Drogen
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TO GO WITH AFP STORY BY DANIEL BOSQUE
A member of Catalan Federation of Cannabis Association prepares a joint of marijuana in Barcelona on July 9, 2014.  Hundreds of cannabis clubs in Catalonia are making Barcelona rival Amsterdam as a smoker's haven. AFP PHOTO/ LLUIS GENE

In einem Selbstversuch kifften die «New York Times»-Redaktore und Redaktorinnen. Manchen wurden wohl «high». Bild: AFP

Forderung nach Cannabis-Legalisierung

«High Time»: Warum die Redaktoren der «New York Times» unter die Kiffer gingen

Soll Cannabis in den USA legalisiert werden? Ausgerechnet die sonst so bürgerliche «New York Times» fährt eine grosse Kampagne pro Marihuana. Vorausgegangen waren Selbstversuche der Redakteure.

Marc Pitzke, New York / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Natürlich hat Andrew Rosenthal gekifft. «Ich habe früher Marihuana geraucht», beichtete der Kommentarchef der «New York Times» am Sonntag im TV-Network ABC News. «Ich bin in den siebziger Jahren in Colorado aufs College gegangen. Den Rest können Sie sich denken.»

Die «Marihuana-Frage» gehört zum Standardrepertoire des politischen Journalismus in den USA. Normalerweise soll sie Kandidaten fürs höchste Staatsamt in Verlegenheit bringen. Etwa Bill Clinton («Ich inhalierte nicht»), Barack Obama («Als Kind inhalierte ich häufig») oder Mitt Romney, der seinen bekifften Nachbarn die Cops auf den Hals hetzte («Das ist eklig»).

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Bill Clinton  «I didn't enhale» YouTube

«Ich bin in den siebziger Jahren in Colorado aufs College gegangen. Den Rest können Sie sich denken.»

Andrew Rosenthal, Chefkommentator «New York Times»

Dass diesmal ein Journalist - Jonathan Karl von ABC - einen Kollegen live über seinen Drogenkonsum verhört, hat guten Grund. Denn unter Rosenthals Führung ist die «New York Times» selbst unter die Kiffer gegangen: Mit einer massiven Medienkampagne, wie sie sie eigentlich nur staatstragenden Politfragen zubilligt, hat sich die betuliche «Grey Lady» an die Spitze der Legalisierungsdebatte gesetzt- und fordert die komplette Dekriminalisierung von Marihuana: Gras für alle, auch für uns!

Aggressive Kampagne

Diese Kampagne begann am Sonntag mit einem für «Times»-Verhältnisse schockierend zeitgemässen Leitartikel, der das Thema mit dem Alkoholverbot der zwanziger Jahre gleichstellt: «Beendet die Prohibition noch einmal.» Die Online-Version gibt einem das Gefühl, selbst benebelt zu sein: Die Sterne in der US-Flagge mutieren zu Cannabis-Blättern.

Das Mitteilungsblatt des Bürgertums propagiert seinen Kiffer-Kommentar so aggressiv wie nie: Es gab eine eigene Pressemitteilung, und in einer sechsteiligen Serie von Artikeln widmen sich die Leitartikler den Vorzügen von Cannabis. Das Ganze wird prominent auf der Homepage verkauft, mit «interaktivem Zeugs, Grafiken und Tabellen» (Rosenthal) und unter dem zweideutigen Motto «High Time». Was «höchste Zeit» heissen kann - aber auch: «Es ist Zeit, sich zu berauschen.»

«Zweifellos ein Meilenstein», amüsiert sich die progressive Newssite «Huffington Post». Springt die «Times» doch wieder mal auf einen Zug auf, der den Bahnhof längst verlassen hat: 23 der 50 US-Bundesstaaten haben Cannabis inzwischen für medizinische Zwecke freigegeben. Zwei erlauben Anbau, Verkauf und Konsum sogar für «gelegentliche Freizeitnutzung» - darunter Rosenthals Studienheimat Colorado.

Trotzdem: Der Ritterschlag der «Times» adelt die Debatte zur seriösen Diskussion. Bis dahin war es ein weiter Weg für das Traditionsblatt.

«Times» sah sich selber hinter dem Zeitgeist herlaufen

 «Ich konnte mich kaum mehr erinnern, wo ich war oder was ich anhatte», schrieb sie. «Ich kam zur Überzeugung, dass ich tot war und mir das keiner gesagt hatte.»

Starkolumnistin Maureen Dowd

Noch im Juni dieses Jahres dokumentierte Starkolumnistin Maureen Dowd konsterniert einen Selbstversuch mit Cannabis-Keksen: «Ich konnte mich kaum mehr erinnern, wo ich war oder was ich anhatte», schrieb sie. «Ich kam zur Überzeugung, dass ich tot war und mir das keiner gesagt hatte.»

Der missglückte Ausflug der 62-jährigen Dowd in die Kiffer-Szene löste einen Shitstorm des Spotts aus. Selbst das Millionärsmagazin «Forbes» amüsierte sich, Dowds Cookies seien wohl «ohne Dosierhinweis» gekommen. Spätestens da muss die «Times» geahnt haben, dass sie hinter dem Zeitgeist hinterherhinkt.

Trotzdem ging der jetzigen Kampagne hinter den Kulissen eine heftige Diskussion voraus. «Keiner hielt den Status Quo für haltbar», sagt Rosenthal. Dennoch habe man das Vorpreschen akribisch «geplant und entworfen» - mit wohlwollender Unterstützung des Verlegers Arthur Sulzberger, ebenfalls 62, der das Erbe seines Familienclans hütet.

Für Rosenthal ist dies auch ein persönliches Anliegen. Unter ihm ist das Meinungsressort der «Times» - das Dutzende Kolumnisten und Leitartikler beschäftigt - scharf in die Kritik gerasselt: Es sei beliebig, einflusslos und irrelevant geworden. Die Cannabis-Kampagne soll das nun ändern. Manch etablierte Medienkollegen dagegen reagieren weiter konsterniert. «Kifft ihr da alle?», fragte der biedere ABC-Mann Jonathan Karl, ganz so, als hänge über dem gesamten «Times»-Hochhaus an der 43rd Street eine Marihuana-Wolke. Sende die «Times» nicht ein Signal, «dass nichts falsch daran ist»? Führe das nicht «zu verstärktem Drogenkonsum»?

Keks gefällig, Mr. Karl?



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