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epa09272584 Switzerland's midfielder Granit Xhaka reacts during a training session for the Euro 2020 soccer tournament at the Tre Fontane sports centre, in Rome, Italy, 15 June 2021. The Swiss national soccer team will face Italy in Group A on 16 June 2021 during the UEFA EURO 2020 soccer championship in Rome, Italy.  EPA/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Der Captain am Ort seines mutmasslichen neuen Arbeitgebers: Granit Xhaka in Rom. Bild: keystone

Die Nati hat gegen Italien wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen

Im zweiten EM-Spiel in Rom gegen Italien hat das Schweizer Nationalteam am Mittwoch (21 Uhr) die Gelegenheit zu beweisen, dass man den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann.

Stefan Wyss, rom / Keystone-SDA



Eigentlich ist die Ausgangslage für die Schweiz beruhigend. Gegen Gastgeber Italien, im schwierigsten Spiel der Vorrunde, kann sie viel gewinnen, aber wenig verlieren. Schafft die Schweiz den Coup und schlägt den Favoriten, ist sie so gut wie sicher in den Achtelfinals. Gewinnt sie nicht, ist auch nach zwei sieglosen Spielen noch nichts verloren. Die Entscheidung würde – wie erwartet – in der letzten Partie am Sonntag in Baku gegen die Türkei fallen.

Doch die Konstellation hat auch etwas Undankbares. Italien ist der Gegner, dem die Schweiz so selten ebenbürtig war. In 58 Partien gegen den vierfachen Weltmeister gewann sie nur achtmal, letztmals vor über 28 Jahren.

Tatsächlich der letzte Sieg: Das 1:0 in der Quali für die WM 94

Gegen dieses an der EM von Euphorie beseelte und vom Publikum im eigenen Stadion getragene Italien wäre ein Unentschieden bereits ein gutes Resultat. Doch es wäre womöglich im Hinblick auf den «Final» gegen die Türkei ein Muster von geringem Wert. Die Schweiz dürfte zum Abschluss der Vorrunde gleichwohl zum Siegen verdammt sein.

Impressionen vom Schweizer Training am Dienstag. Video: SRF

Was ist nun also von diesem Spiel aus Schweizer Sicht zu erwarten? Was wird es uns sagen für den weiteren Turnierverlauf? Es geht vor allem um die Art des Auftritts. Es ist der Moment gekommen, in dem diese Mannschaft sich und der Öffentlichkeit beweisen kann, dass sie tatsächlich die talentierteste Auswahl der SFV-Geschichte stellt, so wie es vielerorts geschrieben wird. Dass sie tatsächlich reifer und in der Entwicklung weiter ist als noch vor drei Jahren in Russland, wie die Spieler selbst sagen. Dass sie den grossen Ankündigungen auch die entsprechende Leistung auf dem Platz nachliefert.

Xhaka & Co. müssen liefern

Der Forderungskatalog beginnt bei Captain Granit Xhaka, der nach 90 Minuten in diesem Turnier noch in der Bringschuld steht. Dem selbstbewussten Auftritt vor dem Spiel gegen Wales folgte eine Darbietung ohne Ausrufezeichen. Xhaka hatte eine Stunde lang Dienst nach Vorschrift verrichtet und war nicht fähig, die umgreifende Passivität im Team zu verhindern. Das Stadio Olimpico, ab nächster Saison womöglich seine neue Heimat mit der AS Roma, wäre ein idealer Ort, um unter dem Brennglas einer EM-Partie gegen Italien aus dem Mitläufer aus dem Wales-Spiel wieder der Anführer zu werden.

Neben dem Platz sorgte der Captain für Aufsehen:

Xhaka steht aber nicht alleine in der Verantwortung. Xherdan Shaqiri etwa muss wieder einmal das Talent auf den Platz bringen, welches aus ihm den Spieler gemacht hat, der für den Unterschied sorgte. Nur noch davon zu reden, genügt nicht mehr. Nach drei Jahren mit vielen Verletzungen und wenig Einsatzzeit in Liverpool stehen die Fragen nach seiner Fitness immer wieder im Raum. Kommt Shaqiri auch gegen Italien nicht auf Touren, wird sich die Diskussion eher früher als später auf die Frage nach seinem grundsätzlichen Wert für die Schweizer Mannschaft ausweiten.

