Russland

Die «russische Paris Hilton» will Präsidentin werden – Putin dürfte das gefallen

Sie wurde mal die «russische Paris Hilton» genannt - nun möchte Moderatorin Xenia Sobtschak Russlands Präsidentin werden. Amtsinhaber Wladimir Putin kommt die Kandidatin gerade recht.

19.10.17, 14:34

Christina Hebel, Moskau

Ein Artikel von

Die linke Hand zur Faust geballt, lächelt Xenia Sobtschak vom Titel der aktuellen russischen Ausgabe der Frauenzeitschrift «Glamour». «Frauen Power» ist auf ihrem T-Shirt zu lesen. Angekündigt wird ein Interview über ihre Ambitionen für das Amt des Präsidenten. Fragen dazu beantwortet die 35-jährige TV-Moderatorin im Heft allerdings recht ausweichend.

Am Mittwoch wurde Sobtschak nun doch noch konkret: «Ich trete für die Präsidentschaft an», kündigt sie in einem Clip auf YouTube an.

Ihre Kampagne ist sorgsam inszeniert, seit Wochen werden Spekulationen über ihre Kandidatur gezielt befeuert. Anfang September hatte die Zeitung «Wedomosti» mit Verweis auf Quellen in der Präsidentenverwaltung berichtet, der Kreml suche einen weiblichen «Sparringspartner» für Amtsinhaber Wladimir Putin.

Xenia Sobtschak an der Modeschau 2003 in Moskau. Bild: EPA/EPA

Tochter von Putins politischem Förderer

Manch ein Kritiker spottet schon über die grosse Wahlshow, die nun in Russland anläuft. In der Hauptrolle: Sobtschak, vielen noch als Glamour-Girl des russischen Boulevards in Erinnerung. Ihre TV-Karriere hatte sie als Moderatorin von «Dom 2», einer russischen Version von Big Brother, begonnen, die «Vogue» bezeichnete sie einmal gar als «russische Paris Hilton». Allein im vergangenen Jahr nahm die Chefredakteurin der russischen Version der Modezeitschrift «L'Officiel» laut «Forbes» 2.1 Millionen Dollar ein. Das Geld stammt vor allem aus Werbeeinahmen, etwa für Make-up.

Ganz neu ist Sobtschaks politisches Engagement nicht. Bereits Anfang der 2010er Jahre trat Sobtschak als liberale Regierungskritikerin auf, stieg bei den Protesten 2011 auf die Bühne, forderte freie Medien und eine unabhängige Justiz. Ein Jahr später begann sie ihre Arbeit als Moderatorin für den Kreml-kritischen Sender Doschd. Sie kritisierte zuletzt auch Putin direkt, etwa nach dem Terroranschlag im April 2017 in Sankt Petersburg. Sie warf dem Präsidenten vor, die Sicherheitskräfte des Landes würden konsequenter gegen die Opposition vorgehen als gegen den Terrorismus.

Sobtschak kann sich solche Attacken herausnehmen. Schliesslich ist sie die Tochter des früheren Bürgermeisters von Sankt Petersburg, Anatoli Sobtschak. Ihm hat Putin einiges zu verdanken: Sobtschak hatte Putin in den Neunzigerjahren zu seinem Stellvertreter gemacht und seine politische Karriere damit befeuert.

Xenia Sobtschak an der Millionärsmesse 2008 in Moskau. Bild: EPA

Auf Nawalnys Platz

Am Mittwoch gab Sobtschak ihrem Heimatsender Doschd ihr erstes Interview als Präsidentschaftskandidatin - und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Alexej Nawalny wieder einmal in Haft sitzt.

Vor Wochen hatte sie noch auf der anderen Seite des Tisches Platz genommen, als Moderatorin. Damals hatte sie Nawalny, den Dauerkritiker von Präsident Putin, interviewt und ihm vorgeworfen, es fehle ihm an Profil. Ausser seinem Kampf gegen die Korruption habe Nawalny nicht viel anzubieten.

