DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Kann man diesem Mann nicht jetzt schon einen Lebenswerks-Oscar überreichen? Der vorzüglich wandelbare Mads Mikkelsen, hier in «Riders of Justice».
Kann man diesem Mann nicht jetzt schon einen Lebenswerks-Oscar überreichen? Der vorzüglich wandelbare Mads Mikkelsen, hier in «Riders of Justice».
bild: ascot elite
Interview

«Überheblicher Mist!» Lieblingsdäne Mads Mikkelsen beglückt uns mit Klartext

Was ist noch besser als ein Zoom-Gespräch mit dem coolsten aller Dänen? Eins mit ihm und seinem ebenfalls sehr coolen und dänischen Regisseur! Denn die beiden sind nicht nur beste Freunde, sondern haben auch wieder einen äusserst dänischen Film zusammen gemacht. «Riders of Justice». Geredet haben wir aber auch noch über alles andere. Viel Vergnügen!
12.09.2021, 07:3928.09.2021, 15:26

Sitzen zwei Dänen im Zoom. Den einen sieht man, den andern nicht. Der Sichtbare heisst Anders Thomas Jensen und ist Drehbuchautor und Regisseur, der Unsichtbare heisst Mads Mikkelsen, was schade ist, denn wer würde Mads Mikkelsen nicht gerne anschauen? Die beiden haben zusammen «Riders of Justice» gedreht, es ist bereits ihr fünfter gemeinsamer Film, der berühmteste ist «Adam's Apples». Jetzt spielt Mikkelsen Markus, einen Mann, der im Militär hart geworden ist und in eine Depression stürzt, weil seine Frau bei einem Anschlag auf eine U-Bahn stirbt.

Der Film eröffnet tausend falsche, zufällige und richtige Wege aus der Depression. Zusammen mit ein paar Wissenschaftlern, die sinnlose, aber Sinn versprechende Wahrscheinlichkeitsrechnungen anstellen und Verschwörungstheorien haben, zieht Markus gegen die vermeintlichen Attentäter ins Feld. Ein Bandenkrieg bricht los. Seine Tochter und ihr hypersensibler Schneeflöcklein-Freund sind dabei erwachsener als die Erwachsenen. Aber was hat das alles mit dem gestohlenen Velo der Tochter zu tun? Nichts? Alles? Und was ist überhaupt der Sinn des Lebens?

Trailer zu «Riders of Justice»

Thomas Anders Jensen, haben Sie den Sinn des Lebens gefunden? «Es war auf jeden Fall nie Gott. Aber es war Alkohol! Und genau jetzt ist es, mich mit Menschen zu umgeben, die ich liebe, ich glaube, näher kann man einem Sinn des Lebens nicht kommen. Wenn man es doch versucht, wird man enttäuscht.» Und Mads Mikkelsen? «Ich habe ihn noch nicht gefunden, ich suche danach. Als junger Mensch beginnt man, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen und hört ein Leben lang nicht damit auf.»

«Wenn ich gefragt würde, ob ich nach diesem Leben noch eine Runde auf dem Karussell drehen will, wäre meine Antwort: Ja, gern, weil es grossartig ist!»
Mads Mikkelsen

«Riders of Justice» ist ein eine Mischung von Melodram und schwarzer Komödie. Ein schamloser Genre-Mix, der aufs Zwerchfell und den Magen schlägt und am Herzen nagt. Ist das eine typisch dänische Erzählstrategie? Die Märchen von Hans Christian Andersen sind schliesslich auch oft todtraurig und hochkomisch zugleich. «Ich habe noch nie darüber nachgedacht», sagt Jensen, «aber ich bin tatsächlich so aufgewachsen. An jeder Beerdigung werden Witze erzählt. Wir leben vom Galgenhumor. Je schlechter deine Situation, je schlimmer eine Krankheit ist – jemand macht immer einen völlig unangebrachten Witz und nimmt der Situation ihre Schwere.»

Hier sehen wir Jensen und Mikkelsen vor 18 Jahren am Sundance Filmfestival.
Hier sehen wir Jensen und Mikkelsen vor 18 Jahren am Sundance Filmfestival.
Bild: gettyimages
Und das ist Jensen beinahe heute.
Und das ist Jensen beinahe heute.
Bild: gettyimages

Jensen (49) und Mikkelsen (55) gehören zum dänischen Filmwunder, das seinerseits das dänische Serienwunder nach sich zog. «Als ich jung war», sagt Jensen, «war Schweden die grosse europäische Filmnation, dann Deutschland, jedenfalls ein wenig, jetzt ist es Dänemark. Einerseits ein Zufall. Andererseits vielleicht, weil wir so klein sind. Wir saugen alles auf, was in der Welt geschieht, weil bei uns selbst so wenig los ist.»

