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Elizabeth Holmes, founder and CEO of Theranos, speaks at the Wall Street Journal Digital Live (WSJDLive) conference at the Montage hotel in Laguna Beach, California, October 21, 2015. REUTERS/Mike Blake

Bild: MIKE BLAKE/REUTERS

Wie das Kartenhaus der jüngsten Selfmade-Milliardärin Elizabeth Holmes zusammenbrach

Als 19-jährige Studiumsabbrecherin gründete Elizabeth Holmes die Blutdiagnostik-Firma Theranos. Sie wurde zur gefeierten Milliardärin, bis ihr Riesenbluff aufflog. Das Magazin «Vanity Fair» hat ihren spektakulären Auf- und Abstieg nachrecherchiert.

Stefan Trachsel
Stefan Trachsel



Elizabeth Holmes hat nur nach den Spielregeln gespielt, nach denen das Silicon Valley funktioniert. Ja, sie hat das Spiel, bei dem es um das Verkaufen einer Vision geht, viel besser gespielt als alle anderen. Zu diesem Schluss kommt der Reporter Nick Bilton, der den spektakulären Aufstieg und Fall der jungen Ex-Milliardärin für das Magazin Vanity Fair aufgerollt hat.

Holmes ist die Gründerin der Firma Theranos, deren Namen sich aus den Worten «therapy» und «diagnose» ableitet. Das revolutionäre Produkt von Theranos ist eine Technologie zur Blutdiagnose: Mit lediglich ein paar Tropfen aus der Fingerspitze sollen hunderte Krankheiten erkannt werden. Sollten: Denn vermutlich funktioniert die Technologie gar nicht. Mehrere US-Behörden ermitteln.

Mehr als eine Idee

Ins Rollen gebracht hatte den Skandal ein Reporter des «Wall Street Journals», der vor gut einem Jahr über Probleme bei den Tests des Start-ups berichtet hatte. Für die Blutdiagnosen verwende Theranos Geräte der Konkurrenz, schrieb John Carreyrou. 

Nachdem der Bericht das vorläufige Ende von Theranos einläutete, fragt sich Reporter Bilton, wie Holmes überhaupt so weit gekommen ist? Wie sie es schaffte, eine Firma im Wert von rund neun Milliarden Dollar aufzubauen, ohne dass jemand merkt, dass deren Produkt gar nicht funktioniert?

Holmes habe schon als 19-Jährige gewusst, wie der Hase im Silicon Valley läuft, schreibt Bilton in «Vanity Fair». Das begann beispielsweise so: Als Erstsemestrige an der Prestige-Uni Stanford nahm sie den Kleidungsstil von ihrem Idol Steve Jobs an – schwarzer Rollkragenpulli. Jedem, der es hören wollte, erzählte sie, wie strebsam sie sei und dass sie nie Ferien mache.

Für ein bisschen Exzentrik experimentierte sie mit dem Veganismus. Und als sie um 2003 in der Techszene erschien, staffierte sie ihre Idee mit einer Geschichte aus: Sie habe schon als Neunjährige in einem Brief an ihren Vater geschrieben, sie wolle in ihrem Leben etwas «Neues entdecken, etwas, das die Menschheit nicht für möglich gehalten hätte», erzählte sie. Die Idee für Theranos entstamme ihrer eigenen Angst vor Spritzen, wiederholte sie hundertfach vor Investoren und in den Medien. Ihre Vision war, die Welt zu verändern.

Skeptische Professoren

Die Wirklichkeit war aber komplizierter, wie Journalist Bilton in seinen Recherchen herausfand. Holmes war mit ihrer Idee an mehrere ihrer Professoren in Stanford herangetreten und die liessen sie mehrheitlich abblitzen. Medizinprofessorin Phyllis Gardner erinnerte sich, wie sie Holmes gesagt habe, ihre Idee werde kaum funktionieren. Aus ein paar Tropfen Blut liessen sich schlicht nicht so viele Informationen herauslesen.

Bei Investoren, denen der medizinische Hintergrund abging, hatte Holmes dagegen mehr Erfolg. Es gelang der jungen Frau – dass sie eine Frau in der von weissen Männern dominierten Welt des Silicon Valley war, half ihr laut Bilton –, die ersten von bis heute 700 Millionen Dollar an Finanzierung zu sichern. Holmes überzeugte die Investoren damals von einer eher unüblichen Bedingung: Sie sicherte sich Stillschweigen ihrerseits zu. Die Anleger würden nicht über die Technologie informiert werden.

