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Sie wollen die Unabhängigkeit: Demonstranten in Barcelona am 29. September. Bild: EPA/EFE

Streit um Unabhängigkeit: Katalonien setzt seine Wirtschaftsmacht aufs Spiel

Beim Unabhängigkeitsreferendum in Spanien geht es auch ums grosse Geld: Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste Region des Landes – doch was wäre sie ohne den Rest noch wert?

29.09.17, 22:48 30.09.17, 11:27

Claus Hecking



Ein Artikel von

«Espanya ens roba!» – Spanien raubt uns aus! Dieser Schlachtruf ist früher oder später fast immer zu hören, wenn Kataloniens Separatisten auf die Strasse gehen. Mögen ihre Politiker in den offiziellen Stellungnahmen noch so oft betonen, dass sie sich von Spanien vor allem wegen der eigenen katalanischen Identität, der eigenen Sprache oder der angeblichen Repression durch die Regierung in Madrid abspalten wollen. Tatsache ist: Es geht bei dem verfassungswidrigen Referendum, das die Separatisten am Sonntag abhalten wollen, auch um das grosse Geld.

Denn bei dessen Verteilung fühlen sich Millionen Katalanen seit Jahren übervorteilt vom spanischen Zentralstaat. Ihrer Ansicht nach geben sie zu viel hinein in die von Madrid verwaltete gemeinsame Kasse – und kriegen zu wenig wieder heraus. Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont beziffert das Minus auf rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Das wären mehr als 16 Milliarden Euro pro Jahr – fast dreimal so viel, wie Bayern als grösser deutscher Nettozahler zum Länderfinanzausgleich beisteuert. Madrider Ökonomen bezweifeln, dass die Transferleistungen tatsächlich so hoch sind. Fest steht aber: Katalonien zahlt drauf.

Barcelona, Hauptstadt Kataloniens. Bild: Emilio Morenatti/AP/KEYSTONE

Für Puigdemont ist die Zentralregierung unter Premierminister Mariano Rajoy Schuld an der Eskalation des Streits: «Wenn Rajoy unseren Vorschlag für ein neues Fiskalabkommen akzeptiert hätte», sagte er dem «Spiegel», «dann stünden wir heute sicher nicht hier.» Das Abkommen hätte vorgesehen, dass Katalonien seinen finanziellen Beitrag substanziell verringert.

«Wir schätzen die Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Firmentreue»

Die Region rund um Barcelona im Nordosten des Landes ist die wirtschaftsstärkste der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens. Ihre gut sieben Millionen Einwohner erwirtschaften rund ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes – und fast ein Viertel der Exporte, auf denen Spaniens Wiederaufschwung nach der Schuldenkrise massgeblich beruht.

Katalonien liegt im Osten Spaniens. google maps

Für den Erfolg dieses Standorts gibt es eine Reihe guter Gründe: Die Infrastruktur ist vergleichsweise modern, die geographische Lage am Mittelmeer günstig, die Hochschulen bringen viele gut ausgebildete, innovative Absolventen hervor. Vor allem aber gelten die Katalanen innerhalb Spaniens als extrem fleissig und effizient. «Wir sind die Deutschen Südeuropas», behauptet der langjährige Ministerpräsident Artur Mas.

Viele multinationale Konzerne haben im grossen Stil in Katalonien investiert: von den Chemie- und Pharmariesen DowDuPont und Sandoz über Konsumgüterhersteller wie Nestlé oder Procter & Gamble bis hin zu den Autobauern Nissan und Volkswagen. Die VW-Tochter SEAT hat in Martorell vor den Toren Barcelonas ihr Hauptquartier. 

Nichts kann die heimische Industrie weniger gebrauchen als neue Zölle und Handelsschranken.

