Fussball
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11.06.2016; Lens; Stade Bollaert-Delelis ; Soccer - EM France 2016 - Albania - Switzerland; Stephan Lichtsteiner (SUI) gegen Mergim Mavraj (ALB) (Alain Grosclaude/freshfocus)

Dauerrenner und Powerrenner: Lichtsteiner kennt als Fussballer nur die Stufe «Vollgas».
Bild: Alain Grosclaude/freshfocus

Wieso Stephan Lichtsteiner so böse blicken kann und weshalb der Nati-Captain so ehrgeizig ist

Kein Schweizer Fussballer hat so eine erfolgreiche Karriere hingelegt wie Stephan Lichtsteiner. Trotzdem wird er auch heute noch immer oft unterschätzt. Jetzt kämpft er als Nati-Captain für das Ansehen einer ganzen Generation.

19.06.16, 16:01 19.06.16, 16:55

Etienne Wuillemin, Lille / Schweiz am Sonntag



Dieses Bild, es ist Stephan Lichtsteiner fast ein bisschen unangenehm. Es ist ein Frühsommerabend Anfang Juni in Lugano, die EM in Frankreich ist noch nicht ganz so nah. Das Schweizer Nationalteam lädt zur Schifffahrt. Lichtsteiner wird in die Kommandobrücke gebeten, die Fotografen knipsen eifrig, als er seine Hände ans Steuer legt, er, der neue Captain dieses Teams.

Bald sagt Lichtsteiner: «Es ist egal, wer Captain ist. Wir sind zehn oder elf Captains im Team.» Er ist froh, als er wieder normaler Passagier sein darf.

Swiss soccer player Stephan Lichtsteiner, poses with the helm during a team's boat cruise on the Lugano lake, in Lugano, Switzerland, Wednesday, June 1, 2016. The Swiss national soccer team prepares for the UEFA EURO 2016 soccer championship in France. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Eine Hand im Hosensack: Der coole Capitano Lichtsteiner auf dem Lago di Lugano. Bild: KEYSTONE

Als Bub wollte er Polizist werden

Es gibt nur eine Szenerie, die den wahren Lichtsteiner zeigt. Jene auf dem Rasen. Und da erkennt der Betrachter in jeder Faser seines Gesichts Willen und Ehrgeiz. Und vielleicht auch ein wenig, warum Lichtsteiner eine Figur ist, die polarisiert.

Als kleiner Bub wollte Lichtsteiner einmal Polizist werden. Später, als er bei GC an der Pforte zum Profifussball stand, absolvierte er eine Banklehre. Er wollte nicht mit leeren Händen dastehen, falls es aus unerfindlichen Gründen doch nicht klappen sollte mit dem Fussball.

Jetzt ist der 32-Jährige der erfolgreichste Schweizer Fussballer. Das geht manchmal ein bisschen vergessen vor lauter Hype um die Shaqiris oder Xhakas oder wie sie alle heissen. Mitte Mai ist Lichtsteiner zum fünften Mal italienischer Meister geworden mit Juventus Turin. Als Stammspieler.

14.05.2016; Turin; Fussball Serie A - Juventus Turin - Sampdoria; 
Jubel Juventus zum Gewinn der Meisterschaft, Gianluigi Buffon mit dem Pokal, vorne links Stephan Lichtsteiner (Spada/Expa/freshfocus)

Serienmeister in Bella Italia: Lichtsteiner (vordere Reihe, links) ist Stammspieler bei Juventus Turin.
Bild: Spada/freshfocus

Der Schicksalsschlag der Mutter

Dass es Lichtsteiner so weit brachte, verdankt er vor allem seinem eisernen Willen. Er hat einen Karriereweg hingelegt, den man als perfekt bezeichnen darf. GC, Lille, Lazio Rom, Juventus Turin. Er hat Hürden bezwingen müssen, an denen andere gescheitert wären. «Jeder unterschätzt die Schweizer. Es reicht nicht, nur ein kleines bisschen besser zu sein als der Franzose oder der Italiener. Man muss fast doppelt so gut sein, um den Platz zu erhalten», hat er der «Schweiz am Sonntag» einmal erzählt.

Vielleicht hat er sich auch durchgebissen, weil er früh mit Schicksalsschlägen konfrontiert war. Zwei seiner Cousinen haben früh ihre Mutter verloren. Lichtsteiner hat viel Zeit mit ihnen verbracht. Als er 13 Jahre alt war, erlitt seine Mutter einen Hirnschlag. Sie hat sich mit viel Geduld und Willen ins Leben zurückgekämpft.

Der Zuercher Stephan Lichtsteiner, rechts, im Zweikampf mit dem Basler Mladen Petric, links, am Sonntag, 12. September 2004, im Super League Spiel zwischen dem FC Basel und dem Grasshoppers Club im St. Jakobspark in Basel. (KEYSTONE/Markus Stuecklin)

Eine gefühlte Ewigkeit her: 2004 kämpft GC-Verteidiger Lichtsteiner gegen FCB-Star Petric.
Bild: KEYSTONE

Nichts hasst er mehr, als wenn jemand eine Niederlage kalt lässt

Manchmal, das spürt man deutlich, leidet Lichtsteiner noch heute darunter, ein bisschen geringgeschätzt zu werden. In Italien haben sie ihn anfangs «Liggde-stainer» genannt. Und wenn er an einer Medienkonferenz vor dem ersten EM-Auftritt mit der Schweiz als «Lichtensteiner» angekündigt wird, wie das eben passiert ist, kann er ziemlich böse schauen.

