DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Anna wurde missbraucht. Sie sagt: «Noch nie in meinem Leben war ich in einer Situation, in der es so schwierig war, die Realität zu akzeptieren»
Anna wurde missbraucht. Sie sagt: «Noch nie in meinem Leben war ich in einer Situation, in der es so schwierig war, die Realität zu akzeptieren»symbolBild: watson/imago

Missbraucht, geschwängert, chancenlos vor Gericht – doch Anna gibt nicht auf

Stealthing heisst es, wenn ein Mann während dem Sex heimlich das Kondom abstreift. Dass Anna Opfer von diesem sexuellen Übergriff wurde, bemerkte sie erst, als sie schwanger wurde. Jetzt hat sie den Mann angezeigt. Doch eine Verurteilung ist unwahrscheinlich.
20.01.2022, 11:1624.01.2022, 11:37

Content Note: In diesem Artikel gibt es Beschreibungen von sexuellem Missbrauch und einer Abtreibung. Informationen für Betroffene gibt es am Ende des Artikels.

«Es war sexueller Missbrauch.»

Es dauerte lange, bis Anna* die richtigen Worte für das fand, was vergangenen Sommer mit ihr geschehen ist. Ihr war klar, dass Regeln gebrochen wurden, Grenzen überschritten. Doch weder die Schweizer Gesetzgebung gibt klare Antworten, noch wird das Thema gesellschaftlich verhandelt. Spezifische Fachstellen mit Informationen oder Hilfsangeboten fehlen.

Anna fand heraus: Wenn der Mann das Kondom während des Geschlechtsverkehrs heimlich abstreift, heisst das Stealthing. Es kommt vom englischen Wort «stealth», «die List», «Verstohlenheit», «Heimlichtuerei» und beschreibt eine unmoralische sexuelle Handlung – nicht aber eine Straftat. Doch der Begriff ist für Anna nicht treffend genug. Denn in ihrem Fall zog der Mann nicht nur das Kondom aus, ohne dass sie es bemerkt hat. Er hat sie dabei auch geschwängert.

«Er hinterging mich und tat etwas mit mir, das ich so nie wollte. Er verletzte meine körperliche Integrität und brachte mich in eine Situation, in die ich nie habe geraten wollen. In der ich eine furchtbare und schwierige Entscheidung treffen musste. Die mir in der Folge physische und psychische Schmerzen zufügte.»

Darum, sagt Anna, spreche sie von Missbrauch.

Ehrlich und bescheiden

Sie sitzt an ihrem Küchentisch und schaut aus dem Fenster. Unten schiebt sich der Abendverkehr langsam über die Strasse. Im Hintergrund wirft die Abendsonne spektakuläre Pinktöne über die Dächer von Zürich und lange Schatten an die Küchenregale. Annas blaue Augen fixieren gedankenverloren einen Punkt im Nichts. Dann fasst sie sich, schaut auf die Papierunterlagen in ihren Händen, blättert ein paar Seiten vor und nimmt den Faden wieder auf.

«Beim Verabschieden haben wir uns umarmt und da fiel mir auf, wie gut er riecht. Ich fand ihn uneingeschränkt gut und wollte ihn wiedersehen.»
Anna

Sie lernt den Mann, wir nennen ihn in diesem Text David, im Frühling vergangenen Jahres über eine Dating-Plattform kennen. Anna ist 40. Sie kommt aus Deutschland und zog vor einigen Jahren wegen ihres Exfreundes in die Schweiz. Die Beziehung ging zwei Jahre später in die Brüche, die Freundschaft blieb und Anna auch. Seither trifft sie sich ab und zu mit Männern, die sie über die App kennenlernt.

Auf den Bildern sieht David gross und kräftig aus, ist gut gekleidet, schick, aber nicht protzig. In der Selbstbeschreibung steht, er sei «ehrlich und bescheiden». Das gefällt Anna. Beim ersten Date sitzen sie in einem Kaffee und reden stundenlang. Er sei aus England und habe afrikanische Wurzeln. Seit einigen Jahren arbeite und lebe er in Zürich. Mit seiner Exfreundin habe er eine kleine Tochter. Über diese spricht er liebevoll, was ihn für Anna umso sympathischer macht.

