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Switzerland’s Eric Blum reacts after scoring

Eric Blum bejubelt seinen Siegtreffer kurz vor Ende der Verlängerung.
Bild: Ivan Sekretarev/AP/KEYSTONE

Die Unterhaltung stimmt – aber ist so viel Drama wirklich nötig?

Die Schweizer standen am Abgrund. Aber sind nicht abgestürzt. Nach dem 3:2 n.V gegen Dänemark, nach dem ersten Sieg bei dieser WM, ist wieder alles möglich und die Abstiegsgefahr schon fast gebannt.



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21 Jahre ist es her, seit wir so nahe am Abgrund gestanden haben. Am 2. Mai 1995 haben wir bei der WM im schwedischen Gävle im Relegationsspiel gegen Österreich 0:4 verloren und stiegen dann tatsächlich zum bisher letzten Mal ab. In diesen 21 Jahren haben wir die stürmischste Entwicklung unseres Hockeys erlebt. 1995 hatten wir noch keine NHL-Profis. Heute, 21 Jahre später, haben wir sogar NHL-Stars und in der aktuellen WM-Mannschaft stecken gar fünf NHL-Spieler.

Nun standen wir für kurze Zeit wieder dort, wo wir vor 21 Jahren waren. Nach zwei Dritteln liegen die Schweizer gegen Dänemark 0:2 zurück. Gegen eine Mannschaft, gegen die wir in unserer ganzen Geschichte noch nie an einem grossen Turnier verloren haben. Eine Niederlage hätte uns so nahe an den Abgrund eines Abstieges gebracht wie nie mehr seit 21 Jahren. Eine Niederlage wäre die schlimmste seit 21 Jahren gewesen.

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Der Siegtreffer von Eric Blum.
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Wie konnte das sein? Wie ist es möglich, dass eine Mannschaft zwei Drittel lang vorgeführt wird und sich dann doch noch zu retten vermag? Ganz einfach: Wir haben wieder einmal das enorme Potenzial der Schweizer gesehen – dieses begeisternde, leidenschaftliche, manchmal wilde, oft unkoordinierte Offensivspiel («Pausenplatz-Hockey»), das jeden Gegner bei dieser WM, auch die Grossen, ins Wanken bringen kann.

Das Tor von Yannick Weber zum 1:2 hat den Bann gebrochen, Eric Blums 3:2 in der Verlängerung (64:08) war die Krönung des Steigerungslaufes. «Wir waren sicher, dass wir drei, vier Tore machen, wenn uns erst einmal eines gelingt», wird Yannick Weber hinterher sagen.

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Webers wichtiger Anschlusstreffer zum 1:2.
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Und wir haben zugleich gesehen, wie wenig strukturiert unser Spiel ist. Noch keine Partie hat so sehr die Stärken und die Schwächen von Nationaltrainer Patrick Fischer gezeigt: Kein Stratege, kein Taktiker – aber ein glänzender Motivator und Kommunikator. Aber die Frage sei schon erlaubt: Müssen wir denn jedes Spiel zu einem solchen Drama machen? Klare Siege wären wahrscheinlich das bessere Marketing als diese Dramen. Aber die Unterhaltung stimmt.

Feinabstimmung gefunden

Die letzte und einzige Wahrheit steht immer oben auf der Resultatanzeige. Es spielt keine Rolle, dass die Schweizer zwei Strafen kassierten, weil zu viele Spieler auf dem Eis herumkurvten und eine davon zum 0:1 führte. Es spielt keine Rolle, dass die Schweizer zwei Drittel lang chancenlos waren. Es spielt keine Rolle, dass das Boxplay nach wie vor nicht richtig funktioniert (zwei Gegentreffer in Unterzahl).

Die Wende in einem begeisternden Schlussdrittel, der Ausgleich und der Sieg in der Verlängerung waren letztlich logisch – soweit es in diesem unberechenbaren Spiel überhaupt eine Logik gibt. Der permanente Druck der Schweizer, angeführt von NHL-Powerstürmer Nino Niederreiter, dem besten Spieler der gesamten Partie,  musste also nach aller Logik (aber manchmal gibt es die nicht) zur Wende führen.

epa05298035 Head Coach of Switzerland, Patrick Fischer (R) congratulates captain Andres Ambuhl (C) after their team victory over Denmark during the Ice Hockey World Championship 2016 preliminary round match between Switzerland and Denmark at the Ice Palace in Moscow, Russia, 10 May 2016.  EPA/SERGEI ILNITSKY

Was ganz Neues: Glückliche Gesichter auf der Schweizer Bank. Bild: SERGEI ILNITSKY/EPA/KEYSTONE

Wenn wir so wollen, wenn wir diesen WM-Start wohlwollend analysieren, dann können wir die Schweizer mit einer kanadischen oder amerikanischen WM-Auswahl vergleichen. Die Kanadier und die Amerikaner treffen sich jeweils kurz vor der ersten WM-Partie und brauchen manchmal (nicht immer) die ersten Spiele zur Feinabstimmung.

Die Schweizer haben jetzt zweieinhalb Spiele gebraucht, um alles so auf die Reihe zu bringen, dass es gegen einen der «Kleinen» des Welteishockeys zu einem Sieg gereicht hat – nach zwei Niederlagen. Und Reto Berras Selbstvertrauen dürfte nach diesem Sieg auch wieder einigermassen intakt sein.

Ambühls Check als Weckruf?

Nach oben ist nach wie vor alles offen, die Viertelfinals sind immer noch möglich. Ich kann es nur ständig wiederholen: Diese Mannschaft hat genug Talent für eine Medaille. Mit diesem Sieg ist die Abstiegsgefahr zwar noch nicht theoretisch, aber doch praktisch gebannt. Unsere Hockey-Titanic wird nicht untergehen. Das Spiel am Mittwoch gegen Lettland (15.15 Uhr) wird zur Schlüsselpartie im Kampf um die Viertelfinals.

