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Der griechische Finanzminister verkündet das Resultat des Referendums am 15. Juli 2015.
Der griechische Finanzminister verkündet das Resultat des Referendums am 15. Juli 2015.
Bild: AP/AP

Wie Yanis Varoufakis ein tragischer Held wurde

In seinem Buch «Die ganze Geschichte» erzählt der ehemalige griechische Finanzminister, wie er vergeblich versucht hat, sein Land aus der Schuldenfalle zu befreien. Lest es, es ist super!
11.11.2017, 17:4212.11.2017, 11:28

Bis weit ins 19. Jahrhundert kannte England die Einrichtung eines Schuldengefängnisses. Wer seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, wurde eingebuchtet. Charles Dickens’ Roman «Little Dorrit» behandelt den Unsinn dieser Einrichtung und die damit verbundene menschliche Tragik. Wer im Schuldengefängnis sass, hatte keine Chance. Wie kann jemand im Knast Geld verdienen? Auch die Gläubiger guckten daher letztlich in die Röhre.

Der Schreck des Establishments: Varoufakis und seine Frau auf dem Motorrad.
Der Schreck des Establishments: Varoufakis und seine Frau auf dem Motorrad.
Bild: EPA/ANA-MPA

In seinem Buch «Die ganze Geschichte» beschreibt der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis das Schicksal Griechenlands in der Schuldenkrise. Das Land war von der Troika – einem Technokratengremium aus Mitgliedern des IWF, der EU und der Europäischen Zentralbank – ebenfalls in eine moderne Version eines Schuldengefängnisses geworfen worden. Wie bei Dickens war das Ergebnis an Absurdität nicht zu überbieten.

Nach den Erschütterungen der Finanzkrise war Griechenland pleite, sicher auch – aber nicht nur – aus eigenem Verschulden. Doch Varoufakis beschäftigt sich nicht mit den Ursachen der Überschuldung. Er hatte einen Plan, wie er sein Land aus der Schuldenfalle führen und dabei auch zumindest teilweise die Anliegen der Gläubiger befriedigen konnte. Dabei geriet er in einen Zweifrontenkrieg, der nicht zu gewinnen war.

Keine Machtbasis in der Partei

Der Troika ging es nicht darum, das Geld zurückzuerhalten, sie wollte Griechenland bestrafen. Die Heimfront war ebenfalls gespalten. Varoufakis trat der Syriza erst kurz vor deren Wahlsieg bei und hatte keine Machtbasis in der linken Partei. Ein grosser Teil der Parteimitglieder misstraute ihm, und der Parteichef Alexis Tsipras liess ihn am Schluss im Stich. 

Respekt für seinen Gegenspieler: Varoufakis und Wolfgang Schäuble.
Respekt für seinen Gegenspieler: Varoufakis und Wolfgang Schäuble.
Bild: AP/AP

Nun ist das Buch des ehemaligen Finanzministers über diese moderne griechische Tragödie erschienen. Es ist schlicht brillant und liest sich wie ein grosser Gesellschaftsroman. (Die wenigen technischen Abschnitte über Staatsschulden kann der ökonomisch nicht interessierte Leser problemlos überspringen.) Es ist nicht nur ein Lesegenuss, man erfährt auch viel Neues und Überraschendes über ein Thema, das man eigentlich bis zum Überdruss zu kennen glaubt.

Das beginnt mit der Person von Varoufakis. In den Medien wurde er meist als linker Glamourboy dargestellt, als eine Art Edelrocker mit Motorrad und speckigem Ledermantel. (Dieser Ledermantel hat übrigens eine witzige Geschichte.) Das ist sehr weit von der Wahrheit entfernt. Varoufakis ist ein anerkannter Ökonom. Er hat an renommierten Universitäten gelehrt, und er hatte einen vernünftigen Plan für die Sanierung seines Landes.

