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Tour dur d'Schwiiz, 36. Etappe: Zürich - Mollis

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Tour dur dSchwiiz

Das ist der erste Mensch, der einen Gegenstand für immer von der Erde schoss – doch er wollte viel mehr

Schön ist es hier in Mollis GL. Aber ein Schlafkaff. Sagen einige. Für andere ist es die Perle des Glarnerlands. Auf jeden Fall war der berühmteste Bürger des Orts seiner Zeit voraus. Und beförderte den «ersten künstlichen Planeten» ins All.
14.08.2015, 10:3714.08.2015, 10:52
Reto Fehr
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Mit dem Velo durch die ganze Schweiz
In den kommenden knapp vier Monaten bereise ich mit dem Velo die ganze Schweiz. Auf meiner Tour dur d'Schwiiz besuche ich alle 2324 Gemeinden der Nation und werde eine Strecke von 11'000 Kilometern mit dem Velo hinter mich bringen. Dies entspricht der Distanz von Zürich nach Peking. Folge mir im Liveticker, auf Facebook und Twitter

Es dauert einen Moment, bis mir Ur-Molliser Beni eine gute Anekdote über seine Gemeinde erzählen kann. Geschätzt hat er drei Stunden überlegt. Dann aber kommt's: «Der berühmteste Molliser war Fritz Zwicky. Er schoss als erster einen Gegenstand ins All, der nie mehr zur Erde zurückkehrte. Er war Bürger und liegt hier begraben.»

Fritz Zwicky: seiner Zeit voraus.
Fritz Zwicky: seiner Zeit voraus.Bild: zwicky stiftung

Das hört sich irgendwie nicht sehr passend an. Ein Sohn des idyllischen, ländlichen Mollis im engen Glarnerland, soll so einen wichtigen Schritt für die Menschheit getätigt haben? Aber Beni erzählt freudig. Und als ich später etwas im Internet suche, bestätigen sich seine Aussagen nicht nur, sie werden noch getoppt mit beispielsweise diesen Schmankerln:

  • Gemäss eigener Aussage antwortete Zwicky auf die erste Frage an seiner mündlichen Diplomprüfung als Student an der ETH: «Das ist so ungenau formuliert, ich kann sechs wissenschaftlich abgestützte Antworten darauf geben.» Zum Ende der Prüfung musste sich der Examinator angeblich liegend auf seinem Sofa erholen. Zwicky bestand aber.
  • Zwicky wollte den Jupiter mit einer Sprengladung in eine neue Umlaufbahn bringen. So dass dort Menschen leben können.
  • Während dem Zweiten Weltkrieg entwarf Zwicky für die Amerikaner einen Entgiftungswagen, der bei einem allfälligen Angriff auf die USA den Boden wie ein Staubsauger von Radioaktivität säubern sollte. Er vergiftete sich bei Tests selbst damit.
  • Zwicky sah sich auf einer Höhe mit Albert Einstein.
  • Zwicky entdeckte 123 Supernovae (Sternexplosionen). Mehr als jeder andere Astronom.
  • Zwicky sagte als erster die Existenz von unsichtbarer Materie voraus (1933).
  • Zwicky bezeichnete die Schweizer in den 70er Jahren als «das dümmste Volk». Er hielt seine Heimat zwar für ein Land mit Vorbildcharakter, hatte jedoch Angst, dass dies bald verloren ginge.
  • Zwicky schrieb einst, er könne sich «in allen gewöhnlichen Betätigungen der Menschen, ob theoretisch oder praktisch (ausser im Singen)» mit seinen Mitmenschen messen.
  • Ein Asteroid und ein Mondkrater sind nach Fritz Zwicky benannt. 
  • Zwicky war Vorbild für Friedrich Dürrenmatts Figur Möbius in «Die Physiker».

Die Liste könnte fortgesetzt werden. Zwicky war fraglos ein sonderlicher Mitmensch. Befürworter lobten ihn als Universalgenie. Für andere war er schlicht ein Wirrkopf. Sicher ist: Er entwarf einige kosmologische Theorien, die zum heutigen Verständnis des Universums beitrugen. Und: Er erhielt vom amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman als erster Ausländer die amerikanische Freiheitsmedaille.

Fritz Zwicky beschrieb als Erster dunkle Materie.
Fritz Zwicky beschrieb als Erster dunkle Materie.

In die USA emigrierte der Bürger von Mollis 1925 mit 27 Jahren. In Bulgarien geboren kam er mit sechs Jahren nach Glarus zu seinen Grosseltern und wuchs hier auf. Die Berge liebte er. Als er in den USA ankam und den 1900 Meter hohen Mount Wilson sah, verspottete er diesen als «Vorgebirge». Doch ausgerechnet dieses «Vorgebirge» sollte zu seiner wichtigsten Stadion werden. Denn dort stand eine Sternwarte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm der Schweizer im Dezember 1947 einen ersten Versuch, einen Gegenstand für immer in den All zu katapultieren. Er misslang. Als ein Reporter ihn daraufhin ansprach, meinte Zwicky: «Erst schiessen wir einen kleinen Klumpen ins Weltall, dann einen grösseren, dann eine Ladung von Instrumenten und zuletzt uns selbst.»  

Fritz Zwicky: Er wollte den Jupiter in eine neue Umlaufbahn bringen.
Fritz Zwicky: Er wollte den Jupiter in eine neue Umlaufbahn bringen.

Zwicky sollte recht behalten. Zwölf Tage nach dem Start des russischen Satelliten Sputnik (der wieder auf die Erde zurückkehrte), schoss er am 16. Oktober 1957 ein Metallkügelchen von gut einem Zentimeter Durchmesser ins All. In 85 Kilometern Höhe wurde dieses mit einer Richtungs-Sprengladung auf 15km/Sekunde beschleunigt und kam nie mehr zurück. Es erhielt den Namen «Artifical Planet No. Zero» (Künstlicher Planet Nummer Null).

Den Traum, dass die Menschen die Erde verlassen werden, hat sich noch nicht bewahrheitet. Aber seine Ideen leben noch weiter. Sein Vorschlag Supernova-Explosionen zur Entfernungsmessung zu verwenden ist etwas, an was seit Beginn des 21. Jahrhunderts wieder vermehrt gearbeitet wird. Und vor wenigen Tagen soll Shri Kulkarni, ein wichtiger indisch-amerikanischer Astronom, die Einheit «Zwicky» benutzt haben, um «wissenschaftliche Exzellenz von Astronomen» zu bewerten. Er kam zum Schluss: Es gebe fast nur Mikro-Zwickys, Milli-Zwickys seien schon rar.

Tour dur d'Schwiiz, 35. Etappe: Opfikon – Zürich

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