Justiz
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Angeklagte auf dem Weg zur Urteilsverkuendigung beim An'Nur-Prozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht am Dienstag, 23. Oktober 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Jung, cool und ein bisschen gefährlich: Zwei Angeklagte präsentieren sich auf dem Weg zum Winterthurer Bezirksgericht. Bild: KEYSTONE

Richterspruch im An'Nur-Prozess zeigt: Alle haben gelogen

An'Nur-Prozess: Der Richter erklärt, was in der einst berüchtigtsten Moschee des Landes tatsächlich passiert ist. Die Angeklagten, die Opfer und ein Journalist hätten nicht die Wahrheit gesagt.

Andreas Maurer / CH Media



Die jungen Männer sitzen wie Schulbuben in der ersten Reihe des Winterthurer Bezirksgerichtssaals. Sie tuscheln, grinsen, schneiden Grimassen. Die meisten tragen dunkle Rollkragenpullover, die sie beim Hineingehen ins Gesicht zogen, um sich vor den Kameras wie Schwerverbrecher zu inszenieren.

Mit leiser, monotoner Stimme bringt Gerichtspräsident Andreas Oehler (FDP) Ruhe ins Spektakel und verliest zehn Urteile. Achtmal sagt er «schuldig», zweimal «freigesprochen». Die Schuldsprüche betreffen sieben von acht Mitgliedern der Jugendgang der An’Nur-Moschee. Einer wird freigesprochen, weil ihm eine Beteiligung an der Tat nicht nachgewiesen werden kann. Verurteilt wird zudem der damalige Imam der Moschee, während der Präsident freigesprochen wird. Nun blicken die Männer hilfesuchend zu ihren Verteidigern in der zweiten Reihe. Haben sie den im Namen Gottes geführten Kampf gewonnen oder verloren?

Das Urteil liegt in der Mitte zwischen den Anträgen der zehn Verteidiger, die Freisprüche forderten, und der drei Staatsanwältinnen, die Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren verlangten. Das Gericht verhängt Freiheitsstrafen von bis zu anderthalb Jahren. Die meisten Verurteilten erhalten 13 oder 14 Monate. Am mildesten kommt der einzige Jugendliche davon, der zu einem halben Jahr Freiheitsentzug verurteilt wird. Vorerst muss aber keiner ins Gefängnis, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt. Denn alle Strafen sind auf Bewährung.

Wie es wirklich war

ARCHIVBILD ZUR URTEILSVERKUENDUNG IM AN'NUR PROZESS, AM DIENSTAG, 23. OKTOBER 2018 - GERICHTSZEICHNUNG - Die Angeklagten sitzen im Winterthurer Bezirksgericht, aufgenommen am Montag, 1. Oktober 2018 in Winterthur. Zehn Hauptakteure eines Uebergriffs vom November 2016 in der An'Nur-Moschee muessen sich heute vor Gericht stellen (KEYSTONE/Linda Graedel)

Bild: LINDA GRAEDEL

Die Urteile liegen in der Mitte, weil auch die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen den Erzählungen der Opfer und der Täter liegt. Der Richter wirft beiden Seiten vor, übertrieben und gelogen zu haben. Mit der Urteilsverkündung versucht er, den Nebel zu lichten und erstmals die wirkliche Geschichte zu erzählen, die im November 2016 die Schlagzeilen in der Schweiz dominiert hatte.

An einem Dienstagabend, wenige Minuten nach 19 Uhr, betrat das spätere Opfer die Moschee, ein 32-jähriger Nordafrikaner. Er kam nicht wie behauptet, um zu beten, sondern um zu spionieren, wie der Richter sagt. Aus Sicht des Gerichts ist erstellt, dass der Mann im Auftrag des Journalisten Kurt Pelda handelte und zu diesem in einer geschäftlichen Beziehung stand.

Pelda, der damals für die «Weltwoche» arbeitete und heute für den «Tages-Anzeiger» den Prozess verfolgt, sagte stets, er habe weder Geld bezahlt noch versprochen. Gemäss dem Gericht entspricht dies nicht der Wahrheit. So habe sich der Spion in Widersprüche verwickelt. Einerseits habe er gesagt, es seien keine Geldzahlungen vereinbart gewesen, andererseits verlangte er Schadenersatz für ein entgangenes Honorar. Einige Anwälte hatten zudem gesagt, die Geldflüsse seien durch Bankbelege dokumentiert.

Der Medienspitzel verstiess gemäss dem Bezirksgericht selber gegen das Gesetz, da er das Fotoverbot in der Moschee nicht eingehalten hatte. Damit habe er die Privatsphäre der Angeklagten verletzt. Diese seien aus verständlichem Grund wütend geworden und hätten ein Recht zur Notwehr gehabt, sagt der Richter. Dazu hätten sie ihm das Smartphone vorübergehend wegnehmen dürfen. Doch danach hätten sie die Polizei rufen sollen. Stattdessen versuchten sie, das Problem auf ihre eigene Art zu lösen.

