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Analyse

Joe Biden: Die USA zuerst – und dann mal schauen

Fast wütend hat Joe Biden erneut seine Afghanistan-Entscheidung verteidigt. Implizit argumentierte er mit «America First». Nun wird er sich rasch der Innenpolitik widmen.
01.09.2021, 06:2001.09.2021, 06:21
Rieke Havertz / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Wie viele Worte kann man finden für eine Entscheidung, die man schon oft verteidigt hat? Die nicht revidiert wird, auch nicht unter dem Druck der dramatischen Bilder der vergangenen Wochen aus Afghanistan, der Verzweiflung der Menschen, der erwartbar harschen Rhetorik der republikanischen Opposition?

Joe Biden am Schluss seiner Ansprache am Dienstag.
Joe Biden am Schluss seiner Ansprache am Dienstag.Bild: keystone

Joe Bidens Wortschatz stösst an Grenzen in diesen Tagen, doch an diesem historischen Dienstag hat er keine Wahl. Am Ende des fast 20 Jahre andauernden Afghanistan-Krieges und nach dem Abflug der letzten US-Militärmaschine aus Kabul, den er als Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu verantworten hat, muss er sich erneut an die Amerikanerinnen und Amerikaner wenden. Es ist von allen Reden und Statements seit dem Beginn des vielfach kritisierten Abzugs wohl die Ansprache, die Biden wirklich halten will.

Nachdem die Taliban Kabul in einem Tempo überrollt hatten, das die US-Regierung offenbar nicht hatte kommen sehen oder nicht wahrhaben wollten, nachdem sich Menschen an Flugzeuge klammerten, musste Biden reagieren. Ebenso nach den Anschlägen vergangene Woche, bei denen nach unterschiedlichen Angaben bis zu 200 Menschen getötet wurden, darunter 13 US-Soldatinnen und Soldaten. Und das ist, so zynisch es auch sein mag, die wichtigere Zahl für die amerikanische Öffentlichkeit.

Der 31. August, der Tag des endgültigen Abzugs aus diesem «forever war», diesem endlosen Krieg, sollte eigentlich einmal der Tag werden, an dem der Präsident ruhig und staatstragend einen Abzug kommentiert, den sich eine Mehrheit der Amerikaner lange gewünscht hat.

Doch als Biden dann in der Cross Hall des Weissen Hauses steht, wird es nicht diese Rede. Der chaotische Abzug hat die Niederlage der USA in Afghanistan noch einmal überdeutlich gemacht. Eine Siegesrede ist nicht mehr möglich. War ohnehin nicht möglich, doch Niederlagen zum eigenen Vorteil drehen, das ist eingeübt in der Politik. So vermessen ist Biden in diesem Moment aber natürlich nicht. Aber er kann nun, da die Ereignisse in Kabul nicht mehr seine Auftritte diktieren, immerhin versuchen, die Botschaft wieder zu kontrollieren. Und davon hat er einige. Eine energische, eine patriotische und eine konsequente.

Der Patriot Biden

Die Worte also. Sie wiederholen sich, wenn Biden über die Evakuierungsmission spricht. «Können, Tapferkeit und selbstloser Mut» zeichne alle aus, die an dieser Luftbrücke beteiligt gewesen seien.

«Nur die Vereinigten Staaten hatten die Möglichkeiten, den Willen und die Fähigkeit, dies zu tun, und wir haben es heute getan», sagte der patriotische Biden, der auch nicht versäumte, seinen verstorbenen Sohn Beau, der im Irak gedient hatte, und diejenigen zu würdigen, die bereit sind, ihrem Land zu dienen. Der Patriot Biden versucht mit der Leistung der Luftbrücke die Gründe zu überdecken, die überhaupt zu diesem gefährlichen Einsatz geführt haben.

Hier kannst du die gesamte Rede sehen:

Und da kommt der energische, der fast wütende Biden zum Tragen. Der Präsident, der Kritik an seiner Entscheidung nicht akzeptiert. Der erneut ausführlich über die Entscheidungen seines Vorgängers Donald Trump und dessen Deal mit den Taliban spricht und das dafür verantwortlich macht, dass er im Oval Office im Grunde keine Wahl gehabt habe.

