Holland
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Folterkammer in den Niederlanden

Zahnarztstuhl im «Behandlungszimmer»: Die Entdeckung des eigens eingerichteten Foltercontainers schockt die Niederlande. Bild: Politie NL

Gangster bauten Folterkammer – neue Dimension im niederländischen Drogenkrieg



Ein Container, von innen dick mit silberner Folie isoliert. In der Mitte ein altmodischer Zahnarztstuhl mit Riemen zum Festschnallen der Arme, dazu Handschellen und ein ganzes Arsenal an Werkzeugen, um Menschen zu quälen. Die Entdeckung einer geheimen Folterkammer schockt sogar die hartgesottenen Polizisten des niederländischen Einsatzkommandos: «Fucking hell!», ruft einer in dem Video, das die Polizei zu dem spektakulären Einsatz veröffentlichte.

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«Politie Landelijke Eenheid - Politie ontdekt onderwereldgevangenis met martelkamer.» Video: YouTube/Politie Landelijke Eenheid

Am Mittwoch, dem Tag nach der Entdeckung der umgebauten Seecontainer, wird alles klarer: Dahinter stecken nach ersten Ermittlungen Rauschgifthändler. Der Hauptverdächtige ist nach Polizeiangaben der 40-jährige Robin Van O. aus Den Haag. Er gehöre einer der führenden Drogenbanden des Landes an, berichtet die niederländische Zeitung «NRC Handelsblad».

Van O. sei in den Konflikt zwischen den Top-Kriminellen Ridouan Taghi und Mustapha «Moes» F. geraten, die in den vergangenen Jahren einen regelrechten Drogenkrieg in den Niederlanden entfesselt hatten, bei dem mehrere Personen zum Teil auf offener Strasse liquidiert wurden. Er habe zur «alliantie» («Allianz») gehört, einer Vereinigung mehrerer krimineller Gruppen, die gegen Taghi zusammenarbeiteten.

Ridouan Taghi
https://twitter.com/gulftoday/status/1206684917595287552/photo/1

Ridouan Taghi. Bild: Twitter

Van O., der früher ein Fitnesscenter in Utrecht betrieben hatte und von seinen Feinden «Sport» genannt wurde, sei auf einer Todesliste von Taghi gestanden. Sein Fitnesscenter war bereits mehrmals beschossen worden; aus Dokumenten gehe zudem hervor, dass ein Bewaffneter das Haus, in dem Van O.'s Lebenspartnerin und seine Kinder wohnten, aufgesucht habe.

Gehackte Chatgespräche

Bereits seit April war der Hauptverdächtige im Visier der Polizei, unter dem Verdacht des Drogenhandels und der Vorbereitung einer Liquidierung. Van O. wurde mit fünf weiteren Personen am 22. Juni festgenommen. Bei dreizehn Hausdurchsuchungen wurden insgesamt 25 Waffen sichergestellt.

Im Zuge der Ermittlungen waren die Fahnder auf die nur wenige hundert Meter von der belgischen Grenze entfernte Lagerhalle im Ort Wouwse Plantage in der Provinz Noord-Brabant gestossen. Am Dienstag veröffentlichte die Polizei Bilder von sieben Seecontainern, die zu Zellen und einer Folterkammer umgebaut worden waren.

Von aussen schien alles ganz harmlos. Doch dann bekam die Kripo Zugang zu dem inzwischen geschlossenen Netzwerk EncroChat, das vor allem von Kriminellen genutzt wurde. Es war von europäischen Ermittlern geknackt worden – monatelang konnten sie Telefon- und Chatgespräche abfangen. Die Verdächtigen sprachen darin über geplante Entführungen und Folterungen. Die Lagerhalle nannten sie «EBI» («Extra Beveiligde Inrichting») – eine Anspielung auf den Hochsicherheitstrakt der Strafanstalt Vught.

