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Hier sehen wir den Cordalis und die Katzenberger, zwei «Weapons of Mass Distraction». In der Mitte: ein Unschuldiger.
Hier sehen wir den Cordalis und die Katzenberger, zwei «Weapons of Mass Distraction». In der Mitte: ein Unschuldiger.Bild: rtl2
Kommentar

Katzenberger, Trump und der ganze Quatsch: Wie Reality-TV unsere Realität formt

23.12.2016, 08:2219.07.2018, 14:00

Die sprechende Make-up-Palette Daniela Katzenberger und ihr Mann Luca Cordalis fahren nach Finnland zu einem Schauspieler, der als Weihnachtsmann verkleidet in einer Holzhütte sitzt. Luca Cordalis, ein speziell naives Stück Fleisch, sagt: «Ich mein, wir waren dieses Jahr beim Papst. Aber jetzt den Weihnachtsmann zu besuchen, ist – noch grösser.» Logisch, der Papst war ja echt. Der Weihnachtsmann ist ein Märchen. Fiktion schlägt Fakten. 2016 sowieso.

Eine Stammhalterin gibt's auch schon.
Eine Stammhalterin gibt's auch schon.Bild: EPA/DPA

Daniela Katzenberger ist seit sieben Jahren am Fernsehen. Sie hat dort versucht, in Hugh Hefners Playboy-Mansion reinzukommen, den Luca gefunden, geheiratet und geboren. Sie macht Schuhe, Parfums und Bücher. Eigentlich erstaunlich, dass ihr Vermögen erst drei Millionen Euro beträgt. Verona Pooth zum Beispiel hat aus wenig zwanzig Millionen Euro gemacht. Kim Kardashian 150 Millionen Dollar.

Und auch Kim Kardashian hat sich vermehrt.
Und auch Kim Kardashian hat sich vermehrt.Bild: GONZALO FUENTES/REUTERS

Und Donald Trump Milliarden. Und eine amerikanische Präsidentschaft. In der «Vanity Fair» meldet sich ein ehemaliger Produzent von Trumps Reality-Format «The Apprentice». Er beschreibt, wie das Fernsehen 2004 dem Publikum einen Mann, dessen Firma dem Ruin entgegen schlitterte, als megaerfolgreichen Milliardär und Geschäftsmann verkaufte: 

«Wir sind meisterhafte Geschichtenerzähler und wir haben unseren Job gut gemacht. Was mich schockiert ist, wie schnell und überzeugt die Welt uns dies abgekauft hat. Dachten wir im Ernst, dass dieser Clown, dieser Kasper mit lustigem Haar jemals ein Weltpolitiker werden würde? Kein einziges Mal. Nie. »
Bill Pruitt, Produzent, in «Vanity Fair».

Bis 2015 geisselte Trump die Kandidaten in «The Apprentice», entliess sie mit den Worten «You're fired!», oft ergänzt um «You're terrible!» oder «You're stupid!». 14 Staffeln lang war er der Unterdrücker, 7 Staffeln lang – bis sein Imperium saniert war – konnten die Kandidaten einen mit 250'000 Dollar verbundenen Einjahresvertrag in einem seiner Unternehmen gewinnen. 

Jaja, City of New York, hättest du diese Hitshow nicht möglich gemacht, wär Trump jetzt nicht Präsident.
Jaja, City of New York, hättest du diese Hitshow nicht möglich gemacht, wär Trump jetzt nicht Präsident.Bild: AP

Sein «You're fired!» wurde genauso zum geflügelten Slogan der Populärkultur wie ab 2006 Heidi Klums «Ich habe leider kein Foto für dich» und seit 2002 das von diversen Bachelors und Bacheloretten geäusserte «Ich habe keine Rose für dich». Die jüngeren unter Trumps Wählern sind mit ihnen aufgewachsen. Das Reality-TV hat sie gelehrt, dass es gegenüber Chefs und Partnern vor allem eine Taktik gibt: Unterwerfung. Kein Wunder, wurde «Fifty Shades of Grey» in den letzten Jahren zum Überhit.

