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Beschneidung Jesu: Gemälde von Friedrich Herlin (1466). Bild: Wikipedia/PD

JESUS' Vorhaut 

Die Jagd nach dem Heiligen Zipfel

Als Mann und Jude war Jesus beschnitten. Seine Vorhaut wurde bis 1983 im italienischen Calcata aufbewahrt – dann verschwand die Reliquie unter ungeklärten Umständen. Hatte der Vatikan seine Hände im Spiel, wie der Journalist David Farley in einem Dokumentarfilm andeutet?



1983 bemerkte der Pfarrer des Städtchens Calcata in der Nähe von Rom, dass jemand im Pfarrhaus eingebrochen hatte. Nichts fehlte, ausser dem Wichtigsten: Aus dem Schrank hatte der unbekannte Täter eine Reliquie entwendet, die an Heiligkeit kaum zu überbieten war. Die Heilige Vorhaut war verschwunden. 

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Calcata, ein winziges Städtchen in Latium, thront auf einem Tufffelsen.  Bild: Wikipedia/Mac9

Bis heute ist der göttliche Zipfel nicht wieder aufgetaucht. Manche Einwohner des Städtchens glauben, bei dem mysteriösen Verschwinden habe der Vatikan seine Hände im Spiel gehabt. Sie sind nicht die einzigen: Auch der amerikanische Journalist und Historiker David Farley fahndet nach dem Hautfetzen und verfolgt dabei Spuren, die nach Rom führen. Der Film «Die Suche nach der Heiligen Vorhaut», der seine Mission dokumentiert, wurde kürzlich auf «Arte» ausgestrahlt.

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«Die Suche nach der Heiligen Vorhaut» (Arte, 22.8.2014). Video: Youtube/Dokumentation HD

Geronnene Heiligkeit

Befürchtete Rom zu Beginn der 80er Jahre vielleicht, der rasche Fortschritt der Genetik würde es schliesslich möglich machen, das Erbmaterial aus der Vorhaut zu isolieren? Hatte die Kurie Angst, irgendein Genetiker könnte mit der DNA Gottes üble Dinge tun? Am Ende womöglich Jesus klonen? Oder war dem Vatikan der Kult um die allerchristlichste Vorhaut schlicht zu peinlich geworden? 

Doch wie kam die Vorhaut überhaupt nach Calcata? Und warum entstand solch ein Wirbel um dieses kleine Stück vom Penis des Erlösers? 

Reliquien sind geronnene Heiligkeit – Objekte, in denen sich Spirituelles materialisiert, konkretisiert, konzentriert. Besonders die katholische Kirche hat den heiligen «Überbleibseln» – das ist die wörtliche Bedeutung des Begriffs – stets grosses Gewicht zugemessen. 

Was blieb zurück vom Heiland?

Das reliquienversessene christliche Mittelalter verehrte eine ungeheure Vielzahl von Objekten; darunter solche, die uns heute eher befremden, wie die Windel Jesu oder die Muttermilch Mariens. Da versteht es sich von selbst, dass ein zurückgebliebener Körperteil des Heilandes selbst für grösste Verzückung sorgen musste. 

«Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoss seiner Mutter empfangen wurde.» 

Evangelium nach Lukas, 2,21

Das Problem dabei: Jesus ist gemäss christlichem Glauben nach seinem Tod auferstanden und danach in den Himmel aufgefahren, und zwar mitsamt seinem Körper. Nur Teile des göttlichen Leibes, die vor der Himmelfahrt von ihm abgetrennt worden waren, konnten deshalb zu Reliquien werden. 

Dazu zählen die Nabelschnur, abgeschnittene Haare, die Milchzähne und das bei der Passion vergossene Blut. Und – da Jesus Jude war – auch die Vorhaut, das Sanctum Praeputium. Wie jeder männliche Jude wurde Jesus, das bezeugt das Lukas-Evangelium, acht Tage nach seiner Geburt beschnitten. 

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Eine weitere der zahlreichen Darstellungen der Beschneidung Christi: Gemälde von Giovanni Bellini (1455).  Bild: Wikipedia/PD

Was geschah danach mit dem entfernten heiligen Zipfel? Die jüdische Tradition sieht vor, dass das kleine Stückchen Haut vergraben wird. Bei Jesus soll es aber, so behauptet das apokryphe «Evangelium der Kindheit», eine alte Frau an sich genommen und in ein mit kostbarem Öl gefülltes Alabastergefäss gelegt haben. Dergestalt überlebte das Sanctum Praeputium auf wundersame Weise. 

Verschenkt, versorgt, geraubt

Eine ganze Weile fehlt dann jede Spur von ihm, bis es um Weihnachten des Jahres 800 plötzlich wieder auftaucht. Die Legende will, dass Karl der Grosse die Reliquie anlässlich der Kaiserkrönung in Rom Papst Leo III. schenkte. Der fränkische Herrscher soll sie entweder bei einer Pilgerfahrt in Jerusalem von einem Engel oder – ein bisschen plausibler – als Geschenk der Kaiserin Irene von Byzanz erhalten haben. 