Lichtsteiner wirkt häufig, als wäre er im Namen des Schweizer Fussballs unterwegs. Er leistet einen Beitrag dazu, das Ansehen des Schweizer Fussballs im Ausland zu erhöhen. Nichts wäre ihm lieber, als wenn einige der Jungen einen ähnlichen Weg einschlagen würden wie er selbst. Darum hat er sich sehr über Granit Xhakas Transfer zu Arsenal gefreut. Und nichts hasst er mehr, als wenn jemand eine Niederlage fast schon gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Auch darum sehnt sich wohl keiner so sehr wie Lichtsteiner danach, endlich einen Viertelfinal zu erreichen.

Die Captain-Binde als Bürde?

Trotzdem fällt es manchem Zuschauer schwer, sich mit Stephan Lichtsteiner zu identifizieren. Sein Hang zum Reklamieren und Korrigieren mancher Teamkollegen hilft ihm nicht nur in seinem Ansehen. Gerade, wenn er Spiele hinter sich hat, wie die letzten beiden an dieser EM. Spiele, in denen man sich Gedanken macht, warum er bei Juventus so viel Wirkung entfaltet. Gedanken, ob die Captain-Binde nicht doch zu viel Bürde ist. Weil Lichtsteiner nicht mehr jener aufbrausende Lichtsteiner sein darf, der er vielleicht sein muss, um sein Spiel zu entfalten.

Swiss head coach Vladimir Petkovic, left, talks with Swiss defender Stephan Lichtsteiner, right, during a training session, at the training ground of the Stadium Nord Lille Metropole, in Villeneuve-d'Ascq near Lille, France, Saturday, June 18, 2016. The Swiss national soccer team will play France in Group A on Sunday during the UEFA EURO 2016 soccer championship in France. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Als Captain hat Lichtsteiners Wort bei Natitrainer Petkovic Gewicht.
Bild: KEYSTONE

Und natürlich ist da diese Diskussion um Identifikation und Integration, die rund um das Schweizer Team latent geworden ist. Auch Lichtsteiner beteiligt sich daran. Er scheut sich nicht, darüber zu reden, obwohl er für gewisse Äusserungen viel Kritik einstecken musste. Dabei geht es Lichtsteiner vor allem um dies: Es beschäftigt ihn, wenn 2009 in einem Heimspiel gegen Israel 38'500 Zuschauer kommen – dann aber im vergangenen Sommer im Basler St.Jakob-Park bei der entscheidenden Partie gegen Slowenien nur 25'750 Fans vor Ort sind.

Lichtsteiner ist auch einer, der sich Gedanken um die Schweiz macht. Als es um das Verhältnis mit Europa geht, sagt er: «Unser Land ist mit seinem Weg gut gefahren. Wir haben viele gut ausgebildete Leute, die Arbeitslosigkeit ist tief – warum sollten wir etwas ändern?» Wer will, könnte Lichtsteiners Worte ähnlich auslegen wie damals seinen Denkanstoss um «echte» Schweizer im Team und solche mit einem «anderen» ethnischen Hintergrund. Man sollte darauf verzichten. Wer es trotzdem tut, dem entgegnet Lichtsteiner unaufgeregt: «Zuwanderung und Einbürgerungen sind nie ein Problem, solange sich die Leute den Werten und der Kultur des Landes anpassen, in dem sie leben.»

Fans am Spiel Schweiz-Rumänien

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • länzu 20.06.2016 08:16
    Highlight Bestlmmt. Ist er ein Fighter, aber er ist leider auch sehr limitiert. Es bringt nichts, wenn er 90 Minuten lang den Scheibenwischer macht und am Schluss immer eine unterirdische Flanke folgt. Natürlich hat er grosse Verdienste bei Juve, in der Nati würde ich aber lieber Lang sehen. Der hat spielerisch viel mehr drauf.
    0 0 Melden
  • Ruffy 19.06.2016 20:10
    Highlight Wie sollten uns glücklich schätzen einen solchen Weltklasse flügen in unserer Mannschaft zu haben!
    15 2 Melden
    • Mafi 19.06.2016 20:42
      Highlight Was jedoch beruhigend ist, ist dass mit Michael Lang die Zukunft bereits gesichert ist. (Lichtsteiner ist auch nicht mehr der Jüngste...)
      8 0 Melden
  • BLCNY 19.06.2016 19:31
    Highlight Ist bis jetzt nicht seine EM, jedoch denke ich das er gemacht ist für die grossen Spiele, so wie in der CL - gegen die Bayern. Er ist geradlinig, sehr leidenschaftlich und hat ein kämpferherz, das gefällt auf jeden Fall, er würde vom Typ her sehr gut nach England passen..
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