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Alte Fotos zeigen die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs

Im August 1945 feierte die «Schweizer Illustrierte Zeitung» das Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Reise zurück in die Zeit, als das Land am Abgrund stand.

15.12.17, 15:43

daniel schurter



Heute spotten wir über «die beste Armee der Welt». Dabei war sie einst für viele Menschen die letzte Hoffnung. Das zeigt ein spezielles Zeitdokument, in dessen Besitz ich kürzlich dank meiner Mutter, einer leidenschaftlichen Sammlerin, kam.

Auf den ersten Blick ist es nur eine zerknitterte und vergilbte Zeitung. Das Titelblatt zeigt zwei junge Männer in Uniform, die eine Schweizer Fahne einrollen.

«Dank an den Schweizer Soldaten» – und an die Frauen? bild: watson

Es ist eine 40-seitige Spezialausgabe der «Schweizer Illustrierte Zeitung», erschienen am 22. August 1945.

Die «Sondernummer zur Aufhebung des Aktivdienstzustandes» kostete 40 Rappen, was für damalige Verhältnisse ein stattlicher Betrag gewesen sein muss.

Ich fing an zu blättern – und reiste zurück in eine dunkle Vergangenheit, in der die Schweiz von Nazis und Faschisten eingeschlossen war.

Ein Foto fesselte mich ...

In der Bildlegende steht:

«Mit brennenden Augen schaute die Schweizer Bevölkerung in Zeiten der Gefahr nach Frankreich hinüber. Das Mitleid für die im Kriege heimatlos gewordenen Kinder und die von bitterster Not verfolgten alten Leute trieb sie zu immer grösseren und gefahrvolleren Hilfsaktionen an. Unter den erschütternden Szenen wird eine unvergesslich bleiben. Dieser Schweizer Bauer rettete französische Kinder in die Schweiz. Was galt ihm das Gewehrfeuer und der Einschlag der Granaten! Das Leben der Kinder war ihm so viel wie sein eigenes. Da traf ihn bei der Rettungsaktion eine alliierte Granate. Schwer verwundet sinkt er zusammen. Seine Frau kann noch vom Sterbenden Abschied nehmen. In einer ergreifenden Szene trennen sich zwei, die noch viele Jahre hätten zusammenbleiben können.»

«Friendly Fire» war offensichtlich ein tödliches Problem. Das zeigte sich auch 1944, als die Stadt Schaffhausen von amerikanischen Flugzeugen bombardiert wurde.

«Zum erstenmal erlebte die Schweiz am 1. April 1944, was der Krieg in Wirklichkeit bedeutet, Feuer und Vernichtung, Tote, Verwundete und Obdachlose.»

Warum wurde die Schweiz von Nazi-Deutschland verschont?

Sicher ist: Wir hatten Glück. Unglaubliches Glück.

Anstatt nur aus grosser Distanz zu urteilen, wie es die Bergier-Kommission in ihrem umstrittenen Bericht machte, lohnt es sich, die damaligen Lebensumstände in Erinnerung zu rufen. Das ist dank dieser «Sondernummer» möglich.

Ich habe die mit der Digitalkamera fotografierten Zeitungsseiten am Computer (leicht) bearbeitet und stelle eine Auswahl der eindrücklichsten Texte und Aufnahmen vor.

Wo ich es für nötig hielt, sind Zusatzinformationen, weiterführende Links und persönliche Kommentare angefügt. Denn ja, so kurz nach Kriegsende fehlte die nötige Distanz, um abschliessend zu beurteilen, was den Kleinstaat im Herzen Europas vor dem Schlimmsten bewahrte.

1941: Der zweithöchste Nazi steht süffisant lächelnd an der Grenze

In der Bildlegende steht:

«In den ersten Kriegsjahren sah es ganz anders aus an unseren Grenzen als in der Zeit, in der sich das deutsche Kriegsschicksal wendete. Da glaubte auch Heinrich Himmler, sich an der Schweizer Grenze zeigen zu müssen. Mit General Schörner (rechts aussen) und (links neben Himmler) dem SS-General Wolf, der dieses Frühjahr in der Schweiz die Kapitulation seiner Italienarmee einleitete, beugt sich Himmler am 8. Oktober 1941 über den Grenzbaum bei Verrières-Meudon. Wie gerne hätte er einige Schritte vorwärts getan, und dann noch einen und noch einen, bis ...
Er lächelt etwas überlegen und erhaben, als ob er sagen wollte: ‹Ihr werdet noch Augen machen!›»

