Gesundheit
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Studie zeigt Korrelation von Zahnfleisch-Bakterien und Alzheimer

Parodontitis-Bakterien schaffen es bis ins Hirn – und machen sie als Verursacher von Alzheimer verdächtig.

Jörg Zittlau / ch media



ZU DEN VOM BUNDESAMT FUER STATISTIK (BFS) ERRECHNETEN KOSTEN EINES ALTERS- ODER PFLEGEHEIMPLATZES STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES THEMENBILD ZUR VERFUEGUNG – Das Domicil Bethlehemacker in Bern, Schweiz, bietet für 48 Menschen ein Zuhause mit umfassender Pflege. Es verfügt über ein spezielles Demenzzentrum, wo Menschen mit einer Demenz einen auf sie zugeschnittenen Lebensraum finden. Fotografiert am 18. Oktober 2012. (KEYSTONE/Gaetan Bally) *** NO SALES, NO ARCHIVES ***

In den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten gab es deutlich mehr genetische Spuren von P.gingivalis als in den Gehirnen einer Kontrollgruppe. Bild: KEYSTONE

Das Zahnfleisch blutet und bildet sichtbare Taschen. Die Zahnhälse liegen frei. Und dann strömen unappetitliche Gerüche aus dem Mund, sodass niemand mehr zum Küssen kommt. Wer Parodontitis hat, muss sich Sorgen machen. Und zwar nicht nur um sein Gebiss und seine Liebesbeziehungen. Sondern auch um sein Gehirn.

Es ist kurz, plump, unbeweglich und mag keinen Sauerstoff: Im bunten Reich der Bakterien wirkt Porphyromonas gingivalis nicht gerade wie ein Superstar. Doch zusammen mit anderen Keimen verursacht es die berüchtigte Erkrankung des Zahnhalteapparats, die marginale Parodontitis. Und von dort schafft es dieser Keim, wie jetzt ein Team um den US-amerikanischen Alzheimer-Forscher Stephen Dominy herausgefunden hat, auch ins Gehirn. Dort kann er ebenfalls gravierende Spuren hinterlassen.

Alzheimer und Bakterium hängen zusammen

Die Studie zeigte: In den Gehirnen verstorbener Alzheimer-Patienten gab es deutlich mehr genetische Spuren von P.gingivalis als in den Gehirnen einer Kontrollgruppe. Ausserdem hatte man bei fast jedem Demenzkranken so genannte Gingipaine entdeckt, die der Keim als Enzyme zum Aufspalten von Eiweissen bildet. «Dabei zeigte sich», so Dominy, «dass die Gehirne umso krankhafter verändert waren, je stärker sie mit den bakteriellen Enzymen belastet waren». Was allein schon den Verdacht erhärtete, dass es einen Zusammenhang von P.gingivalis und Alzheimer geben musste.

Als man daraufhin Mäuse mit dem Parodontitis-Erreger infizierte, zeigten sich in deren Gehirnen schon bald Veränderungen. So wirkten einerseits Gingipaine direkt giftig auf die Neuronen, andererseits antwortete das Immunsystem der Mäuse auf die Infektion auch mit der Produktion von antibiotisch wirksamen Amyloiden – also genau jenen Problem-Eiweissen, die man typischerweise im Gehirn von Alzheimer-Patienten findet.

Ein Volksleiden

Parodontitis und Parodontose sind das Gleiche, beim letzteren Begriff handelt es sich lediglich um eine umgangssprachliche Bezeichnung der Erkrankung. Sie ist in der Regel bakteriell bedingt und betrifft den kompletten Zahnhalteapparat, also neben dem Zahnfleisch auch die Haut und den Zement der Zahnwurzel sowie die Alveole, also die Vertiefung m Kieferknochen, in dem der Zahn steckt. Experten schätzen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung ab 35 Jahren von Parodontitis betroffen ist. Hautrisikofaktoren sind Zahnbeläge und Zahnstein. Aber auch Rauchen sowie Piercings an Lippe, Lippenbändchen und Zunge erhöhen das Risiko. Schwangere Frauen sind ebenfalls in besonderem Masse gefährdet, weil ihr Zahnfleisch - hormonell bedingt - anschwillt und dadurch Bakterien leichter in die Tiefe des Zahnhalteapparats vordringen können. (zi)

Führt also Parodontitis in die Demenz? Robert Moir, Neuro-Wissenschafter vom Massachusetts Hospital in Boston, bleibt skeptisch: «Schon möglich, dass P.gingivalis zur Alzheimer beiträgt; doch es dürfte nicht die Ursache dafür sein.» So könne beispielsweise der Keim bei Alzheimer-Patienten leichter ins Gehirn gelangen, weil deren Mundhygiene und auch deren Blut-Hirn-Schranke schlechter funktioniere – und dann wäre die bakterielle Infektion im Gehirn eher eine Folge als eine Ursache der Erkrankung.