Zahnarztstuhl und Zangen

Für die Niederländer war es ein Schock. Folter ist als Druckmittel in der Unterwelt zwar nicht neu. Doch noch nie zuvor waren eigens dafür eingerichtete und umgebaute Räume entdeckt worden. «Das ist doch eine neue Dimension auch bei Kriminellen», sagte ein Polizeisprecher. Neben den Waffen wurden auch gestohlene Polizeiuniformen, kugelsichere Westen sowie Blaulichter beschlagnahmt. Diese sollten bei den Entführungen eingesetzt werden, die gemäss der Polizei mit grosser Präzision vorbereitet waren. Die Verdächtigen hatten dafür mehrere «Teams» gebildet, darunter ein «OT» (Observationsteam).

Folterkammer in den Niederlanden

Chemische Toilette mit Handschellen in einem der Container, die als Gefängniszelle dienen sollten. Bild: Politie NL

In einem der Container stand – wie aus einem Horrorfilm – der Zahnarztstuhl. Daneben Heckenscheren, Zangen, Bohrer, chirurgische Instrumente und auch Klemmen, um einzelne Finger zu fixieren. Die Verdächtigen nannten es das «Behandlungszimmer», teilte die Polizei mit. «Wenn ich den auf dem Stuhl habe, dann kommt noch mehr», hatte einer im Chat geschrieben. «Aber der Hund ist spurlos verschwunden.»

Folterkammer in den Niederlanden

Sichergestellte Folterwerkzeuge. Bild: Politie NL

Die Polizei hatte die potenziellen Opfer anhand der Chatgespräche identifiziert und rechtzeitig gewarnt. Auch sie waren nach Angaben eines Polizeisprechers Personen aus der Unterwelt, sollten vermutlich unter Druck gesetzt und erpresst werden. Doch noch bevor die Folterkammer genutzt werden konnte, griff die Polizei jetzt zu.

(dhr/sda/dpa)

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Knäckebrot 09.07.2020 09:49
    Highlight Highlight Die Entführungsmethode via Polizeiverkleidung ist auch sehr unheimlich, bei der man leicht drauf einfallen kann.

    So wurde auch Marshal Johnson Jr. in Saudi Arabien entführt, gefoltert und ermordet. Ist zwar ein ganz anderer Fall aber dieselbe Methode.
  • Dr no 09.07.2020 09:04
    Highlight Highlight In der regel gehen sich die drogengangster vor allem gegenseitig an der kragen - von dem her ist es mir egal.
    • T13 09.07.2020 10:11
      Highlight Highlight Was wenn dein Verwandter abhängig werden würde, dann in solche Kreise kommt und am Ende in eine dieser Kammern landet, wärs dir dann immer noch egal?
      Leute wie du machen diese Welt fast genauso schlecht wie diese Kriminellen.
    • Echsenmensch 10.07.2020 15:19
      Highlight Highlight Regel Nr. 1: Nie selber den Stoff konsumieren wo du vertickst ;)
      Ich glaube kaum, dass ein "normaler" Drogensüchtiger in solche Banden kommt.
  • Kiro Striked 09.07.2020 06:58
    Highlight Highlight So traurig das alles klingt.

    Diese Banden, hätten ohne den gescheiterten "War on Drugs" den wir seit Dekaden kämpfen, nichtmal annähernd so viel Macht.

    Aufklärung und Prävention anstatt Prohibition.

    Suchthilfe anstatt Gefängnis, und der grösste Teil des Schwarzmarktes würde zum erliegen kommen.

    Regulierte, Versteuerte abgabe von BTM's und man hätte auch weniger schwer Suchtkranke.

    Portugal macht es vor.

    Solche Folterräume werden kein Einzelfall sein, und werden nicht verschwinden, wenn sich in der Dropgenpolitik nichts tut.
  • Dirk Leinher 08.07.2020 23:28
    Highlight Highlight So ein Zahnarztstuhl wurde auch in einem Badezimmer auf der Insel von Epstein entdeckt. Es geht den Kriminellen und den Pädophilen wirklich ans Eingemachte zur Zeit. Da ist es nicht verwunderlich dass die Kritik an der Polizei und die Forderung der Abschaffung der Polizei ebenfalls so laut gefordert wird. 1+1=2.
    • T13 09.07.2020 10:06
      Highlight Highlight Wer fordert die Abschaffung der Polizei?