Es gab aber auch Skeptiker, Google beispielsweise. Über das Konzern-Vehikel Google Ventures interessierte sich der Technologiekonzern für Theranos und wollte mehr herausfinden. Als Theranos nicht auf Anfragen einging, schickte Google jemanden zum Selbsttest. Der Testperson sei klar geworden, dass wohl etwas nicht stimme, als ihr statt ein paar Tropfen Blut mehrere Ampullen Blut am Arm abgenommen wurden. Auch das Verteidigungsministerium, dem Holmes ihre Technologie für den Krieg in Afghanistan anbot, wurde skeptisch, als sich die Testresultate als unpräzis erwiesen.

Verwaltungsräte ohne Fachwissen

Um die Maskerade aufrecht zu erhalten, installierte Holmes bei Theranos eine Kultur der Geheimniskrämerei: Die Abteilungen des Unternehmens arbeiten laut «Vanity Fair» isoliert, Angestellten ist es verboten, miteinander über ihre Jobs zu reden. Als Gründerin, Konzernchefin und Verwaltungsrats-Präsidentin hält Holmes alle Zügel fest in der Hand. Kritiker oder auch nur ehemalige Angestellte, die in ihrem LinkedIn-Profil zu viel verraten über ihre Tätigkeit bei Theranos, erhalten Post von einer Anwaltskanzlei. Im Verwaltungsrat sicherte sich Holmes die Dienste namhafter Ex-Politiker wie des ehemaligen US-Aussenminister Henry Kissinger, der wie die meisten seiner Kollegen keine Ahnung von Medizin hat. 

Schon bevor das «Wall Street Journal» über Unregelmässigkeiten bei Theranos berichtete, waren mehrere US-Behörden auf das angebliche Wunderunternehmen aufmerksam geworden und untersuchten dessen Gebaren. Probleme mit dem Labor wurden aufgedeckt: Ein noch nicht rechtskräftiges Urteil verbietet Holmes mittlerweile, ein Labor zu betreiben. Selbst die Bundespolizei FBI soll ermitteln.

Keine Rollkragenpullis mehr

Doch laut Reporter Bilton weist vorerst nichts darauf hin, dass Holmes ans Aufgeben denkt. Die Rollkragenpullis soll sie zwar abgelegt haben, aber sie spricht schon von einer neuen Technologie, mit der sie Blutdiagnosen erstellen will.

SAN FRANCISCO, CA - OCTOBER 06:  NBC News Special Anchor Maria Shriver (L) and Theranos Founder and C.E.O. Elizabeth Holmes speak onstage during

Die packende Gründerstory der Elizabeth Holmes wurde an Podiumsdiskussionen gern gehört. Sie war womöglich zu gut, um wahr zu sein. Bild: Getty Images North America

Für Bilton ist Holmes' Geschichte symptomatisch für die Gründerszene im Silicon Valley, in dem so vieles davon abhängt, eine packende Geschichte zu erzählen. Auch wer Joghurt mit einer neuen App an den Mann bringen will, muss glaubhaft aufzeigen, wie er damit die Welt zum Guten verändert.

Genauer hinschauen, nützt oft niemanden. Jeder Gründer strebt nach Bestärkung auf der Suche nach Geldgebern, die meinen, in das nächste Facebook oder Google zu investieren. Oder um es in Biltons Worten zu sagen: «In the end, it isn’t in anyone’s interest to call bullshit.» (Frei übersetzt: Niemand hat ein Interesse daran, Bullshit aufzudecken.) In diesem System blüht eine Visionärin wie Holmes. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Herbert Anneler 09.09.2016 12:28
    Highlight Highlight Die Spitze des Eisberges jener Wirtschaftswelt, die nur noch eines kennt: blinde Gier!
  • wololowarlord 08.09.2016 11:47
    Highlight Highlight Was bedeutet Selfmade-Milliardärin in diesem Zusammenhang? Besitzt sie effektiv eine Milliarde oder bezieht sich das nur darauf, dass sie ein Unternehmen gründete, welches über eine Milliarde "wert" ist?
    • Blutgrätscher 08.09.2016 14:59
      Highlight Highlight Wenn du ein Unternehmen besitzt, dass mehr als eine Milliarde wert ist, bist du schon ein Milliardär.
      Eine Milliarde Cash hat kaum jemand.
      Das gleiche würde ja auch z.b. dafür gelten, wenn du Microsoft Aktien im gleichen Wert hätttest.