Gut drei Jahre später in Basel – die Wehrmacht flieht vor den Franzosen

Es werden dramatische Szenen geschildert:

«Die Schweizer Grenze gegen das Elsass lag in den Novembertagen des Jahres 1944 in höchstem Alarm. Was werden die zurückflutenden Deutschen tun? Es schien für sie kaum noch einen anderen Ausweg zu geben, als hier und dort die Grenze zu verletzen, wenn sie nicht in französische Gefangenschaft geraten wollten. So war es auch am 20. November am Lysbüchel bei Basel. In wilder Flucht liessen sich Mannschaften und Offiziere mit Ross und Wagen in hastender Eile über die Grenze abdrängen. Es waren Stunden höchster Gefahr. Doch der Schweizer Soldat war auf dem Posten. Und die Bevölkerung von Basel erlebte den Anblick einer geschlagenen Armee.»

Was die Schweizer Bevölkerung nicht zu sehen bekommt, weil die Publikation durch die «Pressekontrolle» verboten wurde ...

Flüchtende Wehrmacht-Soldaten wurden von der SS an der Grenze erschossen. Hier liest du die Hintergründe:

Sicher ist: Der Grenzschutz war eine unmenschliche Aufgabe für die Schweizer Soldaten – und endete öfters tödlich für die Abgewiesenen

«Vor den Drahtverhauen stauen sich die Menschen, die mit hohlen Augen hilfesuchend in die Schweiz schauen. Der Grenzsoldat möchte allen helfen. Doch er muss auf der Hut sein. Er weiss nicht, ob sie alle des Schutzes würdig sind. Oft hat das Gefühl des Herzens der Härte des Verstandes weichen müssen. Wie gern hätte er dem kleinen frierenden Kind geholfen. Doch er durfte mit keinem Schritt seinen Posten verlassen.»

Wer will sich heute ein Urteil anmassen? 

«(...) Halten wir noch einmal fest, dass sich das Land dann, als es am nötigsten war, als die Flüchtlinge in grosser Zahl an die Grenze drängten, in Wirklichkeit am weitesten geöffnet hat. Die Daten lassen in dieser Hinsicht keine Zweifel aufkommen.»

Der Ökonom Christian Lambelet von der Universität Lausanne in einer kritischen Würdigung des Bergier-Berichts quelle: hec.unil.ch

Die Furcht vor einer Invasion war unheimlich gross: Schweizer Senioren sollten deutsche Elite-Soldaten bekämpfen

Zu den «Ortswehren» heisst es:

«Im Zeitalter der Fallschirmabspringer hatten sie, überall im Lande, in ihrem Bereich auf solche Jagd zu machen. Die Armee der Ortswehren zählt viele Tausende, und wenn sie auch die Kampftruppe nicht zu ersetzen bestimmt war, so bildete sie doch das unentbehrliche letzte Glied in der Kette der Verteidigungsmassnahmen.»

Immer wieder sorgten angebliche Geheimpläne der Nazis für Unruhe

Ein Militärstratege versuchte nach Kriegsende zu relativieren ...

«Wenn der Unbefangene von aufgefundenen Plänen zu einem Überfall auf die Schweiz hört, so sieht er hier begreiflicherweise ungemeine Arglist und abgründige Feindschaft dahinter lauern. Doch braucht dem nicht unbedingt so zu sein; solche Pläne hat ein jeder, der um sich herum zum Kriege anschickt oder auch nur seine Massnahmen zur Kriegsabwehr trifft; sie gehören mit zur elementaren Kriegsrüstung, die alle Eventualfälle in den Kreis ihrer Betrachtung einzubeziehen und die Art des Verhaltens weitgehend bereits festzulegen hat. Genau so, wie jeder, auch der politisch Freundwilligste, seine Agentennachrichten bei uns so gut wie beim voraussichtlichen Gegner einzuholen versucht, so schliesst er auch die Frage einer allfälligen Verletzung unserer Neutralität in seine Voraussetzungen ein. Denn unsere Neutralität, das ist uns kein Geheimnis mehr, ist anderen in dem Masse wert, als sie ihnen dient; unsere Erfassung derselben darf sich aber nie auf diesen schwanken Boden begeben.»

Oberst Edgar Schumacher kommentierte, man müsse militärische Angriffspläne emotionslos beurteilen.  quelle: «Schweizer illustrierte zeitung»

Wollten die Deutschen wirklich einmarschieren?

