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In meiner Kindheit hatte Milch ein sauberes Image – Tierwohl und Klima waren kaum ein Thema.
In meiner Kindheit hatte Milch ein sauberes Image – Tierwohl und Klima waren kaum ein Thema.
Bild: Jennifer Zimmermann
Die Nachhalterin

Warum ich als Kind literweise Kuhmilch trank – und jetzt nicht mehr

Milch war in meiner Kindheit allgegenwärtig: Im Müesli zum Frühstück und zu den Hauptmahlzeiten ein grosses Glas. Wie sie da reinkam und ob es den Kühen und Kälbern gut ging, darüber machte ich mir erst als Teenie mehr Gedanken. Die Nachhalterin schwelgt in Kindheitserinnerungen auf dem Land, zu einer Zeit, als sie Milch noch gut fand.
17.09.2021, 08:1717.09.2021, 08:43
Contentpartnerschaft mit WWF
Dieser Blog ist eine Contentpartnerschaft mit WWF. Die Beiträge werden von der freischaffenden Journalistin Jennifer Zimmermann verfasst.

Jennifer lebt (meist) vegetarisch, duscht (zu) oft (zu) lange und wühlt zum Unbehagen mancher Familienmitglieder (fast) immer in den «Gratis zum Mitnehmen»-Kisten am Strassenrand. Als «Die Nachhalterin» schreibt sie in Zukunft für den WWF über Themen, die uns alle etwas angehen (sollten). Wer herausfinden möchte, wo er/sie in Sachen Nachhaltigkeit steht, dem sei der Footprintrechner ans Herz gelegt.

Es handelt sich nicht um bezahlten Inhalt.

Milch gehört für viele so sehr zum Bild der Schweiz wie Schokolade und Käse. Als Kind gehörte sie auch für mich zum Alltag. Ich trank Unmengen davon. Milch, und damit meine ich ausschliesslich Kuhmilch, (siehe Box: Was darf «Milch» heissen?) ist etwas Schweizerisches und sie ist ebenso im Leben von US-AmerikanerInnen tief verankert. Als Tochter eines Davosers und einer Amerikanerin trank ich vielleicht deshalb umso mehr davon. Während meines US-Austauschjahres hat sich mein Bild bestätigt: In der Mensa gab es tatsächlich jeden Tag zum Mittagessen einen Karton Trinkmilch. So wie man das aus Filmen kennt. Wir sollten alle gross und stark werden! Und dazu braucht es Calcium und weitere Nährstoffe, die die Milch liefert.

Ob Milch dazu das einzige oder beste Mittel der Wahl ist, wie es um Klima und Tierwohl steht – so viele komplexe Fragen. Dem CO2-Abdruck werde ich im nächsten Artikel auf den Grund gehen. Hier gebe ich ausschliesslich meine Sicht der Dinge wieder. Ich werde in Kindheits- und Jugenderinnerungen schwelgen und ergründen, wie sich meine Meinung zum Thema Milch über die Jahre verändert hat.

Was darf «Milch» heissen?
Der Name von Milchersatz-Produkten hat absolut nichts mit deren Ökobilanz oder dem Tierwohl zu tun. Trotzdem enervieren sich Menschen immer wieder gerne darüber, wie man diese Produkte denn nennen soll – oder darf. Um das ein für alle Mal zu klären: «Milch» darf tatsächlich nur die Milch von Kühen genannt werden. Die Schweizer Lebensmittelverordnung besagt: : «Milch ist das ganze Gemelk einer Kuh oder mehrerer Kühe, die regelmässig gemolken werden. Milch anderer Säugetierarten muss als solche bezeichnet werden.» Darum heisst es auch «Schaf-» oder «Ziegen»-Milch und pflanzliche Milchalternativen heissen in der Regel «Drink» – und dürfen nicht mit Milch angeschrieben sein. Im alltäglichen Sprachgebrauch reden viele dennoch von Soja-, Mandel-, Hafer-«Milch» und Co. statt vom «Drink».

Zufriedene Kühe und der «Milchexpress» zu Besuch

Der «Milchexpress»-Wagen machte regelmässig in unserem Dorf halt. Kinder und Eltern scharten sich um das Auto, sobald sein Klingeln ertönte. Erstere kauften Milchschnitten, letztere füllten ihre Metallkannen mit frischer Milch direkt ab Hof. Der Milchwagen war ein Hit, keine Frage, und die Süsse der Milchschnitten klebt mir noch heute im Gaumen.

Ich wuchs dreissig Minuten von Zürich entfernt in einem Bauernkaff auf. Wir waren umgeben von Natur. Wälder, Mais- und Getreidefelder, Apfelbaum-Plantagen – und da waren auch immer viele Kühe, die auf saftig grünen Wiesen friedlich grasten. Das stete Gebimmel ihrer Glocken war die beruhigende Soundkulisse meiner Kindheit. Der Geruch nach Gülle war manchmal eklig, vollendete aber die perfekte Landidylle, wo Tiere und Menschen in Eintracht lebten.