Nichts bereitet den spanischen Statthaltern der multinationalen Konzerne mehr Sorgen als eine mögliche Trennung von Spanien. Er kenne «haufenweise Firmen, die ihren Sitz in Katalonien aufgeben würden, um irgendeine illegale Lage zu vermeiden», zitiert die Madrider Zeitung «El Mundo» Jaime Malet, den Präsidenten der US-Handelskammer in Spanien. Viele Unternehmen hätten einen Notfallplan in der Schublade, mit einem «roten Knopf, um innerhalb von 24 Stunden den Sitz wechseln zu können».

Denn zum einen verstösst das Referendum gegen die spanische Verfassung. Und zum anderen wäre ein unabhängiger Staat Katalonien aller Voraussicht nach draussen aus der Europäischen Union und dem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt. Die wichtigsten Absatzmärkte der Katalanen sind aber der Rest Spaniens und die EU-Länder, in die fast zwei Drittel ihrer Exporte gehen. Nichts kann die heimische Industrie weniger gebrauchen als neue Zölle und Handelsschranken.

Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos orakelt, im Falle einer Abspaltung werde die katalanische Wirtschaft «brutal» einbrechen, um 25 bis 30 Prozent. Dann gäbe es nicht mehr viel zu räubern in Katalonien.

Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont beziffert das Minus auf rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Bild: EPA/EFE

«Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt»

Auch den deutschen Managern vor Ort ist eine Trennung gar nicht recht. Er verstehe, dass man den vielen Unabhängigkeitsbefürwortern Gehör schenken müsse, sagt Verbandspräsident Peters dem «Spiegel». Allerdings wäre eine Spaltung hochriskant – für die Unternehmen wie auch für ihre Beschäftigen. «Niemand von der Unabhängigkeitsbewegung kann uns Rechtssicherheit garantieren. Und was würde mit den Pensionsansprüchen passieren? Die Arbeitnehmer zahlen ihre Beiträge in eine Versicherungsanstalt in Madrid ein.»

Statt immer weiter zu eskalieren, müssten Politiker beider Seiten gemeinsam konstruktive Lösungen finden, sagt Peters. Und zwar am besten vor einem Referendum: «Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt. Wir wollen, dass Katalonien in Spanien bleibt, mit einem neuen Autonomieabkommen zwischen Barcelona und Madrid.»

Doch das wird es so schnell nicht geben. Zwar hat der spanische Minister de Guindos gerade öffentlich erklärt, man könne über eine Reform des Finanzierungssystems reden, sobald Katalonien seine Abspaltungspläne stoppe. Und auch der Katalane Puigdemont behauptet, er habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man gemeinsam ein neues Statut für Katalonien aushandeln könne. Aber dafür müsste zumindest eine der beiden Seiten einlenken. Innerhalb der nächsten Stunden.

Im Moment läuft alles auf den grossen Zusammenprall heraus: auf ein wie immer geartetes Referendum am Sonntag. Was dann geschieht und in den Tagen danach, wenn Puigdemont womöglich die einseitige Unabhängigkeit erklärt, das weiss niemand. Nicht einmal die Politstrategen in Madrid und Barcelona, die all das zu verantworten haben.

