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Impfender Hausarzt steht unter Polizeischutz: «Ich werde mich nicht einschüchtern lassen»

18.07.2021, 13:48
Julia Dombrowsky / watson.de

Kaum eine Geschichte zeigt deutlicher, wie erhitzt die Gemüter in der Corona-Pandemie sind, wie die von Christian Kröner. Der 39-Jährige ist Hausarzt im deutschen Bundesland Bayern und impft auch Jugendliche ab 12 Jahren gegen Covid-19, wenn sie und ihre Eltern damit einverstanden sind.

Damit zog er den Ärger radikaler Impfgegner auf sich. Wobei Ärger vielleicht noch untertrieben ist. Denn: Kröner erreichten derart viele Gewalt- und Mordandrohungen, dass er inzwischen partiell unter Polizeischutz steht.

«Holt den Verbrecher aus der Praxis und hängt ihn am nächsten Baum auf und die Eltern der geimpften Kinder gleich mit» – «Hängt den Typ auf dieses Schwein» – «Der wird noch betteln vor dem Tribunal»
Einige der Hass-Kommentare

Über die sozialen Netzwerke, aber auch per Mail wird der Hausarzt, der sich selbst als «Impfluencer» bezeichnet, hart angegangen. Doch Kröner bleibt bei seiner Meinung. «Die Corona-Impfung ist völlig freiwillig», sagt er im Gespräch mit watson. «Daher gilt es Respekt gegenüber Allen zu haben, egal, ob geimpft oder nicht. Es ist jedermanns freie Entscheidung, die niemanden etwas angeht.»

Tatsächlich bleibt es in Deutschland den Ärzten überlassen, ob sie auch Menschen ab 12 Jahren schon gegen Corona impfen. Das Biontech-Vakzin ist für diese Altersgruppe offiziell zugelassen, auch wenn die Ständige Impfkommission (Stiko) es bislang nur eingeschränkt empfiehlt. Nämlich für Jugendliche, die vorerkrankt sind, arbeitsbedingt einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind oder Risikopatienten im Umfeld haben.

«Mit dieser Empfehlung können wir arbeiten», hatte der Verband der Kinderärzte die Stiko-Entscheidung im Juni kommentiert, «sie definiert eine eindeutige Gruppe und lässt dennoch Freiraum für individuelle Impfentscheidungen.» Heisst: Kinderärzte können zusammen mit den Eltern und den Patienten abwägen, ob eine Impfung Sinn ergibt, sofern sie denn von den Familien gewünscht ist.

Christian Kröner bei seiner eigenen Impfung im Dezember 2020.
Christian Kröner bei seiner eigenen Impfung im Dezember 2020.
bild: youtube/drchristiankröner

Kröner ist überzeugt, dass die Impfung weniger Schaden anrichtet als eine Covid19-Infektion und auch Kinder ohne Vorerkrankungen von der Immunisierung profitieren, da Long-Covid-Symptome auch sie treffen könnten. Dass seine Kritiker ihn dafür als KZ-Arzt «Dr. Mengele» bezeichnen, nimmt er in Kauf. «Ich finde es natürlich nicht toll, aber ich werde mich sicher nicht einschüchtern lassen», so Kröner weiter. «Dann würde das Bedrohungskonzept dieser Menschen ja funktionieren.»

«Dieser Verbrecher, denn das ist er, er macht es ja mit Absicht, gehört ins Gefängnis, damit er mal Spritzen anderer Art kennen lernt.» – «Merkt euch seinen Namen.»
Weitere Hass-Kommentare

Der Shitstorm gegen ihn, der inzwischen strafrechtliches Ausmass annimmt, wurde losgetreten, nachdem sich Kröner in den Medien zeigte. «Nach einem TV-Beitrag von unserem Impftag», erinnert sich der Arzt. «Dieser wurde vom Querdenker Rechtsanwalt Markus Haintz auf Telegram geteilt und danach von Attila Hildmann.»

Im Anschluss erreichten ihn eine Flut Hasskommentare, allerdings nicht von seinen eigenen Patienten, sondern Fremden. «99 Prozent der Menschen mit denen ich zu tun habe sind freundlich und finden es gut, dass ich impfe», berichtet Kröner. «Es ist nur eine kleine Gruppe aus Querdenkern und Reichsbürgern, die sind aber maximal aggressiv.»

Die Hetz-Kommentare sammelt der Allgemeinmediziner und bringt sie zur Anzeige, «egal ob Beleidigung, Drohung oder Aufforderung zu Straftaten.» Dass er jemals Polizeischutz brauchen würde, weil er seinem Beruf nachgeht, findet er mehr als schräg. «Es kann nicht angehen, dass man als Arzt bedroht wird, weil man eine Impfung anbietet», so Kröner gegenüber watson.

«Kann weg!» – «Bleimantelgeschoss-Impfung für folgenden Hausarzt» – «Du sollst nicht Töten. Aber einen zum Krüppel schlagen geht schon. Dann hat der Herr lange was davon.»
Weitere Hass-Kommentare

Die Jugendlichen und die Eltern, die bei ihm die Impfung erhielten, freuten sich über das Angebot und nähmen es freiwillig an. Viele machen sich derzeit auch Sorgen um die steigenden Infektionszahlen unter Schülern, wenn alle von ihren Urlaubsreisen zurück in den Präsenzunterricht gehen. Diese persönliche Entscheidung solle doch bitte jeder für sich selbst treffen, findet Kröner. In der Praxis selbst erlebt er übrigens keine Beleidigungen. «Nur online. Direkt traut sich keiner und meine Patienten sind alle lieb und dankbar.»

Im Gegenteil: Die Hass-Nachrichten haben nämlich auch eine andere Gruppe von Menschen mobilisiert, die sich nun geschlossen hinter den Arzt stellt und sich unter dem Hashtag #dankekroener für seinen Einsatz in der Impfkampagne bedankt. «Der unglaubliche öffentliche Support ist das, was mich motiviert, weiterzumachen», sagt Christian Kröner dazu. «Wir sind mehr!»

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