Eine abschliessend Antwort gibt es nicht, wie bereits Oberst Schumacher in seiner Analyse zum Kriegsende betonte:

«Wieweit im zweiten Weltkriege die tatsächliche Bedrohung der Schweiz gegangen ist, das werden wir schon aus dem einen Grunde nie mit völliger Deutlichkeit wissen, weil es zum Überfall eben nie kam. Wir dürfen uns weder mit Bezug auf das Mass der Bedrohung noch in der Frage der Abwehrmöglichkeiten mit Dänemark, Norwegen, Holland oder Belgien vergleichen. Auch dieser Krieg hat die Eigentümlichkeit unserer besonderen Lage dargetan und uns wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass unsere Massnahmen in der Vorbereitung und in der Entscheidung nicht durch den Vergleich, sondern allein durch das eindringende Erwägen gefunden werden.»

Fakt ist: Die Schweiz demonstrierte – gemäss öffentlicher Wahrnehmung – einen «unbedingten Verteidigungswillen». Interessantes Detail: Das Vorwort stammt von dem Bundesrat, der zu Beginn des Krieges – wie auch der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler – vorschlug, den Gotthard-Tunnel zu sprengen

Die eigentliche Lichtgestalt war ein anderer: General Guisan. Ein Welscher

«So hart wie der Granit, auf dem wir stehen, ist unser Wille, ein freies, unabhängiges, ein neutrales und ein menschliches Volk und Land zu bleiben.»

General Guisan, in einer über den Rundfunk übertragenen Rede an die Nation, anlässlich der Weihnachtsfeier 1942

Das folgende YouTube-Video ist etwas vom Besten, das man über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg sehen kann. Wir steigen mit der Mobilmachung in das 30-minütige Werk ein.

«Réduit National»

Video: YouTube/Jan Baumgartner

Es ist die Maturarbeit von Marco Grünenfelder und Jan Baumgartner an der Kantonsschule Zug. Für ihren Dokumentarfilm (2013) verwendeten sie eindrückliche historische Aufnahmen und sprachen mit Zeitzeugen.

Als die Männer einrücken mussten ...

«Als in den letzten Augusttagen 1939 die Sturmglocken die Männer unter die Fahnen riefen, da traten allenthalben im Schweizerlande in der freudigen Verpflichtung der Verantwortung die Frauen tapfer an die leergewordenen Arbeitsplätze. Am Anfang war es oft schlimm. Die langen Dienstzeiten der ersten Mobilisationsjahre haben dem Hof und Betrieb den Meister gleich für viele Monate genommen. (...) Wir wollen es den Schweizer Frauen nicht vergessen, dass sie in einem nie voraussehbar langen, sechsjährigen Ringen eine für unsere Existenz nicht minder wichtige Schlacht gewinnen halfen: die Anbauschlacht zur Sicherstellung einer ausreichenden Landesversorgung.»

«Von den Tagen höchster Bereitschaft»

Die heimische Rüstungsindustrie wurde in höchsten Tönen gelobt

«Jeder schweizerische Infanterist weiss, dass ihm das präziseste Ordonnanzgewehr der Welt in die Hand gegeben wurde. Welches Vertrauen, welche Sicherheit vermöchte ihm im Ernstfall allein dieses Wissen zu geben! Es ist denn auch ein uralter schweizerischer Grundsatz, dass nur das Beste, Zweckmässigste für den Wehrmann gut genug ist, und auch heute noch wird an diesem Grundsatz festgehalten.»

Dann: General Guisans letzter Tagesbefehl

«Bevor ich weggehe, hätte ich euch gerne besammelt oder doch noch einmal gesehen. Diese Möglichkeit besteht nicht. Ich werde euch jedoch nicht vergessen. Oft werden mir die Gesichter von euch Soldaten und Offizieren erscheinen, wie ich sie während diesen 6 Jahren an der Grenze und im Réduit vor mir sah. Euren Blick und die Stimme eines Jeden in seiner Muttersprache werde ich wiedererkennen, wie zur Zeit, als Ihr Eurem General geantwortet habt. Ich werde euch nie vergessen und die Trennung verursacht mir einen grossen Schmerz.»

Mit dem definitiven Ende des Zweiten Weltkrieges entlässt die Schweiz hunderttausende Bürger aus dem Militärdienst.

Auch er konnte endlich nach Hause, oder: Zurück auf sein Schiff!

Er wurde vom internationalen Star zum gewöhnlichen Füsilier – und durfte zurück auf die Tanzbühne

Das Sturmgewehr im Estrich ...

«Als einziges Land der Welt kann es sich die Schweiz erlauben, seinen Soldaten Waffe und Munition mit nach Hause zu geben.»

