Kobane
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Kobane in Trümmern

Befreite syrische Stadt

Erste Einwohner kehren in die Ruinen von Kobane zurück

Kobane ist frei, aber fast vollständig zerstört. Trotzdem sind die ersten Einwohner nach der Vertreibung der IS-Terroristen in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Die Stadtverwaltung fürchtet den Ausbruch von Seuchen.

Ein Artikel von

Spiegel Online

Die beiden Dschihadisten geben sich ziemlich kleinlaut. «Die Kampfjets haben uns Tag und Nacht bombardiert. Alles haben sie beschossen, sogar Motorräder», sagt der eine IS-Kämpfer. Sein Kamerad schimpft: «Wir mussten uns zurückziehen, und die Ratten sind zurückgekehrt.» 

Die Szene stammt aus einem Video, in dem Kämpfer der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) zum ersten Mal ihre Niederlage in der Schlacht um Kobane eingeräumt haben. Nach vier Monaten Häuserkampf haben die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Peschmerga die Dschihadisten aus der Stadt an der syrisch-türkischen Grenze vertrieben. 

Nun kehren die ersten Flüchtlinge in die Stadt zurück, in der vor Beginn der Schlacht mehr als hunderttausend Menschen gelebt hatten. Eine von ihnen ist Shamsa Shahinzada, eine Architektin. Der «Guardian» hat sie bei ihrer Rückkehr nach Kobane begleitet. 

«Es ist unbeschreiblich, in eine zerstörte Stadt zu kommen, die mal dein Zuhause war», sagt Shahinzada. Nach Angaben der Stadtverwaltung ist mehr als die Hälfte von Kobane zerstört, ganze Strassenzüge sind dem Erdboden gleichgemacht. Monatelang haben Kurden und Dschihadisten um jeden Quadratmeter gekämpft, die Luftangriffe der US-geführten Koalition haben tiefe Krater im Stadtbild hinterlassen. Auch Tage nach dem Ende der Kämpfe liegen noch immer Leichen in den Strassen.

Deshalb bittet die kurdische Verwaltung von Kobane die Flüchtlinge darum, mit der Rückkehr zu warten. «Wir können die Leute jetzt noch nicht zurückbringen, denn es würden Seuchen ausbrechen. Wegen der Leichen und weil noch nichts wieder funktioniert», sagt Anwar Muslim, Chef der Stadtverwaltung von Kobane, dem «Observer». «Es gibt keine Nahrung, keine Medizin.» 

In den Strassen liegt haufenweise scharfe Munition, eine tödliche Gefahr, besonders für spielende Kinder. Muslim fürchtet zudem, dass die IS-Terroristen Sprengfallen hinterlassen haben können, um die Rückkehrer zu töten. 

Die Front ist nur zehn Kilometer entfernt

Ausserdem ist zwar die Stadt selbst inzwischen wieder unter Kontrolle der Kurden – in den umliegenden Dörfern wird aber noch immer heftig gekämpft. Die Frontlinie liegt nur zehn Kilometer entfernt, der Gefechtslärm dringt noch immer bis in die Stadt. «Die Schlacht ist noch nicht vorbei», sagt Muslim. «Unsere Arbeit ist erst getan, wenn wir die gesamte Gegend befreit haben.» Im Feldlazarett treffen stetig verwundete kurdische Kämpfer ein. 

Stadtpräsident Muslim plant aber schon den Wiederaufbau. Eine Kommission aus Architekten, Ärzten, Rechtsanwälten und Ingenieuren soll den Neubeginn in Kobane planen, der Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird. 

Muslims Stellvertreter Idriss Nassan hält jedenfalls nichts von Plänen, die Stadt aufzugeben und an anderer Stelle ein neues Kobane zu errichten. «Die Menschen haben Erinnerungen, und das ist unser Land», sagt Nassan. «Vielleicht werden wir einige Teile so erhalten, wie sie sind, und in ein Museum umwandeln, damit die Menschen aus dem Ausland sehen, wie Kobane den Terroristen Widerstand geleistet hat.» 

Trotz aller Warnungen: Etwa 400 Familien sind bereits nach Kobane zurückgekehrt, die meisten von ihnen in den Westteil der Stadt. Nicht nur das Heimweh, auch die verheerenden Lebensumstände der Flüchtlinge in der Türkei haben sie dazu bewegt. Eine Frau, die mit ihren fünf Kindern über die Grenze zurück nach Syrien marschierte, sagte dem «Guardian»: «Ich war vier Monate in der Türkei, aber es hat sich angefühlt wie vier Jahre. Ich werde schon etwas finden in Kobane, und zur Not muss ich halt auf der Strasse schlafen.» (syd)



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