«Das war die Wahl, die wirkliche Wahl zwischen Abzug oder Eskalation», sagte Biden und wirkte nicht zum ersten Mal seit dieser Krise fast trotzig. «Ich wollte diesen Krieg nicht für immer verlängern.» Das soll bleiben von dieser Krise: der Präsident, der endlich die Konsequenz hatte, diesen Krieg zu beenden.

Doch auch wenn Biden an diesem Dienstag keine Alternativen zu seinem Abzug zulassen will – «es gibt keinen risikoarmen oder kostengünstigen Krieg» – wird er die Verantwortung für die Art und Weise dieses Endes tragen müssen.

Kevin McCarthy, Minderheitenführer der Republikaner im Repräsentantenhaus des Kongresses, verspricht einen «Tag der Abrechnung», mit Untersuchungen und Ausschüssen zum Abzug und nicht nur Donald Trump spricht gerade gern von einem möglichen Amtsenthebungsverfahren. Das ignoriert selbstverständlich dessen eigene Rolle und die Rolle der Konservativen in diesem Krieg. Doch die Bürde der letzten Tage trägt Biden, sie wird Teil seines Erbes sein.

Genau wie die Folgen, die das für die Aussenpolitik des Landes und das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu seinen Bündnispartnern hat. Und das ist der Moment, in dem Joe Biden eine sehr ehrliche Botschaft an die Menschen in Afghanistan und an die Welt richtet. «Wir hatten in Afghanistan kein anderes wesentliches nationales Interesse, als einen Angriff auf Amerikas Staatsgebiet und das unserer Freunde zu verhindern. Und das ist auch heute noch so.»

Um Afghanistan scheren sich die Vereinigten Staaten schon lange nicht mehr – und als isolierte Kammer des Schreckens, aus der Terroristen in die Welt gesandt werden, bietet sich das Land auch nicht mehr an.

Und nun zurück zur Innenpolitik

Biden ist nicht nur kriegsmüde wie viele im Land, er ist ähnlich wie sein Vorgänger vor allem auf Amerikas Wohl bedacht. Donald Trump mag es mit seinem «America First»-Slogan am drastischsten formuliert und äusserst erratisch gehandhabt haben, aber die Haltung haben alle amerikanischen Präsidenten gemein. Die USA zuerst und dann mal schauen.

Biden mag da mehr Verlässlichkeit versprechen, mehr Rückkehr zu traditionellem Multilateralismus, aber diese Beteuerungen reichen, das zeigt Afghanistan, nur so weit. Das Verhältnis zwischen den USA und Europa und der Nato wird sich nun noch einmal neu bewähren müssen.

Jetzt auf

Zwar erwähnt Biden die Verbündeten noch einmal in seiner Rede, als er den Feinden Amerikas versichert, sie zu jagen. Doch der US-Präsident wird diese Zusicherungen neu unter Beweis stellen müssen. «Ich glaube von ganzem Herzen, dass dies die richtige Entscheidung ist, eine weise Entscheidung, und die beste Entscheidung für Amerika», sagt Biden am Schluss seiner Rede, die einen Schlussstrich ziehen soll unter dieses leidige Thema. Auf seinem Terminplan für diesen Mittwoch findet Afghanistan kein einziges Mal Erwähnung. 

Biden wird nun seine innenpolitische Agenda nach vorne stellen. Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, der Süden des Landes hat jetzt auch noch mit den Folgen von Hurrikan Ida zu tun und im Kongress sollen endlich wichtige Infrastruktur- und Sozialpläne verabschiedet werden. Alles Themen, die den Menschen näher sind, ihr Leben mehr beeinflussen.

Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner haben sich vor fünf Wochen nicht für Afghanistan interessiert. Dann sendeten die Nachrichtensender noch einmal fast ununterbrochen aus Kabul, berichten vielleicht auch noch ein bisschen von den Menschen, die nun in den Vereinigten Staaten ankommen und irgendwie ein neues Zuhause finden müssen. Die Menschen, die an Zäunen des Flughafens von Kabul zurückgelassen wurden, werden bald nirgendwo mehr zu sehen sein. Die Beteuerungen Bidens, weiter diplomatisch aktiv sein zu wollen und humanitäre Hilfe zu leisten, all das wird sehr bald nicht mehr die Schlagzeilen dominieren oder gar den Alltag der Amerikaner.

In fünf Wochen werden sich die meisten wieder nicht mehr für Afghanistan interessieren. Das ist die bittere Realität nach 20 Jahren Krieg. Es ist die Realität, mit der Joe Biden kalkuliert.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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