Bild: AP/AP

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Salute the Parrot 30.09.2017 11:41
    Highlight Erst zwei Wochen nicht berichten wollen, wie die postfaschistische Zentralregierung im spanischen Staat gegen die Demokratie in Katalonien einfährt, und dann diese erzreaktionäre Poppelei vom Spon übernehmen. Und alles pervers im Konjunktiv: warum sollte ein unabhängiges Katalonien nicht europäisch sein? Die Nationalisten sitzen in Madrid, nicht in Barcelona. Und um Wirtschaft ging es nie. Geschichte verstehen könnte helfen. Catalunya lliure!
    9 7 Melden
  • ujay 30.09.2017 10:58
    Highlight Diese ganze Show von wegen Kataloniens Identität kann man sich sparen. Es geht nur ums Geld. 16 Mrd Euro, die ein eigenstädiges Katalonien nicht mehr in den spanischen Ausgleichstopf überweisen müsste. Die Milchbüchleinrechnung vom ehem. Ministerpräsident Artur Mas sagt"dann haben wir 16 Mrd Euro mehr". In der Realität siehts dann so aus, dass die Firmen, die durch ihre Arbeitsplätze und besteuerten Gewinne für das florieren der katalanischen Wirtschaft gesorgt haben, blitzschnell abwandern. Da kann sich dann Regierungschef Carles Puigdemont überlegen, wie er das Haushaltsdefizit ausgleicht.
    4 7 Melden
  • Wilhelm Dingo 30.09.2017 07:12
    Highlight Die fleissigen Katalanen haben keine Lust mehr die faulen zu finanzieren, das Thema ist auch in der Schweiz latent vorhanden, leider tabuisiert.
    7 47 Melden
    • daenu 30.09.2017 09:16
      Highlight also ich würde anfangen bei den faulen militaristen, dann die faulen bauern, das faule pflegepersonal, natürlich die faulen lehrer, schüler, studenten, die faulen randregiönler und ja die faulen rentner ... wie faul bist eigentlich du selber?
      15 4 Melden
    • _kokolorix 30.09.2017 09:18
      Highlight Und wer sagt denn, dass die angeblich Fleissigen nicht einfach Glück haben?
      Die Zuger, z.B. sind eigentlich nichts als üble Schmarotzer, welche den unheilvollen Steuerwettbewerb in Gang gesetzt haben. Wohl in vollem Wissen was für negative Konsequenzen das für andere Kantone haben wird. Aber als erster eines Schneeballsystems gewinnst du fast immer.
      Du stempelst die Bewohner von Rand- und Bergregionen als faul ab, obwohl diese aus geographischen Gründen viel mehr für geringere Erträge arbeiten müssen.
      Mit der Einstellung von Neid, Egoismus und Missgunst wird das Land zerstört
      15 3 Melden
    • Thinktank 30.09.2017 09:56
      Highlight Ja, eine Schweiz ohne Zurigoela und Volksrepublik Bernostan würden die Schweiz weiterbringen.
      0 9 Melden
    • undduso 30.09.2017 10:05
      Highlight Durch den Finanzausgleich wird auch den Bergkantonen der Bau und Erhalt einer vernünftigen Infrastruktur ermöglicht. Diese wird dann auch rege genutzt, wenn die Städter in die Berge fahren. Sei es zum Wandern, Ski fahren oder was auch immer.
      Ich denke weniger, dass es in der Schweiz das Vorurteil fauler Kantone gibt.
      15 1 Melden
    • ujay 30.09.2017 11:09
      Highlight @Dingo. So funktioniert ein demokratischer Staat nun mal. Dein Denkschema entspricht in etwa dem Mittelalter. Glaube kaum, dass, wenn in Le Locle über 100 Leute den Job verlieren, diese faul sind. Deine Einstellung ist eher Denkfaulheit.
      7 1 Melden
    • dan2016 30.09.2017 11:14
      Highlight Ich habe eher den Eindruck, dass ein paar Reiche ein paar dumme in den Tiefsteuerkantonen mitfinanzieren. Und die dümmsten denken oft es sei der eigene Fleiss....
      5 1 Melden
    • Wilhelm Dingo 01.10.2017 08:35
