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epa06235005 People gather during a demonstration to support the Catalan independence referendum in Barcelona, Spain, 29 September 2017. Catalonia is to hold an independence referendum on 01 October, which has been declared illegal by the Spanish Constitutional Court.  EPA/Quique Garcia

Sie wollen die Unabhängigkeit: Demonstranten in Barcelona am 29. September. Bild: EPA/EFE

Streit um Unabhängigkeit: Katalonien setzt seine Wirtschaftsmacht aufs Spiel

Beim Unabhängigkeitsreferendum in Spanien geht es auch ums grosse Geld: Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste Region des Landes – doch was wäre sie ohne den Rest noch wert?

Claus Hecking



Ein Artikel von

Spiegel Online

«Espanya ens roba!» – Spanien raubt uns aus! Dieser Schlachtruf ist früher oder später fast immer zu hören, wenn Kataloniens Separatisten auf die Strasse gehen. Mögen ihre Politiker in den offiziellen Stellungnahmen noch so oft betonen, dass sie sich von Spanien vor allem wegen der eigenen katalanischen Identität, der eigenen Sprache oder der angeblichen Repression durch die Regierung in Madrid abspalten wollen. Tatsache ist: Es geht bei dem verfassungswidrigen Referendum, das die Separatisten am Sonntag abhalten wollen, auch um das grosse Geld.

Denn bei dessen Verteilung fühlen sich Millionen Katalanen seit Jahren übervorteilt vom spanischen Zentralstaat. Ihrer Ansicht nach geben sie zu viel hinein in die von Madrid verwaltete gemeinsame Kasse – und kriegen zu wenig wieder heraus. Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont beziffert das Minus auf rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Das wären mehr als 16 Milliarden Euro pro Jahr – fast dreimal so viel, wie Bayern als grösser deutscher Nettozahler zum Länderfinanzausgleich beisteuert. Madrider Ökonomen bezweifeln, dass die Transferleistungen tatsächlich so hoch sind. Fest steht aber: Katalonien zahlt drauf.

Barcelona, Hauptstadt Kataloniens. Bild: Emilio Morenatti/AP/KEYSTONE

Für Puigdemont ist die Zentralregierung unter Premierminister Mariano Rajoy Schuld an der Eskalation des Streits: «Wenn Rajoy unseren Vorschlag für ein neues Fiskalabkommen akzeptiert hätte», sagte er dem «Spiegel», «dann stünden wir heute sicher nicht hier.» Das Abkommen hätte vorgesehen, dass Katalonien seinen finanziellen Beitrag substanziell verringert.

«Wir schätzen die Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Firmentreue»

Die Region rund um Barcelona im Nordosten des Landes ist die wirtschaftsstärkste der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens. Ihre gut sieben Millionen Einwohner erwirtschaften rund ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes – und fast ein Viertel der Exporte, auf denen Spaniens Wiederaufschwung nach der Schuldenkrise massgeblich beruht.

Katalonien liegt im Osten Spaniens. google maps

Für den Erfolg dieses Standorts gibt es eine Reihe guter Gründe: Die Infrastruktur ist vergleichsweise modern, die geographische Lage am Mittelmeer günstig, die Hochschulen bringen viele gut ausgebildete, innovative Absolventen hervor. Vor allem aber gelten die Katalanen innerhalb Spaniens als extrem fleissig und effizient. «Wir sind die Deutschen Südeuropas», behauptet der langjährige Ministerpräsident Artur Mas.

Viele multinationale Konzerne haben im grossen Stil in Katalonien investiert: von den Chemie- und Pharmariesen DowDuPont und Sandoz über Konsumgüterhersteller wie Nestlé oder Procter & Gamble bis hin zu den Autobauern Nissan und Volkswagen. Die VW-Tochter SEAT hat in Martorell vor den Toren Barcelonas ihr Hauptquartier. 

Nichts kann die heimische Industrie weniger gebrauchen als neue Zölle und Handelsschranken.