Die jungen Männer umstellten den Spitzel und dessen Kollegen. Schon alleine, indem sie die beiden mit ihrer körperlichen Übermacht umringten, hätten sie sich der Freiheitsberaubung schuldig gemacht, urteilt das Gericht. Einer verpasste dem Spitzel eine Ohrfeige. Ein anderer bespuckte ihn. Die Opfer hätten bei der Darstellung der Verletzungen zwar übertrieben. Diagnostiziert ist eine Beule. Aber mit den Schlägen und Drohungen seien die Verurteilten zu weit gegangen.

Auch der Höhepunkt der Gewalteskalation, der eine Staatsanwältin an einen Mafiafilm erinnerte, hat sich gemäss dem Gericht nicht wie in Hollywood abgespielt. Als erwiesen gilt, dass ein Täter dem Opfer eine Zehnernote in den Mund drückte und ihm vorwarf, er habe seine Religion für Geld verraten. Der Richter hat aber Zweifel, dass dieser den gelben Schein tatsächlich wie von der Staatsanwaltschaft behauptet geschluckt habe. Der Tatbestand der Nötigung sei aber allemal erfüllt.

Danach verlagerte sich das Geschehen ins Büro des Imams und des Präsidenten. Diese nahmen ein Geständnis der Opfer auf. Die Tonaufnahme klinge nicht so dramatisch, wie von der Staatsanwaltschaft behauptet, findet das Gericht. So hätten die Moschee-Oberen nicht jeden Satz diktiert, sondern nur einzelne Details. Dem Präsidenten hält das Gericht zugute, dass er es war, der den Notruf wählte. Zehn Minuten später stürmte die Polizei die Moschee. Vor Ort nahm sie aber niemanden fest, da in der unübersichtlichen Situation damals nicht klar war, was sich abgespielt hatte. Erst Wochen später wurden die Männer verhaftet.

An’Nur-Prozess: Hier schreiten die Angeklagten zu ihrem Urteil

   Video: © sda-Video

Medienschelte des Richters

Auch für die Journalisten war es schwierig, zwischen Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden. Aus Sicht des Gerichtspräsidenten haben die Medien ihren Job nicht gut gemacht. Er spricht von einer «massiven Vorverurteilung» und einer «eigentlichen Kampagne», die sich strafmildernd auswirke. Auch das junge Alter der Täter führe zu einer Senkung des Strafmasses.

Die Urteile sind mild, treffen zwei der Verurteilten aber hart. Weil sie Ausländer sind, verhängt das Gericht Landesverweise gegen sie. Ein 22-jähriger Mazedonier und ein 26-jähriger Afghane müssen für sieben Jahre die Schweiz verlassen. Der Afghane sagte bei der Befragung vor drei Wochen zum Richter: «Sie sehen ja, was in Afghanistan passiert ist. Ich kann nicht dorthin zurück. Die Schweiz ist meine Heimat.» Der Richter stellt fest, eine Rückkehr nach Afghanistan sei schwierig, aber nicht aussichtslos. Zum Verurteilten sagt er: «Ihnen fehlt der Respekt vor dem Schweizer Rechtssystem.» Im Gerangel in der Moschee sei er an vorderster Front beteiligt gewesen. Das sei kein Kavaliersdelikt. Und für den Mazedonier stünden die Chancen für eine Wiedereingliederung noch besser, da er in seinem Herkunftsland durchaus noch heimisch sei.

Nach der Urteilsverkündung stösst einer der Männer einen Jubelschrei aus. Er hallt durch das barocke Gerichtsgebäude, danach wird es still. Die Kollegen stimmen nicht ein. Sie trotten davon wie Schulbuben nach einer ärgerlichen Lektion.

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23
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23Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • riqqo 24.10.2018 15:58
    Highlight Highlight passend…
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    0 0 Melden
  • The oder ich 24.10.2018 11:47
    Highlight Highlight Wieso muss beim Richter seine Parteizugehörigkeit stehen? Nach meinem Verständnis des Richteramts muss er unparteiisch (kein Wortspiel) sein: dass er sich im vorliegenden Fall dem Bericht nach zu urteilen durchaus so verhalten hat, spricht dafür.

    Eine Parteiangabe insinuiert ja, dass ein SVP-, SP- oder CVP-Richter (meine Tastatur wehrt sich schon, das so zu schreiben) anders geurteilt hätte: dies wäre der grösstmögliche Schaden an der dritten Gewalt.
    16 8 Melden
    • Theor 24.10.2018 12:11
      Highlight Highlight Forget it. Einem Richter merkst du seine Parteizugehörigkeit eine Meile gegen den Wind an. Als guter Anwalt weisst du auch gleich, welche Strategie du fahren musst sobald feststeht, welcher Richter (und damit welche Gesinnung) deinen Fall betreut.