David erzählt nicht nur von sich, sondern er fragt auch interessiert nach. Anna fühlt sich wohl, findet ihn aufmerksam und vertrauenswürdig. «Beim Verabschieden haben wir uns umarmt und da fiel mir auf, wie gut er riecht. Ich fand ihn uneingeschränkt gut und wollte ihn wiedersehen.»

Schlechtes Gewissen nach dem Sex

Zu einem zweiten Date kommt es einige Wochen später. Anna lädt ihn zu sich nach Hause ein. Es ist Ende Mai. Sie sitzen in ihrem Wohnzimmer und trinken Weisswein. Irgendwann küssen sie sich. Anna fühlt sich beschwingt. Sie ziehen sich in ihr Schlafzimmer zurück, das Vorspiel wird intensiver, dann dringt er in sie ein. Ihre Lust ist gross und Anna fällt es schwer, die Kontrolle zu behalten. Sie unternimmt einen schwachen Versuch des Protests und sagt: «Moment, ich will ein Kondom benutzen.» Doch er nimmt sie in die Arme und flüstert, sie könne ihm vertrauen, er passe auf. Sie lässt es geschehen.

«In den darauffolgenden Tagen machte ich mir Vorwürfe und hatte Schuldgefühle. Warum hab ich nicht auf das Kondom bestanden?» Anna tippt sich mehrmals mit den Fingerspitzen ihrer flachen Hand an die Stirn und murmelt kaum hörbar vor sich hin. «So dumm, so dumm.» Nicht nur von ihr, sondern auch von ihm, fügt sie an. Immerhin kam er nicht zum Orgasmus und Annas Zyklus befindet sich in einem nicht fruchtbaren Bereich. Das erspart ihr immerhin die Pille danach. Trotzdem macht es sie ganz kirre, dass sie sich auf ungeschützten Sex eingelassen hat. Sie schüttelt den Kopf, sodass die langen Haare, die ihr bis zur Taille reichen, sachte hin- und herfliegen.

«Hätte ich in dem Moment die Zeichen richtig gedeutet, dann wäre klar gewesen: Ich bin gerade Opfer von etwas geworden. Und offenbar hat sich etwas in mir gegen diesen Gedanken gewehrt.»
Anna

Auch dass David das Thema so nonchalant beiseitegeschoben hat, habe sie eigentlich abturnend gefunden. Trotzdem bleibt sie mit ihm in Kontakt. Anna fährt in die Ferien. Er schreibt ihr schmeichelhafte Nachrichten, sagt, er wolle sie wiedersehen. Und auch sie will das. Nach ihrer Rückkehr einige Wochen später verabreden sich zu einem weiteren Date. Nur dieses Mal will sie nicht denselben Fehler machen. Sie kommuniziert ihm die Regeln klipp und klar und schreibt ihm: «Bring ein Kondom mit.»

Der Missbrauch

Das dritte Treffen beginnt wie das zweite: Auf dem Balkon sitzend, Rosé trinkend, knutschend. Als es Richtung Schlafzimmer geht, drückt Anna David ein Kondom in die Hand. Erleichtert sieht sie, dass er es sich diskussionslos überstreift. Dann haben sie Sex. Nach einer Weile fragt er sie, ob sie sich umdrehen will. Er dringt von hinten in sie ein und kommt zum Orgasmus. Anna lässt sich langsam auf den Bauch senken und dreht sich um. Da sieht sie neben sich auf dem Bett das Kondom liegen.

«Ich weiss noch, wie ich mich fragte: Wieso liegt jetzt das Kondom schon hier?» Doch sie sei dem nicht weiter nachgegangen und habe das einfach ignoriert. Warum, könne sie sich nicht erklären, wohl aus Selbstschutz. Es sei, als ob ihr Kopf auf Durchzug geschaltet hätte. Dieser Automatismus des Gehirns sei faszinierend und beängstigend zugleich. «Hätte ich in dem Moment die Zeichen richtig gedeutet, dann wäre klar gewesen: Ich bin gerade Opfer von etwas geworden. Und offenbar hat sich etwas in mir gegen diesen Gedanken gewehrt.»

