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Frauen in der Nähe von Dharamsala, fotografiert am internationalen Frauentag.
Frauen in der Nähe von Dharamsala, fotografiert am internationalen Frauentag.
Bild: SANJAY BAID/EPA/KEYSTONE
Interview

«Praktisch alle Mädchen hatten Angst, während der Mens auf die Strasse zu gehen»

In vielen Entwicklungsländern verhindern jahrhundertealte Mythen und Bräuche um die Menstruation die Gleichberechtigung der Frau – und setzen sie ausserdem gesundheitlichen Gefahren aus. Im Interview spricht Entwicklungshelferin Jane Carter darüber, was das Tabu für Frauen in Entwicklungsländern bedeutet und was getan werden muss, damit es endlich bricht.
08.03.2017, 14:2909.03.2017, 05:05
<b>*Jane Carter </b>ist Gender-Expertin bei Helvetas und betreut Projekte, die Menschen in Entwicklungsländern über Menstruation aufklären. Carter doktorierte zu Forstwissenschaft in ruralen Gebieten Nepals, lebte mehrere Monate dort, sowie in Indien, Sri Lanka, Kenya und Australien.
*Jane Carter ist Gender-Expertin bei Helvetas und betreut Projekte, die Menschen in Entwicklungsländern über Menstruation aufklären. Carter doktorierte zu Forstwissenschaft in ruralen Gebieten Nepals, lebte mehrere Monate dort, sowie in Indien, Sri Lanka, Kenya und Australien.
bild: zvg

Jane Carter*, es ist Frauentag, wir sprechen über Menstruation …
Ach, Frauentag. Da wird immer viel Furore gemacht, aber ich finde natürlich, es sollte nicht nur an einem Tag Frauentag sein. Aber gut, je mehr man über Menstruation spricht, desto besser! In vielen Gesellschaften ist Menstruation noch immer ein viel zu grosses Tabu.

In welchen?
Menstruierende Mädchen und Frauen gelten in vielen Kulturen als unrein – vor allem dort, wo religiöse Bräuche absolut zentral sind. Ob hinduistischer, islamischer, jüdischer oder christlicher Natur, spielt keine grosse Rolle. Die Frauen werden in solchen Kulturen während der Menstruation zum Teil schlechter behandelt als sonst.

Frauen während des «Chhaupadi»
Frauen während des «Chhaupadi»
bild: Zvg

Können Sie ein Beispiel nennen?
Im Hinduismus gilt die Mens als eine Zeit, in der die Frau nicht berührt werden darf. Im ländlichen, westlichen Nepal etwa legt die Tradition «Chhaupadi» fest, dass die Frau ausserhalb des Hauses bleiben und schlafen muss während der Menstruation – ursprünglich in einer Höhle, heute meistens in einfachen Hütten oder Ställen. Ausserdem dürfen die Frauen sich erst nach den vier, fünf Tagen Menstruation waschen. Das ist erstens unhygienisch und schliesst die Frau zweitens aus der Gesellschaft aus. Die gesundheitlichen Risiken – beispielsweise ernsthafte Infekte – dürfen nicht unterschätzt werden.

Frauen in einem nepalesischen Dorf.
Frauen in einem nepalesischen Dorf.
bild: zvg

Ist das nur in ländlichen Regionen ein Problem, oder auch in urbanen Zentren?
Generell kommt es darauf an, welche soziale Gruppe man betrachtet. Meistens sind die Menschen in den Städten besser informiert und eher progressiv, aber auch da gibt es Bedarf zu sensibilisieren.

«Einzig der Sikhismus macht kein Aufheben um die Menstruation.»

Wo ist das der Fall?
Ich war kürzlich in Bangladesch, in einer Gemeinde nicht weit vom Bezirkszentrum. Kein unterentwickeltes Gebiet also, gute Infrastruktur, fast alle hatten ein Handy. Helvetas unterstützt dort Gemeinden. Eine Gemeindemitarbeiterin hatte die Idee, ein Projekt mit Schulen zum Thema Menstruation zu realisieren. Auf Einladung der Gemeinde erfuhr ich in Gesprächen vor Ort von den Mädchen, dass praktisch alle Angst hatten, während der Mens auf die Strasse zu gehen, Angst, etwas Schreckliches würde passieren, Angst, das Falsche zu essen, das Falsche anzufassen. Eine Lehrerin sagte mir, 98 Prozent der Mütter würden nicht mit ihrer Tochter über die Menstruation reden. Es ist traurig, dass das Thema offenbar so belastet ist. Und gleichzeitig wurde mir ein weiteres Mal bewusst, wie wenig Input zu einer offenen Kommunikation beitragen kann. In unserem Projekt haben wir einfache Booklets verteilt, die über die Menstruation informierten.

Eine Frau kocht neben den Zuggleisen in Dhaka, Bangladesch.
Bild: ABIR ABDULLAH/EPA/KEYSTONE

Ist es schwierig, für so ein Projekt die Akzeptanz zu kriegen?
Wir arbeiten mit lokalen Partnern und zum Teil mit Regierungen und Unternehmen zusammen. Dabei muss man sich die Leute suchen, die offen sind für neue Ideen und Projekte. In Bangladesch sagten die Gemeindevertreter zunächst, es sei nicht wichtig, über Menstruation zu reden, so ein Projekt sei merkwürdig. Als aber ein Lokaljournalist auf das Projekt aufmerksam wurde, wollten sie aktiv mitarbeiten (lacht).