      Wieso das so ist? Schau dir mal das Verfahren für Richterwahlen an. Wie im Bundesrat beanspruchen Parteien Richterämter für sich je nach Wahlstärke in der entsprechenden Region. Zudem wählen die Parteien ihre Kandidaten aus und schicken diese ins Rennen und finanzieren Werbekampanien. Ohne Partei im Rücken hat man keine Chance auf ein Richteramt.
      27 5 Melden
    • The oder ich 24.10.2018 12:32
      Highlight Highlight @Theor: Das spräche aber doch eher dafür, dass man Richtern eine Parteizugehörigkeit verbietet.




      OK, träumen darf man doch wohl noch
      User ImagePlay Icon
      11 5 Melden
    • Theor 24.10.2018 13:54
      Highlight Highlight Dafür sprechen würde es schon, aber wie willst du das durchsetzen? Denkst du, das Parlament - welches von Politikern besetzt wird - erlässt freiwillig eine Regelung, welche den Einfluss der Politiker begrenzt?

      Aber ja, träumen darf man noch. ;)
      17 2 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • FragenüberFragen 24.10.2018 08:31
    Highlight Highlight Wenn alle gelogen haben und es sonst keine Beweise gibt, müsste es doch à la "Im Zweifel für den Angeklagten" Freispruch geben?
    3 36 Melden
  • ponebone 24.10.2018 07:58
    Highlight Highlight Schon eine ziemliche Ohrfeige für alle Beteiligten ;)
    Da haben sich wohl alle extrem den Gaumen verbrannt, so heiss wie diese lauwarme Suppe gegessen wurde...
    Was mich jetzt aber trotzdem interessieren würde, ist es mir wirklich erlaubt jemanden sein Handy abzunehmen und die Polizei zu rufen, wenn dieser in der Öffentlichkeit ohne mein Einverständniss ein Foto von mir macht? Könnte mir das ein Jurist unter den Kommentierenden bitte erläutern.
    70 4 Melden
    • kettcar #lina4weindoch 24.10.2018 08:05
      Highlight Highlight In meinem Verständnis war es eben nicht in der Öffentlichkeit und - ich nehme an nach Hausrecht - bestand ein Fotoverbot.
      11 3 Melden
    • pun 24.10.2018 08:56
      Highlight Highlight Bin zwar kein Jurist, aber soweit ich das verstanden habe, geht es eben drum, dass es nicht in der Öffentlichkeit und bei ausgesprochenem Fotoverbot geschah. Hab mich aber auch gewundert.
      30 2 Melden
    • ponebone 24.10.2018 12:30
      Highlight Highlight @ pun & kettcar

      Leuchtet ein. Eine Moschee ist zwar keine private Räumlichkeit aber halt auch nicht die Öffentlichkeit (ähnlich wie ein Club). In einem Hallenbad herrscht ja auch Fotoverbot.
      Nur, wie wär das wohl, wenn mich z.B jemand beim baden am See ohne meine Einwilligung fotografiert und ich ihm dann sein Handy wegnehme und die Polizei rufe?
      8 0 Melden
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  • Caturix 24.10.2018 07:45
    Highlight Highlight In einem Gebetshaus gehört kein Kameraverbot. Verbote gibt es nur wenn man etwas zu verstecken hat.
    18 18 Melden
    • satyros 24.10.2018 19:58
      Highlight Highlight Bei einer Religion mit Bilderverbot, schon irgendwie verständlich, dass man da keine Kameras will.
      5 2 Melden
  • Illyria & Helvetia 24.10.2018 07:22
    Highlight Highlight Ich bin jetzt doch überrascht. In den grossen Medien unseres Landes wurde die letzten Jahre sehr oft sehr viel in einem sehr negativen Ton geschrieben. Und jetzt lese ich eine nüchterne Zusammenfassung des Falls und muss mich fragen, was für ein Journalismus wird heute betrieben? Zumindest haben die Medien es geschafft, den Ruf der Moschee zu zerstören und den Ruf der hiesigen Muslime wieder mal anzukratzen. Bravo! 👏🏼
    99 195 Melden
    • Magenta 24.10.2018 07:30
      Highlight Highlight Falsch. Der Ruf der hier lebenden anständigen Muslime wird andauernd angekratzt durch diejenigen Muslime, die sich nicht an unsere Gesetze halten, sich partout nicht integrieren lassen und negativ auffallen.
      50 4 Melden
    • MaskedGaijin 24.10.2018 07:49
      Highlight Highlight Ja die armen, unschuldigen, hasspredigenden Imame in besagter Moschee. Alles ganz friedlich.
      48 3 Melden
    • Chili5000 24.10.2018 08:22
      Highlight Highlight Du hast vollkommen Recht, es ist eine Schande wie die Medien zu diesem Thema berichtet haben. Man hatte das Gefühl es handle sich um ein Terrorcamp par excellence. Das Gericht hat zum Glück einen nüchternen Job gemacht und die Landesverweise sind absolut richtig!
      12 21 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Benji Spike Bodmer 24.10.2018 07:08
    Highlight Highlight Spiel, Satz und Sieg für Ermittler und Gericht. Gut gemacht.

    Das darf auch einmal gesagt sein. :)
    226 15 Melden

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