«Ich war ein paar Stunden lang in einem Schockzustand. Noch nie in meinem Leben war ich in einer Situation, in der es so schwierig war, die Realität zu akzeptieren.»
Anna

Als sich David wieder anzieht, erzählt er von einem Streit mit seiner Ex, die Mutter seiner Tochter, und bezeichnet sie als «Arschloch-Mutter». Da weiss Anna, dass sie ihn nicht wiedersehen will. Nie im Leben will ich einen Mann daten, der so über seine Ex spricht, sagt sie sich. Einige Tage später schreibt sie ihm, dass sich bei ihr keine Gefühle für ihn entwickeln. An das Kondom denkt sie nicht mehr. Es ist, als ob das Bild aus ihrem Kopf gelöscht worden ist.

«Anna, du bist schwanger»

Etwa ein Monat später wacht Anna morgens in ihrem Bett auf und spürt ein Ziehen in Bauch und Brüsten. Gleichzeitig fühlt sie eine tiefe, innere Ruhe. Ein seltsames Gefühl, schön, aber auch fremd. Dann denkt sie: «Wann hatte ich eigentlich zuletzt meine Tage?» Sie ruft eine Freundin an und schildert ihre Symptome. Diese sagt geradeheraus: «Anna, du bist schwanger.»

Anna macht einen Schwangerschaftstest. Als die zwei Streifen langsam auftauchen, blitzt in ihrem Kopf die Erinnerung an das Kondom neben ihr auf dem Bett auf. Plötzlich ist das Bild glasklar.

Annas Erzählung wird nun hektischer, sie argumentiert gestenreich, ihre Wangen röten sich, die Stimme ist belegt. Ihre zwei flauschigen Rassekatzen scheinen Annas Aufgebrachtheit zu spüren. Sie flitzen durch die Küche, springen auf die Herdablage und necken sich.

«Ich war ein paar Stunden lang in einem Schockzustand. Noch nie in meinem Leben war ich in einer Situation, in der es so schwierig war, die Realität zu akzeptieren.» Annas Augen sind weit aufgerissen, sie hat die Hände vor dem Gesicht wie zum Gebet gefaltet.

Am Nachmittag schreibt sie David: «Du hast beim letzten Mal das Kondom abgenommen.» Er dementiert: «Nein, du gabst mir ein Taschentuch, mit dem ich das Kondom abgezogen habe.» In einer späteren Nachricht mutmasst er, dass das Kondom vielleicht weggerutscht sei. Für Anna sind diese Nachrichten die Bestätigung seines Übergriffs, denn: Weder hat sie in ihrem Schlafzimmer Taschentücher, noch verpackt sie gebrauchte Kondome darin. «Seine Aussage widersprach meinen Routinen komplett. Ausserdem änderte er innerhalb weniger Minuten seine Begründung. Wäre das Kondom abgerutscht, hätte er das spätestens nach dem Sex gemerkt.»

Die Abtreibung

Als sie ihm schreibt, dass sie schwanger ist, antwortet er: «Das sind tolle Neuigkeiten!» Anna ist fassungslos. Da hat einer – wortwörtlich – hinter ihrem Rücken etwas mit ihr gemacht, das sie nicht wollte. Hat mit ihrem Vertrauen gespielt und sie auf heimtückische Art getäuscht. Von wegen «ehrlich und bescheiden»! Sie hintergangen und dabei geschwängert. Und kommentiert das mit «tollen Neuigkeiten».

Ihre Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen. Für einen Moment erstarrt sie in betretener Sprachlosigkeit. Sie zuckt zusammen, als eine der Katzen auf ihren Schoss springt. Mit abwesendem Blick sagt sie: «Das Schlimmste war, dass ich gemerkt habe, wie ein Teil von mir dieses Kind behalten will.» Mit mechanischen Bewegungen streichelt sie der Katze durchs Fell. Dann habe sie darüber nachgedacht, wie sie mit David ihr Leben lang über ein Kind verbunden wäre, wie er seine Ex als «Arschloch-Mutter» bezeichnete. Da habe sie gewusst: Nein, das will ich nicht.

Sie treibt den Fötus ab, beerdigt ihn. Das ist Anna wichtig. Danach fällt sie in ein Loch. Ist traurig, von Schuldgefühlen geplagt. Anna weiss nicht, ob sie David anzeigen soll. Was er getan hat, ist falsch. Ist es da nicht gerecht, dass er für seine Taten Verantwortung übernimmt? Was, wenn er das anderen Frauen auch antut? Muss er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden? Ihre Gedanken kreisen, eine Freundin ermutigt sie, sich Hilfe zu holen.

