein Verbot durchaus begründen, ganz klar. Dass Verbote in der Kindererziehung der falsche Weg sind, halte ich jedoch für eine gewagte These.
    • kupus@kombajn 06.06.2018 13:17
      Highlight Highlight Das sehe ich ja nicht anders. Deshalb schrieb ich, dass es meistens der falsche Weg ist, nicht immer. Ich ziehe klare und begründete Regeln vor. Wenn gegen die Regeln verstossen wird, gibt es natürlich auch ein begründetes Verbot.

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