Will uns diese Kuh wohl etwas sagen?
Will uns diese Kuh wohl etwas sagen?
bild: jennifer zimmermann

Ob es im Dorf Bio-Betriebe gab und was «bio» war, wusste ich nicht. Ob die Kühe Hörner trugen oder nicht, daran erinnere ich mich nicht. Mich vom elektrischen Zaun, der die Kühe umgab, spasseshalber elektrisieren zu lassen, daran schon eher. Und wie die Person, die den Zaun berührte, andere an der Hand nahm und diese dann den Elektroschock noch viel stärker abbekamen. Die Freuden von Landkindern und -eiern :)

Aber zurück zu den Hörnern: In meiner kindlichen Vorstellung trugen vielleicht die Männchen Hörner und die Weibchen nicht? Die Kühe gaben eh immer Milch, dachte ich, und fragte mich nicht wieso. Und die Kälber waren auch zufrieden. Aber halt mal, oft sah ich diese nicht auf der Weide mit ihren Müttern und der Herde. Je älter ich wurde, desto mehr Fragen stellten sich mir ...

Kälber im Ego-Iglu

Ich bemerkte, dass auf gewissen Bauernhöfen die Kälber in kleinen Iglu-Boxen aus Plastik gehalten wurden. Allein und auf so engem Raum, dass sie sich kaum um die eigene Achse drehen konnten. Aus ihren grossen Augen mit den langen Wimpern schauten sie neugierig zu mir empor. Wenn ich zu ihnen hinging, um sie zu streicheln, stupsten sie mich mit ihrer feuchten, weichen Nase an und schleckten mir die Hand ab. Oder sie verzogen sich scheu in ihre beigefarbene Box.

Immerhin zu zweit und mit recht «viel» Platz und Stroh verweilen diese Kälber in ihrer Box.
Immerhin zu zweit und mit recht «viel» Platz und Stroh verweilen diese Kälber in ihrer Box.
Bild: Jennifer Zimmermann

Als 13-Jährige kamen dann die wirklich grossen Fragen auf. Es ging nicht mehr nur um Hörner, Milch und Kälber, sondern auch um Fleisch und die grosse Frage: Wie werden die Tiere geschlachtet? Ich surfte im Netz und stiess schnell auf ausführliche Berichte über Schlachthöfe. Vom Transport dahin, der sehr lange sein kann. Von der Angst der Tiere, während sie auf ihren Tod warten. Von der Art und Weise, wie sie umgebracht werden. Dass sie Schmerzen leiden. Und das alles für einen Happen Fleisch auf unserem Teller. Ein Genuss, der nach zehn Minuten vorbei ist. Der Burger und das schlechte Gewissen (?) liegen danach bloss schwer im Magen. Ich wurde als Teenie für längere Zeit zur Vegetarierin.

Über die Produktion von Milch, Käse und Co. machte ich mir aber keine Gedanken. Ich sah da keine Zusammenhänge oder Parallelen zum Fleischkonsum. Erst Jahre später wurden mir die Auswirkungen für Tiere und Klima bewusst. Ich wusste nicht, dass die Kühe meist zwangsbesamt werden, man ihnen ihre Kälber in der Regel nach kurzer Zeit wegnimmt und die Milch gar nicht für uns gedacht ist. Im Vergleich zu manch US-AmerikanerInnen wusste ich immerhin schon in jungen Jahren, dass Milch nicht aus einem Karton kommt.

Mit gutem Gewissen Milch trinken. Geht das?
Mit gutem Gewissen Milch trinken. Geht das?
bild: jennifer zimmermann

Von Überforderung und meinem Weg zu Pflanzendrinks

Milch, Fleisch, Milchprodukte vs. Tierwohl und Klima. Mir schwirrte der Kopf und tut es auch heute noch. Welche Arten der Tierhaltung und Labels gibt es? Was bedeuten sie? Welche Kausalitäten sollten berücksichtigt werden, wenn man ans Klima und Tiere denkt? Da das Thema so vielschichtig ist, nützt es nichts, wenn man die ganze Industrie verteufelt oder verallgemeinernde Aussagen macht. Und was sowieso nie etwas bringt: Verhärtete Fronten und mit dem Finger aufeinander zeigen.

«Wie mache ich es am besten?!»

In den vergangenen Jahren bin ich fast ausschliesslich auf Soja-Drink umgestiegen. Mein ursprünglicher Beweggrund: Sie bleibt länger frisch, was gerade in einem Einpersonenhaushalt wichtig ist. Zudem hatte ich das Gefühl, dass mein Körper Pflanzendrinks besser verträgt. Ausserdem habe ich ein besseres Gewissen gegenüber den Tieren und der Umwelt. Wenn’s im Café keine Milchalternativen gibt, trinke ich ausnahmsweise dennoch Kuhmilch im Cappuccino.

Milchprodukte esse ich immer noch recht fleissig. Käse, seltener Butter, ab und zu Joghurt aus Kuhmilch. Ich probiere aber auch liebend gerne Käsealternativen und mag Soja- und Kokosjoghurt mittlerweile fast besser. Auch, weil sie meist weniger Zucker enthalten. Ihr seht, ich bin nicht so konsequent, wie ich es gerne wäre. Oft brauche ich Ewigkeiten, um einzukaufen, da ich wie gelähmt vor den Regalen stehe und nicht weiss, was wohl die nachhaltigste Option ist. Ich versuche mein Bestes. Ob das gut genug ist? Das Fazit eines jeden Artikels der Nachhalterin könnte sein: Mein «Bestes» kann immer optimiert werden ... das kann demotivieren, wütend oder hilflos machen. Ich versuche, neugierig zu bleiben, Neues auszuprobieren und Freude daran zu haben. Und ihr so?

Was trinkt ihr und wieso? Haben sich eure Ideale und Geschmäcker über die Jahre verändert?

«Sie zwingen alle, Hafermilch zu trinken!» – der Chef im Kampf gegen Büro-Wokeness

Video: watson/maurice thiriet, nico franzoni

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