Zum Kriegsende wandte sich auch die Redaktion mit viel Pathos an die Leserinnen und Leser:

«Sechs angestrengte Jahre der Bereitschaft liegen hinter uns; der Friedensruf durchhallt die Welt, Friedensbotschaften werden um den Erdball herumgekabelt und lösen Freudenstürme aus bei den Völkern, die noch bis jetzt im Feuer standen. Das Aufatmen hat uns schon im Mai erreicht, aber es ist erst endgültig und kommt aus ganzem Herzen, seit auf der ganzen Welt die Waffen ruhen.»

Gemeint ist die Kapitulation Japans. Die «Schweizer Illustrierte» erscheint eine Woche nachdem der Tennō übers Radio die Kapitulation seiner kaiserlichen Armee verkündet hat.

Die Redaktion der «Schweizer Illustrierten» lobt den Widerstandswillen der Schweizerinnen und Schweizer.

«Es scheint uns darum gerade heute, da der General die Aufhebung des Aktivzustandes verfügte, eine vornehme, eine erhebende Pflicht, unserer Armee, die vom ersten bis zum letzten Kriegstag über die Sicherheit unseres Landes und die Respektierung unserer Neutralität gewacht hat, den Dank abzustatten. Wir tun es mit dieser Sondernummer, die jedem einzelnen Schweizer auch in späteren Zeiten in Erinnerung rufen soll, mit welch unbändigem Widerstandswillen wir uns gegen alle Einflüsterungen und grossen Worte gewehrt haben, die über den Rhein zu uns gesendet wurden (...).»

40 Seiten waren 1945 ein Luxus

Die Redaktion schreibt: «(...) Wir haben uns zu diesem Umfang trotz den schweren Einschränkungen entschlossen, die uns die Papierrationierung auferlegt. Aber zur Rechtfertigung – wenn es in diesem Falle überhaupt einer solchen bedarf – dürfen wir anfügen, dass wir die zusätzliche, für unsere Sondernummer erforderliche Papiermenge durch kleine Umfangreduktionen einiger früherer Ausgaben eingespart haben.»

«Auch in den kommenden Jahren werden all die Anstrengungen unser Los bleiben, die für die Behauptung unserer Neutralität nötig sind. Wir dürfen nicht müde werden. Aus den sechs Jahren dieses Aktivdienstes die Folgerung ziehen, heisst: Unablässig an der Vervollkommnung unseres Gemeinwesens arbeiten, damit es auch in der Zukunft jedem Sturm gewachsen sei.»

«Zwischenbilanz» zum Kriegsende

Natürlich gab's eine Witze-Seite

«Andenken»

«‹Schau, da habe ich noch einen Blindgänger vom ersten grossen Manöver.› – ‹Und das ist mein Hansli – vom ersten grossen Urlaub.›»

«‹Das ist wirklich Pech, dass wir heute (aus dem Dienst) entlassen worden sind.› – ‹Ja wolltest du denn noch länger bleiben?› – ‹Nein, aber ich hätte Urlaub ab morgen.›»

Und Tschüss!
(Mit der Postkutsche)

«Benzin und Pneus sind kaum erschwinglich. Was Wunder, wenn in solchen Zeiten die alte Postkutsche wieder aus der Remise hervorgeholt wird? Die holperige Fahrt scheint aber der guten Laune der Helferin vom Schweizerischen Volksdienst, die während der Grenzbesetzung auf dem Simplon eine Soldatenstube führte, und dem strammen Soldaten, der aus seinem Urlaub wieder bei seiner Einheit einrückte, keinen Abbruch zu tun. Mit einer stillen Freude im Herzen mögen die beiden inzwischen die Fahrt talwärts angetreten haben, jene Fahrt, die sie nach strengen Wochen und Monaten im Dienste des Vaterlandes wieder ihrer zivilen Berufsarbeit zugeführt hat.»

Die ganze «Sondernummer» der «Schweizer Illustrierte Zeitung»
(40 Seiten, unkommentiert)

Schluss mit Geschichte! Was hältst du von Weihnachtsbeleuchtung?

Video: watson/Carol Hämmig, Emily Engkent

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    Alle Leser-Kommentare
  • road¦runner 17.12.2017 15:04
    Highlight Warum kann ich das Bild "Bedrohte Schweiz 1939-45" nicht öffnen und zoomen? Den Inhalt würde ich gerne lesen können.
    Ist es euch nicht erlaubt ganze Seiten lesbar zu veröffentlichen?
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