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Wahrzeichen des Kapitalismus: Der Bulle an der Wall Street – hier mit Demonstranten.
Wahrzeichen des Kapitalismus: Der Bulle an der Wall Street – hier mit Demonstranten.Bild: Invision for Paramount Pictures/Invision
Provokante These

Wettbewerb ist für Verlierer

Silicon-Valley-Vordenker Peter Thiel plädiert für mehr Monopole, der Politologe Jeremy Rifkin für mehr Kooperation. Ist der freie Markt ein Auslaufmodell?
17.09.2014, 14:4918.09.2014, 10:20

Die Leser des «Wall Street Journals» mussten sich kürzlich im falschen Film wähnen. «Competition Is for Losers» lautete die Schlagzeile über einem langen Hintergrundartikel – und das im geradezu religiös auf freien Markt eingeschworenen Blatt. Der Verfasser des besagten Artikels war nicht etwa ein linker Gastautor, sondern Peter Thiel, einer der Gründer des Online-Bezahldiensts PayPal, früher Investor bei Facebook, Milliardär und der wohl einflussreichste Vordenker im Silicon Valley.

Vordenker Peter Thiel.
Vordenker Peter Thiel.Bild: Bloomberg

Thiel ist auch ein politischer Kopf. Er ist bisher aufgefallen als Vertreter von extremen libertären Ideen und als Mäzen von Ron Paul, dem ewigen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Bei seinem Artikel handelt es sich um einen Auszug seines Buches «Zero to One», das er zusammen mit Blake Masters geschrieben hat. 

Die Illusion des freien Marktes

Darin plädieren die beiden für mehr Monopole und weniger Wettbewerb. Ihre Argumentation lautet dabei wie folgt: Vergleichen Sie die amerikanischen Airlines mit Google. Die Airlines liefern sich einen brutalen Kampf um Passagiere und verdienen deshalb trotz grossem Umsatz nur wenig. Google hingegen hat eine marktbeherrschende Stellung und scheffelt damit mit einem viel kleineren Umsatz Milliarden-Gewinne. «Google verdient so viel Geld, dass es inzwischen drei Mal so viel wert ist wie alle Airlines zusammen», stellt Thiel fest. 

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Die Vertreter eines möglichst freien Marktes unterliegen gemäss Thiel einer Illusion. Der perfekte Wettbewerb ist kein erstrebenswertes Ideal mehr, sondern eine Hölle, die man meiden sollte, denn in einem perfekten Wettbewerb tendieren die Gewinne gegen null. Die Unternehmen haben deshalb keine Reserven und können nicht mehr investieren. Die Innovation bleibt aus. «Unter den Rahmenbedingungen eines perfekten Wettbewerbs kann langfristig kein Unternehmen mehr rentabel sein», stellt Thiel fest. 

«Die Amerikaner verklären den Wettbewerb. Tatsächlich sind Kapitalismus und Wettbewerb Feinde.» 
Peter Thiel

Ganz anders sieht es aus, wenn es einem Unternehmen gelingt, eine Monopolstellung zu erringen. Dann verdient es genug, um Geld für Forschung und Entwicklung zur Verfügung zu haben und in neue Produkte zu investieren. «Die Amerikaner verklären den Wettbewerb und schreiben ihm zu, er habe sie vor dem Sozialismus bewahrt», sagt Thiel. «Tatsächlich sind Kapitalismus und Wettbewerb Feinde. Kapitalismus fusst auf der Akkumulation von Kapital, aber unter den Bedingungen des perfekten Wettbewerbs schmilzt jeder Gewinn dahin. Die Lektion für Unternehmer ist klar: Wenn sie langfristig Wert schaffen wollen, sollten sie niemals in banale Geschäfte einsteigen.» 

«Tu nichts Böses» ist kein Marketing-Gag

Das Monopolunternehmen im Sinne von Thiel ist keine Nullachtfünfzehn-Firma, sondern eine hoch entwickelte wie Google. Ein solches Unternehmen ist auch für die Mitarbeiter eine Wohltat. Es kann anständige Löhne zahlen und generell seine Angestellten anständig behandeln. Googles Firmenmotto «Tu nichts Böses» («Don’t be evil») sei daher kein Marketing-Gag, so Thiel, «sondern ein Zeichen für ein Unternehmen, das so erfolgreich ist, dass es sich ethisch verhalten kann, ohne deswegen seine Existenz zu gefährden. Monopolisten können es sich leisten, sich Gedanken über andere Dinge als Geld zu machen; Nicht-Monopolisten können das nicht. Nur etwas macht es einer Firma möglich, sich über den brutalen täglichen Wettbewerb zu erheben: Monopolprofite.»

