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Der welsche Zeitungsklau: Weshalb täglich tausende «Le Matin»-Ausgaben verschwinden

Während die Westschweiz um ihre Boulevardzeitung kämpft, wird diese systematisch gestohlen. Denn die welsche Zeitungslandschaft hat eine Besonderheit.

Pascal Ritter / Nordwestschweiz



Passiert nicht noch ein Wunder, verschwindet nach dem 21. Juli die Westschweizer Tageszeitung «Le Matin». Die Verlegerin Tamedia stellt die gedruckte Ausgabe ein. Zurückbleiben wird noch eine ausgedünnte Online-Redaktion.

Un homme lit le journal

Immer wieder rief «Le Matin» die Kundschaft zum Zahlen auf. Bild: KEYSTONE

Der Aufschrei in der Romandie ist gross. Rund 1400 Personen unterschrieben im Internet eine Petition für den Erhalt der Zeitung, Politiker protestierten gegen die Ausdünnung des französischsprachigen Zeitungsmarkts durch den Deutschschweizer Konzern, und die Redaktionen von «Le Matin», «24 heures» und «Tribune de Genève» traten letzte Woche für drei Tage in den Streik.

Gäbe es eine Abstimmung über die Zukunft von «Le Matin», das Westschweizer Publikum würde mit grosser Wahrscheinlichkeit für die Erhaltung des bunten und fröhlichen Boulevardblattes mit dem orangen Zeitungskopf stimmen. Eine andere Abstimmung verliert die Zeitung aber jeden Morgen: die mit dem Portemonnaie.

Tägliche moralische Prüfung

Die welsche Zeitungslandschaft hat eine Besonderheit. Die Verlage bieten ihre Printprodukte nicht nur an Kiosken und im Abo nach Hause geliefert an. Sie halten ihre Zeitungen auch an Zeitungsautomaten feil – und dies, nachdem die meisten Deutschschweizer Verlage diese Vertriebsart aufgegeben haben.

Im Unterschied zu den Automaten, in denen früher die Deutschschweizer Zeitungen an Bus- und Tramstationen feilgeboten wurden, lassen sich die Zeitungen in der Westschweiz auch entnehmen, ohne dass man vorher Münzen in den Geldschlitz gelegt hätte. Es handelt sich also nicht um Zeitungsautomaten im eigentlichen Sinne, sondern eher um Zeitungsboxen, die man von Gratisblättern her kennt. Nur dass sie noch mit einem Kässeli ausgestattet sind.

Une lectrice sort d'une cassette un exemplaire du journal, Le Matin, ce lundi 21 avril 2003 a Rolle, Vaud. Le quotidien romand, Le Matin, lance une campagne de sensibilisation contre les vols croissants de journaux dans les caissettes. Ce lundi de Paques, le quotidien romand est sorti avec quatre pages presque blanches qui invitent les lecteurs a payer leur journal. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Oft ignoriert: Das Kässeli der «Le Matin»-Zeitungsboxen. Bild: KEYSTONE

Lausanner und Genfer stehen also jeden Tag vor der Entscheidung, ob sie für ihren «Le Matin» bezahlen wollen oder nicht. Zwar sind einige Anbieter dazu übergegangen, Kontrolleure um die Zeitungsboxen schleichen zu lassen und Schwarzleser mit bis zu 100 Franken zu büssen, in den allermeisten Fällen hat die Nonchalance an der Zeitungsbox keine Konsequenzen.

Für den Zeitungsleser wird der Gang zur Busstation zur täglichen moralischen Prüfung. Noch verschärft wird sie durch die Tatsache, dass direkt neben den «Le Matin»-Boxen mit Kässeli die Pendlerzeitung «20 Minuten» gratis aufliegt. Sie stammt nicht nur aus dem gleichen Verlag, sondern kommt auch ähnlich daher. «Le Matin» ist zwar etwas knalliger, wird aber seit 2001 ebenfalls im Tabloidformat produziert.

