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Hat der russische Geheimdienst Putin-Gegner Nemzow getötet? Neuer Bericht wirft Fragen auf

Eine neue Recherche zeigt, wie der ermordete Putin-Gegner Boris Nemzow monatelang von FSB-Agenten verfolgt wurde.
28.03.2022, 16:0730.03.2022, 16:32

Es ist der Abend des 27. Februar 2015. Vier Schüsse aus einer Pistole fallen auf der Grossen Moskwa-Brücke nahe des Kremls in Moskau – sie gelten Boris Nemzow. Der Oppositions-Politiker erliegt den Schussverletzungen an Rücken und am Hinterkopf.

Saur Dadajew, ein ehemaliger tschetschenischer Sicherheitsbeamter, wird später in einem eiligen Verfahren für den Mord verurteilt.

Unklar blieb: Wer hat den Mord angeordnet und warum?

Eine Untersuchung von «Bellingcat», «The Insider» und der BBC zeigt nun: Nemzow ist in den Tagen und Monaten vor seinem Tod von Walery Sucharew, einem Offizier des russischen Inlandsgeheimdiensts (FSB), sowie dessen Schergen verfolgt worden. Alles Männer, die in die Vergiftung mehrerer Oppositioneller verwickelt gewesen sein sollen.

Der Überblick:

Boris Nemzow, der Politiker

Der zum Tatzeitpunkt 55-jährige Nemzow war ein alter Polithase – und erbitterter Konkurrent Wladimir Putins. Unter Boris Jelzin war Nemzow zwischen 1997 und 1998 Vizeministerpräsident der Russischen Föderation. Er wurde als möglicher Nachfolger Jelzins gehandelt – bevor Putin 1999 zum amtierenden Präsidenten ernannt wurde.

Boris Nemzow, 2009.
Boris Nemzow, 2009.Bild: AP

In den folgenden Jahren war Nemzow ein regelrechter Dorn in Putins Auge: Als Fraktionsvorsitzender der Partei «Union der rechten Kräfte» dirigierte Nemzow die politische Opposition und setzte sich für internationale Sanktionen gegen die politische Führung Russlands ein. Er kritisierte öffentlich die Annexion der Krim. Nach seinem Tod zeigte sich Putins nach dem Mord betroffen und beauftragte Sonderermittler mit der Aufklärung des Verbrechens. Internationale Organe forderten eine unabhängige Untersuchung des Falles.

Die Recherche

Für die Recherche wurden Reisedaten dreier russischer FSB-Agenten detailliert ausgewertet. Die Resultate zeigen, dass ein Beschattungsteam des FSB Nemzow auf 13 Reisen zwischen Mai 2014 und Februar 2015 heimlich verfolgte.

Die Methodik
Die Recherchen von «Bellingcat» «stützen sich auf Reisedaten, Telefonaufzeichnungen und andere öffentliche Informationen über russische Bürger, die auf dem russischen Schwarzmarkt oder in durchgesickerten Datenbanken zu finden sind. Jede Information musste durch mehreren Datenquellen verifizierbar sein, bevor sie in die Auswertung einfloss. (...) Diese Praxis ist als ‹probiv› bekannt, was auf Russisch in etwa ‹nachschlagen› bedeutet. Sie wird von investigativen Journalisten, Arbeitgebern und Behörden gleichermassen verwendet, wenn auch für sehr unterschiedliche Zwecke. (Mehr zur Methodik auf der Seite von «Bellingcat».) «Bellingcat» ist eine Organisation für investigativen Journalismus, die sich auf Faktenprüfung und Open-Source-Informationen spezialisiert hat. Sie ist in den Niederlanden ansässig.

Das Beschattungsteam

Die ersten beiden Reisen im Mai 2014 führen Nemzow ins russische Jaroslawl. Dicht auf den Fersen ist ihm dabei Walery Sucharew, begleitet von Dmitri Suchin, ein Agent, der einen «Hintergrund in IT und Kryptografie» habe, wie in der Recherche-Publikation festgehalten ist.

Auf zehn Reisen zwischen dem 5. Juli 2014 und dem 17. Februar 2015 wird Sucharew bei der Verfolgung Nemzows von Alexey Kriwoschtschekow begleitet. Kriwoschtschekow wird später in die Vergiftung von Alexey Nawalny verwickelt sein. Auf einer Reise im Oktober 2014 ist Sucharew unbegleitet.

Zwischen dem 21. und 22. Februar 2015 reiste Nemzow scheinbar ohne heimliche Begleitung nach Jaroslawl. Eine Woche später wird er erschossen.

Aus den Reisedaten geht zudem hervor, dass die FSB-Leute zwei Tage vor der Ermordung Nemzow damit beginnen, Nemzows Protegé Wladimir Kara-Mursa zu verfolgen.

Brisant: Zwischen 2015 und 2017 erleidet Kara-Mursa zwei medizinische Notfälle, bei denen vermutet wird, dass es sich um Vergeltungsschläge für politische Aktivitäten handeln könnte. Bei beiden Vorfällen kommen zwei russische Krankenhausberichte sowie drei internationale Untersuchungen zum Schluss, dass sie durch eine Vergiftung mit einer nicht identifizierten Substanz verursacht worden seien, wie «Bellingcat» festhält.