Gut, aber in der Schweiz ist auch sehr wenig los und sie ist ähnlich klein wie Dänemark, trotzdem schafft sie es nicht mit einer vergleichbaren Kraft auf die internationale Filmlandkarte. «Ja, die Schweiz, ich weiss auch nicht …» Sind wir zu reich? «Genau das wollte ich sagen! Manchmal hängt alles von einer einzigen Figur ab: In Schweden gab es den Tennisspieler Björn Borg, eine grosse Ausnahme, doch nach ihm kam eine Menge fantastischer schwedischer Tennisspieler …» Okay, das mit dem Tennis kriegen wir vielleicht hin.

Im dänischen Kino machte Lars von Trier mit der sogenannten Dogma-Bewegung 1995 den Anfang, nach ihm kamen viele. Susanne Bier, Thomas Vinterberg, Nicolas Winding Refn, Bille August, Lone Scherfig und eben Anders Thomas Jensen. Dazu Schauspieler wie die Brüder Mads und Lars Mikkelsen, Viggo Mortensen oder «Game of Thrones»-Star Nikolay Coster-Waldau. Mads Mikkelsen hätte Dänemark nicht mehr nötig. Er war der Bond-Bösewicht Le Chiffre in «Casino Royale» und der Kannibale «Hannibal», der Gillian Anderson dazu brachte, genüsslich ihr eigenes Bein zu essen. Trotzdem dreht er am liebsten zuhause unter Dänen.

«Druk» («Der Rausch») von Thomas Vinterberg mit Mikkelsen in der Hauptrolle gewann heuer den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
«Druk» («Der Rausch») von Thomas Vinterberg mit Mikkelsen in der Hauptrolle gewann heuer den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Bild: keystone

«Das ist unsere Spezialität», sagt Jensen, «als ich ins Filmgeschäft einstieg, war das anders. All die alten Regisseure, die noch keinen Erfolg hatten, liessen niemanden mitreden und behielten ihre Drehbücher für sich selbst. Lars von Trier hat damit Schluss gemacht. Die Idee seiner Produktionsfirma Zentropa und von Dogma ist, dass alles geteilt wird, dass sich alle einbringen dürfen, dass jeder Film aus einem Kollektiv heraus entsteht. Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet Lars von Trier damit angefangen hat, normalerweise teilt er nämlich nicht gerne.»

«Wenn ich in Dänemark arbeite», sagt Mikkelsen, «arbeite ich mit meinen Freunden, es sind meine Geschichten, es ist meine Sprache. Aber wir müssen aufpassen, dass es nicht einfach ein faules, gemütliches Familientreffen wird.»

«Unser Mantra in Dänemark ist: Wir lieben einander, wir kennen einander – und jetzt lasst uns etwas tun, was wir mit niemandem sonst zu tun wagen würden!»
Mads Mikkelsen

Jensen nennt Mikkelsen einen «absoluten Teamplayer», der sich beim Dreh um Schwächere kümmert, Verantwortung fürs Ganze übernimmt und Sicherheit verströmt. «Ich würde niemanden schwächer nennen», entgegnet Mikkelsen, «unerfahren trifft es besser, und für unerfahrene Leute ist es oft einschüchternd, zu einem Dreh zu kommen und dann möglicherweise noch mit einem Idol spielen zu müssen. Mein Job ist es dann, Spannungen zu neutralisieren, dafür zu sorgen, dass alle Freunde werden und sich wohl fühlen. Wenn du den Ball nimmst und alleine damit losrennst, magst du für eine Weile interessant aussehen, aber die Szene funktioniert nicht und der Film funktioniert nicht und am Ende hast du keine Arbeit mehr.»

Geniale, desaströse Beziehungsdynamik: Mads Mikkelsen als Kannibale Dr. Hannibal Lecter und Gillian Anderson als seine Psychoanalytikerin Dr. Bedelia Du Maurier.
Geniale, desaströse Beziehungsdynamik: Mads Mikkelsen als Kannibale Dr. Hannibal Lecter und Gillian Anderson als seine Psychoanalytikerin Dr. Bedelia Du Maurier.
Bild: NBC

