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25.06.2014; Zuerich, Fussball - WM Brasilien 2014 - Schweiz - Honduras, Schweizer Fans feiern den Sieg in der Zuercher Langstrasse   (Andreas Meier/freshfocus

An der Langstrasse während der WM 2014. Bild: Andreas Meier/freshfocus

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«Strassenschlacht» um die Zürcher Langstrasse – Bewohnerin Yonni Meyer sagt: «Lärm und Dreck gehören hierher – nur die Fäkalien an meiner Haustür nerven»

Über 100 Langstrassen-Bewohner sind mit ihrer Petition gegen Lärm und Dreck auf massiven Gegenprotest gestossen. Bloggerin Yonni Meyer lebt seit vier Jahren im Ausgehviertel – und sagt, was in Ordnung ist und was nicht. Was denkst du?



Gerade tobt eine «Strassenschlacht» der etwas anderen Art in den sozialen Medien. Es geht um die Langstrasse. Darum, dass es dort einigen Anwohnern zu laut und zu dreckig geworden ist. Eine «stadtzerstörende Sauerei» spiele sich mittlerweile fast jede Nacht im Quartier ab und man fordere von der Regierung nun ein härteres Durchgreifen. 115 Menschen haben die dazu verfasste Eingabe unterschrieben, wie die NZZ berichtete.

Diese Eingabe erhitzt nun aber ihrerseits die Gemüter derjenigen, die die Langstrasse als Schmelztiegel des Schweizer Ausgangs, deren Bar- und Clubkultur schätzen. An der Langstrasse zu wohnen und sich über den Lärm zu beklagen sei, wie wenn man in den Zoo ziehe, wenn man keine Tiere mag. Es wurde gar eine Online-Gegenpetition ins Leben gerufen, die sich gestern wie ein Lauffeuer über Facebook verbreitete und grossen Anklang fand.

Ich selber wohne seit knapp vier Jahren an der Langstrasse. Ich zog damals im Bewusstsein hierher, dass es wohl in der ganzen Schweiz keine lautere Ecke gibt, dass Alkohol, Sex und Drogen hier genauso zum Alltag gehören wie Massen an Menschen an den Wochenenden. Und ich tat es trotzdem. Denn das Quartier ist nicht nur laut und schmutzig, es ist auch lebendig, es ist bunt und es pulsiert – unter anderem auch der elektronischen Musik wegen, die des Nachts aus den Kellern dröhnt. Ich liebe es von ganzem Herzen. Ich habe mir das Schlafen mit Ohropax angewöhnt und meine Ansprüche an die generelle Sauberkeit einer Durchschnittsstrasse abgelegt. Ich bin sehr im Frieden mit meiner Wohnsituation.

Aber.

Es gibt Momente, wo ich die 115 Unterschreibenden auch verstehe. Wenn jemand über mein Velo gepisst oder vor meine Haustüre geschissen hat – beides kam schon vor und zwar nicht nur einmal. Wenn man Abfall in meinen Briefkasten stopft, darunter auch immer wieder Dönerreste oder halbvolle Redbulldosen, die sich dann ins Innere des Briefkastens entleeren. Wenn ich sehe, wie Anwohner von betrunkenen Personengruppen drangsaliert werden. Ja, dann kann ich ein Aufbegehren nachvollziehen, denn diese Vorkommnisse (wenn auch nur von Einzelnen begangen) sind direkte Resultate der – übrigens auch von mir – geschätzten Ausgehkultur des Quartiers, und ich verstehe den dadurch entstehenden Frust seitens der Anwohner durchaus.

So ist diese Diskussion für mich als direkte Anwohnerin (und ich wohne wirklich an der wildesten Ecke, 50 Meter von der Kreuzung Militär- / Langstrasse) nicht komplett schwarz-weiss.

In meinen Augen gehört das Nachtleben hierher, es ist tief verankerter Grundstein dieses Quartiers und es «auszurotten» wäre meines Erachtens verheerend für den Charakter des Kreises. Nun stellt sich die Frage: Muss man deswegen auch alle «Nebenwirkungen», u.a. Vandalismus, tolerieren? Gehören eine mit Fäkalien verschmierte Haustür, ein sinnlos demoliertes Velo und grundlose Pöbelei «halt einfach dazu»? Kann man auch bei diesen Vorkommnissen den Standardsatz «Muesch halt nöd a d’Langstrass zieh» bemühen und somit den Anwohnern jeglichen Anspruch auf ein friedliches Wohnen zugunsten des Vergnügens der Besucher absprechen?

Ich finde nicht. Lärm tolerieren? Auf jeden Fall. Die eine oder andere Bierdose am Strassenrand? Logo. Vandalismus und Tätlichkeiten (oft in Verbindung mit übermässigem Alkoholkonsum)? Nein. Und ich finde, das kann und darf man nicht von Anwohnern verlangen und ich verstehe, dass da nach härterem Durchgreifen verlangt wird.

Ausschreitungen dieser Art betreffen aber nur einen kleinen Teil des Partyvolks, das sich am Wochenende jeweils hier tummelt. Das gesamte Nachtleben wegen solcher Vorkommnisse abzustrafen, wäre in meinen Augen unsinnig und falsch.

Grundsätzlich darf man nicht vergessen, dass das Quartier ja nicht nur Ausgehmeile ist. Es existiert auch ausserhalb der Club-Öffnungszeiten. Es ist ein Sammelsurium von kuriosen Gestalten, voller witziger Begegnungen, es ist gelebter Multikulti. Es ist Kunst, Esskultur und gespickt mit Gastro-Juwelen. Die Anwohner hier sind offen gegenüber Andersartigem, Unbekanntem, haben keine Berührungsängste. Ich erlebe die Menschen an keinem anderen Ort der Stadt als so entspannt wie im Kreis 4. Und das liegt meines Erachtens auch daran, dass die Anwohner eben genau solche Menschen sind, die mit dem Lärm und dem Schmutz und den unterschiedlichsten Menschenansammlungen grundsätzlich keine Probleme haben, die wussten, worauf sie sich einlassen, als sie herzogen.

Es leben nicht nur 115 Menschen hier. Wir andern teilen gerne unser wunderbares Quartier mit den Partygängern, mit der Musik, mit der Szene, denn die Langstrasse wäre ohne sie nicht die Langstrasse.

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