Nichts bereitet den spanischen Statthaltern der multinationalen Konzerne mehr Sorgen als eine mögliche Trennung von Spanien. Er kenne «haufenweise Firmen, die ihren Sitz in Katalonien aufgeben würden, um irgendeine illegale Lage zu vermeiden», zitiert die Madrider Zeitung «El Mundo» Jaime Malet, den Präsidenten der US-Handelskammer in Spanien. Viele Unternehmen hätten einen Notfallplan in der Schublade, mit einem «roten Knopf, um innerhalb von 24 Stunden den Sitz wechseln zu können».

Denn zum einen verstösst das Referendum gegen die spanische Verfassung. Und zum anderen wäre ein unabhängiger Staat Katalonien aller Voraussicht nach draussen aus der Europäischen Union und dem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt. Die wichtigsten Absatzmärkte der Katalanen sind aber der Rest Spaniens und die EU-Länder, in die fast zwei Drittel ihrer Exporte gehen. Nichts kann die heimische Industrie weniger gebrauchen als neue Zölle und Handelsschranken.

Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos orakelt, im Falle einer Abspaltung werde die katalanische Wirtschaft «brutal» einbrechen, um 25 bis 30 Prozent. Dann gäbe es nicht mehr viel zu räubern in Katalonien.

epa06228860 Catalan president Carles Puigdemont during a rally in Hospitalet de Llobregat, near Barcelona, northeastern Spain, 26 September 2017. Catalonia is to hold an independence referendum on 01 October 2017 in spite of its suspension by the Constitutional Court.  EPA/Andreu Dalmau

Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont beziffert das Minus auf rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Bild: EPA/EFE

«Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt»

Auch den deutschen Managern vor Ort ist eine Trennung gar nicht recht. Er verstehe, dass man den vielen Unabhängigkeitsbefürwortern Gehör schenken müsse, sagt Verbandspräsident Peters dem «Spiegel». Allerdings wäre eine Spaltung hochriskant – für die Unternehmen wie auch für ihre Beschäftigen. «Niemand von der Unabhängigkeitsbewegung kann uns Rechtssicherheit garantieren. Und was würde mit den Pensionsansprüchen passieren? Die Arbeitnehmer zahlen ihre Beiträge in eine Versicherungsanstalt in Madrid ein.»

Statt immer weiter zu eskalieren, müssten Politiker beider Seiten gemeinsam konstruktive Lösungen finden, sagt Peters. Und zwar am besten vor einem Referendum: «Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt. Wir wollen, dass Katalonien in Spanien bleibt, mit einem neuen Autonomieabkommen zwischen Barcelona und Madrid.»

Doch das wird es so schnell nicht geben. Zwar hat der spanische Minister de Guindos gerade öffentlich erklärt, man könne über eine Reform des Finanzierungssystems reden, sobald Katalonien seine Abspaltungspläne stoppe. Und auch der Katalane Puigdemont behauptet, er habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man gemeinsam ein neues Statut für Katalonien aushandeln könne. Aber dafür müsste zumindest eine der beiden Seiten einlenken. Innerhalb der nächsten Stunden.

Im Moment läuft alles auf den grossen Zusammenprall heraus: auf ein wie immer geartetes Referendum am Sonntag. Was dann geschieht und in den Tagen danach, wenn Puigdemont womöglich die einseitige Unabhängigkeit erklärt, das weiss niemand. Nicht einmal die Politstrategen in Madrid und Barcelona, die all das zu verantworten haben.

A man with an esteleda, or Catalonia independence flag, walks along a pedestrian crossing before the 'Yes' vote closing campaign in Barcelona, Spain, Friday, Sept. 29, 2017. Catalonia's planned referendum on secession is due be held Sunday by the pro-independence Catalan government but Spain's government calls the vote illegal, since it violates the constitution, and the country's Constitutional Court has ordered it suspended. (AP Photo/Francisco Seco)