      Highlight @all; ich sagte ja: Tabuisiert! Diskussion unmöglich. Also in meinem Umfeld gibt es viele sehr faule und sehr fleissige.
      0 0 Melden
    • dan2016 01.10.2017 14:53
      Highlight @Wilhelm Dingo. Nein, es ist nicht tabuisiert. Es sind alle Fakten bekannt. Aber wenn jemand findet, dass der Finanzausgleich anhand FAul/Fleissig diskutiert werden sollte (wohlverstanden, nicht Personen, sondern Regionen/Kantone), dann muss man nicht davon ausgehen, dass er fähig ist, eine Tabu aufzulösen, sondern primär seine peinliche Uninformiertheit dazu verwendet, Unwissen als Tabubruch zu verkaufen. Nochmals, gerne, erkläre mir mal, was Du fleissiger machst als andere Steuerzahler mit gleichem Einkommen in anderen Kantonen?
      1 1 Melden
  • Dä_Dröggo 29.09.2017 23:21
    Highlight Seit der Bankenkrise von 2008 verlangen Gläubiger (Banken) der grossen Investment-Konzerne ihr durch Eigenverschulden verlorenes Geld in Form von Steuergeldern zurück. Irland, Griechenland, Spanien etc. Überall die gleiche S... Zocken bis der Steuerzahler blecht. Alle Regierungen kuschen vor der Herkulesaufgabe diese Gauner aus der Annonymität zu holen. Lieber setzt man ein Land wirtschaftlich so unter Druck, dass es sich selbst zerfleischt. Diese Staaten dürfen sich dann bei diesen Gläubigern (Banken) wiederum Geld leihen für die durch die Rettung entstandenen Defizite. Super, was?
    50 9 Melden
    • Wilhelm Dingo 30.09.2017 07:13
      Highlight Die Katalanen wollten schon vor der Bankenkriese unabhängig sein.
      8 4 Melden
    • Forrest Gump 30.09.2017 08:34
      Highlight Was ist denn das für eine komische Behauptung!? Wie sollen Banken verlorenes Geld in Form von Steuergeldern zurückfordern?
      5 7 Melden
    • Wilhelm Dingo 30.09.2017 08:57
      Highlight @Forrest Gump: Banken Konkurs - Bankenrettung durch Staat - Staat nimmt Kredite auf - Staatverschuldung zu hoch - Sparen & Steuerhöhung um Staatfinanzen ins Lot zu bringen.
      11 1 Melden
    • Dä_Dröggo 30.09.2017 09:05
      Highlight Ich empfehle die ARTE Doku: Staatsgeheimns Bankenrettung. Die findest du auf diversen Kanälen. Dauert etwa eine Stunde und erklärt dir (besser als ich) wieso tatsächlich Steuergeld gefordert wird. Mir reichen hier die Zeichen nicht aus, um dir das ausführlich zu beantworten.
      10 2 Melden
    • _kokolorix 30.09.2017 09:20
      Highlight @Forrest Gump
      Du machst deinem Nicknamen keine Ehre!
      Der richtive Forrest Gump wusste was richtig und was falsch war
      3 2 Melden
    • _kokolorix 30.09.2017 09:27
      Highlight Auch wenn deine Ausführungen grossteils richtig sind, Spanien nutzt die Katalanen tatsächlich aus. Ohne die schier unglaubliche Arroganz Madrids wäre es niemals soweit gekommen, dass in Barcelona die dummdreisten Populisten das grosse Wort führen. Dummheit und Ignoranz hüben wie drüben, traurig aber wahr. Bleibt bloss die Hoffnung, dass dieses zum Scheitern verurteilte Experiment anderen die Augen öffnet. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuzletzt...
      5 1 Melden
    • Dä_Dröggo 30.09.2017 10:20
      Highlight Mal schauen was passieren wird. Ich bin kein Hellseher. Das Gelingen oder Scheitern einer Spanischen Sache ist Angelegenheit der Spanier und eventuell der Katalonen. Es liegt in ihren Händen. Entscheidungen sollten jedoch nicht unter dem Einfluss von Wut und Enttäuschung gefällt werden. Ich habe hier sowieso keinen Einfluss auf dieses Geschehen. Also spar ich mir die düsteren Zukunftsvisionen. Bei all dem Wahnsinn auf der Erde hat die Vernunft doch auch immer überlebt ;) Stimmts?
      2 0 Melden