Seit Monaten macht der Oppositionelle Wahlkampf, so als ob es all die Repressionen gegen ihn und seine Anhänger nicht gebe. Die Staatsmacht verfolgt Nawalny, weil er dem Kreml allzu unbequem erscheint. Im März und Juni brachte er bei landesweiten Protesten wieder Tausende auf die Strassen.

Xenia Sobtschak mit Wladmir Putin 2003 in Petersburg. Bild: AP/POOL SPUTNIK KREMLIN

Die Wahlbehörde will Nawalny wegen einer Bewährungsstrafe in einem fragwürdigen Prozess nicht zulassen. Er könne sich wegen der Verurteilung erst ab 2028 wieder zu Wahl stellen, hatte Wahlleiterin Ella Pamfilowa noch am Dienstag betont.

Am Mittwoch wurde Sobtschak nun doch noch konkret: «Ich trete für die Präsidentschaft an», kündigt sie in einem Clip auf YouTube an. Video: YouTube/SUN

Doch irgendeinen neuen Herausforderer braucht Präsident Putin, der die Ankündigung seiner eigenen Kandidatur noch herauszögert. Dass er für eine vierte Amtszeit antreten und wiedergewählt wird, daran zweifelt niemand. Mehr als zwei Drittel der Befragten unterstützen Putin laut einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums. Das heisst aber nicht, dass sie auch wählen gehen. Denn warum abstimmen, wenn eh alles klar ist?

Zudem wird in der Opposition schon lange darüber gesprochen, die Abstimmung zu boykottieren, um sie nicht auch noch zu legitimieren.

Schein-Wahlkampf der ewig alten Männer

Hier kommt Sobtschak ins Spiel. Sie präsentiert sich als Kandidatin «gegen alle», das ist ihr Programm. Sie wolle die Stimmen derjenigen einsammeln, «die es satt haben», die einen Wandel im Land fordern. Ihnen wolle sie Gehör verschaffen, kündigt Sobtschak an. Dafür aber müssten «möglichst viele» wählen gehen.

Dem Kreml kann das nur recht sein. Sobtschak poliert den Schein-Wahlkampf der ewig alten Männer auf - mit Putin treten mal wieder unter anderem der kremlnahe Rechtspopulist Wladimir Schirinowski an. Die Abstimmung im März 2018 kann nur dann als Erfolg verkauft werden, wenn die Beteiligung ausreichend hoch ist.

Deshalb erscheint es kaum glaubwürdig, wenn Sobtschak erklärt, sie habe den Eindruck gehabt, Putin gefalle ihre Kandidatur nicht. Ihn habe sie vor einiger Zeit bei einem Interview für einen Film über ihren Vater über ihre Pläne informiert.

Gebt Putin Mädels und er strahlt, nur auf Bild 19 ist ein Mann, du kennst ihn

Gute Ergänzung zu Putin

Nicht nur Kommentator Konstantin Sonin ist da anderer Meinung. Sobtschak sei die «ideale Kandidatin», schreibt er in der Zeitung «Wedomosti»: jung, weiblich, mit Charisma und sehr medienaffin - Sobtschak ergänze Präsident Putin gut.

Anhänger von Nawalny dürfte Sobtschak eher weniger ansprechen. Dieser hatte Sobtschak bereits vorgeworfen, eine «liberale Witznummer» in «einem ziemlich widerlichen Spiel des Kreml» zu sein. Sie hingegen gibt sich versöhnlich, nannte ihn einen «Freund» und «Mitstreiter». Sollte Nawalny doch antreten können, wolle sie mit ihm über alle Optionen sprechen, auch darüber, selbst auf ihre Kandidatur zu verzichten.

Sobtschak hält sich damit alles offen.

Putin kann auch Piano spielen. Also er versucht es zumindest

39s

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Video: watson

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    Alle Leser-Kommentare
  • Soli Dar 19.10.2017 21:28
    Highlight Interessant wie ausgerechnet der deutsche Spiegel, von Scheinwahl spricht und die lange Amtszeit von Putin kritisiert.

    Wenn jemand diesbezüglich im Glaushaussitz, dann die Königsmacher von langzeit regierenden Merkel (nur ihr Ziehvater Kohl, war noch länger Kanzler).