Im Zoom befinden sich nicht nur Jensen und Mikkelsen, sondern auch noch vier oder fünf weitere Journalisten. Ein junger Mann aus Polen, der immer über toxic masculinity reden will, fragt nach Mikkelsens Meinung zu #metoo. Zumal Mikkelsen in «Fantastic Beasts» die Nachfolge des entlassenen Johnny Depp als Grindelwald übernimmt. «Diese Frage ist ein Wurmloch», sagt Mikkelsen, «allein, dass ich über das Thema rede, könnte schon bedeuten, dass meine Karriere zu Ende ist, so weit sind wir. Ich glaube an das Recht, ich glaube daran, dass man sich für etwas, das gesetzlich oder moralisch falsch ist, vor einem Gericht rechtfertigen muss. Aber nicht in einem öffentlichen Raum. Das gilt für die Filmbranche und für jedes andere Business. Ganz klar wurde einiges bereinigt, was dringend nötig war, aber manchmal wurde auch gereinigt, wo gar kein Schmutz war.»

Wie füllt man eine Rolle aus, die vorher von Johnny Depp geprägt wurde? «Johnny hat seine eigene fantastische Art. Ihn imitieren zu wollen, wäre Selbstmord, ich musste mir lauter kleine Brücken schaffen.»
Mads Mikkelsen

Wie leicht kann er eigentlich eine Figur verlassen, sie abschütteln nach einem Dreh? «Oh, sehr leicht! Ich finde es vermessen und nervig, wenn Schauspieler für Monate in ihrer Rolle bleiben und die Angehörigen sie auch so ansprechen müssen und alle Filmkritiker der Welt finden, wow, er ist so radikal! Das ist überheblicher Mist, den ich nicht ernst nehmen kann. Aber natürlich kommt man abends gut oder schlecht gelaunt nachhause. Wie jeder andere Mensch in jedem anderen Job.»

2006 empfing die Queen das Team von «Casino Royale».
2006 empfing die Queen das Team von «Casino Royale».
Bild: AP REUTERS POOL

Trotzdem muss er sich seinen Figuren annähern. Wie jeder andere Schauspieler in jedem anderen Film. Wie macht er das? «Ich versuche, smarter als meine Figuren zu sein. Selbst wenn ich Einstein spielen würde, müsste ich klüger sein als er. Jedenfalls klüger als sein Spiegelbild. Ich muss fähig sein, seine Fehler zu sehen, um die Kontrolle über die Geschichte zu haben. Ich muss meine Figuren auch nicht mögen, ich muss sie nur bis zu einem gewissen Grad verstehen. Markus in ‹Riders of Justice› verstehe ich gut, er ist das Produkt einer extremen Machowelt, in der er sein ganzes Leben verbracht hat.»

«Markus weiss, dass er den kleinsten Riss in dieser Welt nicht ertragen und nicht überleben wird. Deshalb versucht er, den Rissen aus dem Weg zu gehen. Aber sie holen ihn ein.»
Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen ist ein sehr physischer Schauspieler, der sich nicht vor Action scheut: «Ich liebe Action. Durchaus um ihrer selbst willen. Ich bin mit Actionfilmen aufgewachsen. Aber sie muss Sinn machen, muss personalisiert sein. Action und Gewalt gehören zu Markus, definieren ihn, und wenn er viel zu fest zuschlägt und den Freund seiner Tochter fast zu Tode prügelt, sehen wir, wie armselig er als Mensch ist.»

Und er ist einer, der auch ohne Worte präsent sein kann. Und dem wir hier das letzte Wort geben, weil man es nicht schöner sagen könnte: «Als Kind war ich in Buster Keaton verliebt. Er kann das am besten, einzig mit seinem Gesicht eine Milliarde Geschichten erzählen. Mir war lange nicht klar, dass ich mein Gesicht als Werkzeug verwende, ich tat es einfach. Und schliesslich machen wir ja kein Radio. Wir machen Movies. Moving images. Bewegte Bilder. Und diese Bilder müssen sprechen können. Nicht nur Worte.»

«Riders of Justice» läuft ab dem 16. September im Kino.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Ranking: ALLE Bondfilme – von grottenschlecht bis hammergeil

1 / 27
Ranking: ALLE Bondfilme – von grottenschlecht bis hammergeil
quelle: thejamesbondsocialmediaproject.com / thejamesbondsocialmediaproject.com
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Diese Kinderserien-Figur hat einen Riesenpenis und löst eine Kontroverse aus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt

Wir haben einen Kanon gemacht. Das ist dieses Ding, in dem normalerweise steht, welche männlichen Künstler, Wissenschaftler, Denker für die Welt notwendig sind. Aber nicht bei uns. #DIEKANON

In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

Verständlich also die …

Artikel lesen
Link zum Artikel