«Man geht mittlerweile davon aus, dass an der Parodontitis 600 bis 700 Bakterienarten beteiligt sind.»

Wolf-Dieter Grimm, Zahnarzt und emeritierter Parodontologie-Professor der Universität Witten/Herdecke, kritisiert die einseitige Ausrichtung auf P.gingivalis: «Man geht mittlerweile davon aus, dass an der Parodontitis 600 bis 700 Bakterienarten beteiligt sind.» P.gingivalis sei zwar ein so genannter Leit-Keim, der relativ sicher die Erkrankung anzeigt. «Doch mit einem Anteil von maximal fünf Prozent ist es im bakteriellen Biofilm letzten Endes das Mitglied einer grossen Community, von der auch andere Mitglieder ein Krankheitspotenzial haben», betont Grimm.

Trotzdem besitzt P.gingivalis einige Eigenschaften, die es in besonderem Masse zum Krankheitserreger prädestinieren. Dazu gehört, dass es sich sehr effektiv vor dem Immunsystem des Menschen verstecken kann. Mikrobiologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem Tarnkappenmechanismus, der es dem Erreger gestattet, unentdeckt und dadurch weitgehend ungestört im Körper seines Wirtes umherzustreifen.

Das Bakterium kommt überall hin

Hinzu kommt, dass es weitflächig, also auf einem grossen Körper-Areal aktiv ist. Würde die Parodontitis nur einen kleinen Bereich betreffen, würde von dort auch kein sonderlicher «Entzündungsdruck» ausgehen. «Doch die Oberfläche des Zahnhalteapparats entspricht etwa zwei Handflächen», betont Grimm. «Da steckt viel Entzündungspotenzial drin, das sich auf andere Bereiche des Körpers niederschlagen kann».

So sei schon länger bekannt, dass sich P.gingivalis auf dem Blutweg auch auf den Herzklappen festsetzen kann. Und bei Diabetikern konnte man sogar schon therapeutische Zusammenhänge beobachten: Dass man also ihren Krankheitsverlauf günstig beeinflussen konnte, indem man ihre Parodontitis behandelte.

Mundhygiene wäre eine einfache Prävention

Gründe genug, diese Erkrankung ernst zu nehmen. «Doch sie wird noch massiv unterschätzt», betont Grimm. Oder auch ausgeblendet, weil man die angeblich schmerzhaften Operationen am Zahnhalteapparat fürchtet. Dabei gibt es mittlerweile auch minimal-invasive Behandlungsmethoden wie Pulverstrahlsysteme und die photodynamische Therapie.

ZU KARTELL-BUSSE GES BUNDESVERWALTUNGSGERICHTS GEGEN ELMEX HERSTELLERIN GABA INTERNATIONAL AG STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES THEMENBILD ZUR VERFUEGUNG - Eine Tube Elmex Zahnpasta, aufgenommen am Donnestag, 18. Dezember 2003, in Zuerich. (KEYSTONE/Dorothea Mueller)

Gute Zahnhygiene hilft Krankheiten vorzubeugen. Bild: KEYSTONE

Am besten wäre freilich, wenn es erst gar nicht zur Parodontitis kommt. Mit einer gründlichen Gebisshygiene, bei der auch die Zahnzwischenräume gereinigt werden, kann man schon einiges erreichen, doch gegen eine der wichtigsten Krankheitsursachen kann auch sie nichts ausrichten: Das Alter. «In einer Gesellschaft, die immer älter wird, muss man damit leben, dass es auch immer mehr Parodontitisfälle gibt», so Grimm. (aargauerzeitung.ch)

Diese Roboter-Robbe hilft Alzheimer-Patienten

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • milone 14.10.2019 17:17
    Highlight Highlight Ja, was war denn nun zuerst, das Huhn oder das Ei?😁

    Die ganze Thematik ist äusserst spannend! Ich hoffe auf baldige weitere Erkenntnisse bezüglich dem Zusammenhang unseres Mikrobioms und Erkrankungen im ZNS.
  • Hans Jürg 14.10.2019 14:21
    Highlight Highlight "Kor·re·la·ti·on

    nur statistisch, mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu erfassender [loser, zufälliger] Zusammenhang zwischen bestimmten Erscheinungen"

    Eine Korrelation ist noch lange kein Beweis, nur ein Hinweis.