      Es wird nur gefordert das die Polizei nicht für alles zuständig gemacht wird.
      Dafür soll ein Teil des Budgets der Polizei für andere soziale Dienste ausgegeben werden.
      Damit die Polizei sich auf ihre Aufgaben fokussieren kann.
      Wie z. B. solche Verbrechen aufzudecken und zu verhindern.
      Und nicht einem 13 jährigen eine geladene Waffe vorn Kopf zu halten weil der zuhause Probleme macht.
  • Magenta 08.07.2020 19:05
    Highlight Highlight Hostel lässt grüssen...
    schauderhaft!
  • Erlins Bach 08.07.2020 18:52
    Highlight Highlight Nebst einer Portion Hostel also noch ein Schuss The Wire und eine Prise French Connection. Läuft. WTF!
  • Gopfidam 08.07.2020 18:44
    Highlight Highlight Irgendwie sehe ich Dexter vor mir
    • Mia_san_mia 09.07.2020 10:36
      Highlight Highlight An das habe ich auch gedacht...
  • mrmikech 08.07.2020 18:36
    Highlight Highlight Das passiert wann man drogen nicht kontrolliert legalisiert.
  • Lustiger Baum 08.07.2020 18:32
    Highlight Highlight Wie abgebrüht oder falsch gewickelt muss man nur sein, um so etwas zu bauen oder gar anzuwenden.
    Da wird einem schlecht. Aber der Mensch konnte schon immer grenzenlos kreativ sein beim Leid zufügen.
    • Echsenmensch 10.07.2020 15:21
      Highlight Highlight Extreme Lebensumstände lassen alles möglich machen... fressen oder gefressen werden.
  • Likos 08.07.2020 18:25
    Highlight Highlight Das kommt davon, wenn man das Koks in den Bananen vergisst...
  • chnobli1896 08.07.2020 18:11
    Highlight Highlight Mir wird schlecht wenn ich diese Bilder sehe...
  • Pinkerton 08.07.2020 18:00
    Highlight Highlight Und ein weiterer Fall von importierter Kriminalität. Was für eine Überraschung.
    • Grabeskaelte 08.07.2020 18:17
      Highlight Highlight Robin Van O. als Hauptverdächtiger klingt für mich jetzt nicht sehr importiert in den Niederlanden. Man kann sich aber natürlich immer den Teil aussuchen der das eigene Weltbild stärkt, ja?
    • moedesty 08.07.2020 18:30
      Highlight Highlight der zahnarztstuhl meint er denks!
    • tömu 08.07.2020 18:38
      Highlight Highlight @Pinkerton: Nein, keine Überraschung. Aber das hört man hier nicht gerne, von wegen Weltbild. Der Kommentar von Grabeskaelte hat schon etwas für sich. Eine schonungslos aufgearbeitete Statistik zu diesem Thema wäre gut. Aber dann wird gleich wieder relativiert, beliebt ist dann gleich, die Schuld sich selber (sprich der ansässigen Bevölkerung) zu geben. Salonfähig autorassistisch at its best.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Lupe 08.07.2020 17:53
    Highlight Highlight Ich habe im Januar Auschwitz besucht, ich wollte die Lüge der heutigen Nazis sehen... sie war aber keine Lüge, sie existiert... ich frage mich wie grausam Menschen sein können. Es beginnt doch schon an Demos und Fussballspielen und endet in sinnlosen Kriegen. Wenn wir die Gewalt nicht sofort im Keime ersticken, sie verurteilen, die Täter hart bestrafen lassen wir etwas laufen dass einst in West UND Ost exzessive Masse angenommen hat.
    • T13 09.07.2020 10:00
      Highlight Highlight Das grösste Problem das wir in dieser Hinsicht hier haben ist der von den Amis gestartete "war on drugs" und die Kriminalisierung von abhängigen.
      Wieso ist das Geschäft mit Drogen so lukrativ?
      Weil das Angebot auf die Nachfrage nur von Kriminellen gedeckt wird.

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