      Jedoch ist ihr Unternehmen (sie mit eingeschlossen) jetzt wohl keine Milliarde mehr wert.
  • Firefly 08.09.2016 10:34
    Highlight Highlight Die Geschichte wird sich hoffentlich lehrreich auf das Ivestoren Milieus im Silikon Vally auswirken
  • Jay_Jay 08.09.2016 09:40
    Highlight Highlight In diesem System blüht eine Visionärin wie Holmes. Wie bitte? Das hat doch mit verglühen nichts zu tun. Die hat gelogen und ist aufgeflogen...
  • kliby 08.09.2016 09:36
    Highlight Highlight Jetzt wärs ja noch interessant zu sehen, wo Frauenförderung (etwa in Form von politisch 'korrekter' Konditionierung auf dem Unicampus, in der öffentlichen Debatte etc) zu Fehlanreizen geführt hat. Ohne ihr weibliches Geschlecht wär dieses Lügenmärchen, der Artikel erwähnt es, kaum so gigantisch rausgekommen.
    • Iron 08.09.2016 10:25
      Highlight Highlight Bernard Madoff, Jeff Skilling, John Corzine oder Bernard Ebbers sind nur einige Männer bei denen Betrügereien auch ziemlich gigantisch rausgekommen sind. Das Geschlecht würde ich jetzt nicht als Hauptgrund nennen.
    • kliby 08.09.2016 15:46
      Highlight Highlight Iron "dass sie eine Frau in der von weissen Männern dominierten Welt des Silicon Valley war, half ihr laut Bilton".
      Es ist die Aussage dieses Reporters Bilton, nicht von mir, und seien wir realistisch: sie hat Hand und Fuss. Und du bist der einzige der von Hauptgrund spricht. Lesen und differenzieren tut Wunder.
    • Crecas 08.09.2016 18:57
      Highlight Highlight Dann würde ich eher das Frauenbild des Autors hinterfragen, als die Geschlechterdiskussion weiterzuverfolgen.
  • Tilman Fliegel 08.09.2016 08:50
    Highlight Highlight Meiner Meinung nach zeigt dies und andere Investitionsblasen vor allem eins: Es ist zuviel Geld in den falschen Händen die getrieben sind von der Gier nach noch mehr Geld. Traurig aber wahr.
    • Hierundjetzt 08.09.2016 10:03
      Highlight Highlight Korrekt auf den Punkt gebracht. Bei uns wird hier und da auch von der "bösen" Investorenklemme gejammert. Komischerweise hört man von diesen Firmen dann zwei Jahre später nichts mehr.

      Eine gute Idee findet immer Geld. So einfach ist das.
    • demokrit 08.09.2016 11:14
      Highlight Highlight Nur gute Ideen, die sich monetarisieren und patentieren lassen.
    • Hierundjetzt 08.09.2016 11:28
      Highlight Highlight Vielleicht nicht mal patentieren. Aber eine Marktlücke füllen oder eine bestehende Idee besser umsetzten. Der Kreis 4 ist voll von solchen "Laboren", zum Glück stellt der Kanton bzw. die Stadt extra Fördermittel dafür bereit. Nicht viel aber immerhin.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Chili5000 08.09.2016 08:00
    Highlight Highlight Sie macht ja nix anderes als Manager hier bei grossen Unternehmen auch tun. Sich gut verkaufen absahnen und danach einen anderen Job suchen weil sie keine Ahnung haben. Sehe es bei uns im Betrieb. Jedes Jahr ein neuer Häuptling mit dazugehörendem Uni Abschluss und 0% Ahnung von der Branche. Ich muss aber zugeben das ihre Powerpoint-Skills unschlagbar sind....
    • leu84 08.09.2016 08:10
      Highlight Highlight Bestimmt ein Regenbogen-PowerPointer. Jemand der die PowerPoints mit vielen Farben verschönert
    • Crecas 08.09.2016 08:52
      Highlight Highlight Ich habe auch viele CEOs kennengelernt, die ihr Geld nicht Wert sind, schlecht arbeiten und viel zu viel verdienen.