Wurden da auch junge Männer mit einbezogen?
Das ist eine der Herausforderungen in der Sensibilisierungsarbeit. In islamischen Kulturen versucht man oft, Mädchen und Jungen zu trennen, es werden dann nur die Mädchen aufgeklärt. Dabei wäre es sehr wichtig, den Jungen zu erklären, dass Blutungen eine natürliche Sache sind, dass es im Gegenteil unnatürlich wäre, wenn Frauen nicht bluten würden.

Das dürfte auch bei uns teilweise noch nötig sein.
Ja. Auch bei uns sind noch viele Mythen verbreitet. Meine Grossmutter beispielsweise war noch immer der Überzeugung, man solle während der Tage kein Brot backen, es würde nicht aufgehen. Eine Freundin sagte mir, ihre Mutter habe mit ihr nie über die Mens geredet. Auch wenn es heute und hierzulande scheinbar normal ist, über die Menstruation zu sprechen, ist es immer noch nicht so einfach, das Thema offen zu diskutieren.

Gibt es Gesellschaften, die grosse Fortschritte gemacht haben, was den Umgang mit Menstruation betrifft?
Sri Lanka hat mich sehr beeindruckt. Ich habe vor dreissig Jahren während zweier Jahre auf der Insel gewohnt, da war Mens noch ein absolutes Tabu. In der Zwischenzeit hat sich das Land enorm entwickelt. Letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, mit einem Unternehmen vor Ort zu sprechen, das Hygieneartikel herstellt und verkauft. Ich erfuhr, dass man heutzutage in Sri Lanka überall Binden erwerben kann. Interessant ist allerdings, dass in TV-Spots immer noch kein Blut gezeigt werden darf, sondern nur blaue Farbe.

Erstmals wurde ohnehin erst 2011 Blut in einer Werbung für Damenbinden gezeigt. Und zwar nur gedruckt, nicht am TV. Da ist die Hemmschwelle noch unglaublich hoch.
Ja, offenbar ist es nach wie vor nicht akzeptiert, Blut zu zeigen.

Apropos Damenbinden und Co.: Sind Frauen in Drittweltländer auf Hilfe angewiesen, weil selbst einfache Hygieneartikel zu teuer sind?
Das ist der Grund, warum weltweit viele Frauen Tücher benutzen anstelle von Binden, denn diese sind wiederverwendbar und kosten nichts.

«Auch bei uns sind noch viele Mythen verbreitet.»

Und wenn es kein sauberes Wasser gibt?
Das kann ein Problem sein. Vor allem aber stellt sich die Frage: Gibt es einen diskreten Ort, wo die Frauen ihre Binden auswaschen können? Dazu arbeiten wir in Schulen beispielsweise in Tansania. Dort versuchen wir zusammen mit Schulbehörden, Lehrerinnen und Lehreren, das Bewusstsein zu schaffen, dass separate Waschzonen eingeführt werden, wo Mädchen ihre Binden wechseln können.

Demo für Sri Lankas Arbeiterinnen im März 2017, nördlich von Colombo.
Bild: M.A.PUSHPA KUMARA/EPA/KEYSTONE

Was halten Sie von Menstruationstassen?
Den Cup schiebt man sich ja in die Vagina, Hygiene ist deshalb unglaublich wichtig. Das ist besonders in ärmlichen und ländlichen Regionen dieser Welt tricky und für die meisten Frauen dort keine brauchbare Lösung. Viel wichtiger als die Diskussion über Lady Cups ist es, das Vorurteil zu brechen, die Mens mache Frauen unrein und damit auch minderwertiger als Männer. 

Das ist das Bedenklichste am Menstruations-Tabu ...
Ja. Es zementiert Ungleichbehandlung und impliziert die Vorstellung, Frauen seien gegenüber Männern minderwertig. Genau dagegen kämpfen wir an. Es ist allgemein bekannt, dass die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung eines Landes damit zusammenhängt, wie stark Frauen in die Gesellschaft eingebunden sind, wie gut sie aufgeklärt und gebildet sind – und zum Beispiel einen Beruf ausüben können

Wie kann diese Entwicklung vorangebracht werden?
Noch einmal: Aufklärung und Sensibilisierung sind zentral – und das läuft beispielsweise gut über Schulen. Nicht vergessen gehen darf: Auch Jungen müssen aufgeklärt werden.

Erlebt ihr Proteste gegen Aufklärungsprojekte?
Man muss vorsichtig sein, wenn man mit solch sensiblen Themen arbeitet wie zum Beispiel der Menstruation. Wir wollen und müssen religiöse und kulturelle Bräuche akzeptieren, trotzdem stellen wir Traditionen in Frage, die Frauen oder andere soziale Gruppen herabwürdigen. In Nepal beispielsweise versuchen wir, «Chhaupadi» als Tradition nicht direkt zu kritisieren, aber dennoch den Menschen zu vermitteln, dass es wichtig ist, sich während der Menstruation zu waschen, um Gesundheitsrisiken auszuschliessen.

Gibt es eine Religion oder einen Kulturkreis, in dem Menstruation nicht negativ besetzt ist?
Ich bin nicht spezialisiert auf Religionen, meines Wissens aber macht der Sikhismus kein Aufheben um die Menstruation, sondern sieht den weiblichen Zyklus als einen gottgegebenen, biologischen Prozess. In anderen Kulturen wird die erste Menstruation eines Mädchens gefeiert. Aber das hat nicht viel mit der Akzeptanz des weiblichen Zyklus' zu tun, sondern eher damit, dass die Frau dann geschlechtsreif ist und verheiratet werden kann. Die erste Periode ist das natürliche Zeichen der einsetzenden Fruchtbarkeit eines Mädchens. Aber heutzutage bekommen Mädchen die Mens unter Umständen bereits mit 12. Als Entwicklungsorganisation engagieren wir uns gegen Kinderheiraten, aber das ist ein anderes Thema.

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