Gesellschaft & Politik
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Group Portrait with Twelve Ladies: The ten first female members of the National Council elected in 1972 and the two members who moved up in December 1971 and June 1972 (Sahlfeld und Meyer): Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meyer, Hanna Sahlfeld (standing from left to right), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi and Nelly Wicky (sitting from left to right), pictured in July 1972.  (KEYSTONE/Str)

Gruppenbild mit zwoelf Damen: Die ersten zehn 1971 gewaehlten Nationalraetinnen und die im Dezember 1971 und Juni 1972 nachgerückten Nationalraetinnen (Sahlfeld und Meyer) Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier, Hanna Sahlfeld (stehend vlnr), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (sitzend vlnr), aufgenommen im Juli 1972. (KEYSTONE/Str)

Die ersten Frauen im Bundeshaus: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meyer, Hanna Sahlfeld (stehend v.l.), Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky (sitzend) in einer Aufnahme vom Juli 1972. Bild: KEYSTONE

4 Ex-Politikerinnen erzählen vom Sexismus im Bundeshaus: «Der arme Mann muss Staubsaugen»

Sie waren die ersten Frauen in der Schweizer Bundespolitik und sie erzählen, wie sie als Frauen herabgesetzt wurden.

16.12.17, 15:40

Dennis Bühler und Jonas Schmid / Schweiz am Wochenende



Das Gruppenbild erinnert an eine Aufnahme an einer Töchterschule: elf Nationalrätinnen und eine Ständerätin posieren vor einer Bücherwand. Artig falten sie die Hände, sittsam sind die Beine drapiert. Prominent ins historische Bild gerückt ist aber vor allem einer: der Fotograf – ein Mann. Die Damen sind die ersten Parlamentarierinnen, die vor 46 Jahren ins Parlament einzogen.

Erst mit der Einführung des Wahl- und Stimmrechts 1971 erhielten sie Zugang zur Politik. Waren die Frauen der ersten Stunde dort willkommen? Wie erlebten sie Sexismus und strukturelle Benachteiligung?

Vor zwei Wochen erschütterte die Stalking-Affäre um den Walliser CVP-Nationalrat Yannick Buttet das Bundeshaus. Sie führte so weit, dass die Verwaltungsdelegation am letzten Mittwoch eine Checkliste verteilen liess, damit die Politiker in Zukunft sexuelle Belästigung von harmlosen Flirts unterscheiden können.

Hanna Sahlfeld-Singer

«Ich wusste, dass mich der kleinste Skandal ruinieren würde.»

Hanna Sahlfeld-Singer, SP

Hanna Sahlfeld-Singer war 1971 nicht nur die erste SP-Nationalrätin des Kantons St. Gallen, sie war auch die erste Parlamentarierin, die im Amt Mutter wurde. Damit die heute 74-Jährige politisieren durfte, musste sie auf ihren Beruf verzichten. In der früheren Bundesverfassung war ausdrücklich ein Verbot für Pfarrerpersonen im Parlament verankert.

«Als Frau und Pfarrerin kam ich mit einem gesunden Misstrauen nach Bern», erinnert sich Sahlfeld-Singer. «Ich wusste, dass mich der kleinste Skandal ruinieren würde.» Um keine Angriffsfläche zu bieten, gab sie sich strikte Regeln: Kein Alkohol und abends frühzeitig zurück ins Hotel. «Einmal luden mich einige Herren der CVP-Fraktion zu einem Essen ein», erzählt sie. Sahlfeld-Singer bestand darauf, dass diese eine Kollegin ihrer Fraktion mitnahmen. «Das schaffte die nötige Distanz.»

Ruth-Gaby Vermot-Mangold

«Es hiess: ‹Du bist viel attraktiver und für die Gesellschaft nützlicher, wenn du dich um die Kinder kümmerst›.»»

Ruth-Gaby Vermot-Mangold, SP

Ruth-Gaby Vermot-Mangold absolvierte die ganze politische Ochsentour: Die SP-Frau war Berner Stadträtin, Grossrätin, Nationalrätin und Europarätin. Nach zwölf Jahren im Nationalrat trat sie 2007 zurück. «Jede Frau war und ist von Sexismus betroffen», sagt die 76-Jährige rückblickend.