«Weapons of mass distraction» – Waffen der Massenzerstreuung – nennt der kluge George Monbiot im «Guardian» die Klums, Trumps und Bachelors, die Katzenbergers und Kardashians dieser Welt. Man kann die Waffen in zwei Kategorien einteilen: In die Ermöglicher (Trump, Klum, Bachelor etc.) und in die autarken Celebrities (Kardashian, Katzenberger). Beide haben ein schlichtes gemeinsames Ziel: aus Fame Geld zu machen.

Blond, mächtig, Klum.
Blond, mächtig, Klum.Bild: EPA

Die Celebrities definiert Monbiot so: «Ihre Rolle ist es, in unseren Köpfen zu existieren.» Ihre Aufgabe ist das reine Dasein. Das Gesichtsein von etwas, das sich verkaufen lässt. Träume und die dazugehörigen Produkte.

Die Ermöglicher sind perfider. Ihre Aufgabe ist die explizite Vermessung des Menschen. Sie dürfen den Kandidaten ihrer Sendungen direkt ins Gesicht sagen, dass sie nichts taugen, dass sie zu wenig schön, sexy, interessant, leistungsfähig, stark oder smart sind. Dass sie wertlos sind. Die Ermöglicher finden zwar jeweils einen Sieger, schaffen aber Dutzende von Losern.

Weniger blond, weniger mächtig, Bachelor Janosch.
Weniger blond, weniger mächtig, Bachelor Janosch.Bild: 3+

Oft sind sich die Loser nicht zu schade, im Kampf um Fotos, Rosen, Stellen, Sendezeit und Aufmerksamkeit alles abzulegen, was sie normalerweise zu sozial verträglichen und funktionierenden Wesen macht. Sie werden intrigant, ordinär, vergessen Bildung (Heidi Klums regelmässiges «Du denkst zu viel!» spricht Bände), Würde und Anstand. Oder anders: Sie werden unterhaltsam. Wir lieben sie dafür. Das ist okay. Vorbilder sind sie keine. Nie. 

Donald Trump nimmt seine alte Reality-Rolle nun mit ins Weisse Haus. «Ich bin der Einzige, der weiss, wer die Finalisten sind!», twitterte er am 16. November über die anstehenden Ernennungen neuer Kabinettsmitglieder.

Ich bin der Einzige. «L'état c'est moi», der Staat bin ich, wird dem absolutistischen französischen König Louis XIV (1638-1715) zugeschrieben. Trump baut seine Türme. Louis XIV baute Versailles. Das Schloss, in dem Kim Kardashian und Kanye West heirateten.

Versailles, Traum aller Fake-Royals von heute.
Versailles, Traum aller Fake-Royals von heute.Bild: shutterstock

Alles gehört zusammen. Das kapitale Blendwerk des französischen Hofes scheint auf die medial geborenen Fake-Royals unserer Zeit. So werden Analogien geschaffen und symbolische Stammbäume gebastelt.

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27 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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kuhrix
23.12.2016 09:05registriert Juni 2014
Wenn die Medien nicht pausenlos über diesen Müll berichten würden hätten wir schon lange keinen Bachelor und auch keine Kardäschiän mehr. Ich wollte schon lange mal fragen ob ihr für diese Bachelor-Berichte Geld bekommt oder ob sich das tatsächlich lohnt?
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Deverol
23.12.2016 10:11registriert Juli 2016
Wenn Watson nicht darüber berichten würde, gäbe es keinerlei Berührungspunkte zwischen mir und diesen TV-Sendungen. :)
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Yelina
23.12.2016 09:18registriert Juli 2014
Wer im Glashaus sitzt... Eure Bachelor-Artikel haben mich nur schon auf der Startseite genervt, ohne, dass ich sie angeklickt hätte... Stop making stupid people famous!
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