Bild: AP/AP

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Salute the Parrot 30.09.2017 11:41
    Highlight Highlight Erst zwei Wochen nicht berichten wollen, wie die postfaschistische Zentralregierung im spanischen Staat gegen die Demokratie in Katalonien einfährt, und dann diese erzreaktionäre Poppelei vom Spon übernehmen. Und alles pervers im Konjunktiv: warum sollte ein unabhängiges Katalonien nicht europäisch sein? Die Nationalisten sitzen in Madrid, nicht in Barcelona. Und um Wirtschaft ging es nie. Geschichte verstehen könnte helfen. Catalunya lliure!
    9 7 Melden
  • ujay 30.09.2017 10:58
    Highlight Highlight Diese ganze Show von wegen Kataloniens Identität kann man sich sparen. Es geht nur ums Geld. 16 Mrd Euro, die ein eigenstädiges Katalonien nicht mehr in den spanischen Ausgleichstopf überweisen müsste. Die Milchbüchleinrechnung vom ehem. Ministerpräsident Artur Mas sagt"dann haben wir 16 Mrd Euro mehr". In der Realität siehts dann so aus, dass die Firmen, die durch ihre Arbeitsplätze und besteuerten Gewinne für das florieren der katalanischen Wirtschaft gesorgt haben, blitzschnell abwandern. Da kann sich dann Regierungschef Carles Puigdemont überlegen, wie er das Haushaltsdefizit ausgleicht.
    4 7 Melden
  • Wilhelm Dingo 30.09.2017 07:12
    Highlight Highlight Die fleissigen Katalanen haben keine Lust mehr die faulen zu finanzieren, das Thema ist auch in der Schweiz latent vorhanden, leider tabuisiert.
    7 47 Melden
    • daenu 30.09.2017 09:16
      Highlight Highlight also ich würde anfangen bei den faulen militaristen, dann die faulen bauern, das faule pflegepersonal, natürlich die faulen lehrer, schüler, studenten, die faulen randregiönler und ja die faulen rentner ... wie faul bist eigentlich du selber?
      15 4 Melden
    • _kokolorix 30.09.2017 09:18
      Highlight Highlight Und wer sagt denn, dass die angeblich Fleissigen nicht einfach Glück haben?
      Die Zuger, z.B. sind eigentlich nichts als üble Schmarotzer, welche den unheilvollen Steuerwettbewerb in Gang gesetzt haben. Wohl in vollem Wissen was für negative Konsequenzen das für andere Kantone haben wird. Aber als erster eines Schneeballsystems gewinnst du fast immer.
      Du stempelst die Bewohner von Rand- und Bergregionen als faul ab, obwohl diese aus geographischen Gründen viel mehr für geringere Erträge arbeiten müssen.
      Mit der Einstellung von Neid, Egoismus und Missgunst wird das Land zerstört
      15 3 Melden
    • Thinktank 30.09.2017 09:56
      Highlight Highlight Ja, eine Schweiz ohne Zurigoela und Volksrepublik Bernostan würden die Schweiz weiterbringen.
      0 9 Melden
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  • Dä_Dröggo 29.09.2017 23:21
    Highlight Highlight Seit der Bankenkrise von 2008 verlangen Gläubiger (Banken) der grossen Investment-Konzerne ihr durch Eigenverschulden verlorenes Geld in Form von Steuergeldern zurück. Irland, Griechenland, Spanien etc. Überall die gleiche S... Zocken bis der Steuerzahler blecht. Alle Regierungen kuschen vor der Herkulesaufgabe diese Gauner aus der Annonymität zu holen. Lieber setzt man ein Land wirtschaftlich so unter Druck, dass es sich selbst zerfleischt. Diese Staaten dürfen sich dann bei diesen Gläubigern (Banken) wiederum Geld leihen für die durch die Rettung entstandenen Defizite. Super, was?
    50 9 Melden
    • Wilhelm Dingo 30.09.2017 07:13
      Highlight Highlight Die Katalanen wollten schon vor der Bankenkriese unabhängig sein.
      8 4 Melden
    • Forrest Gump 30.09.2017 08:34
      Highlight Highlight Was ist denn das für eine komische Behauptung!? Wie sollen Banken verlorenes Geld in Form von Steuergeldern zurückfordern?
      5 7 Melden
    • Wilhelm Dingo 30.09.2017 08:57
      Highlight Highlight @Forrest Gump: Banken Konkurs - Bankenrettung durch Staat - Staat nimmt Kredite auf - Staatverschuldung zu hoch - Sparen & Steuerhöhung um Staatfinanzen ins Lot zu bringen.
      11 1 Melden
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