Sexismus habe verschiedene Gesichter: «Zum Beispiel wurden Frauen mit Kindern in der Politik immer kritisiert. Mein Mann war in den 70er-Jahren Hausmann. Da gab es doppelte Häme: Der arme Mann muss staubsaugen, während seine Frau Karriere machen will, hiess es.»

In der Politik gehe es um Macht. Die sexistische Schiene werde dazu genutzt, Frauen davon abzuhalten, sich aktiv für ihre Karriere einzusetzen. «Es hiess: ‹Du bist viel attraktiver und für die Gesellschaft nützlicher, wenn du dich um die Kinder kümmerst›.» Um gegen diese Abwertung zu kämpfen, würden Frauen viel Lebensenergie verschwenden.

Mit anderen Frauen setzte sich Vermot-Mangold Ende der 90er-Jahre dafür ein, dass die Polizei eine Hotline einrichtete. Denn Politikerinnen, die sich mit heiklen Dossiers beschäftigten, würden oft bedroht. «Die Sicherheitskräfte nahmen uns lange nicht ernst. Es hiess: übertreibt mal nicht.» Hinweisen von Männern hingegen sei sofort nachgegangen worden.

Alt-Politikerin, die anonym bleiben will

«Als Frau konnte ich es mir nicht leisten, unvorbereitet an eine Sitzung zu gehen.»

Alt-Politikerin

Eine Alt-Politikerin, die nicht genannt werden möchte, nennt ein anderes Beispiel struktureller Benachteiligung: «Frauen müssen mehr beweisen als Männer», sagt sie. Oft habe sie beobachtet, wie Männer das Couvert mit den Unterlagen erst an der Sitzung selbst öffneten. «Als Frau konnte ich es mir nicht leisten, unvorbereitet an eine Sitzung zu gehen.»

Rosmarie Zapfl

«Wer auf einem Polizeiposten Strafanzeige einreichen wollte, wurde als Flittchen angesehen»

Rosmarie Zapfl, CVP

Im neunköpfigen Dübendorfer Stadtrat war die CVP-Politikerin Rosmarie Zapfl ab Ende der 70er-Jahre das einzige weibliche Mitglied. «Ich wurde von meinen Kollegen oft nicht wirklich ernstgenommen», sagt sie.

Bei Auseinandersetzungen im Gremium sei es kaum je um die Sache gegangen, stets sei auf sie als Frau gezielt worden. So erinnert sich Zapfl daran, wie ihr Antrag als Vorsteherin des Tiefbauamtes auf Tempo 50 innerorts von einem Regierungskollegen mit den Worten abgekanzelt wurde: ‹Dich hätte ich für eine rassigere Frau gehalten, Rosmarie›.» Vorher habe er sie einige Male von Kopf bis Fuss mit seinen Blicken taxiert. Mit Verkehrspolitik habe das nichts mehr zu tun gehabt.

Auf jeder politischen Ebene sei sie mit Sexismus konfrontiert gewesen, sagt die 78-jährige CVPlerin. «Als arrivierte Politikerin im Nationalrat genauso wie Jahrzehnte zuvor als Einsteigerin im Dübendorfer Gemeinderat.»

Auch innerhalb ihrer Partei habe sie einen schweren Stand gehabt: Nachdem sie sich für einen EU-Beitritt starkgemacht hatte, wurde sie von einem Kollegen vor der Fraktion beschimpft und weder Fraktionschef noch Bundesrätin hätten sie vor dem Gremium unterstützt, obschon diese eigentlich ihrer Meinung waren, erzählt Zapfl. «Ich wurde fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Ich konnte nicht auf Männerseilschaften zählen wie meine Kollegen.»

«Wenn in den Köpfen kein Umdenken stattfindet, nützt keine Beratungsstelle und kein Gesetz.»

