Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)

Stockton wurde von der Finanzkrise hart getroffen. Bild: AP/AP

Diese kalifornische Stadt war pleite – jetzt testet sie ein Grundeinkommen

20.10.17, 13:54 20.10.17, 14:43

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise galt Stockton als «elendeste» Stadt der USA. Obwohl sie im erweiterten Einzugsgebiet von Bay Area und Silicon Valley liegt, sind die Lebensbedingungen schwierig. Das Einkommen in der mehrheitlich von Nichtweissen bewohnten Stadt ist deutlich tiefer und die Armutsquote höher als in San Francisco und selbst in Oakland.

Den Tiefpunkt erreichte Stockton mit seinen 300'000 Einwohnern vor fünf Jahren. Es musste Konkurs anmelden, als bislang grösste Stadt in der Geschichte der USA. Hauptgrund waren hohe Ausfälle bei der Immobiliensteuer, einer zentralen Einnahmequelle kalifornischer Städte. Während des Baubooms in den Nullerjahren hatte Stockton auf grossem Fuss gelebt. Nach dem Platzen der Subprime-Blase konnte die Stadt trotz Sparbemühungen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen.

Michael Tubbs wurde mit 26 Bürgermeister. bild: mdtubbs.com

Unter den Folgen der Pleite leidet Stockton bis heute. Und doch herrscht Aufbruchstimmung. Die Stadt soll als Versuchslabor für ein bedingungsloses Grundeinkommen dienen. Treibende Kraft ist Michael Tubbs, der letztes Jahr mit 26 Jahren zum ersten schwarzen Bürgermeister von Stockton und zum jüngsten Oberhaupt einer US-Stadt mit über 100'000 Einwohnern gewählt wurde.

Start im August 2018

Tubbs stammt selber aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater sitzt im Gefängnis aufgrund der berüchtigten «Three Strikes»-Regel, die nach der dritten Straftat automatisch eine lebenslange Haftstrafe vorsieht. Seine Motivation für das Grundeinkommen bezieht er vom Bürgerrechtler Martin Luther King, der sich in seinem letzten Buch dafür stark gemacht hatte.

Zum eigentlichen Auslöser wurde eine Anfrage des Economic Security Project, das sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt und von Facebook-Mitgründer Chris Hughes finanziert wird. Michael Tubbs liess sich nicht zweimal bitten. In den nächsten Monaten sollen die Voraussetzungen für das Experiment abgeklärt werden. Der Start ist für August 2018 geplant.

Dem Bürgermeister schwebt ein dreijähriger Versuch mit 100 Personen vor, die 500 Dollar pro Monat erhalten sollen. Er wolle herausfinden, wie die Empfänger mit dem Geld umgingen, sagte Tubbs der Website Vox: «Sie können mehr Zeit als Elternteil oder mit Freiwilligenarbeit verbringen, zurück zur Schule gehen und sich weiterbilden oder in ein neues Geschäft investieren.»

Weiterer Versuch in Oakland

Die Kosten allein für das Experiment betragen 1,8 Millionen Dollar. Eine Million stellt das Economic Security Project zur Verfügung, der Rest soll unter anderem mit Crowdfunding beschafft werden. Im Erfolgsfall möchte Michael Tubbs die Zahl der Empfänger ausweiten, was angesichts der nach wie vor angespannten Finanzlage kaum ohne auswärtige Investoren möglich wäre.

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Allerdings ist das Grundeinkommen im Silicon Valley ein grosses Thema. Mark Zuckerberg, Elon Musk und Richard Branson gehören zu seinen Befürwortern. Es gilt als Gegenmittel für mögliche Jobverluste aufgrund der digitalen Disruption. Das Unternehmen Y Contributor, das Startups Anschubhilfe gewährt, plant ein deutlich grösseres Experiment als jenes in Stockton.

In Oakland, der «armen» Nachbarstadt von San Francisco, sollen 3000 Personen einbezogen werden, berichtet der Fernsehsender CNBC. 1000 Leute sollen 1000 Dollar pro Monat erhalten, und das während bis zu fünf Jahren. 2000 weitere Personen sollen als Kontrollgruppe 50 Dollar erhalten. Mit diesem «Feldversuch» soll der Effekt des Grundeinkommens erforscht werden. (pbl)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Einstürzende_Altbauten * 21.10.2017 09:44
    Highlight "Dem Bürgermeister schwebt ein dreijähriger Versuch mit 100 Personen vor, die 500 Dollar pro Monat erhalten sollen."

    100 von 300'000 Personen. Seriously?



