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Der Saenger Marco Pfeuti, auch bekannt als Goelae, posiert fuer die Medien, anlaesslich seines Konzertauftritt auf der Baustelle der Hochstelle fuer angewandte Wissenschaften FHS am Donnerstag, 20. August 2009 in St. Gallen.  (KEYSTONE/Ennio Leanza)

«Büezer» Gölä: Sieht so der neue Intellektuelle aus? Bild: KEYSTONE

Kommentar

Ich bin ein elitäres linkes Schwein und will mich bessern – aber wie?

Abgehoben, halbgebildet, arrogant: So werden Linke abgekanzelt und mit Häme übergossen. Nur: Was haben sie eigentlich falsch gemacht?



Ob «Weltwoche» oder NZZ, auf Linke wird heute genüsslich eingedroschen. Roger Köppel spricht von der «hasserfüllten Überheblichkeit der satten Elite». René Scheu, der NZZ-Feuilleton-Chef, reicht eine pauschale Verurteilung der Intellektuellen nach: «Sie plappern nach, was andere sagen.»

Bei den Rechtsextremen ist geradezu Euphorie zu spüren, wenn sie nun die Intellektuellen bashen. Ein ganz übles Beispiel liefert etwa Ken Jebsen auf seinem faschistischen Kanal «KenFM». Er rät allen Mainstream-Journalisten, sich umgehend vom Acker zu machen. Nicht direkt ausgesprochen, aber unmissverständlich aus den Untertönen herauszuhören ist dabei die Drohung: Sonst wandert ihr ins Lager.

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So tönt die gefährliche Variante des Eliten-Bashings. Video: YouTube/DieBananenrepublik

Eine ironische Variante der Linken-Elite-Kritik liefert Nassim Nicholas Taleb in der NZZ. Ausgerechnet Taleb. Ihm verdanken wir zwar die Erkenntnis, dass es schwarze Schwäne gibt. Seine theoretischen Ausführungen dazu sind jedoch so abgehoben, dass sie nicht einmal die Elite versteht.  

Anyway: Auch Taleb fühlt sich berufen, jetzt Sätze zu äussern wie:

«Diese selbsternannten Mitglieder der ‹Intelligenzia› sähen einen Bären nicht einmal, wenn er ihnen auf die Nase gebunden würde.»

Intellektuelle sind bei Taleb «Idioten» oder «Politnarren», die von einem Häuschen mit Doppelgarage träumen und deren Lebensziel darin besteht, einmal bei einem Ted-Talk mitmachen zu dürfen.  

Und weil Taleb ebenfalls gerne intellektuell ist, schiebt er den kryptischen Satz nach: «Der Intellektuellen-Idiot glaubt nach wie vor, die Absenz von Evidenz sei gleich der Evidenz von Absenz». Falls ihr wie ich diesen Satz nicht begriffen habt, fragt doch bei Gölä oder Chris von Rohr nach.  

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Verfasst die abgehobene Variante: Nassim Taleb. bild: Sarah Josephine Taleb

Linke wie ich würden ja gerne dem Volk aufs Maul schauen, wie Luther das schon gefordert hat. Wir haben keine Berührungsängste mit dem Büezer, selbst wenn die meisten von ihnen heute aus Portugal kommen. Nur: Wie soll das geschehen im postfaktischen Zeitalter? Nachrichten über die US-Wahlen wurden in Mazedonien gefakt von jungen Leuten, die damit via Facebook bis zu 5000 Dollar pro Monat verdienten.  

Soll ich also ab sofort den Spiess umdrehen und ebenfalls schamlos lügen? Schlagzeilen verfassen wie: «Putin erpresst Trump mit Sex-Tapes»? «Roger Köppel hat ein homosexuelles Verhältnis mit einem NPD-Führer»? «Christoph Blocher hat Alzheimer»?

«Wer also Nationalismus, Ausländerhetze, rücksichtslose politische Führung – alles Merkmale von Faschismus – kritisiert, wird kurzerhand selbst als ‹Faschist› abgestempelt.»

Sylvia Sasse

Nichts davon stimmt, aber mit Schlagzeilen wie diesen hätte ich nicht nur eine sehr gute Clickrate, sondern würde auch vom Volk gelesen. Übrigens: Das ist kein hypothetisches Szenario. So ungefähr operiert das Onlineportal «Breitbart», dessen ehemaliger Chef Steve Bannon nun zum Chefstrategen im Weissen Haus ernannt wurde.

Politik wird zum Karneval

Die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse hat auf dem Onlineportal «Geschichte der Gegenwart» einen klugen Artikel veröffentlicht. Sie spricht von der «Karnevalisierung der Politik» und zeigt, wie Begriffe heute im Sinne des Orwell’schen Newspeak ins Gegenteil verkehrt werden. «Das Establishment imitiert die Stimme des Volkes, aus Demokratie wird Diktatur und Linke werden zu Faschisten.»  

Exemplarisch schildert Sasse diesen Prozess am Beispiel des Begriffs «Gutmensch». Der Mensch von heute sehe nicht mehr im Bösen den Feind, sondern im Guten, so Sasse. Die Steigerung davon ist schliesslich der «Gutmensch-Faschist», ein inzwischen gängiges Schimpfwort der Rechtsextremen.

Die Demagogen sind dumm wie Brot

Mit diesem Trick wird schliesslich die ganze Welt auf den Kopf gedreht. «Wer also Nationalismus, Ausländerhetze, rücksichtslose politische Führung – alles Merkmale von Faschismus – kritisiert, wird kurzerhand selbst als ‹Faschist› abgestempelt», so Sasse.  

Was also soll ich tun, lieber Roger Köppel und René Scheu?  Wie überwinde ich meine «hasserfüllte Überheblichkeit», wie komme ich zur «Evidenz von Absenz»? Ehrlich gesagt: Momentan habe ich schlicht keine Ahnung. Aber eines weiss ich: Die meisten, die sich jetzt rühmen, das Volk oder die Büezer zu verstehen, sind gefährliche Demagogen – und dumm wie Brot.

So tickt Stephen Bannon: Krasse Zitate von Trumps neuem Chefstrategen

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lösch mich
quelle: x90181 / carlo allegri
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