Wladimir Kara-Mursa, damals Boris Nemzows Protegé und heute Vorsitzender der «Boris Nemtsov Foundation» und Vizepräsident der «Free Russia Foundation».
Wladimir Kara-Mursa, damals Boris Nemzows Protegé und heute Vorsitzender der «Boris Nemtsov Foundation» und Vizepräsident der «Free Russia Foundation».Bild: imago

Das bewährte Muster

«Bellingcat» schreibt, dass das Vorgehen bei Nemzow einem Muster folge, das von «Beschattungen anderer russischer Vergiftungsopfer» bekannt sei: Die FSB-Agenten kommen in der Regel ein paar Stunden oder einen Tag vor Nemzow am Zielort an und reisten kurz vor oder nach ihm wieder ab. Ein solches Vorgehen würde gewährleisten, dass die Beschatter den Tagesablauf der Zielperson auf Reisen ausserhalb Moskaus kennenlernten.

Es sei eher unplausibel, dass das dreiköpfige Team den Auftrag hatte, Nemzow lediglich zu beschatten. Denn eine Überwachung durch immer dieselben Beamten über einen längeren Zeitraum würde nur das Risiko erhöhen, dass die Beschatter von der Zielperson bemerkt würden, wie im Recherche-Bericht steht.

Das Motiv für die kontinuierliche und langfristige Beschattung von Nemzow durch eine Gruppe, die mit späteren Vergiftungsversuchen in Verbindung gebracht werden kann, sei auch nach der Recherche noch nicht klar. Dass dem Nemzow-Beschattungsteam keine spezialisierten Chemiewaffenexperten angehörten, könnte darauf hindeuten, dass nie die Absicht bestanden habe, Nemzow zu vergiften, hält das Rechercheteam fest.

Eine Reihe neuer Fragen

Es gebe keine direkten Beweise dafür, dass Sucharew, Kriwoschtschekow und Suchin an der Ermordung von Nemzow beteiligt gewesen wären oder diese geplant hätten. Die systematische Art und Weise, in der Nemzow von FSB-Agenten verfolgt worden sei, die mit anderen Attentatsversuchen auf Oppositionelle in Verbindung gebracht werden können, werfe aber eine Reihe neuer Fragen auf, schreibt «Bellingcat».

Neue Zweifel kämen auch an der Unparteilichkeit der offiziellen Ermittlungen auf. Denn 45 von 55 forensischen Analysen zum Mord an Boris Nemzow seien vom Kriminalistischen Institut des FSB durchgeführt worden, wie aus von «Bellingcat» eingesehenen Gerichtsdokumenten hervorgehe.

Die Verurteilung Saur Dadajews 2017

Bereits kurz nach der Tat, im März 2015, wurden fünf Tatverdächtige festgenommen. Einer von ihnen ist Saur Dadajew, stellvertretender Kommandeur im Bataillon «Sewer» der autonomen Republik Tschetschenien. Ende Juni 2017 wurden Dadajew und seine Mitangeklagten vor dem Militärgericht schuldig gesprochen und zu Haftstrafen verurteilt. Zuvor hatte Dadajew gestanden, dass er die tödlichen Schüsse abgegeben habe.

Als Motiv für die Tat wird vor allem Nemzows Unterstützung für die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» nach dem militant-islamistisch motivierten Anschlag auf die Redaktion der Zeitung genannt – was den fünf muslimischen tschetschenischen Sicherheitsleuten missfallen haben soll.

Saur Dadajew hört sich in einem Gerichtssaal in Moskau das Urteil an, 13. Juli 2017.
Saur Dadajew hört sich in einem Gerichtssaal in Moskau das Urteil an, 13. Juli 2017.Bild: keystone

Später sagt Dadajew, er habe das Geständnis unter Zwang abgelegt. Weiter sagt er aus, dass er und fünf weitere Tschetschenen Nemzow zwar monatelang beschattet hätten, aber nicht ermordet.

Mit dieser Aussage zerfleddert Dadajew das angebliche Motiv, das bei der Verurteilung angeführt wurde. Denn die tschetschenische Gruppe hätte laut dieser Aussage bereits vor der Veröffentlichung der Mohamed-Karikatur in «Charlie Hebdo» begonnen, Nemzow zu beschatten.

Die neuen Erkenntnisse von «Bellingcat» werfen nun erneut die Frage auf, ob die verurteilten Tschetschenen – sollten sie denn die Attentäter sein – unabhängig vom russischen Sicherheitsapparat gehandelt haben. Oder ob sie in den Wochen und Tagen vor dem Mord einfach in der Nähe des Oppositionspolitikers positioniert worden sind, um für plausible Verdächtige zu sorgen, wie «Bellingcat» andeutet.

Das sagt der Kreml

Als Reaktion auf die Ermittlungsergebnisse sagt Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gegenüber «Bellingcat»: «Diese Recherchen haben keinen Bezug zur russischen Regierung. Es scheint nur ein weiteres falsches Gerücht zu sein.»

Versuche, die FSB-Agenten Sucharew, Kriwoschtschekow und Suchin zu erreichen, seien erfolglos gewesen, wie im Bericht festgehalten ist. (yam)

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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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M.Ensch
28.03.2022 16:41registriert März 2020
Putins Handschrift. Nicht zum ersten Mal. Wer nicht passt, wird eliminiert. Er wirft ja jetzt auch Bomben auf Zivilisten, um sie zu zermürben. Kurz: Ihm sind alle Mittel recht. Und das nicht erst seit heute.
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Macca_the_Alpacca
28.03.2022 16:54registriert Oktober 2021
Hat der russische Geheimdienst Putin-Gegner Nemzow getötet?

Klar hat er. Gibt es da auch nur einen Nanosekunde lange einen Zweifel?
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Salvatore_M
28.03.2022 16:24registriert Januar 2022
Weil niemand es beweisen kann, muss man sich damit behelfen, eins und eins zusammenzuzählen.
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