DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Priester der stockkonservativen Piusbruderschaft in Ecône VS (2014).
Priester der stockkonservativen Piusbruderschaft in Ecône VS (2014).Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Abtreibungen sind des Teufels – glauben fromme Christen

Sie beten gegen Abtreibungsärzte. Manchmal morden sie auch.
03.06.2017, 08:1723.12.2019, 08:35

Sie kamen immer am Freitag, dem 13. Die Frommen der Piusbruderschaft, der erzkonservativen katholischen Sekte, einer Priestervereinigung mit Zehntausenden von Anhängern. Ihr Treffpunkt war die Kapelle des Lausanner Universitätsspitals. Dort beteten sie zu Gott, er möge den Gynäkologen das Handwerk bei Abtreibungen legen.

Nun hat die Spitalleitung reagiert, und die radikalen Abtreibungsgegner aus dem «Tempel» geworfen. Wie einst Jesus die Pharisäer.

Für christliche Fundis aller Couleur ist Abtreibung Mord. Nicht alle mögen es in der Öffentlichkeit so radikal formulieren, die meisten empfinden es aber so. Die Frommen verschiedener freikirchlicher Denominationen, katholische Traditionalisten und christliche Sekten.

Für sie sind Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, des Teufels. Für manche gar Massenmörder. Gott hat es gegeben – das Leben –, Gott wird es nehmen, glauben sie. Betroffene Ärzte greifen in ihren Augen in Gottes Schöpfung ein und verstossen – angeblich – gegen das wohl wichtigste Gebot: Du sollst nicht töten.

Weltfremde christliche Fundis

Nun ist für die katholischen Priester der Piusbrüder fertig mit Beten im Lausanner Spital. Das ist gut so. Ein wichtiges Signal. Es zeigt den Fundis, dass sie religiöse Prämissen nicht über das säkulare Leben stellen können. Und dass unser Alltag so weit wie möglich nach Vernunftskriterien organisiert wird und nicht nach verqueren Glaubensgrundsätzen.

Das verbotene Betritual zeigt aber auch das kindliche Gottesverständnis der Piusbrüder. Sie glauben, Gott werde ihr Gebet erhören und den Gynäkologen in den Arm fallen, bevor sie weitere Abtreibungen vornehmen.

Oder sie hoffen, Gott gebe den Ärzten dank ihrer Fürbitte die Eingebung oder Einsicht, dass Abtreibungen tatsächlich Morde seien. Was dazu führen sollte, dass sie das Fachgebiet wechseln oder keine Abtreibungen mehr vornehmen. Mit Sicherheit allerdings zeigen die Gebetsaktionen die heillose religiöse Verblendung und Weltfremdheit der christlichen Fundis.

Hugo Stamm live
Am Donnerstag, 8. Juni, ist Hugo Stamm live in Zürich zu sehen. Er tritt im Miller's Studio als Gast der österreichischen Kabarettisten Science Busters in deren Programm «Wer nichts weiss, muss alles glauben» auf. Hugo Stamm wird vom Lichtfasten und von Scientology erzählen.
Mehr Infos gibts hier.

Märsche, Vorstösse, eigene Kasse

Die Piusbrüder sind aber nicht die einzigen, die sich gegen Abtreibungen wehren. Jedes Jahr veranstalten Vertreter von Freikirchen und katholische Fundis den sogenannten «Marsch fürs Läbe». Mit Protesten und Demonstrationen in Zürich oder Bern kämpfen bis zu 3000 Fromme vor allem gegen die Abtreibungspraxis in der Schweiz. Mitglied der Bewegung sind auch die beiden Parteien EDU und EVP.

Konservative Christen demonstrieren gegen Abtreibung: «Marsch fürs Läbe», 17. September 2016 in Bern.
Konservative Christen demonstrieren gegen Abtreibung: «Marsch fürs Läbe», 17. September 2016 in Bern. Bild: KEYSTONE
Abtreibungsbefürworter nehmen die Kirche auf die Schippe: Gegendemonstration, 17. September 2016 in Bern.
Abtreibungsbefürworter nehmen die Kirche auf die Schippe: Gegendemonstration, 17. September 2016 in Bern.Bild: KEYSTONE

Die gleichen Kreise haben auch eine Initiative mit dem Titel «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» lanciert, über die wir vor drei Jahren abgestimmt haben. Die Initianten wollten verbieten, dass Krankenkassen Abtreibungen übernehmen dürfen. Das Verdikt war eindeutig: 70 Prozent der Stimmenden verwarfen das Begehren.

Fundis machen mobil: Abstimmungskampf vor dem Urnengang 2014 (hier in Brüttisellen ZH).
Fundis machen mobil: Abstimmungskampf vor dem Urnengang 2014 (hier in Brüttisellen ZH). Bild: KEYSTONE

Eine besonders originelle Lösung haben christliche Kreise ersonnen und die Krankenkasse Pro Life aufgebaut. Diese weigert sich, Abtreibungen zu übernehmen. Begründung: «Unser Ziel ist es, Abtreibungen und jegliche Angriffe auf unschuldiges, wehrloses Menschenleben undenkbar zu machen.» Ein weitere weltfremde Aktion radikaler Christen.

Auch Rom tut sich schwer

Wie schwer sich auch die katholische Kirche mit Abtreibungen tut, demonstrierte Papst Franziskus im Herbst 2015. Er verkündete, seine Priester dürften ein Jahr lang den Sünderinnen vergeben, die abgetrieben haben. 2016 modifizierte er die Bedingungen und verlängerte die Frist.

Wie weit der glaubensbedingte Hass auf abtreibende Ärzte geht, demonstrierten schon mehrfach christliche Fundamentalisten in den USA, die kaltblütig Abtreibungsärzte verfolgten und hinrichteten.

George Tiller, das Opfer...
George Tiller, das Opfer... Bild: AP
... und sein Mörder, Scott Roeder.
... und sein Mörder, Scott Roeder.Bild: AP

Das bekannteste Opfer war 2009 der prominenteste Abtreibungsarzt George Tiller. Er wurde ausgerechnet während eines Gottesdienstes in einer lutheranischen Kirche vom Abtreibunsgegner Scott Roeder erschossen.

Für Fundis sind offensichtlich auch die Gebote Gottes relativ: Um einem vermeintlichen Massenmörder das Handwerk zu legen, dürfen sie das Gebot Gottes ausser Kraft setzen und selbst zum Mord schreiten.

Dabei vergessen die überfrommen Christen, die sie sich bei ihren ethisch-moralischen Aktionen stets auf die Bibel berufen, dass Abtreibungen weder im Alten noch im Neuen Testament thematisiert sind.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wäre die Welt friedlicher, wenn Gott uns fremd geblieben wäre?

Es gab Zeiten, in den es gefährlich war, Religionen und Glaubensgemeinschaften öffentlich zu hinterfragen oder zu kritisieren. Im Mittelalter waren die Kirchen so mächtig, dass sie Ketzer in den Kerker oder gar auf den Scheiterhaufen werfen lassen konnten. Mit der Aufklärung, den Menschenrechten, speziell der Religionsfreiheit, sind klerikale Übergriffe auf Personen und Gruppen beschränkt worden.

Zur Story