Rosmarie Zapfl, CVP

In ihrer Generation seien fast alle Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen geworden, sagt sie. Es habe damals keine wirksame Möglichkeit gegeben, sich dagegen zu wehren. «Wer auf einem Polizeiposten Strafanzeige einreichen wollte, wurde als Flittchen angesehen», so Zapfl. «Es herrschte die Meinung vor: Wer Jeans trägt, ist selbst schuld.» Entsprechend sei ihre Generation bereits erzogen worden.

Als kleinen Fortschritt wertet es Rosmarie Zapfl, dass mittlerweile auf höchster politischer Ebene über Stalking und sexuelle Übergriffe gesprochen wird. Vor allem die Einrichtung einer Beratungsstelle begrüsst die Alt-Nationalrätin. «Doch wenn in den Köpfen kein Umdenken stattfindet, nützt keine Beratungsstelle und kein Gesetz.»

Frauen stark untervertreten

73 Parlamentarierinnen politisieren heute im Bundeshaus. Gemessen an der Bevölkerung sind Frauen noch immer stark untervertreten. Nicht zuletzt dank der #MeToo-Kampagne reagiert die Öffentlichkeit heute zwar sensibler auf das Thema Sexismus. Besiegt ist er deswegen aber noch lange nicht. (aargauerzeitung.ch)

So poetisch zerstört diese Inderin sexistische Kackscheisse

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#MeToo: Diese Frauen belasten Harvey Weinstein

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Marex1950 17.12.2017 05:45
    Highlight Warum haben diese Politikerinnen bis heute geschwiegen? Die ganze Sexismus-Geschichten werden langsam langweilig. Ich verstehe bald alle Unternehmer, welche sagen, man müsse sich gut überlegen, ob in Zukunft Frauen eingestellt werden sollen. Viele Frauen provozieren mit sexy Kleider, und schreien dann laut, wenn sich ein Mann (ist auch nur ein Mensch) nicht beherrschen kann. Schlecht, aber dann sollen sie sich sofort wehren und nicht im nachhinein. Oft sehr unglaubwürdig.
    6 13 Melden
  • Redly 16.12.2017 22:32
    Highlight Ui nein. Da hat es Sprüche gegeben und frau musste sich auf Sitzungen vorbereiten. Und nein, vergleichbare Sprüche gibt es niiiiiie gegen Männer. Ironie off.
    Echt jetzt, da scheinen einige keine Ahnung zu haben, wie Männer (und auch teilweise Frauen) mit Männern umgehen. Wenn das die übelsten Dinge sind, die den aaarmen Frauen geschahen, dann sollten sie aus ihrer geschützten Ecke kommen und mal erleben, wie Männer einander absagen.
    18 38 Melden
  • Gummibär 16.12.2017 19:47
    Highlight Auch mir rutscht das Hirn gelegentlich Richtung Süden, aber ich kann mich beherrschen und behalte meine Gedanken und Hände für mich so lange ich nicht ausdrücklich aufgefordert werde sie zu teilen.
    Was mir auffällt ist die Blindheit und das Nicht-Sehen-Wollen einiger meiner Geschlechtsgenossen die sonst ein sehr gutes Gespür dafür haben, wenn man ihnen zu nahe tritt. Es müsste ihnen ein Einfaches sein zu verstehen, dass Frauen ein gleiches Recht auf Distanz haben und diese Recht zu respektieren.
    34 5 Melden
  • ATHENA 16.12.2017 18:05
    Highlight Kommt mir das nur so vor, oder wird das Thema künstlich aufgeblasen. Es ist ja wichtig für die allgemeine Gesellschaftsdebatte, aber ich denke einfach, dass das Aufweichen des Begriffs "sexistisch" nicht förderlich ist. Gerade Diskussionsbeiträge von Frauen "aus einer anderen politischen Ära" tragen wirklich kaum etwas zur aktuellen Gesellschaft dazu bei.
    48 28 Melden
  • AlteSchachtel 16.12.2017 17:53
    Highlight Wir sind aber jetzt im Jahr 2017, wo Frau sich zu Weihnachten eine Brust-OP wünscht (waaahnsinnig emanzipiert) und vieles anders ist. Opfer werden heute ernst genommen.

