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Sibirien ist eine Feuerhölle – doch die Behörden lassen es brennen

Nicht alle Brände werden im russischen Sibirien gelöscht. In einigen Gebieten lässt man das Feuer wüten, ohne einzugreifen. Ein Blick auf die Ursachen und Gründe der sibirischen Grossbrände.
11.08.2021, 10:2111.08.2021, 14:17

In Sibirien gibt es zwei Arten von Feuer: Es gibt das Feuer, welches von den Behörden bekämpft wird und es gibt das Feuer, welches brennen gelassen wird.

Russland bekämpft zurzeit über 170 Waldbrände, welche zur Schliessung von Flughäfen, Strassen und Evakuierungen geführt haben. Gleichzeitig werden Dutzende Gebiete, in denen sich das Feuer über Tausende Quadratkilometer hinwegzieht, ihrem Schicksal überlassen.

Waldbrände in Sibirien eigentlich nicht unüblich

Grund dafür ist schlicht die riesige Fläche des nordasiatischen Gebietes. Sibirien erstreckt sich über 13,1 Millionen Quadratkilometer und ist damit um rund 3,5 Millionen Quadratkilometer grösser als die Volksrepublik China. Die Region ist nur schwach besiedelt, weshalb ein Grossteil der Brände keine Gefahr für die Bevölkerung darstellt.

Waldbrände in Sibirien sind auch nicht ungewöhnlich, sondern teil eines jährlichen Zyklus. Üblicherweise wird in den russischen Medien kaum darüber berichtet, allerdings wird die Dringlichkeit des Themas oft heruntergespielt, beklagen sich Umweltschützer gegenüber «The Guardian». Schon im Sommer 2019 und 2020 haben die Brände das normale Mass überstiegen. Mit im Netz kursierenden Satellitenbildern wird es aber zunehmend schwieriger, das Ausmass der Brände zu verharmlosen:

Gemäss Greenpeace kämpfen über 7000 Feuerwehrleute, Landarbeitende und andere Einsatzkräfte gegen das Feuer, das seit Beginn des Jahres bereits eine Fläche von über 160'000 Quadratkilometern verzehrt hat. Dies entspricht der doppelten Fläche Österreichs.

Das russische Ministerium für natürliche Ressourcen und Ökologie erfasst jedoch nur Brände in Waldreservaten, die bewohnte Gebiete bedrohen, nicht aber Brände in der offenen Steppe oder auf landwirtschaftlichen Flächen. Damit kommen sie nur auf die Hälfte der von Greenpeace genannten verbrannten Fläche.

Kritik von Greenpeace

Forstexperte Alexei Yaroshenko von Greenpeace kritisiert die Handhabung der russischen Behörden. Nebst dem Klimawandel sei auch die unzureichende Finanzierung der staatlichen Forstwirtschaft Grund für die wachsenden Grossbrände. Zudem würden staatlichen Medien ihren Fokus nur darauf legen, wie viele Feuer gelöscht werden, nicht aber darauf, was alles vom Feuer zerstört wird, so Yaroshenko. Weder gefährdete Wälder noch verendete Wildtiere werden thematisiert.

Ein Feuerwehrmann in der Nähe des Dorfes Kyuyorelyakh im nordöstlichen Yakutien.
Ein Feuerwehrmann in der Nähe des Dorfes Kyuyorelyakh im nordöstlichen Yakutien.
Bild: keystone

Gleichzeitig werden 66 Brände lodern gelassen, weil sie zu schwierig zu bekämpfen sind oder keine Infrastrukturen bedrohen, berichtet «The Washington Post». Diese unkontrollierten Brände haben bereits eine Fläche von fast 61'000 Quadratkilometern zerstört. Gemäss eines russischen Gesetzes kann auf das Löschen der Brände verzichtet werden, wenn die Kosten dafür höher sind als der Schaden oder wenn sie sich in einem unbewohnten Gebiet befinden.

Auch wenn das Feuer den Menschen nicht unmittelbar bedroht, ist es nicht unproblematisch, es unkontrolliert wüten zu lassen: Die Kohlenstoff-Emissionen aus Bränden und die Zerstörung von Wäldern tragen ebenfalls zur globalen Erwärmung bei. Nach Schätzungen des Copernicus Atmosphere Monitoring Service (CAM) der EU belaufen sich die klimawirksamen Emissionen seit Juni auf mehr als 505 Megatonnen. Damit ist der letztjährige Rekordwert von 450 Megatonnen für die gesamte Feuersaison bereits übertroffen.

Ein Hinweis auf das Ausmass der Brände gibt auch die Rauchentwicklung: Nach Angaben der NASA hat der Rauch der Waldbrände zum ersten Mal in der Geschichte den Nordpol erreicht.

Ursache der Waldbrände

Begünstigt werden die Brände durch die Rekordtemperaturen, die in den letzten Jahren immer wieder verzeichnet wurden. Dies führt zum Auftauen von Permafrost, was wiederum das Entfachen von Bränden erleichtert. Besonders davon betroffen ist die Region Sacha (auch Yakutien genannt):

Während unter anderem Blitze für das Entfachen der Brände verantwortlich sind, schätzen Experten gemäss AP News, dass 70 Prozent der Brände auf menschliches Tun zurückzuführen seien. Dazu gehört beispielsweise das fahrlässige Wegwerfen von brennenden Zigaretten oder verlassene Lagerfeuer. Häufig geraten auch gezielt eingesetzte Brände auf Landwirtschaftsflächen ausser Kontrolle.

Ein weiteres Problem sind die ungeschützten Wälder. Etwa die Hälfte der russischen Wälder werden von den regionalen Behörden nicht geschützt. Das ist ein Problem, sagt Yaroshenko der «Washington Post»:

«Die meisten Wälder in ungeschützten Gebieten befinden sich im hohen Norden. Sie wachsen sehr langsam, sind sehr empfindlich, und wenn sie abbrennen, sind die Auswirkungen auf die Umwelt enorm».

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Alexander Kozlov, der Minister für Natürliche Ressourcen und Ökologie, hat die Problematik anerkannt. Letzte Woche forderte er eine Aufstockung des Budgets für Brandbekämpfung um mehr als 100 Prozent. Statt umgerechnet 75 Millionen Franken sollen zukünftig 175 Millionen Franken zur Verfügung stehen.

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