    Aber Mundhygiene ist nie schlecht und bringt nur Vorteile, wie z.b. weniger Mundgeruch und damit mehr soziale Kontakte. Bessere und gesündere Zähne und damit mehr Genuss beim Essen. Usw. etc.

    Und wenn man damit sogar ein wenig hilft, kein Alzheimer zu bekommen, um so besser.
  • Bowell 14.10.2019 11:07
    Highlight Highlight Es ist hald immer so eine Sache mit der Korrelation und der Kausalität...obwohl ein Durchbruch in Sachen Alzheimer selbstverständlich wünschenswert wäre.
  • no-Name 14.10.2019 09:33
    Highlight Highlight Hmmmm....

    Es wäre genau so der rückschluss möglich dass alzheimer eine ansiedlung der bakterien begünstigt.

    Wie kommt die forschung auf diese reihenfolge? Wer hat die forschung finanziert? (Elmex?) 😜

    Diabetiker müssen sich aufgrund der verschlechterten durchblutung allgemein besser vor infektionen schützen. Dass bekämpfen der keime infektionsrisiko mindert ist auch lange bekannt. Dies als ruckschluss auf alzheimer finde ich etwas knapp.... 🤷🏽‍♂️

  • Mügäli 14.10.2019 08:38
    Highlight Highlight Ich habe Parodontitis seit ich 20 Jahre alt bin. Bei uns in der Familie ist diese Zahnfleischerkrankung weit verbreitet und es hat zumindest bei mir nichts mit schlechter Mundhygiene zutun. Ich habe meine 'Beisserchen' immer gut gepflegt, hatte nie Löcher oder sonst was. Ich gehe alle 4 Monate zur Dentalhygiene und benütze täglich Interdentalbürstchen und kann so diese Erkrankung 'stabil' halten .. den Zusammenhang zwischen Paro und Demenz hoffe ich stimmt nicht, macht mir gerade bissel Angst :(
  • Fairness 14.10.2019 08:03
    Highlight Highlight Mich erstaunt, dass heute viel mehr Leute Alzheimer haben, dabei dürfte die Mundhygiene früher viel schlechter gewesen sein, als nur wenige zur Dentalhygienikerin gingen.
    • jetztodernie 14.10.2019 08:11
      Highlight Highlight Viele Menschen werden viel älter als früher --> mehr ältere Menschen = mehr Menschen mit Alzheimer
    • Panna cotta 14.10.2019 08:12
      Highlight Highlight Zitat aus dem Artikel:
      "...doch gegen eine der wichtigsten Krankheitsursachen kann auch sie [die gründliche Gebisshygiene] nichts ausrichten: Das Alter."
    • mrmikech 14.10.2019 08:27
      Highlight Highlight Früher wurde nur wenig zucker gegessen...
    Weitere Antworten anzeigen
  • lilie 14.10.2019 07:11
    Highlight Highlight Danke für den interessanten Bericht! Tatsächlich erstaunlich, welche Zusammenhänge sich da auftun. 🤔
  • Gsnosn. 14.10.2019 06:07
    Highlight Highlight Da kann ich die Zahnpaste "Parodontax" Empfehlen, schmeckt nicht wirklich gut aber sonst top. Hatte auch das Problem, aber mit besseren Mundhygiene, ist sie wieder weg.
    • Evan 14.10.2019 08:10
      Highlight Highlight Was ist wieder weg?
    • Alienus 14.10.2019 08:21
      Highlight Highlight Die Freundin.
  • Siciliano 14.10.2019 06:00
    Highlight Highlight Elmex ist aber nicht mehr in Schweizer Hand. Wurde 2003 verkauft und 2012 die Produktion nach Polen ausgelagert. 240 Arbeitsplätze gingen verloren. Aber danke für den sehr interessanten Bericht, Watson!

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