Gänzlich von einer Kritik auszuklammern ist die Szene 16:45 Minuten vor Schluss. Leitwolf Andres Ambühl erwischt Jesper Jensen mit einem harten Check an der Bande. Der Däne muss mit der Bahre vom Eis transportiert werden. Foul? Die TV-Bilder zeigen kein eindeutiges Vergehen (Check gegen den Kopf) und unser Captain ist für diese Aktion auch nicht bestraft worden. Wir können allenfalls eine Debatte darüber führen, ob dieser Check (die Scheibe war weg) noch notwendig war.

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Ambühls Check gegen Jensen. streamable

Solche Checks liegen aber in der Natur des Spiels. Andres Ambühl ist kein böser oder gar «schmutziger» Spieler – es ist ein tragischer Zwischenfall. Kein Vorwurf an Andres Ambühl. Und wenn wir die Partie ganz emotionslos analysieren, dann erkennen wir: Dieser Check war so etwas wie ein Wendepunkt in diesem Spiel. Die Dänen führten zu diesem Zeitpunkt 2:0, hatten nach diesem Zwischenfall nicht mehr den Hauch einer Chance und taumelten schliesslich der Niederlage in der Verlängerung entgegen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • @michelstef 10.05.2016 21:24
    Highlight Highlight Der Check von Ambühl war grenzwertig; wenn ein Däne Diaz so zusammen gelegt hätte, und die Schweiz das Game verloren hätte, würden jetzt alle Zetter und Mordio schreien (und schreiben).
  • Bruno Wüthrich 10.05.2016 20:18
    Highlight Highlight Frage im Titel: Ist so viel Drama wirklich nötig? Antwort: Nötig nicht, aber gut. Was wollen wir mit klaren Siegen? Dies bringt nur Langeweile und hohe Erwartungen. Weltmeister kann man auch werden, ohne dass dies zuvor die Erwartung gewesen sein muss. Und ohne dass die Spiele klar gewonnen werden. Die richtigen Partien knapp gewinnen reicht auch. Notfalls in der Verlängerung oder im Penaltyschiessen. Scheissegal.

    Aber zuerst sichern wir uns den Ligaerhalt. Es reicht, wenn dieser auch erst in einer Verlängerung Tatsache wird. Wie wärs für einmal nach einem Vier-Tore-Rückstand?
  • Blister 10.05.2016 19:47
    Highlight Highlight Und immernoch erst ein Tor bei 5gegen5 erhalten und trotzdem so ein Geknorze. Langsam befürchte ich, die vielen PK Gegentore und die Wechselfehler (heute 2) deuten auf mangelndes technisches Coaching hin. Sind eigentlich Automatismen die etwa bei allen Teams und Ligen gleich funktionieren müssten...

    Ich bleibe optimistisch. Darf man ja, wenn man schon das Glück hat, dass in der Gruppe eigentlich vieles für die Schweiz läuft.
  • Rog007 10.05.2016 19:06
    Highlight Highlight (Sarkasmus an)
    Der WM-Titel ist wieder zum greifen nah! Wer will uns jetzt noch stoppen? Jetzt kommen ja nur noch Punkte-Lieferanten wie Russland, Schweden und die Tschechen - easy
    (Sarkasmus aus)
    Jetzt morgen in 60 min den Sieg nach Hause bringen und in den letzten Partien die (vermeintlich) Grossen etwas ärgern!
  • 11lautin 10.05.2016 19:06
    Highlight Highlight Vielleicht täte ein Abstieg wiedermal gut? Oder man wechselt die herumbastelnde Verbandsspitze mal aus und nicht die Coaches... (Krüger, Simpson nur als Beispiel)
  • manolo 10.05.2016 18:53
    Highlight Highlight ist jetzt alles wieder - friede, freude, wir sind gut?
    noch stehen wir am abgrund und können gegen Ungarn um den verbleib im a spielen! da muss noch viel mehr kommen!
    • Schreiberling 10.05.2016 20:00
      Highlight Highlight Da wird nicht gespielt. Der Gruppenletzte einer jeder Gruppe steigt ab (Deutschland und Fankreich mal ausgenommen). Und fertig.
  • Jagr 10.05.2016 18:39
    Highlight Highlight Eigentlich fand ich K. Zaugg immer ein gradlinger guter Analyst. Wieso jetzt dieses schönschreiben?

    Es bleibt eine bisher schrecklich schwache Vorstellung der CH Nati. Wer aus solch einem Pool an Spielern, solche Vorstellungen abliefert, versteht sein Job nicht.

Der Grösste aller Zeiten geht – im Stil des Grössten aller Zeiten

Arno Del Curto (62) ist nicht mehr Trainer in Davos. Eigentlich unvorstellbar. Ein trauriger Tag für unser Hockey? Nein. Arno Del Curto verlässt die Arena als Sieger.

Die erste spontane Reaktion kommt von Chris McSorley: «One of the saddest days I've had since 2001».

Der Kanadier, der im Wesen und Wirken Arno Del Curto am nächsten kommt, hat recht und wieder auch nicht. Natürlich ist es hockeytechnisch ein trauriger Tag, wenn Del Curto sein Amt niederlegt. Nun ist McSorley der «Dinosaurier» der Liga. Er arbeitet seit 2001 in Genf und es passt, dass ausgerechnet er am Freitag der nächste Meisterschafts-Gegner der Davoser ist.

Aber es gibt auch eine andere …

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