Schär droht Gelbsperre

Im Schlepptau von Xhaka und Shaqiri wird auch von Fabian Schär, Remo Freuler, Breel Embolo oder Haris Seferovic ein Statement erwartet. Schär kann es sich nicht leisten, eine unnötige Verwarnung einzuhandeln, weil er sonst gegen die Türkei gesperrt wäre. Er darf nicht wiederholen, was er sich an der WM gegen Costa Rica erlaubt hat, als er danach im Achtelfinal gegen Schweden fehlte. Freuler muss endlich in der Nationalmannschaft das Niveau erreichen, auf dem er sich bei Atalanta Bergamo seit bald vier Jahren bewegt. Warum nicht gegen Italien, dessen Spieler er aus dem Alltag der Serie A so gut kennt?

epa09264859 Xherdan Shaqiri (R) of Switzerland is replaced by Denis Zakaria of Switzerland during the UEFA EURO 2020 group A preliminary round soccer match between Wales and Switzerland in Baku, Azerbaijan, 12 June 2021.  EPA/Naomi Baker / POOL (RESTRICTIONS: For editorial news reporting purposes only. Images must appear as still images and must not emulate match action video footage. Photographs published in online publications shall have an interval of at least 20 seconds between the posting.)

Gegen Wales kam Zakaria für Shaqiri: Beide zeigten eine durchzogene Leistung. Bild: keystone

Seferovic wiederum könnte gegen die Haudegen Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini beweisen, dass er ein Torgarant nicht nur in der Subtopper-Liga in Portugal ist, sondern auch auf der grossen Bühne. Einer grösseren Bühne als es die Nations League war, in welcher er 2018 gegen die Weltnummer 1 Belgien drei Treffer erzielte. Embolo, von dem die Medien in Italien nach seinem Auftritt gegen Wales schwärmen und der in der Nationalmannschaft so oft enttäuscht hat, muss nachlegen und aufzeigen, dass das EM-Startspiel nicht bloss ein Ausreisser nach oben war.

Von Xhaka bis Shaqiri, von Schär bis Seferovic, von Freuler bis Embolo: Für sie und ihre Kollegen ist das Spiel gegen Italien noch nicht der Moment der Abrechnung. Aber es ist der richtige Moment, ein nachhaltiges Zeichen zu setzen – und sich selbst zu beweisen, dass man den Besten tatsächlich nähergekommen ist.

Die Türkei unter Zugzwang – Wales aber auch

In der Partie zwischen der Türkei und Wales (Mittwoch, 18 Uhr in Baku) stehen beide Teams unter Zugzwang. Dem Verlierer droht das Verpassen der Achtelfinals. «Wir haben uns unter unserem Wert verkauft», sagte der türkische Nationaltrainer Senol Günes nach dem 0:3 gegen Italien.

Gegen Wales können die Türken auf den Support von rund 30'000 Fans zählen. Die Partie hat auch eine politische Komponente. Die Türkei ist militärische Schutzmacht von Aserbaidschan und unterstützte den Nachbarn im Konflikt mit Armenien um die Region Bergkarabach. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und sein aserbaidschanischer Amtskollege Ilham Alijew werden am Mittwoch im Stadion erwartet.

Auch Wales kann sich nach seinem Unentschieden zum Auftakt keine Niederlage erlauben, treffen die Waliser doch zum Abschluss der Gruppenphase in Rom auf Italien. Trotzdem ging der Halbfinalist von 2016 als gefühlter Sieger aus dem 1:1 gegen die Schweiz hervor. «Einen positiven Start hinzulegen war wichtig für uns», sagte Robert Page. (sda)

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