Eismeister Zaugg
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Goalie Gilles Senn von Davos, aufgenommen nach dem Eishockey-Qualifikationsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und EHC Biel, am Donnerstag, 22. Dezember 2016, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

HCD-Goalie Gilles Senn darf auf Geheiss von Arno Del Curto erst nächstes Jahr Interviews geben. Bild: KEYSTONE

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Interview-Verbot für Gilles Senn: Del Curtos Wort ist jetzt sogar in der Nati Gesetz

Gilles Senn darf heute das helvetische Tor gegen Weissrussland hüten. Aber sein Trainer Arno Del Curto hat ihn nur unter einer Bedingung freigegeben: Er darf nicht reden.

klaus zaugg, nitra



Wenn die Chronisten nach einem Training oder einem Spiel mit einem Nationalspieler reden möchten, dann geben sie bei Janos Kick eine Bestellung auf. Der Verbands-Mediengeneral holt dann den betreffenden jungen Mann und die Chronisten dürfen ihre Fragen stellen.

So war es schon immer. Aber so ist es jetzt in Nitra nicht mehr. Ein Chronist möchte mit Gilles Senn reden. Logisch. Der HCD-Goalie ist so etwas wie der Aufsteiger der Saison. Im Herbst schien er noch ein «Lottergoalie» zu sein und selbst langjährige und wohlwollende HCD-Kenner glaubten nicht an ihn. Inzwischen ist er ein sicherer Rückhalt, der HCD segelt auf Play-off-Kurs und heute kommt Gilles Senn zum Nationalmannschafts-Debüt. Er ist der vielleicht interessanteste Neuling im Nationalteam.

ZUM BEGINN DER NATIONAL LEAGUE A SAISON 2016/17 STELLEN WIR IHNEN HEUTE, FREITAG, 2. SEPTEMBER 2016, FOLGENDE TORHUETER-PORTRAITSERIE ZUR VERFUEGUNG (DIE TORHUETER DER VERBLEIBENDEN  4 KLUBS FOLGEN AM FREITAG, 9. SEPTEMBER) --- Portrait of Gilles Senn (91), goaltender of Swiss National League A hockey club HC Davos, in Davos, Switzerland, on August 15, 2016. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Gilles Senn (91), Torhueter des National League A Eishockeyclubs HC Davos, portraitiert am 15. August 2016 in Davos. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Kein Maulkorb, eine Goalie-Maske. Bild: KEYSTONE

Aber Janos Kick sagt: «Gilles Senn darf keine Interviews geben. Arno Del Curto hat das so angeordnet und wir halten uns an seine Anweisung.» Ungläubiges Staunen. Ist Arno Del Curtos Wort nun auch in der Nationalmannschaft Gesetz? Ein Chronist klaubt das Hosentelefon hervor und ruft Arno Del Curto an. Und bekommt die Bestätigung für das Interview-Verbot. Gilles Senn muss schweigen. Eine Rose für den HCD-Goalie.

Die Rose gilt nämlich nicht nur als Symbol der Liebe. Etwas weniger bekannt ist die Rose als Symbol der Verschwiegenheit. Eine geschlossene Rose galt einst als Symbol für ein göttliches Geheimnis. Im Mittelalter prangte die Rose oft in Rittersälen. Um allen klar zu machen: Was hier passiert, bleibt im Raum. Die Ritter taten nämlich oft wüst.

Und nun also die Rose der Verschwiegenheit für Gilles Senn. Es geht nicht darum, dass er keine Geheimnisse aus dem Innenleben des HCD preisgeben darf. Es ist etwas Anderes. Arno Del Curto sagt: «Er muss sich auf seine Aufgabe konzentrieren können. Deshalb ist es besser, wenn er keine Interviews gibt. Auch gutgemeinte Aussagen bescheren ihm bloss Unruhe. Wenn er beispielsweise sagen würde, die NHL sei sein Ziel, gibt es sofort Kritiker, die ihn beim nächsten Gegentor verspotten.»

Böse Erinnerungen an den ersten Final

Arno Del Curto hat nicht Unrecht. Torhüter sind sensibel. Nie vergisst der HCD-Zampano das Theater um Nando Wieser im Frühjahr 1998. In den Medien wurde der HCD-Goalie demontiert. Die «Blick»-Schlagzeile «Ein Fliegenfänger spaltet sein Dorf» ist legendär. Schliesslich nahm der HCD-Trainer seinen Torhüter während der Finalserie von 1998 bei sich zu Hause auf. Der HCD verlor den ersten Final unter Arno Del Curto gegen den EV Zug wegen einer unglücklichen Torhüterleistung.

Bild

Der «Blick»-Bericht über Nano Wieser vom März 1998. bild: smd

Gilles Senn wie Nando Wieser? Natürlich nicht. Aber der HCD- Goalie ist im Januar erst 20 geworden. Er ist mental noch lange nicht so robust wie Leonardo Genoni. Wie ist es überhaupt möglich, dass der sanfte Riese (197 cm/95 kg) so schnell zum Nationaltorhüter reifen konnte? Arno Del Curto sagt: «Wir haben uns entschieden, auf ihn zu setzen und die Mannschaft vertraut ihm.»

Wir können es auch so sagen: Nur in Davos ist so ein Wunder möglich. Nur in Davos hat der Trainer die Autorität zu sagen: Wir vertrauen diesem Torhüter, komme, was wolle. Nur in Davos wissen die Spieler, dass die Worte des Trainers Gospel sind. Vor 100 Jahren gab es ein geflügeltes Wort um unseren General Ulrich Wille und seinen Bündner Stabschef Theophil von Sprecher: «Was Wille will und Sprecher spricht, da gehorche schnell und murre nicht.» Wir können heute sagen: «Was Gaudenz Domenig will und Arno Del Curto spricht, da gehorche schnell und murre nicht.»

Noch in der Lernphase

Wie sehen nun die Pläne für Gilles Senn aus? Wann darf er Interviews geben? Arno Del Curto sagt: «Er steckt nach wie vor in einer Lernphase. Er muss erst einmal konstant auf hohem Niveau spielen. Bis jetzt hat er noch nie vier Partien hintereinander gespielt. Er hat auch noch keine Play-off-Erfahrung. Nächste Saison sollte er so weit sein, dass wir das Interview-Verbot aufheben.»

Das Wort «wir» ist wichtig. Das Interview-Verbot ist nicht Arno Del Curtos einsame Idee. Der Entscheid ist abgesprochen mit Marcel Kull. Der «Goalie-Flüsterer» gilt als bester Torhütertrainer im Land. Er verbessert nicht nur stetig die Technik seiner Schützlinge. Er ist auch ein kluger Psychologe.

Cheftrainer Arno Del Curto von Davos, beim Eishockey-Qualifikationsspiel der National League A zwischen dem HC Davos und EHC Biel, am Donnerstag, 22. Dezember 2016, in der Vaillant Arena in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Arno Del Curto weiss schon, was für seine Goalies gut ist. Bild: KEYSTONE

Das Interview-Verbot adelt Gilles Senn. Marcel Kull hat früher auch schon Interview-Verbote während des Spengler Cups und Play-offs für junge Goalies wie Jonas Hiller, Reto Berra oder Leonardo Genoni durchgesetzt. Wie wir heute wissen, hat es allen gut getan.

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