    Wenn dieses Affentheater in Bern nicht bald aufhört, frag ich mich wirklich, was für erbärmliche TypInnen dort sitzen. Das ist ja kaum auszuhalten!
    Frauen könnten sich direkt wehren (vorallem, die welche einen Mann anschnauzen "ich kann das selber", wenn er in den Mantel helfen will). Und die Herren NR könnten mal Zivilcourage zeigen und eingreifen, wenn sich ein Kollege daneben benimmt.
    24 28 Melden
  • Candy Queen 16.12.2017 17:44
    Highlight Gut, dass es heutzutage nicht mehr so ist.
    10 11 Melden
  • Dharma Bum(s) 16.12.2017 17:27
    Highlight Mimimimimi; minimimimi; mimi, mimi, mimimimi !
    51 102 Melden
    • Lord_Mort 16.12.2017 17:33
      Highlight Geistreich! 👏👏👏 Mal im Ernst. Dir würde es mal gut tun zu versuchen, dich geistig in die Lage dieser Frauen zu versetzen. Vielleicht entsteht dabei ja ein wenig Empathie bei dir.
      37 20 Melden
    • raphe qwe 16.12.2017 17:44
      Highlight Die Zustände der Frauenrechte in der Schweiz in den 80er mit mimi abzukanzeln zeugt nich gerade von viel Verstand.
      48 18 Melden
    • Mia_san_mia 16.12.2017 23:10
      Highlight Er hat doch recht, das Gejammer der Frauen ist nicht schön.
      9 23 Melden
  • Rumbel the Sumbel 16.12.2017 16:22
    Highlight Der arme Mann muss Staubsaugen». Wahnsinnig Sexistisch. Mir kommen die Tränen!
    39 66 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 16.12.2017 16:12
    Highlight Falsch, Frauen sind nicht untervertreten, Frauen sind in dem Masse vertreten wie sie gewählt werden. Würde das Parlament nur aus Klonen von Christa Markwalder und Tiana Angelina Moser bestehen, ich wäre glücklich. Geschlecht, Hautfarbe, Religion und Musikgeschmack dürfen in einem liberalen Staat keine Kriterien sein. Weiter, gleich willkürliche Kategorien währen Alter, Beruf, Zivilstand, Sexualität, Zahl der Kinder, Bildungsgrad, körperliche Behinderung Ja/Nein und Haarfarbe.
    Ansonst ein interssanter Artikel.
    49 37 Melden
    • Felix Moser 16.12.2017 22:36
      Highlight Frauen sind leider schon auf den Wahllisten untervertreten. So lange das nicht ändert, werden auch zu wenig Frauen gewählt.
      21 11 Melden
  • silver*star 16.12.2017 15:50
    Highlight Köppel zur Sexismus-Debatte.
    Die intelligentesten Gedanken, die ich bis jetzt zu Thema gelesen habe:

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2017-50/artikel/affentheater-die-weltwoche-ausgabe-502017.html
    29 50 Melden
    • Gigi,Gigi 16.12.2017 17:59
      Highlight Der Artikel ist tatsächlich gut, der von Köppel. Zwei Zitate: "das Bundeshaust ist in diesen Tagen ... ein Kindergarten der Irrelevanz und eine Bühne der politischen Selbstvermarktung" und "Aus diesem Selbstwiderspruch kommt der organisierte Feminismus nicht heraus: Er lebt medial vom Opferkult, den er angeblich überwinden möchte, aber von dem er nicht loskommt, weil er seine Geschäftsgrundlage ist."
      19 15 Melden
    • Gummibär 16.12.2017 19:28
      Highlight Köppel "Und wer sich ernsthaft daran stört, wenn sich ein Parlamentarier nach dem dritten Glas Weisswein unziemlich gegenüber Frauen benimmt, kann ja, was ohnehin vernünftig wäre, die Apéros im Bundeshaus meiden"
      Dem kann ich nicht beipflichten. Dem Parlamentarier gehört von der betroffenen Frau eine herunter gehauen.
      29 3 Melden
    • silver*star 16.12.2017 21:06
      Highlight Gummibär
      Ja und genau dies empfielt Köppel ja den betroffenen Frauen.
      Schau mal den Club.
      8 5 Melden

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