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Blick in die päpstliche Hauskapelle Sancta Sanctorum im Lateran. Die Inschrift lautet: «Kein Ort ist heiliger als dieser auf dem ganzen Erdkreis.»  

Papst Leo III. versorgte den wertvollen Hautfetzen in seiner Reliquiensammlung, die sich in seiner Hauskapelle Sancta Sanctorum im Lateran befand. Dort schlummerte das Präputium jahrhundertelang vor sich hin, bis es – wiederum der Legende nach – 1527 während des Sacco di Roma, der Plünderung Roms, von einem deutschen Landsknecht gestohlen wurde. Dieser soll beim Rückzug nach Norden in Calcata gefangengenommen worden sein und seine wertvolle Beute in seiner Zelle vergraben haben, wo man sie 30 Jahre später fand. 

Zuerst verlangte der Vatikan die Vorhaut zurück, doch schliesslich überliess Papst Sixtus V. dem Städtchen die profitable Reliquie. Calcata entwickelte sich zur Pilgerstätte, denn die Wallfahrt zur Vorhaut brachte den Gläubigen einen Sündenerlass von zehn Jahren im Fegefeuer ein. 

Von Satanisten entwendet?

Jedes Jahr am 1. Januar, an dem die Kirche der Beschneidung des Herrn (Circumcisio Domini) gedenkt, zog eine Prozession mit dem Sanctum Praeputium durch die Strassen des Ortes – bis 1983. In diesem Jahr teilte der Pfarrer den entgeisterten Gläubigen einen Tag vor dem Umzug mit, die Reliquie sei gestohlen worden. 

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Der Sacco di Roma: Im Mai 1527 plünderten unzufriedene Landsknechte des kaiserlichen Heeres die Ewige Stadt und brachten mehr als die Hälfte der Einwohner um. Gemälde von Francisco Javier Amérigo y Aparici (1887). Bild: Wikipedia/PD

Sofort machten Gerüchte über den Diebstahl die Runde: Hatte der Priester selber die Heilige Vorhaut entwendet, um sie auf dem Reliquien-Schwarzmarkt zu veräussern? Waren es Satanisten gewesen, die mit dem Zipfel Gottes unaussprechliche Dinge tun wollten? Oder war das Präputium, wie heute noch manche glauben, auf Geheiss des Vatikans verschwunden?

David Farley favorisiert letztere These, obwohl er sie nicht beweisen kann. Ihn irritiert, dass der Priester die wertvolle Reliquie angeblich auf Anordnung der Kurie in einer Schuhschachtel in seinem Schrank aufbewahrte. Doch die Spurensuche des Journalisten, die ihn auch nach Rom führt, ist nicht wirklich ergiebig: In den 51 Minuten, die der Dokumentarfilm dauert, erfahren wir viel über die Vorhaut, aber wenig über den Diebstahl. Auch Farley muss am Ende zugeben: Man weiss nicht, wo die gestohlene Vorhaut sich jetzt befindet. 

«Wer einmal von der Heiligen Vorhaut gehört hat, vergisst sie nie wieder.»

David Farley, Journalist und Historiker

Wundersame Vermehrung der Vorhäute

Wahr ist wohl, dass der Kirche das Brimborium um Jesu Vorhaut im ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend peinlich wurde. Warum hätte sonst die Oberste Heilige Kongregation im Jahr 1900 das Dekret erlassen sollen, in dem unter Androhung der Exkommunikation verboten wurde, ohne päpstliche Erlaubnis über das Sanctum Praeputium zu sprechen und zu schreiben?

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Die Pfarrkirche in Calcata. Bild: Wikipedia/Mac9

Doch der Vatikan hätte die Reliquie in Calcata auch einfach zurückziehen können, ganz ohne Diebstahl oder verschwörerische Nacht-und-Nebel-Aktionen. Dies hat er auch bei anderen sonderbaren Reliquien schon getan. Und es bleibt die Frage, warum dann die Vorhaut in Calcata verschwinden musste, wo doch im französischen Conques eine andere aufbewahrt wird. 

Dank einer wundersamen Vermehrung der Vorhäute gab es im mittelalterlichen Europa nämlich mindestens 14 Reliquien, von denen man behauptete, sie stammten vom allerchristlichsten Penis. Alle bis auf die von Conques gingen verloren. Vielleicht ist ja diese die echte?

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Befindet sich Jesu Vorhaut vielleicht hier? Klosterkirche von Conques. Bild: Wikipedia/Jean-Pol Grandmont

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Wie aus einer römischen Orgie der Geburtstag von Jesus wurde

Beim Anblick von bunt geschmückten Schaufenstern, dumm grinsenden Samichlaus-Fratzen und an Heiligabend durch Einkaufsstrassen hetzenden Menschen könnte ich kotzen. Doch eigentlich ist das der einzig wahre Sinn des Weihnachtsfests – und das seit über 2000 Jahren.

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