      Es gibt aber natürlich auch unglaublich gute Manager... Darum würde ich nicht generalisieren.
    • Firefly 08.09.2016 10:44
      Highlight Highlight Fragt sich wie sich die einen von den anderen unterscheiden lassen oder wie man einen guten Manager erkennt. Wahrscheinlich reden, versprechen dir die guten nicht das Blaue vom Himmel auch wenn wir das Blaue gerne hätten
  • Lord_ICO 08.09.2016 07:41
    Highlight Highlight Investoren pumpen Geld in eine Blackbox, nur weil die hübsche ach so intelligente Firmenchefin ihnen das blaue vom Himmel verspricht. Aber Einsicht ins Unternehmen dürfen diese Investoren nicht haben, alles geheim. Langsam merkt man was diese Investoren für Idioten sind, mit etwas Recherche hätte man hier innert kürzester Zeit mitgekriegt, dass dieses Unternehmen zum Himmel stinkt. Aber hey scheissen wir sie zu mit Geld, wer mit 19 Jahren das Gefühl hat mehr zu wissen als ihre Professoren muss ein Genie sein!
    • ottonormalverbraucher 08.09.2016 07:58
      Highlight Highlight "mit etwas Recherche hätte man hier innert kürzester Zeit mitgekriegt, dass dieses Unternehmen zum Himmel stinkt" Ja, heute schon...
    • leu84 08.09.2016 08:12
      Highlight Highlight So ist die USA. Da kann man die grössten Märchen erzählen und man glaubt dir
    • Crecas 08.09.2016 08:54
      Highlight Highlight Es ist wirklich erstaunlich. Zum grossen Teil hat da wohl der Herdentrieb gespielt. Aber alle waren nicht dumm wie Schaafe (siehe Google, die nicht eingestiegen sind).
    Weitere Antworten anzeigen
  • DerTaran 08.09.2016 07:40
    Highlight Highlight Witzigerweise hätte sie mit ihren Fähigkeiten auch so Erfolg gehabt, sie hätte nur jemanden mit ins Boot nehmen müssen, der/die weiss was er/sie tut. Jobs hatte ja auch einen Wozniak.
  • pamayer 08.09.2016 07:25
    Highlight Highlight Schon köstlich, wie weit eine/einer kommt, wenn sie alles richtig macht und sich perfekt verkauft. Ein milliardenbusiness um ein goldiges nütelinüt.



    Bei ihren Fähigkeiten habe ich keine angst um sie. Sie könnte ja apple übernehmen, in die Politik einsteigen, ins consultig business einsteigen oder autos verkaufen.
    Immer dasselbe: grosser guru um nix.
  • Big ol'joe 08.09.2016 07:19
    Highlight Highlight Tja, der Grossteil der Unternehmen im Silicon Valley ist Bullshit!

    Die Investoren geben Unternehmen Geld, welche mit ihren Konzepten nie im schwarzen Bereich landen. Z.B. Uber, Airbnb etc. die machen keinen Gewinn. Die Investoren geben nur Geld, weil es momentan billig ist und sie die Hoffnung haben dass es einmal fette Kühe wie facebook/google wird.
    Das sind riesige Blasen, die sich da auftun, und die grösste von allen ist das Geld an sich. Passt auf! Das wird sehr, sehr böse enden!
    • ottonormalverbraucher 08.09.2016 08:01
      Highlight Highlight @big joe Wie sollen wir aufpassen? Was sind deine Vorschläge für den Otto Normalverbraucher?
    • Big ol'joe 08.09.2016 08:42
      Highlight Highlight Facebook und co sind ferte Kühe, da kommt die Kohle. Tesla hat Entwicklungspotenzial.
      Amazon, Uber, airbnb, whatsapp (gut, gehört fb), all die "sharing-economy"-Unternehmen machen kein Gewinn, seit Jahren nur Verluste.
      Mit Investoren-Gelder. Unterwandern sie den Markt, zerstören ihn, bis sie ein Monopol errichten können. Dann kommen sie eventuell in schwarze Zahlen. Bis dann ist der Arbeitnehmerschutz zerstört und eine kleine Elite sahnt ab.
      Ihr schreit ja immer, diese bösen Eliten und so ausländer raus... Dort ist das Problem, das silicon valley bestimmt das Globale Recht. Ohne Kontrolle
    • Tilman Fliegel 08.09.2016 08:52
      Highlight Highlight Airbnb soll nicht im schwarzen Bereich sein? Das kann ich kaum glauben.
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