Rat von konservativen Experten

Varoufakis ist auch kein ideologisch verbohrter Marxist. Er hat seinen Sanierungsplan mit anerkannten Ökonomen wie James Kenneth Galbraith und Jeffrey Sachs ausgearbeitet und dabei zum Entsetzen eines Teils der Syriza Investmentbanker und Fachleute des IWF beigezogen. Er hat sich auch nicht gescheut, den Rat von vermeintlichen Gegnern einzuholen. Dazu gehörte der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers genauso wie der ehemalige konservative britische Finanzminister Norman Lamont und der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer.

Mit ihr konnte er es gut: Christine Lagarde und Varoufakis.
Mit ihr konnte er es gut: Christine Lagarde und Varoufakis.
Bild: AP/AP

Wie es sich für eine Tragödie gehört, hat der Held zwar hehre Absichten, zerbricht aber an den unabänderlichen Umständen. Die meisten Fachleute bestätigten Varoufakis, dass er grundsätzlich Recht hat. Die Experten des IWF beispielsweise wussten längst, dass Griechenland nur mit einer Umschuldung zu retten ist und dass der Sanierungsplan der Troika völlig unrealistisch war. Doch Deutschland und die nördlichen EU-Staaten wollten einen Schuldenschnitt um jeden Preis verhindern. Sie wollten an Griechenland ein Exempel statuieren, koste es, was es wolle.

Derweil wollte Varoufakis möglichst einen Grexit verhindern, es wäre für ihn die letzte Option gewesen. Sein grosser Gegenspieler hingegen, der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, wollte Griechenland aus dem Euro drängen.

Er konnte dabei auf die devote Unterstützung von Jeroen Dijsselbloem zählen. Der niederländische Finanzminister und Chef der Eurogruppe gehört denn auch zu den Schurken des Stücks. Ebenfalls schlecht weg kommen die deutschen und die französischen Sozialdemokraten, die im entscheidenden Moment immer wieder den Schwanz eingezogen haben – mit Ausnahme des damaligen französischen Wirtschaftsministers namens Emmanuel Macron.

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Das Ende hätte Shakespeare schreiben können

Zu den Sympathieträgern gehört auch die IWF-Direktorin Christine Lagarde. Sie kann allerdings auch nicht verhindern, dass das Schicksal seinen Lauf nimmt. Letztlich sind es der griechische Premierminister Tsipras und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die Griechenlands Schicksal besiegeln. Hinter dem Rücken ihrer Finanzminister handeln sie einen Deal aus, der dazu führt, dass das Land im Euro verbleibt – aber auch im Schuldengefängnis.

Haben sich hinter dem Rücken ihrer Finanzminister geeinigt: Angela Merkel und Alexis Tsipras.
Haben sich hinter dem Rücken ihrer Finanzminister geeinigt: Angela Merkel und Alexis Tsipras.
Bild: EPA/DPA

Varoufakis und sein Erzfeind Schäuble sind beide Verlierer. Griechenland wird ein idiotischer Sanierungsplan aufs Auge gedrückt, der Grexit ist ebenfalls vom Tisch. Erstaunlicherweise bringt Varoufakis Schäuble viel Respekt entgegen. Die Schilderung des letzten Treffens der beiden hat geradezu Shakespeare’sche Ausmasse. Varoufakis hat soeben erfahren, dass die Troika beschlossen hat, den griechischen Hoteliers eine Mehrwertsteuer von über 20 Prozent aufzubrummen. Damit geraten sie im Wettbewerb gegenüber ihren türkischen Konkurrenten hoffnungslos ins Hintertreffen.

«Wolfgang, würdest du das an meiner Stelle unterschreiben?», fragt Varoufakis Schäuble. Der deutsche Finanzminister, der bisher unerbittlich auf die Erfüllung der Auflagen der Troika gepocht hat, schaut zunächst lange aus dem Fenster seines Büros in Berlin und gibt dann die überraschende Antwort: «Als Patriot würde ich dies nicht tun.»

Und so sieht es aus: 

Varoufakis' Stinkefinger

1 / 7
Stinkefinger
quelle: screenshot/youtube
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