Une personne passe devant des caissettes de journaux ou deux caissettes du nouveau quotidien gratuit

Erkenne den Unterschied: Bezahlzeitungen links, Gratiszeitungen rechts (Archivbild von 2006) Bild: KEYSTONE

Die allermeisten «Le Matin»-Leser, die ihre Zeitung über eine Zeitungsbox beziehen, bestehen die Prüfung nicht. Nur gerade jeder zehnte Kunde legt auch den korrekten Betrag ins Kässeli. Die Diebstahlrate von «Le Matin» beträgt ganze 86 Prozent, wie Tamedia auf Anfrage offenlegt. Das dürfte ein neuer Rekord sein.

Vor 15 Jahren platzte den damaligen Besitzern von «24 heures» der Kragen, weil bis zu 70 Prozent der Exemplare aus den Boxen geklaut wurden. Zuvor hatte es Edipresse mit Kontrolleuren versucht. Bei 3800 Kontrollen pro Monat wurden damals 1100 Schwarzleser ertappt, sagte der damalige Vertriebsleiter Jean-Paul Chassot zur Presseagentur SDA. Schon damals war «Le Matin» die meistgestohlene Zeitung. 45'000 Exemplare verschwanden jeden Tag.

Kampagnen nutzten nichts

Mit Kampagnen versuchten die Verleger immer wieder, die Zahlungsmoral zu erhöhen. Eine Zeit lang sahen die Zeitungsboxen so aus, als hockten Redaktoren samt Laptop darin. Eine Werbeagentur liess für die entsprechenden Aufdrucke Personal von «Le Matin dimanche» in der prekären Position ablichten.

Die Botschaft war klar: Hinter der Zeitung stehen Menschen, die auch von etwas leben müssen. Gebracht hat die Aktion wenig. Auch frühere Aktionen entfalteten kaum Wirkung. Bereits 2003 druckte «Le Matin» ein grosses Fragezeichen auf die Front und liess aus Protest gegen den Zeitungsklau vier Seiten praktisch leer. Die Zahlungsmoral sank trotzdem weiter.

Ein Versuch, auf das Deutschschweizer Modell zu wechseln, scheiterte 2008. Probeweise stellte Edipresse für ihre Titel Zeitungsautomaten auf, welche die Ausgabe erst freigaben, wenn der entsprechende Geldbetrag eingeworfen wurde. Die Zeitungen blieben im Kasten liegen, der Versuch wurde abgebrochen.

Der Automatenverkauf ist für westschweizer Zeitungen von unterschiedlicher Bedeutung. Während «24 heures» nur noch 700 Exemplare auf diesem Weg loswird, sind es bei «Le Matin dimanche» 45'000 Exemplare. Über Abos beziehen nur rund 3000 Haushalte die Sonntagsausgabe. Obwohl umfangreicher und teurer, wird die Sonntagszeitung weniger gestohlen als die Tagesausgabe. Das zeigt, dass die westschweizer Leser nicht besonders viel kriminelle Energie haben. Die teurere Sonntagsausgabe wäre ja die attraktivere Beute.

Hoffnung für Redaktion: Kanton Waadt vermittelt

Zur Zeit sind die 36 Entlassungen, welche Tamedia gegenüber Redaktoren von «Le Matin» ausgesprochen hatte, sistiert. Gleichzeitig verzichtet die Belegschaft auf eine Fortführung des Streiks. Die Inhalte der Gespräche sind vertraulich.

Am Montag wurde indes bekannt, dass Christian Constantin, der umtriebige Boss des FC Sion, erwägt, für die Gründung eines «Le Matin Sports» Hand zu bieten. Ihm schwebt ein von westschweizer Sportclubs getragenes, aber von den Redaktoren des «Le Matin» produziertes Heft vor. Tamedia teilte mit, dass Constantin mit Verwaltungsratspräsident Pietro Supino in Kontakt steht.

Die neue Zeitschrift würde 18-mal im Jahr mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren erscheinen. Ob weitere Sportclubs sich Constantin anschliessen würden, ist offen. In einer Umfrage von Radio RTS zeigten sie sich skeptisch. (RIT)

Der Zeitungsklau war letzte Woche auch beim Streik Thema. Die Redaktoren kritisierten, dass Tamedia ihre alternativen Sparvorschläge nicht prüfe. Einer ist die Abschaffung der Zeitungskästen. Allerdings wird der grösste Teil der Ausgaben von «Le Matin» nach wie vor am Kiosk oder per Abo verkauft. Schuld am Defizit des Blattes sind die Zeitungsdiebe also zumindest nicht alleine. Über alle Titel gerechnet, sei der Verkauf über die Boxen gemäss Tamedia sogar profitabel.

