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Analyse

Eine Sozialhilfe-Empfängerin und ein Betreuer übertrumpfen in der «Arena» die Politiker

Eine neue Studie zeigt, dass der Grundbedarf von 986 Franken der Schweizer Sozialhilfe zu knapp berechnet ist. In der «Arena» streiten sich nun die Politiker darüber, wie die Zukunft des Schweizer Sozialstaates aussehen soll. Doch die Show wird ihnen von zwei Personen aus der Praxis gestohlen. 



Sind 986 Franken genug? Diese Frage stellt Moderator Jonas Projer seinen Studiogästen am Freitag. SVP-Nationalrat Thomas Müller steigt gleich steil ein und bezeichnet die «sogenannte Armutsdiskussion» als «politischen Kampfbegriff» der Linken.

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Dem widersetzt sich auf der anderen Seite SP-Nationalrätin Mattea Meyer. Sie ist erzürnt darüber, dass Müller das Armutsproblem in der Schweiz herunterspielt. Dabei kann sie in den Startminuten mit einem Beispiel punkten. Armut wird nämlich dann zum Problem, wenn wegen eines Missgeschicks mehrere hundert Franken für den Schlüsseldienst bei den Lebensmitteln eingespart werden müssen.

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Richtig Fahrt nimmt die Sendung aber erst auf, als Projer einen Publikumsgast vorstellt. Es handelt sich dabei um die zweifache alleinerziehende Mutter Eveline Brown. Weil ihr Job als Damenschneidern zu schlecht bezahlt wird, reicht der Lohn nicht aus und sie muss Sozialhilfe beziehen.

Auch der Vater der Kinder kann ihr nicht unter die Arme greifen. «Man muss sich halt grundsätzlich immer Gedanken darüber machen, was das Notwendigste ist», sagt Brown. Das fährt ein, auch den hartgesottenen Bürgerlichen. Diese beteuern sogleich, dass sie natürlich nicht bei Frau Brown, sondern eben bei anderen, «unehrlichen» Sozialhilfe-Bezügern den Rotstift ansetzen wollen.

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Es sind diese Erzählungen aus der Praxis, die der «Arena» am Freitag Schwung verleihen. Die Diskussion zwischen den Politikern ist hingegen festgefahren. Auch die Wortmeldungen des emeritierten Soziologieprofessors Ueli Mäder können den Karren nicht mehr aus dem Sumpf ziehen.

Denn diese sind meist so komplex, dass der Zuschauer nur schwer folgen kann: «Das Prinzip, dass man Ungleiches ungleich behandeln muss, stimmt ja, weil wenn man Ungleiches gleich behandelt, bleibt es ja ungleich.»

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Während die Studiogäste weiterhin über Abstufung, Wirtschaftlichkeit und das Giesskannenprinzip diskutieren, holt Brown die Runde wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie versuche zur Zeit, eine Weiterbildung zu besuchen. Sie ist sich sicher, dass sie durch Stipendien und Hilfe anderer Institutionen das Geld dafür zusammenkriegt.

Das Problem: Möglicherweise kann sie dieses Geld gar nicht annehmen, ohne Kürzungen in der Sozialhilfe hinzunehmen. Damit wäre Frau Brown wieder auf Feld eins. Es sind solche Erzählungen, die beim Zuschauer hängen bleiben.

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Der zweite Held des Abends sitzt gleich links von Frau Brown. Es ist der Leiter der Sozialhilfe Aarau, Andreas Frey. Denn dieser wehrt sich mit nüchterner Sachlichkeit gegen den alarmistischen Ton seiner zweiten Nachbarin, der SVP-Grossrätin Martina Bircher.

Sie erzählt von Handgreiflichkeiten und renitenten Sozialhilfe-Bezügern, die auf Kosten des Staates Juristen beauftragen, um ungerechtfertigt Sozialhilfe zu beziehen. Das System der Leistungskürzungen funktioniere wegen diesen Verzögerungstaktiken laut Bircher Vorne und Hinten nicht. 

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Als Andreas Projer Frey fragt, ob Frey in seiner täglichen Arbeit die gleichen Beobachtungen mache, verneint dieser. Er habe in den fünf Jahren, in denen er bereits Sozialhilfe-Empfänger betreut, noch nie eine Handgreiflichkeit erlebt.

Weiter führt er aus, dass man es nur sehr selten mit renitenten Bezügern zu tun bekomme und hier würde das Mittel der Kürzung wunderbar funktionieren. Ausserdem sei es nun mal Teil der Schweizer Rechtsstaatlichkeit, dass sich die Bürger gegen die Entscheide der Behörden wehren können. Auf so viel Coolness hat Bircher keine schlagfertige Antwort mehr.

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Das letzte Wort erteilt Projer schliesslich nochmals Frau Brown. Was sie denn aus dieser Sendung mitnehme? «Hoffnung», sagt diese. Aus der Runde habe sie viel Zuspruch erhalten, von Links und von Rechts. Sie hofft, dass ihre Sozialarbeiterin die Sendung geschaut hat und das Vorhaben mit der Weiterbildung zur Visagistin doch noch klappt.

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Durch die Sendung hindurch haben es Brown und Frey geschafft, die festgefahrene Diskussion zwischen den Studiogästen aufzulockern und zu bereichern. Auch wenn die Politiker oft nicht direkt auf ihre Erzählungen eingegangen sind, hinterlassen die Beiden den besten Eindruck in der Sozialhilfe-«Arena».

Der Kanton will mit Sprachkursen bei der Sozialhilfe sparen

Video: srf/SDA SRF

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