    Merkel und Schultz waren sich in so vielem einig, dass sie glatt hätten heiraten können. Zu einer echten Auseinandersetzung kam es erst nach den Wahlen.

    Schulz, welcher tatsächlich die selbe neoliberale, EU- und NATO-konforme Haltung wie Merkel vertrat, war wohl Merkels Lieblingskontrahent. Allen war klar wer gewinnt!
    15 11 Melden
    • Driver7 20.10.2017 06:10
      Highlight Deutschland ist eine funktionierende Demokratie, Russland hingegen eine Diktatur! Regiert von einem Machtgrenium um Putin bestehend aus reichen Oligarchen und der Kirche. Echte politische Gegner werden früh genug bekämpft (mit welchem Mitteln auch immer). Selbst neutrale Gerichte existieren nicht in Ru!
      4 8 Melden
    • PaLve! 20.10.2017 12:29
      Highlight Was ist denn deine Definition von einer Demokratie? Dass eine Regierung so bald etwas mehr als die hälfte ihrer Bürger sie gewählt hat, Handeln kann wie sie will?
      Nur weil irgendwo freie Meinungsäusserung herrscht, heisst das noch lange nicht, das das Volk in der macht steht.
      7 4 Melden
  • Stachanowist 19.10.2017 15:25
    Highlight Eine Frau, die seit Jahren enormen Mut beweist und ihre privilegierte Position zur klaren Kante gegen Putin nutzt. Was macht Watson/Spiegel draus? Ihre Verdienste werden mit Dom 2, Glamour und dem Papa relativiert. Im Titel ist sie die RU-Paris Hilton, was ihrer sehr politischen Rolle in der russischen Gesellschaft nicht gerecht wird.

    Navalnyj hingegen, der auf Linie AfD/rechter Flügel SVP ist, wird als eigentlich besserer Kandidat dargestellt.

    Ziemlich überraschend auf Watson, das ich für linksliberal hielt. Mal im Ernst, warum wird Navalnyj hier nie kritisiert?!
    54 12 Melden
    • PaLve! 19.10.2017 16:01
      Highlight Sprichst mir direkt aus dem Herzen... Auch wenn sie mir nicht gerade unbedingt symphatisch ist, finde ich es echt grenzwürdig, sie als russische Paris Hilton zu bezeichnen und dabei alle ihre Leistungen, die einem in Russland schnell mal das Leben schwerer machen können, einfach so weg zu passen.
      26 5 Melden
    • Radiochopf 19.10.2017 17:41
      Highlight @Nawalny wird als Retter Russlands gefeiert von einigen hier und auch in den westlichen Medien, dabei ist er viel radikaler als disse denken.. man muss nur mal in seinem Wikipedia Artikel lesen was er so über Migranten gesagt hat.. schade das da Watson immer mitzieht und Nawalny ebenfalls lobt, dabei habt ihr doch früher bei solchen Themen genauer hingeschaut und differenzierter berichtet...
      10 7 Melden
    • Echo der Zeit 19.10.2017 19:08
      Highlight Navalny ist wankelmütig und hat sich auch schon von den Rechtsextremen distanziert, Präsident wird der sicher nicht - eher endet er in der Wolga (würde er keine Rechte Positionen vertreten wär er bereits in der Wolga). Mehr Mut als die Dame von Putin Gnaden hat er aber alle mal Bewiesen. Seit Nemzow weg ist stehen viele hinter Navalny, weil er der einzige ist der noch Opposition betreibt.
      7 6 Melden
    • Juliet Bravo 20.10.2017 04:09
      Highlight Stach, ich bin nicht so bewandert, aber was hat sie denn für grosse Verdienste?
      2 4 Melden
  • cheko 19.10.2017 15:17
    Highlight Gegen Putin sollte ein Starker Gegenkandidat antreten, das ist klar.. Ob sie das ist, wage ich zu bezweifeln... Wobei es eigentlich egal ist wer antritt, Zar Vladi sorgt schon dafür, dass die (Schein)Wahl zu seinem Gunsten endet.
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