Die Gesetzeslücke

Erst drei Monate später schafft es Anna, sich an eine Opferberatung zu wenden. Dort wird ihr eine Anwältin vermittelt. Diese rät ihr klar von einer Anzeige ab: «Tun Sie sich das nicht an.» Eine Verurteilung sei unwahrscheinlich. Was David getan habe, sei schlimm und moralisch höchst verwerflich, aber nicht justiziabel.

Tatsächlich gibt es für das, was Anna passiert ist, keinen eindeutigen Straftatbestand. Der Sex war einvernehmlich, darum fällt Davids Handlung nicht klar unter Artikel 189 der sexuellen Nötigung oder Artikel 190 der Vergewaltigung. Auch Artikel 191 der Schändung passt nicht eindeutig, da dabei das Opfer laut Strafgesetz urteilsunfähig oder widerstandsunfähig ist.

«Damit eine Gesetzeslücke sichtbar ist, braucht es Fälle wie meine, die darauf aufmerksam machen.»
Anna

In der Schweiz gab es bisher drei Fälle von Stealthing, die vor Gericht verhandelt wurden. 2017 verurteilte das Strafgericht in Lausanne einen Mann, der während des Geschlechtsverkehrs das Kondom auszog, wegen Vergewaltigung. Das Waadtländer Kantonsgericht korrigierte das Urteil und stufte die Handlung als Schändung ein. 2019 war ein Mann in Basel wegen Schändung angeklagt, weil er beim Sex mit einer Escort-Dame das Kondom heimlich entfernt hatte. Die erste Instanz sprach den Mann frei, das Kantonsgericht bestätigte den Freispuch später. Ebenfalls im Jahr 2019 sprach zuerst das Bezirksgericht Bülach und danach das Zürcher Obergericht einen Mann in einem dritten Stealthing-Fall vom Vorwurf der Schändung frei. Der Richter sprach von einer Gesetzeslücke.

«Diese Gesetzeslücke», sagt Anna, «das hat mich einfach nicht losgelassen.» Sie ordnet die ausgelegten Papiere auf dem Tisch zu einem Stapel. Es ist der gesamte Chatverlauf mit David und ihre eigenen Gedankenprotokolle. Sie hat alles säuberlich gesammelt und nach Datum sortiert.

Nach dem Gespräch mit der ersten Anwältin will sie eine zweite Meinung. Sie führt ein langes Gespräch mit Ursula Weber Rajower, einer erfahrenen Rechtsvertreterin von Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Am Ende des Gesprächs habe sie gemerkt, dass es noch andere Gründe gibt, David anzuzeigen, die nicht mit einer Verurteilung zu tun haben: «Damit eine Gesetzeslücke sichtbar ist, braucht es Fälle wie meine, die darauf aufmerksam machen.»

Zurückkämpfen

Anfang Januar, sechs Monate sind seit dem Missbrauch und der Abtreibung vergangen, geht Anna zur Polizei. Sie sagt, sie wolle einen sexuellen Übergriff anzeigen und mit einer Polizistin sprechen. Diese wird ihr sofort zur Verfügung gestellt. Sie hat ihre Notizen dabei, die Protokolle der Nachrichten, und erzählt. Drei Stunden lang. Die Polizistin hört zu und nimmt Anna sehr ernst.

Anna findet zu ihrer Kraft zurück. «Auch wenn die Gesetze schlecht sind, gibt mir die Anzeige das Gefühl, mich gewehrt zu haben», sagt sie. Sie weiss, David erhält nun eine Vorladung und muss auf dem Polizeiposten eine Aussage machen. «Das nimmt keiner auf die leichte Schulter», sagt Anna, wie um sich selbst zu bestärken.

«Eine Einwilligung zu Sex mit Kondom ist halt nicht dasselbe wie eine Einwilligung zu Sex ohne Kondom»
Nora Scheidegger, Juristin

Nach der polizeilichen Einvernahme muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie ein Verfahren gegen David eröffnen will oder nicht. Ursula Weber Rajower, Annas Anwältin, ist gespannt. Auch für sie ist der Stealthing-Fall Neuland. Für sie stehen zwei Fragen im Raum. Erstens: Können Davids Handlungen als Schändung eingestuft werden? Zwar war Anna während des Sex körperlich nicht widerstandsunfähig. Jedoch konnte sie sich nicht gegen die sexuelle Handlung ohne Kondom wehren, weil sie das Abstreifen ja nicht wahrnahm. Und zweitens: Liegt durch die damit verursachte Schwangerschaft und die Abtreibung eine strafrechtlich relevante Verletzung der körperlichen Integrität vor?