«Die Ökonomen arbeiten nach wie vor mit Modellen der Physik des 19. Jahrhunderts.»
Peter Thiel

Auch die Gesellschaft profitiert gemäss Thiel von Monopolisten wie Google. Deshalb versuchen Regierungen alles, solche Unternehmen anzulocken. Warum aber singen die Ökonomen nach wie vor ein Loblied auf den Wettbewerb? Weil sie die Entwicklung verschlafen haben. «Die Ökonomen arbeiten nach wie vor mit Modellen der Physik des 19. Jahrhunderts», sagt Thiel, und diese seien längst überholt. 

Glaubt an die Sharing Economy: Jeremy Rifkin.
Glaubt an die Sharing Economy: Jeremy Rifkin.Bild: EPA/PAP

Was ist von Thiels Thesen zu halten? Als erstes gilt es festzustellen, dass sie keineswegs neu sind. So schreibt Jeremy Rifkin in seinem ebenfalls soeben erschienenen jüngsten Buch «Zero»: «Die Ökonomen haben schon lange erkannt, dass die effizienteste Wirtschaft diejenige ist, in der die Konsumenten nur die addierten Kosten der Güter, die sie erwerben, bezahlen. Wenn die Konsumenten jedoch nur die Grenzkosten bezahlen und diese gegen null tendieren, dann sind Unternehmen nicht mehr in der Lage, einen Gewinn auf die Investitionen zu bezahlen und so ihre Aktionäre zu befriedigen.» 

Jeremy Rifkin – Visionär oder Utopist?
Am Sonntag, 21. September, um 11.00 Uhr sendet die Sternstunde Philosophie (SRF 1) ein Gespräch mit Rifkin. Der Ökonom und Soziologe verteidigt im Gespräch seine These, dass die Herrschaft des Kapitalismus von einer Herrschaft der Sharing Economy abgelöst werden wird – und das schon bald. Das Gespräch führt Katja Gentinetta. (pl)

Auch die SBB sind ein Produkt des zerstörerischen Wettbewerbs

Das ist keine akademische Fingerübung, sondern war in der Vergangenheit immer wieder Realität, auch in der Schweiz. Die SBB beispielsweise wurden vor gut 100 Jahren nicht deshalb verstaatlicht, weil eine sozialistische Revolution im Lande ausgebrochen wäre, sondern weil sich die Privatbahnen buchstäblich gegenseitig bankrott konkurrenziert hatten. Diese Verstaatlichung erfolgte im Übrigen gegen den erbitterten Widerstand der CVP, die damals noch glaubte, ihre Bauern bräuchten keine Eisenbahn. 

Nicht nur Eisenbahnen waren Opfer eines übertriebenen Wettbewerbs. In den 1930er Jahren musste auch die US-Regierung die Ölindustrie vor einem kollektiven Selbstmord bewahren und einen Mindestpreis für ein Fass Öl festlegen. Zahlreiche Beispiele von selbstzerstörerischem Wettbewerb gibt es auch heute, etwa die Konkurrenz der Schweizer Krankenkassen. 

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Der Pferdefuss der Monopol-These

Thiels These der freundlichen und wohltätigen Monopolisten hat jedoch einen Pferdefuss. Warum soll ein Unternehmen, das den Markt beherrscht, seine Stellung mit bahnbrechenden Innovationen in Frage stellen? Oder um es konkret zu sagen: Warum sollte Microsoft ein revolutionäres Betriebssystem entwickeln, so lange es sich mit Windows dumm und dämlich verdient? Oder weshalb sollten Exxon und Shell auf nachhaltige Energie setzen, wenn ihr wichtigstes Kapital ihre Öl- und Gasreserven sind? 

«Die Demokratisierung der Innovation schafft neue Anreize, die nicht auf den Profit, sondern das Gesamtwohl zielen. Und es funktioniert.»
Jeremy Rifkin

Die Kritiker der Monopolisierung der IT-Industrie warnen vor einer Stagnation. Leute wie Evgeny Morozov und Jaron Lanier beispielsweise befürchten, dass die Innovationen auf dem Gebiet der Software-Entwicklung bald versiegen werden, weil sich Google, Facebook & Co. den Markt aufgeteilt haben und ihn gegen Emporkömmlinge mit Zähnen und Klauen verteidigen, respektive alles aufkaufen, was ihnen gefährlich werden könnte.

Monopolisten schützen veraltete Technologie

Auch Rifkin weist auf diese Gefahr hin. «In reifen Märkten mit einer Handvoll von marktbeherrschenden Unternehmen haben diese alles Interesse daran, den wirtschaftlichen Fortschritt abzublocken, um so ihre Investitionen in veraltete Technologie zu schützen», stellt er fest. Rifkin fordert daher eine Alternative zu den Monopolisten, eine neue technische Allmend, auf der junge Unternehmen sich keinen mörderischen Wettbewerb mehr liefern, sondern kooperieren. 

«Die Demokratisierung der Innovation und der Kreativität auf den entstehenden kooperativen Allmenden schafft neue Anreize, die nicht mehr auf rasche finanzielle Gewinn zielen, sondern auf das Bedürfnis, den Wohlstand der Menschheit zu vergrössern. Und es funktioniert», stellt Rifkin fest. 

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