Zurzeit finden Gespräche zwischen der Redaktion, Tamedia und der Waadtländer Regierung statt. Gegenüber Radio RTS äusserste Regierungspräsidentin Nuria Gorrite (SP) die Hoffnung, dass bei den Gesprächen mehr herausschaut als nur soziale Abfederungen für die 36 entlassenen Journalisten. Damit schürt sie die Hoffnung auf ein Wunder, das die gedruckte Ausgabe des «Le Matin» doch noch retten könnte. (aargauerzeitung.ch)

Streikenden Mitarbeitern mit sofortiger Entlassung gedroht

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Video: srf

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Shin Kami 13.07.2018 03:48
    Highlight Highlight Also sind mal wieder die Kunden zu Geizig...
  • Madmessie 12.07.2018 13:44
    Highlight Highlight Wo liegt jetzt das Problem? Dann sollen sie die Tageszeitung einfach nicht mehr in den Zeitungsboxen "verkaufen", sondern nur noch die Sonntagsausgabe.
  • Hexentanz 12.07.2018 10:52
    Highlight Highlight Es ist wie beim alten Dorfbeck der trotz Pension noch weiter arbeitet und seine Stammkunden hat (von der selben Generation) und sich beschwert, dass die jungen nicht einkaufen bei ihm.

    Gegenüber hat die Coiffeuse, fast im selben alter, einen "SumUp" (keine Werbung, könnte auch anderes sein) Bezahl-Terminal das irgendwie 40 CHF kostet in der Anschaffung und 1,5% der Erträge als "Mietgebühr".

    Da gehen selbst junge hin und können auch mit Twint und ApplePay etc. bezahlen.

    Wer als UNTERNEHMER nichtmal so wenig Investiert für seine Kunden hats nicht anders verdient, sorry. Unverständlich.
  • Medea 12.07.2018 09:14
    Highlight Highlight Stellt doch einfach andere Automaten auf, die erst nach Bezahlung die Zeitung freigeben. Also sorry, wie kompliziert muss das sein?!
    • Lukakus 12.07.2018 09:44
      Highlight Highlight „Probeweise stellte Edipresse für ihre Titel Zeitungsautomaten auf, welche die Ausgabe erst freigaben, wenn der entsprechende Geldbetrag eingeworfen wurde. Die Zeitungen blieben im Kasten liegen, der Versuch wurde abgebrochen.“

      Bitte richtig lesen. Der Grund ist, dass niemand die Zeitungen so kaufen will. Wenn die leute nicht bereit sind, für die Dienstleistung zu bezahlen, dann macht dies keinen Sinn. Die Einstellung der Zeitung macht wohl am meisten Sinn.
    • Frl. Elli 12.07.2018 09:53
      Highlight Highlight Hat nicht funktioniert, ich zitiere aus dem Artikel:

      "Ein Versuch, auf das Deutschschweizer Modell zu wechseln, scheiterte 2008. Probeweise stellte Edipresse für ihre Titel Zeitungsautomaten auf, welche die Ausgabe erst freigaben, wenn der entsprechende Geldbetrag eingeworfen wurde. Die Zeitungen blieben im Kasten liegen, der Versuch wurde abgebrochen."
  • ubu 12.07.2018 08:39
    Highlight Highlight Kleines Detail zur Wortwahl. Die "abgespeckte Online-Redaktion" gibt dem Leser das Gefühl, dass unnötiger Speck weggeschnitten wird. Die Belegschaft wird aber von 56 auf 15 geschrumpft. Ich würde da eher von Verstümmelung, als von Abspecken sprechen.
    • @schurt3r 12.07.2018 09:27
      Highlight Highlight Ja. Danke für den Hinweis.
      Habs "angepasst".
    • ubu 12.07.2018 09:45
      Highlight Highlight Oh! Danke! :-)

      (Ausgedünnt ist super. Verstümmelt war bitzi polemisch von mir.)

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In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres haben Schweizer Unternehmen Kriegsmaterial im Wert von fast einer halben Milliarde Franken exportiert. Das sind rund 200 Millionen Franken mehr als in der Vorjahresperiode.

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