    *fail

    5 6 Melden
    • trio 21.10.2017 17:44
      Highlight Darum ist es ja ein Versuch...
      3 3 Melden
  • Rabbi Jussuf 20.10.2017 15:41
    Highlight Da kann man, ohne Prophet zu sein, jetzt schon sagen, dass das in die Hose geht.
    29 102 Melden
  • Spötter 20.10.2017 15:05
    Highlight Sind halt lauter Dagobert Ducks, welche nicht richtig besteuert werden, vor Ort.
    29 5 Melden
  • Candy Queen 20.10.2017 14:37
    Highlight An die Befürworter des BGE:
    Warum sollte sich zB ein Kantischüler/Studentin... um einen Job bemühen, wenn er/sie ein BGE erhielte?
    Würden nicht mit BGE viele wertvolle Erfahrungen NICHT gemacht, die in solchen Jobs erworben werden können?
    23 79 Melden
    • Lindaa 20.10.2017 16:21
      Highlight Ja, Geld ist schön und gut. Aber es ist falsch, dass hauptsächlich nur das Geld als Motivationsgrund genommen wird, um Dinge (einen gewissen Job, etc.) im Leben zu erreichen. Ist doch schön, wenn man ein Grundeinkommen hat. Dann kann man sich auch viel mehr selbst verwirklichen und auch andere Dinge probieren, da man eben nicht nur Geld im Kopf haben muss.
      70 14 Melden
    • Rendel 20.10.2017 17:03
      Highlight Wieviele sehen denn ihre Selbstverwirklichung in einem Beitrag an die Gesellschaft?
      7 7 Melden
    • Oberon 20.10.2017 17:28
      Highlight Die erste Frage wäre wie hoch das BGE in der Schweiz wäre und welche Systeme dadurch abgelöst werden sollen.

      Einfach einen Betrag X ende Monat zu bekommen wird nicht funktionieren, da nicht finanzierbar und mehrheitsfähig.

      5 6 Melden
    • Str ant (Darkling) 20.10.2017 17:46
      Highlight http://www.watson.ch/!858562830
      Umfrage zeigt: Neun von zehn Schweizern würden trotz Grundeinkommen arbeiten
      Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen:

      2% gaben an, sie würden bestimmt aufhören wollen zu arbeiten.
      54% würden sich weiterbilden.
      53% nähmen sich mehr Zeit für die Familie.
      22% würden sich selbstständig machen.
      35% würden nachhaltiger konsumieren.
      59% der unter 35-Jährigen glauben, dass das Grundeinkommen irgendwann eingeführt wird.
      20 5 Melden
    • Fabio Kunger 20.10.2017 18:06
      Highlight Die Lohnarbeit ist nur ca 200 Jahre alt. Die Menscheit hat auch zuvor ohne Lohn Dinge erfunden, Kontinente entdeckt, Musik und Kunst gemacht und vieles mehr.
      22 4 Melden
    • Candy Queen 20.10.2017 18:08
      Highlight Gerade (angehenden) Studenten kommt es sehr zugute, wenn sie selber einmal Arbeiten machen müssen, mit denen sie in ihrem künftigen Berufsleben kaum konfrontiert sein werden und wenn es für einmal nicht um Selbstverwirklichung geht.
      6 7 Melden
    • Alex Aber Andersch 20.10.2017 18:14
      Highlight @Candy Queen:
      Zwei Fragen an Dich:
      Wie würdest denn Du handeln in einem solchen Fall (als besagter Kantischüler/Student?
      Wieso soll man allen anderen nur das Negative unterstellen, wenn man selbst aber anders handelt?

      @Lindaa:
      Mit Deiner Aussage triffst Du den Nagel auf den Kopf!
      11 4 Melden
    • Liselote Meier 20.10.2017 18:23
      Highlight Ist einer Konsumgesellschaft ziemlich leicht zu erklären. Um mehr Konsumieren zu können.

      Nehme mal an ein BGE würde sich bei 2000-4000 befinden, als Ingenieur hast dann nochmals 10k drauf.Das Prinzip Geld als gesellschaftliches Verhältnis wird mit einem BGE nicht aufgehoben.

      Mit einem BGE kann man sich keine schöne Karre leisten oder Häusle bauen. Das Prinzip durch mehr Leistung mehr zu erhalten, wäre nach wie vor in Takt. Nur müsste niemand mehr irgend einen Drecksjob annehmen weil er keine andere Wahl hat und daran kaputt gehen.
      Als Lohnabhängiger kann man nur dafür sein



      12 7 Melden
    • Roman h 20.10.2017 18:26
      Highlight @lindaa
      Klar ist es schön wenn man machen kann was man will aber was dann?
      Für Geld muss man nun mal arbeiten.
      Wenn alle machen was sie wollen, wer verdient dann das Geld?
      Es schadet den Studenten sicher nicht wenn sie mal arbeiten, denn das sie immer lernen müssen stimmt nicht.
      5 14 Melden
    • Candy Queen 20.10.2017 23:13
      Highlight @alex: sei ehrlich, hättest du aufschnitt verpackt, schrauben gezählt, geputzt oder wärest du als Maskottchen auf die Strasse gestanden, wenn du nicht gemusst hättest? Und schadet das jemandem, wenn er/sie das muss?
      4 7 Melden
    • Candy Queen 20.10.2017 23:16
      Highlight Nochmald@alex: ja,habe ich. Hat 3s mir geschadet? Nein, im Gegenteil!
      1 2 Melden

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