Weber sagt: «Der Grundsatz im Strafrecht ist, dass eine Strafe nur wegen einer Tat verhängt werden darf, die das Gesetz unter Strafe stellt. Und offenbar hat die Bundesversamlung dabei nicht an Stealthing gedacht.» Das Schweizerische Strafgesetzbuch lasse aber einen Spielraum für die Rechtsprechung offen. Auch wenn Weber starke Zweifel hat, hofft sie, dass Anna mit ihrer Anzeige einen Wendepunkt markieren kann.

Zwei von den drei bisherigen Stealthing-Fällen wurden an das Bundesgericht weitergezogen. Ein Urteil steht noch aus und wird von Nora Scheidegger inständig erwartet. Sie ist Juristin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht und spezialisiert auf das Sexualstrafrecht. «Wenn das Bundesgericht zum Schluss kommt, dass Stealthing keine Schändung ist, dann muss man schauen, ob man die Lücke auf gesetzgeberischem Weg schliessen kann.» Will heissen, über eine Reform des Sexualstrafrechts.

Scheidegger ist überzeugte Befürworterin einer solchen Überarbeitung. Der wichtigste Punkt für sie ist: Sex ohne Einwilligung muss als Verbrechen bestraft werden können. Heute gilt nur als Vergewaltigung, wenn sich das Opfer mit einem Nötigungsmittel zum vaginalen Geschlechtsverkehr gezwungen wird. Damit wird implizit erwartet, dass ein Opfer sich wehrt. Auch Stealthing könnte mit einem reformierten Sexualstrafrecht bestraft werden: «Weil eine Einwilligung zu Sex mit Kondom halt nicht dasselbe ist, wie eine Einwilligung zu Sex ohne Kondom», so Scheidegger.

Dass Stealthing kein Einzelphänomen ist, zeigt eine watson-Umfrage, bei der sich 4800 Userinnen und User beteiligten. Zehn Prozent antworteten, schon einmal Opfer von ungewolltem Sex ohne Kondom geworden zu sein. Fünf Prozent gaben an, schon einmal das Kondom weggelassen zu haben, ohne dass es die Partnerin oder der Partner gewusst habe.

Für Anna wird in den kommenden Wochen erst klar, wie lange der juristische Weg sein wird, den sie zu begehen hat. Sollte das Verfahren eingestellt werden, werde sie damit ihren Frieden finden, sagt sie. Und wenn nicht? «Dann kämpfe ich. Für mich und alle anderen Betroffenen.»

*Name der Redaktion bekannt.

Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die «Frauenberatung sexuelle Gewalt». Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es die Stelle «Castagna». Betroffene Männer können sich an das Männerbüro Zürich wenden.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

«Ich habe schon viel Catcalling erlebt» – Aina über Sexismus im Alltag

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

194 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Erklärbäär
20.01.2022 12:30registriert August 2017
"Immerhin kam er nicht zum Orgasmus. Die Pille danach kann sich Anna also sparen."

Sehr gewagte Aussage...
4246
Melden
Zum Kommentar
avatar
AlleNicksVergeben
20.01.2022 11:33registriert Mai 2021
"Der Sex war einvernehmlich" - finde ich nicht. Einvernehmlich waren andere Rahmenbedingungen, werden diese bewusst von einer Seite geändert und nicht geäussert/neues OK eingeholt, ist es nicht einvernehmlich und somit in meinen Augen nicht einvernehmlich.
Ich vertrete übrigens die gleiche Meinung, wenn eine Person angibt, die Anti-Babypille zu nehmen, dies aber bewusst nicht tut.
36828
Melden
Zum Kommentar
avatar
Green Eyes
20.01.2022 11:35registriert September 2019
Viel Kraft Anna.
19014
Melden
Zum Kommentar
194
Ständerat Germann, Ihre Äusserung ist eines Staatsmannes unwürdig
SVP-Ständerat Hannes Germann wollte lieber bei einem Handballspiel sein als über das Sexualstrafrecht zu diskutieren. Solche Aussagen haben in einer Demokratie nichts zu suchen.

Sehr geehrter Herr Ständerat Hannes Germann

Zur Story